Porträt: Hol’s der Geyer

Umgänglich, unkonventionell, unterschätzt: wie Günter Geyer aus der Wiener Städtischen innerhalb weniger Jahre einen der größten Versicherungskonzerne Zentraleuropas formte.

Den dritten Jahrestag hat er ziemlich genau so zelebriert wie die zwei anderen zuvor. Gar nicht. „Ich habe ganz normal gearbeitet“, sagt er. Heißt in seinem Fall: Fahrt nach Brünn am frühen Morgen, Klausur mit Kollegen aus Tschechien und der Slowakei, Lunch, noch mehr Klausur, Rückkehr ins Wiener Büro am späten Abend, Papierkram, Bett. „So wie es sich gehört.“

Am 1. Juli 2004 hätte Günter Geyer sein dreijähriges Jubiläum als Generaldirektor der Wiener Städtischen Allgemeinen Versicherung AG begehen können. Wohl auch getrost dürfen. Der Konzern steht 180 Jahre nach seiner Gründung besser da denn je. Im Vorjahr konnte das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit auf historische 50,5 Millionen Euro verdoppelt werden, die Prämieneinnahmen kratzten erstmals an der Marke von vier Milliarden Euro. Die an der Börse notierten Vorzugsaktien schafften allein in den ersten sieben Monaten dieses Jahres ein Plus von 56 Prozent – mehr als alle anderen europäischen Versicherungsaktien.

Und Geyer?

Der bald 61-jährige Oberösterreicher lässt sich in das Ledergestühl des großen Konferenzzimmers im 20. Stock des Wiener Ringturms sinken, blickt versonnen auf den schräg gegenüberliegenden nagelneuen Uniqa Tower (21 Etagen) und schmunzelt. „Ich wüsste keinen Job, der mir mehr Spaß machen würde.“

Vor drei Jahren hätte er das wahrscheinlich so nicht gesagt. Als Geyer 2001 die Nachfolge des überraschend retirierten Siegfried Sellitsch antreten musste, hatte er bereits annähernd drei Jahrzehnte in der Wiener Städtischen auf dem Buckel, davon 13 Jahre im Vorstand. Und war mit 58 in einem Alter, in dem gemeinhin keine großen Karrierepläne mehr geschmiedet werden. Geyer: „Ich muss zugeben, dass der Job des Generaldirektors in meiner Lebensplanung nicht vorgekommen war.“

Wohl auch deshalb, weil er bis zu seinem Avancement im langen Schatten des legendären Generaldirektors Siegfried Sellitsch gestanden hatte. Jener Siegfried Sellitsch, dem er einst im Studentenheim über den Weg gelaufen war und der ihn 1974 in die Wiener Städtische geholt hatte. Sellitsch, der Bonvivant, der Machtbewusste, extrovertiert und mitunter cholerisch. Geyer dagegen bescheiden bis zur Selbstverleugnung, harmoniesüchtig und auch noch verdächtig uneitel. Ein enger Vertrauter: „Günter war über so viele Jahre eine typische Nummer zwei gewesen. Da war es natürlich nicht absehbar, ob er jemals zur Nummer eins reifen würde.“

Reifungsprozess. Die Zwischenbilanz seines Reifungsprozesses liest sich etwa so: Die Wiener Städtische zählt mit Prämieneinnahmen von zuletzt 3,9 Milliarden Euro zu den größten Versicherungen Zentral- und Osteuropas. 15.000 Mitarbeiter in 14 Ländern verwalten elf Millionen Polizzen. Mit Kapitalanlagen in der Höhe von 10,5 Milliarden Euro hat die Gruppe gleichsam fünf Prozent des österreichischen Bruttoinlandsproduktes in den Büchern. In den drei Jahren seines Wirkens hat der promovierte Jurist – unter Sellitsch für das internationale Geschäft verantwortlich – vor allem die Auslandsexpansion weiter vorangetrieben. War die Städtische 2001 bereits in Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn vertreten, so sind seither Märkte wie Bulgarien, Rumänien, Slowenien, Serbien und Montenegro sowie Weißrussland hinzugekommen. Die Region warf zuletzt annähernd eine Milliarde Euro an Prämieneinnahmen ab – gut ein Viertel des gesamten Aufkommens. Auch im Inlandsgeschäft hat sich die Städtische zuletzt annehmbar geschlagen. Gemessen am gesamten österreichischen Prämienaufkommen von 13 Milliarden Euro, liegt zwar die von Raiffeisen dominierte Uniqa-Gruppe mit einem Marktanteil von 21 Prozent haudünn vor der Städtischen. Im Gegenzug konnte diese 2003 aber als einziges Unternehmen des Landes substanzielle Zugewinne verbuchen. Vor allem im vergleichsweise ertragreichen Geschäft mit Lebensversicherungen konnte die Wiener Städtische die Konkurrenz auf die Plätze verweisen. 39 Prozent der Inlandsprämien entfallen auf Lebenspolizzen, 45 Prozent auf das Geschäft mit Schaden- und Unfallversicherungen, 16 Prozent auf Krankenversicherungen. Weil die Sparten Schaden/Unfall- und Krankenversicherung in Österreich kaum profitabel zu betreiben sind, kommt dem so genannten Veranlagungsbereich erhebliche Bedeutung zu. Versicherungen müssen laut Gesetz zwei Drittel ihres Vermögens mehr oder weniger konservativ anlegen: in Staatsanleihen, Rentenfonds, Immobilien oder Edelmetallen. Ein Drittel darf in riskantere Investments wie etwa Aktien oder Aktienfonds fließen. Auch hier dürfte Geyer ein eher glückliches Händchen gehabt haben. Er verzichtete auf attraktive, wenngleich riskante Engagements an ausländischen Börsen. Und ließ konsequent auf grundsolide heimische Industrie- und Immobilienpapiere setzen – Wienerberger, VoestAlpine, VA Technologie oder die AT&S-Gruppe des Industriellen Hannes Androsch (siehe Organigramm). Jüngster Coup: die mehr als 100 Millionen Euro teure Beteiligung bei der Privatisierung der Bundeswohngesellschaften. Geyer: „Als österreichische Versicherungsgruppe wollen und können wir uns Engagements bei gut geführten inländischen Unternehmen nicht verschließen.“

Das wirklich Überraschende an Günter Geyer freilich bleibt die unkonventionelle Art, mit der er an Geschäftsentscheidungen heranzutreten pflegt – ohne sich groß um Tabus zu scheren. Weil er das Produktmarketing seines Hauses für unsexy befand, ließ er nach seinem Amtsantritt kurzerhand spärlich bekleidete Models des Wäschekonzerns Palmers als Werbeträgerinnen verpflichten. Und setzte sich damit auch über moralische Widerstände im eigenen Haus hinweg. Die Wiener Städtische wurde 1824 von österreichischen Klöstern gegründet, die ersten Generaldirektoren waren Äbte. Dieser Einfluss ist bis heute gegeben. Die Wiener Städtische wird auch 2004 von einem Verein kontrolliert, in dem katholische Würdenträger wirken. „Die Sache mit den Models war eigentlich gar kein großes Problem“, witzelt Geyer, „wir hatten einmal den Slogan ‚Wir versichern Himmel und Erde‘. Das fanden einige Leute viel frivoler.“

Auch das Wiener Rathaus, welches die Städtische jahrelang als eine Art verlängerte Werkbank betrachten durfte, musste die geänderten Zeichen der Zeit erkennen. Ein Manager: „Unter Sellitsch hatten wir manchmal den Eindruck, wir seien eine Stabstelle der Stadt Wien.“

Rathaus raus. Einzige Reminiszenz an Vergangenes: Helmut Zilk, Wiens Altbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender des Vereins „Wiener Städtische Wechselseitige Versicherungsanstalt Vermögensverwaltung“. Zilk: „Günter Geyer ist ein Mann mit Gesinnung, ein aufrechter Sozialdemokrat. Aber Parteipolitik im engeren Sinn hat bei ihm keinen Platz.“

Geyer sagt dazu nur: „Die Stadt Wien ist ein guter Kunde und wird so behandelt wie alle guten Kunden.“

Was Geyer unter dem Gegenteil versteht, musste jüngst ausgerechnet Österreichs größtes Geldhaus Bank Austria Creditanstalt erfahren. Bis vor wenigen Jahren noch hatten die beiden Häuser als unzertrennlich gegolten – die BA-CA vertrieb die Versicherungsprodukte der Wiener Städtischen in ihren Filialen, die Versicherung veranlagte im Gegenzug ihre Gelder bei der Bank. Die Wiener Städtische war an der Bank beteiligt, die BA-CA an der Versicherung.

Bruchlinien. Mit der Übernahme der BA-CA durch die bayerische HypoVereinsbank im Jahr 2001 bekam die Partnerschaft erste Risse. Die Städtische tauschte – wie die meisten anderen Aktionäre auch – ihre BA-CA-Aktien in Papiere der HVB. Und musste fortan hilflos zusehen, wie die Aktien der deutschen Großbank in den Keller fielen. Seit Geyers Amtsantritt musste die Versicherung rechnerisch mehr als 200 Millionen Euro in den Wind schreiben. Er macht kein Hehl daraus, dass er sich des HVB-Pakets (0,8 Prozent) lieber heute als morgen entledigen würde. „Wir haben die Papiere abgeschrieben. Wenn ein Lüfterl käme, würden wir sofort verkaufen, aber es kommt ja kein Lüfterl.“

Die Bank Austria Creditanstalt hatte da schon ungleich mehr Fortüne. Sie stieß ihre achtprozentige Beteiligung an der Städtischen bereits Ende 2002 gewinnbringend ab.

Geyer, berichten Vertraute, soll darob reichlich gekränkt gewesen sein. „Er empfand das als Vertrauensbruch. Das hat ihn nicht mehr losgelassen.“ Weshalb er sich wenig später auf seine Art revanchierte. Er lachte sich ausgerechnet den Wiener BA-CA-Erzrivalen Erste Bank als neuen Partner für das Auslandsgeschäft an. Mit der Bank Austria Creditanstalt wird heute nur mehr in Österreich kooperiert, das ungleich bedeutsamere Geschäft in Osteuropa läuft inzwischen ausschließlich über die Erste. Generaldirektor Andreas Treichl: „Wir wollten schon vor Jahren mit Sellitsch ins Gespräch kommen. Der hat uns eiskalt abblitzen lassen.“ Geyer, sagt Treichl, sei ein Mann mit Esprit und Herz. „Wir verstehen uns prächtig.“ Erich Hampel, Generaldirektor der Bank Austria Creditanstalt, will dazu eher gar nichts sagen. „Es ist nicht mein Stil, über Kollegen in der Öffentlichkeit zu urteilen. Weder im Guten noch im Schlechten.“ Deutliche Worte findet dagegen einer seiner Vorgänger. René Alfons Haiden, erster Generaldirektor der aus der Fusion von Zentralsparkasse und Länderbank hervorgegangenen Bank: „Zu meiner Zeit wäre es undenkbar gewesen, dass Wiener Städtische und Bank Austria getrennte Wege gehen. Aber Geyers Entscheidung ist zu respektieren.“

Auch Helmut Zilk, ehedem Aufsichtsratschef der Bank Austria, macht die Entfremdung hörbar Kummer: „Die Zeiten und Formen haben sich geändert.“

Geyer darf sich indes nachsagen lassen, ob seiner unbeirrbaren Haltung zu den Letzten seiner Art zu gehören. Von wegen Prinzipien und Handschlagqualitäten. Rudolf Ertl, Vorstand der Wiener Städtischen und Generaldirektor ihrer Tochter Donau Versicherung: „Er versucht nicht, den Generaldirektor zu spielen. Das muss er auch gar nicht. Er gibt ein Tempo vor, und solange man mithält, gibt es keine Probleme.“ Helmut Zilk: „Geyer ist bei all seinem Handeln ein Mensch geblieben. Einer, der einem guten Essen und einem Glaserl Wein nicht abgeneigt ist.“

Das wissen Geyers Vorstandskollegen vorbehaltlos zu bestätigen. Bis heute hat sich in der Wiener Städtischen eine Tradition gehalten, die andernorts so kaum noch gelebt wird. Das Management nimmt das tägliche Mittagessen gemeinsam ein. Ertl: „Teamwork ist bei uns nicht bloß ein Schlagwort. Während wir speisen, reden wir übers Geschäft. Diese Institution hat sich wunderbar bewährt.“

Wobei die Anwesenheit des Generaldirektors proportional zum Wachstum der Gruppe abnimmt. Geyer verbringt inzwischen die meiste Zeit auf der Straße oder in der Luft. Die Wiener Städtische zählt in Zentral- und Osteuropa gut 1000 Geschäftsstellen. Und der Generaldirektor hat nicht wenige davon persönlich besucht. „Von den wirklichen Problemen“, sagt er, „erfährt man nicht in Vorstandssitzungen, sondern draußen in den Filialen.“

Auslandsbesuche. Dabei wiederholt sich immer wieder ein und dasselbe Spiel. Ein leicht untersetzter Herr in seinen Sechzigern betritt irgendwo zwischen Warschau, Sofia und Minsk eine Filiale der Wiener Städtischen und lässt sich über das Produktangebot informieren. Wenn es gut läuft, kann es schon vorkommen, dass er eine Polizze kauft („Ich hab inzwischen ziemlich viele Versicherungen“). Wenn nicht, so hinterlässt er seine Visitenkarte. Geyer: „Bei einem Konzern dieser Größe kann es passieren, dass man nicht erkannt wird. Das macht mir nichts aus.“

Um nicht erkannt zu werden, muss Geyer ohnehin nicht sehr weit reisen. Auch im eigenen Land ist das Gesicht des Managers allenfalls einer ausgewählten Öffentlichkeit bekannt. So geschehen beim jüngsten Sommerfest der SPÖ. Während sich die Gäste um Parteichef Alfred Gusenbauer und Bundespräsident Heinz Fischer scharten, stand Geyer von den meisten unbemerkt am Rande des Geschehens und verließ das Fest als einer der Ersten. Obwohl die Wiener Städtische als Sponsor eine Art Co-Gastgeber gewesen war. Geyer: „Ich sage Ihnen ehrlich, was ich von Seitenblicken halte. Nichts. Große Auftritte des Generaldirektors sind nicht im Interesse unseres Hauses.“

Was, so Geyer, auch für das Golfen, die Jagd („Das passt besser zu anderen“) und überhaupt für jede Art von Vereinsmeierei gelte. „Ich war früher einmal in einem Bienenzüchterverein. Bienen und Unternehmen sind einander ähnlich. Man braucht für beides eine ruhige Hand. Und wenn man nicht aufpasst, wird man gestochen.“