Porträt: Sein Wille geschehe

Der Genpionier Craig Venter polarisiert wie kein anderer Naturwissenschafter. Jetzt steht der Forscher offenbar kurz davor, künstliches Leben zu schaffen.

Es ist vollbracht – das erste künstliche Lebewesen! Der Mensch hat sich in Gestalt des legendären Genpioniers Craig Venter aufgeschwungen, unbelebter Materie Leben einzuhauchen. In Kürze, so hieß es in der Wochenendausgabe des Londoner „Guardian“ vom 6. Oktober, würde der Gründungsdirektor des nach ihm selbst benannten J. Craig Venter Institute bekannt geben, dass er und sein wissenschaftliches Team ein „synthetisches Erbgut aus Laborchemikalien gebaut haben“. Das wäre in der Tat ein Meilenstein der Menschheitsgeschichte. Wie ein Lauffeuer eilte die spektakuläre Nachricht durch das virtuelle Nachrichtenuniversum. Zeitungen vermeldeten hastig die bevorstehende Bekanntgabe, Blogger echauffierten sich über die Anmaßung des menschlichen Geistes. Ein Jahrtausendereignis konnte schließlich nicht unkommentiert bleiben.

Blieb die Detailfrage: Stimmt die Botschaft überhaupt? Die Nachrichtenagentur Agence France Press war klug genug nachzufragen. Überraschenderweise dementierte Heather Kowalski, Pressesprecherin und Verlobte Craig Venters, den mit Venter-Zitaten gespickten Bericht: „Der ,Guardian‘ hat offenbar übereilt gehandelt. Wir haben noch kein synthetisches Leben geschaffen. Wenn es dazu kommt, werden wir erst eine wissenschaftliche Publikation vorlegen. Davon sind wir wahrscheinlich noch Monate entfernt.“ Dennoch hatte es Venter wieder einmal geschafft. Gerade an dem Tag, an dem der Gewinner des Medizinnobelpreises 2007 verkündet wurde – wieder einmal nicht das Enfant terrible der Genforschung – war rund um den Globus auch von ihm die Rede. Kowalskis Dementi vernahmen außerdem nur wenige – und genau gelesen, schließt die Stellungnahme keineswegs aus, dass der Durchbruch zumindest bevorsteht.

Egomanie und Profitgier. Der 61-jährige Venter ist der wohl berühmt-berüchtigtste Molekularbiologe seiner Generation. Kein Naturwissenschafter sonnt sich so gerne inmitten stürmischer Kontroversen im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit. Venter polarisiert. Bewunderer preisen sein unumstrittenes Können und seine Rolle als Katalysator bahnbrechender Forschung. Kritiker werfen ihm Egomanie und blanke Profitgier vor. Und einige bezweifeln gar, dass Venters Domäne, das bloße mechanische Auslesen genetischer Information, allein eine wissenschaftliche Leistung darstelle.

Schon im Jahr 1995 hatte Venter am privat finanzierten und von ihm mitgegründeten Institute for Genomic Research das erste vollständige Genom eines frei lebenden Organismus entschlüsselt – des Bakteriums Haemophilus influenzae, das Hirnhautentzündung verursachen kann. Bereits damals zerlegte die von Venter mitentwickelte, so genannte Shotgun-Technik (nach Art eines „Schrotschusses“) die DNA-Stränge in kleine Bruchstücke. Die Methode wurde Venters Markenzeichen: Sequenziermaschinen lesen den Code der Erbgutschnipsel ein und setzen den Text aus den Fragmenten wieder zusammen. Weitere Computerprogramme vergleichen die Buchstabenreihen mit bekannten Genen – und erlauben auf diesem Wege Rückschlüsse auf die Funktion der neu entdeckten DNA-Abschnitte. Die Methode ist zwar schnell, hat aber blinde Flecken: Bereiche mit häufigen Sequenzwiederholungen hält sie oft nicht korrekt auseinander. Venter war indes noch nie der Mann fürs Detail. Er, der sich selbst einmal als beschleunigendes „Superenzym“ bezeichnet hat, will Neuland beschreiten. Genau kartieren sollen dann die Erbsenzähler.

Wenig später – längst Stoff für Legenden – forderte der selbstbewusste Genetiker das Humangenomprojekt, ein mit öffentlichen Geldern gefördertes, internationales Forscherkonsortium, mit seiner privaten Biotech-Firma „Celera“ frech zum größten Wissenschaftswettbewerb der Geschichte heraus: den Gencode des Menschen vollständig zu entziffern. Ein nicht selten mit üblen Schimpfwörtern geführter Schaukampf zweier Giganten. Obwohl Venter damals finanziell weit schlechter ausgestattet war als sein staatlich geförderter Rivale, dekodierte er den menschlichen Bauplan, Jahre bevor das Humangenomprojekt das Vorhaben zum Abschluss bringen wollte: Bereits im Juni 2000 präsentierte er, beklatscht von US-Präsident Bill Clinton und seinem Rivalen Francis Collins, im Weißen Haus das Ergebnis. Doch nicht nur seine Methode der Genentzifferung trug ihm damals Kritik ein; auch die Patente, die Celera zahlreich auf Gene angemeldet hatte, erregten den Unmut der Forscherkollegen. James Watson, berühmter Mitentdecker der Doppelhelixstruktur der DNA, donnerte, Venter wolle „das Humangenom besitzen wie Hitler die Welt erobern wollte“.

Als Venter 2002 im Unfrieden von Celera schied, gründete er mit 140 Millionen Dollar aus seinem Aktienbesitz das Venter-Institut in Rockville, Maryland. Kaum hatte das Institut seine Tore geöffnet, meldete sich Venter mit einem neuen ambitionierten Projekt zurück – gerade so, als reiche für einen Sterblichen wie ihn eine Herkulestat allein nicht aus. Er wolle alle Mikroben des Meeres, die wohl den größten Teil der Biomasse der Erde darstellen, sequenzieren. Als er im Frühjahr dieses Jahres die Ergebnisse eines Genomtörns seiner Hochseejacht „Sorcerer II“ (Zauberer II) über den Nordwestatlantik und den östlichen Pazifik im Fachblatt „PLoS Biology“ veröffentlichte, konnte er bereits 6,3 Millionen neue Genbausteine vorweisen; damit hatte er die Zahl bekannter Gensequenzen – und damit der Proteine – mit einem Schlag verdoppelt. Auch mit dieser Aktion machte er sich keineswegs nur Freunde: „Das ist eine reine Materialschlacht“, urteilt Rudolf Amann vom Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie in Bremen. „Das macht aus Venter noch keinen Meeresbiologen.“

Als würde dieses Unterfangen noch nicht reichen, hat Venter vor wenigen Wochen sein persönliches Genom veröffentlicht – das erste diploide (die Chromosomensätze von Vater und Mutter enthaltende) Erbgut eines einzelnen Menschen überhaupt. Da sind jetzt seine genetischen Veranlagungen für Alzheimer, Bluthochdruck und Herzinfarkt für jedermann einsehbar – einschließlich, wie er gerne schmunzelnd zum Besten gibt, dass er offenbar das Risiko scheue. Als Begleitlektüre zum Studium der Basenpaare aus A, C, G und T empfiehlt sich die soeben auf Englisch erschienene Autobiografie, die er in den vergangenen Jahren, so Venter, „dank meines Nachteulengens“ in freien Stunden nach Mitternacht niederschrieb: „Ein dekodiertes Leben: Mein Genom, mein Leben.“ Kein Wunder, dass er mit silbergrauem Bart, Bauch und Glatze ein wenig an einen alternden Sean Connery erinnert, der immer noch gerne in Actionfilmen auftritt.

Mangelnde Disziplin. Schon aus der Vorgeschichte seines Berufslebens lassen sich einige von Venters Charaktereigenschaften erkennen. In der Schule weigerte er sich, Klassenarbeiten zu schreiben, wegen mangelnder Disziplin mussten ihn die Lehrer oft zur Räson rufen. Nach der mit Ach und Krach abgeschlossenen High School zog es ihn nicht etwa ans College, sondern an den südkalifornischen Strand. Drei Jahre lang widmete er sich vor allem dem Surfen und besuchte nur nebenher lustlos ein paar Collegeseminare.

1967 aber wurde er zum Vietnamkrieg eingezogen, als Sanitäter in einem Feldlazarett im Militärstützpunkt Da Nang. „Auf der Intensivstation sah ich hunderte Menschen sterben.“ Diese Erfahrung, betont Venter bis heute, habe ihn zu dem Entschluss geführt, Medizin zu studieren. Mitte der achtziger Jahre landete er bei den National Institutes of Health (NIH), wo er akribisch Buchstabe für Buchstabe Gene entzifferte. „Die Arbeit dauerte schier endlos“, erinnert sich Venter. „Den gesamten menschlichen Code so zu errechnen hätte Jahrhunderte gedauert.“ Als er dann 1994 vom Prototypen einer Sequenziermaschine hörte, die den Prozess automatisieren könne, wollte er die alten Methoden sofort umkrempeln. Doch an den ehrwürdigen NIH bekam er dazu keine Gelegenheit.

So verließ er die Institution, um mit privaten Geldgebern Forschungsgeschichte zu schreiben.

Nach Abschluss einer Großtat sorgt der Narziss stets dafür, dass die Weltöffentlichkeit gespannt auf die nächste wartet. Seine jüngste Ankündigung, bald synthetisches Leben zu schaffen, passt gut in dieses Bild. Der Hintergrund des Unternehmens ist das für Venter ausgesprochen passende, bescheidene Ziel, „die Welt zu retten“.

Der Molekularbiologe träumt seit Jahren davon, mit geeigneten Mikroorganismen das Treibhausgas CO2 in großindustriellem Maßstab aus der Atmosphäre zu fegen. Mit anderen Organismen will er zudem tonnenweise Wasserstoff für Brennstoffzellen oder Ethanol produzieren. Doch herkömmliche Mikroben lassen sich nicht ohne Weiteres dressieren, weshalb Venter die Zellmaschinerie nach seinen Wünschen umbauen will. Dafür braucht der Gendompteur einen willfährigen, möglichst unkomplizierten Einzeller. Deshalb schickt sich der Berufsvisionär an herauszufinden, wie groß der minimale Bausatz für Leben ist.

Der Modellorganismus, den der flinke Sequenzierer verwendet, ist ein Bakterium namens Mycoplasma genitalium, das in den menschlichen Genitaltrakten und in den Atemwegen lebt. Bereits 1995 veröffentlichte der Forscher den genetischen Code des harmlosen Parasiten, der mit nur rund 470 Genen eines der kleinsten bekannten Genome besitzt. In den vergangenen Jahren knipste Venter zusammen mit dem an seinem Institut beschäftigten Medizinnobelpreisträger Hamilton Smith ein Gen der Mikrobe nach dem anderen aus, um zu erfahren, welche Schalter für das Leben unerlässlich sind. Jeder DNA-Informationsstrang, der bei dem Einzeller die Lichter ausgehen lässt, gilt als Kandidat fürs genetische Basisset des Lebens. Doch der Prozess stellte sich als schwieriger heraus als gedacht, da Gene oft im Verbund agieren und manche zwar in einigen Umgebungen, in anderen aber nicht gebraucht werden.

Doch inzwischen scheint das diffizile Meisterstück in greifbare Nähe gerückt. Bereits im Vorjahr beantragte Venter ein Patent auf einen künstlichen Organismus, den er schlicht Mycoplasma laboratorium taufte. Dessen Minimalgenom soll weniger als 400 Genabschnitte umfassen. Laut jüngsten Berichten des „Guardian“ habe Venter jetzt 381 als die magische Zahl angegeben. Ist das Chromosom einmal synthetisiert, soll es in eine Zellhülle eines Mycoplasma-Bakteriums eingeschleust werden. Die eigentliche Schwierigkeit besteht laut Experten jedoch darin, das Chromosom in der Zellflüssigkeit zum Stoffwechsel und zur Zellteilung zu bewegen. „Vielleicht müssen wir nur ein wenig anschieben“, scherzte Venter vor zwei Jahren.

Transplantiertes Genom. Heute dürften die Forscher des Venter-Instituts weiter sein; im vergangenen Juni transplantierten sie immerhin das Genom eines Bakteriums erfolgreich in ein anderes. Der von mehreren Forschern weltweit erstrebte Durchbruch, einen künstlichen Organismus zu schaffen, ist in greifbare Reichweite gerückt (siehe Kästen). Doch selbst wenn der epochale Schritt gelingt – oder gar schon vollzogen ist –, wird Venter keine Pause einlegen. Schöpfer zu sein genügt ihm eben nicht. In dem spartanischen Gengerüst des Mycoplasma laboratorium sollen im Modulverfahren Funktionsgene für verschiedenste Zwecke ein- und ausgebaut werden. Manche sollen der Bekämpfung des Klimawandels dienen, andere den Alternativtreibstoff Ethanol produzieren. Der Menschheit soll das helfen, aber freilich nicht für Gottes Lohn – Synthetic Genomcis heißt das 2005 gegründete Unternehmen, das Venters Erkenntnisse aus der synthetischen Biologie verwertet.

In Venters Büro in Rockville hängt eine ausgestopfte giftige Seeschlange. In seiner Autobiografie beschreibt der Forscher, wie er in Vietnam das Tier im Meer schwimmend zufällig zu fassen bekam und dann am Ufer mit einem Stück Treibholz erschlug. Wohl kein Seemannsgarn – es gibt immerhin ein Foto, das den jungen Sanitäter am Strand mit dem erlegten Tier zeigt. Der Gensammler liebt solche Haudegen-Anekdoten. Aber mittlerweile strebt er nach einem besonders hohen Podest in der Geschichte. In seinem spartanisch eingerichteten Arbeitszimmer liegt in einer Vitrine das Naturkundebuch „Natural Theology“ von William Paley, eine Erstausgabe. Der britische Naturforscher formulierte Anfang des 19. Jahrhunderts als zentrale Frage: Wie entsteht die Komplexität in der Natur? Paley schrieb die Verantwortung dem göttlichen Uhrmacher zu. Erst Darwin, der Paley las, fand in der natürlichen Auslese die richtige Antwort. Venter sieht sich wohl als Wiedergänger der großen Naturwissenschafter. Darunter macht er es nicht.

Von Hubertus Breuer