Porträt: Weißer Elefant

Einst war Georges Prêtre der Lieblingsdirigent von Maria Callas. Nun leitet der 83-jährige Euphoriker das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker.

Im Winter zieht sich der Maestro zurück. Sobald die Nächte kälter und die Morgenstunden nebelig werden, verlässt Georges Prêtre seinen Sommersitz, ein altes Schloss in Zentralfrankreich, um gemeinsam mit seiner Frau in ein deutlich weniger agréables Ambiente zu ziehen: eine Wohnhaussiedlung am Stadtrand von Paris. An den rosaroten Wänden des niedrigen Salons hängen eingerahmte Schallplattenpreise, die Biedermeier-Kommoden sind mit Erinnerungsfotos angeräumt: Die enge Wohnung ist eine Bonbonniere großer Momentaufnahmen.

Mit strahlendem Blick steht Prêtre in der Tür. Er sei ein wenig verkühlt, entschuldigt sich der 83-Jährige, doch was mache das schon. Keine Entourage umringt den Grandseigneur der Tonkunst, weder steht ihm ein Pressesprecher noch ein Plattenagent zur Seite. Bloß Romeo, ein kleiner zotteliger Hund, springt am Bein des alten Mannes hoch.

In den sechziger Jahren war Prêtre der Lieblingsdirigent von Maria Callas, als Opernkenner wurde er an der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper und der New Yorker Met gleichermaßen hofiert. Wird er auf Herbert von Karajan angesprochen, gerät der notorisch gut gelaunte Franzose ansatzlos ins Schwärmen: Kumpelhaft hätte er mit dem großen Zampano darüber gescherzt, wer von ihnen das größere Boot, das schnellere Auto und die prächtigere Villa habe.

Geboren 1924 in dem kleinen bretonischen Dorf Waziers, war Prêtre der Marsch durch die Institutionen erst nach harten Lehrjahren in der Provinz gelungen. 1946 hatte er an der Oper von Marseille debütiert, Lille, Casablanca und Toulouse folgten. 1970 endlich stieß der Junge vom Land auch ins Epizentrum Frankreichs vor: Er wurde zum Musikdirektor der Pariser Oper gekürt.

„Ich habe zu Beginn meiner Karriere jede Woche vier bis fünf Opern dirigiert, bin also Tag und Nacht über den Partituren gesessen“, erinnert sich Prêtre an seine Anfänge. „Es war unglaublich anstrengend, aber auf diese Weise habe ich innerhalb kurzer Zeit ein sehr breites Repertoire kennen gelernt.“

Doch seltsam. Nach nur einem Jahr an der Spitze der Pariser Oper legte der Aufsteiger 1971 sein Amt zurück: Entnervt von Streitereien mit den Gewerkschaften warf er das Handtuch. Von den Besetzungszetteln der internationalen Opernhäuser verschwand sein Name sukzessive, bei den amerikanischen Eliteorchestern in New York, Chicago und Cleveland lief ihm Landsmann Pierre Boulez Schritt für Schritt den Rang ab. Spätestens als statt seiner der Argentinier Daniel Barenboim zum Chef der Opéra Bastille bestellt worden war, schien für die Auguren klar: Prêtre war aus der ersten Dirigentenliga in die zweite abgestiegen.

Zwar kredenzte der Tabellenverlierer bei seinen Auftritten weiterhin Interpretationen von erlesener Güte. Als er 1997 für Puccinis „Turandot“ an die Pariser Oper und 2001 für wenige Abende an die Mailänder Scala zurückkehrte, brandete in den Auditorien nach dem Schlussvorhang frenetischer Jubel auf. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ konnte 2002 nicht umhin, ihn nach einem Konzert mit der Staatskapelle Dresden „restlos zu bewundern“.

Gepäcksorgen. „Ich nahm keine Cheffunktion mehr an, weil damit zu viele administrative Aufgaben verbunden sind“, erklärt Prêtre heute. Auch das Jetset-Leben habe jeden Reiz für ihn verloren. „Auf dem Podium zu stehen ist herrlich und ein Lebenselixier. Aber beim Drumherum muss man vorsichtig sein: die Reisen mit all den nervenaufreibenden Kleinigkeiten bis hin zum Gepäck …“ Er schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.

Dass sich der Eigenbrötler für Macht und Geld irgendwann nicht mehr sonderlich interessierte, hat ihm die Branche nie verziehen: Bis heute ist keine Biografie über den Meisterdirigenten erschienen, steht Prêtre bei keiner Plattenfirma unter Exklusivvertrag, in Zeitungsberichten stimmen oft zentrale Lebensdaten nicht. Der stille Maestro lieferte auch nicht, womit Luciano Pavarotti oder Herbert von Karajan ihre Klientel jahrelang bei Laune hielten: verkaufsfördernde Skandale.

„Ich bin kein Handelsreisender in Sachen Musik“, so Prêtre, der pro Jahr nur ein Dutzend Werke zur Aufführung bringt. Die Arbeit mit dem Querkopf ist für die Orchester kein leichtes Unterfangen. Obwohl er 1962 stellvertretender Leiter des Royal Philharmonic Orchestra und von 1986 bis 1991 Erster Gastdirigent der Wiener Symphoniker war, spricht er bis heute weder Englisch noch Deutsch. Der Spezialist für französisches Tongut hilft sich mit Kauderwelsch über die Runden.

Derart profane Verständigungsprobleme kümmern ihn nämlich herzlich wenig: Ein Orchester zu leiten, erklärt Prêtre, sei ein mythischer Akt. Anstatt den Takt zu schlagen, tupft der weißhaarige Zeremonienmeister die Musik mit sparsamen Gesten in die Luft: „Es gehen Wellen zwischen mir und den Musikern hin und her“, so Prêtre. „Der Vorgang lässt sich eigentlich nicht beschreiben. Man versteht diese Sprache der Künstler – oder man versteht sie nicht.“

Selbst für Profis aber bleiben die Zeichen oft geheimnisvolle Runen: „Wenn ein Orchester Prêtre gut kennt, ist es leicht mit ihm“, schwärmt Florian Zwiauer, Konzertmeister der Symphoniker. „Wenn nicht, ist es fast unmöglich.“ In Zeiten, da die Klassikbranche nach den harten Gesetzen des Marktes statt nach den ehernen Regeln der Kunst funktioniert, gilt dies nicht unbedingt als dringende Berufsempfehlung.

Ereignis. Doch wenn der Funke überspringt, erleben die Besucher von Prêtres Aufführungen Außergewöhnliches: Keine Melodie der klassischen Standards wirkt mehr abgegriffen, kein Takt erzwungen, keine Wendung akademisch ausgedacht. Prêtre dirigiert die Werke nicht. Mit brennendem Herzen bringt er die Partituren zum Leuchten.

Nun haben die Wiener Philharmoniker dem Euphoriker das prestigeträchtige Neujahrskonzert angetragen. Dieses Konzert sei „ein Fest der Musik“, freut sich Prêtre über die späte Ehre, „wegen des großartigen Orchesters, mit dem ich auftreten darf, und des Komponisten Johann Strauß, der uns so viel Freude geschenkt hat mit einer Musik, die als oberflächlich gilt, aber alles andere als oberflächlich ist“. Worüber auch immer er spricht, stets gibt Prêtre Liebeserklärungen ab.

Prêtre ist ein weißer Elefant des Musikbetriebs. In der Ära der Super-Maestros wurde dem Tüftler wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Nun gibt es die Zampanos nicht mehr, und die Klassik-Welt beginnt zu realisieren, dass Prêtre zu Unrecht in der zweiten Reihe stand: Seine Kunst ist nie zweite Wahl gewesen. Als er vergangenen November im Musikverein den letzten Takt von Mahlers Erster Symphonie geschlagen hatte, nahm er den Applaus des Auditoriums mit ausgebreiteten Armen und geschlossenen Augen entgegen. Er hat den Triumph zu Recht genossen.

Von Peter Schneeberger