Porträt: Wiener Mischung

Ronald Lauder, der milliardenschwere Kosmetik-Erbe, ehemalige US-Botschafter in Wien und Besitzer der „Goldenen Adele“, soll den krisengeschüttelten Jüdischen Weltkongress retten.

Im Frühjahr 1986 hatte Jo Carole Knopf ein einschneidendes Erlebnis. Sie hatte mit ihrer Tochter ein köstliches Eis im Demel auf dem Kohlmarkt genossen und querte die feine Innenstadt-Straße, um beim Einrichtungsgeschäft Förster Hausrat einzukaufen. Als der Besitzer des Geschäfts erfuhr, wer sie war, erklärte er ihr in scharfem Ton, dass die Juden hinter der Kampagne gegen Kurt Waldheim stünden: „Er sagte damit praktisch, dass sie nicht willkommen sei. Das war überaus schockierend für uns“, erzählte einmal Ronald Lauder, der Ehemann von Frau Knopf und Erbe des Kosmetikkonzerns Estée Lauder. Er war gerade in Wien als neuer amerikanischer Botschafter angekommen. Die Affäre um den jetzt verstorbenen ehemaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim hatte gerade begonnen, die Gemüter zu erhitzen.

Anfang Juni, 21 Jahre später, wurde Ronald Lauder in New York zum Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses (WJC) gekürt. Er soll die Organisation, die 1936 zur Mobilisierung der Weltöffentlichkeit gegen Antisemitismus und Naziterror gegründet wurde und jetzt in einer tiefen finanziellen und moralischen Krise steckt, sanieren.

Dass er nun an der Spitze dieser Organisation steht, ist nicht zuletzt auf die Begebenheit in der Wiener Innenstadt und ähnliche Erlebnisse in Österreich zurückzuführen. Bei seiner Antrittsrede als WJC-Präsident bekennt er, dass er früher mit dem Judentum nicht viel am Hut gehabt habe: „Ich ging drei Mal im Jahr in die Synagoge. Ich war zwar Jude, aber ich habe nie groß darauf geachtet.“ Wien, die Waldheim-Affäre und der damals fröhliche Urstände feiernde Antisemitismus à l’autrichienne aber ließen in ihm seine jüdische Identität erwachen. Damals kam ihm die Idee für seine Lauder Foundation, die inzwischen Ost- und Mitteleuropa mit jüdischen Kindergärten, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen überzieht – darunter auch die Lauder-Chabad-Schule im Wiener Augarten. Und seit dieser seiner Wiener Zeit engagiert er sich in einer Vielzahl von jüdischen Institutionen.

Darunter auch im WJC, jener Organisation, die seinerzeit in den achtziger Jahren hierzulande als Projektionsfläche für die Fantasien einer jüdischen Weltverschwörung gegen Österreich diente. Malversationen großen Ausmaßes – in die nicht zuletzt der in Österreich als „Waldheim-Jäger“ gehasste und inzwischen geschasste WJC-Generalsekretär Israel Singer verwickelt sein soll – und wüste Machtkämpfe haben den Weltkongress an den Rand des Abgrunds geführt. Nun soll Ronald Lauder ihn retten.

Wien ist Lauders Schicksal. Seine Familie stammt zwar nicht aus der österreichischen Hauptstadt: „Meine Großeltern kommen zu gleichen Teilen aus Prag, Budapest und Agram, also beste Wiener k. u. k. Melange“, sagt er über seine Herkunft. Aber als die als Josephine Esther Mentzler geborene Mutter von Ronald in den dreißiger und vierziger Jahren von Friseurladen zu Friseurladen ging, um ihre zu Hause gemixten Cremen an den Mann zu bringen, war der Renner ein Produkt, das ihr Onkel kreiert hatte und seinen Namen trug: „Schotz Viennese cream“. Wien hatte damals mehr Glamour als Budapest, woher er stammte.

Esther, die Esty gerufen wurde und sich bald nobel zu Estée französisiert hatte, war eine starke Frau, die wusste, was sie wollte. Als sich 1948 Manager des Nobelgeschäfts Saks Fifth Avenue in Manhattan dazu erweichen ließen, ihr einen Stand für ihre Kosmetikprodukte zu geben, war der Grundstein für ihr Imperium gelegt. 1998 reihte sie das „Time Magazine“ als einzige Frau unter die 20 einflussreichsten Geschäftsleute des 20. Jahrhunderts. 2004 starb sie 97-jährig.

Mit einer so übermächtigen Mutter ist es schwer, einen Platz im Leben zu finden. Ronald Lauders Lebenslauf zeigt, wie er rastlos nach den verschiedensten Möglichkeiten zur Profilierung suchte. Der 1944 in New York geborene Lauder studiert französische Literatur an der Sorbonne in Paris und internationalen Handel in Pennsylvania und Brüssel. Im mütterlichen Konzern, wo der polyglotte Ronald – er spricht fließend Französisch, Deutsch, Ungarisch, Kroatisch und leidlich Schwedisch – einige Zeit dafür zuständig ist, internationale Märkte für Estée Lauder zu erschließen, hält es ihn nicht lange. Er versucht sich in der Politik. Drei Jahre arbeitet er als Abteilungsleiter für den Bereich NATO und Europa im Pentagon. Dann schickt US-Präsident Ronald Reagan den Republikaner Lauder, der ihn bei Wahlkämpfen großzügig unterstützt hat, als Botschafter nach Wien.

Kein einfacher Job in dieser turbulenten Zeit, in der Österreichs Bundespräsident auf die Watchlist gesetzt und hierzulande „die Ostküste“ als Drahtzieher allen Übels identifiziert wird. Nach Ende seines diplomatischen Zwischenspiels in Wien blamiert sich Lauder dann 1989 in einer millionenteuren Kandidatur um das New Yorker Bürgermeisteramt. Seine Forderung nach Wiedereinführung der Todesstrafe zieht nicht. Rudy Giuliani macht das Rennen.

Muttersöhnchen. Weniger glücklos als in der Politik agiert Ronald Lauder, dem ein Gegner einmal nachsagte, er sei „ein verzogenes Muttersöhnchen mit wenigen Talenten“, als Kunstsammler und Kunstmäzen. Auch diese Karriere nahm ihren Anfang in Wien. Der 13-jährige Ronald machte, so weiß er zu berichten, seine Bar- Mizwa-Geschenke zu Geld und erstand, auf Urlaub in Österreich, drei Kunstwerke – darunter eine Zeichnung von Egon Schiele. Er hatte ein großes Ziel: der größte Sammler österreichischer und deutscher Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu werden. Das gelang ihm. 2001 eröffnete er in einem eleganten Palais auf der Fifth Avenue seine „Neue Galerie“, ein prachtvolles Museum mit Werken des österreichischen Jugendstils und deutschen Expressionismus. „Come for the Klimt and stay for the strudel“ wirbt das Museum, in dessen „Café Sabarski“ – benannt nach dem 1996 verstorbenen Kunsthändler und Lauder-Partner Serge Sabarski – man sich auf Hoffmann-Möbeln bei Melange, Sachertorte und Grünem Veltliner so richtig wienerisch fühlen kann.

Seine Jahre als Botschafter in Österreich sollten auch bei seinen Kunstambitionen entscheidend werden. Hier wurde ihm bewusst, wie viele von den Nazis gestohlene Bilder noch in den Museen hingen. Von da an setzte er sich vehement für die Restitution von Raubkunst ein. Aber da kam er ins Schussfeld der Kritik. Vielfach wurde bemängelt, dass er sich zwar für die Interessen jüdischer Familien einsetzte, die ihren Kunstbesitz wieder erlangen wollten. Andererseits gebe er aber, lautet der Vorwurf, bei seiner eigenen Sammlung nur sehr zögerlich Rechenschaft über die Herkunft seiner Bilder ab. Und in Wien warfen ihm die Medien vor, seine Stellung als Diplomat auszunützen, um Kunstwerke, die normalerweise nicht ausgeführt werden dürfen, mithilfe österreichischer Politiker nach New York mitzunehmen.

Sein großer Coup betraf aber eine schöne Frau: Adele Bloch-Bauer. In sie hat er sich bereits als Teenager verliebt, behauptet er. Das goldene Bild der sinnlichen jüdischen Dame der Wiener Gesellschaft des Fin de Siècle, gemalt von Gustav Klimt, hatte ihn von Anfang an fasziniert, erzählt er. Als Botschafter hätte er die „Adele“ in der Galerie im Belvedere wöchentlich besucht. Das Happy End dieser fast lebenslangen Liebe machte vergangenes Jahr internationale Schlagzeilen. Lange musste Maria Altmann, die greise Nichte der dargestellten Dame, um die Rückgabe des Bildes kämpfen. Als sie schließlich erfolgreich war, schlug Lauder zu. Er soll 135 Millionen Dollar für die „Goldene Adele“ hingeblättert haben. Damit machte er „unsere Mona Lisa“, wie Lauder sie schwärmerisch nennt – zumindest für wenige Monate, bis ein Bild von Jackson Pollock um noch mehr Geld versteigert wurde –, zum teuersten Gemälde der Welt.

Das Gerücht geht freilich in der Kunstwelt um, dass Ronald Lauder auch noch mit dem „Adele“-Kauf ein gutes Geschäft machte: Nach dieser Version kaufte er Maria Altmann die „Adele“ plus weitere vier rückerstattete Klimt-Gemälde en bloc ab – um einen Preis von weit unter 200 Millionen Dollar. Die vier übrigen Bilder ließ er dann auf einer Auktion bei Christie’s in New York versteigern und erzielte 192,7 Millionen Erlös. So mutmaßt zumindest die deutsche Wirtschaftszeitung „Handelsblatt“.

Rechtsschwenk. Auch sonst zeigte sich der Milliardenerbe äußerst geschäftstüchtig. Nach dem Untergang des Kommunismus baute er ein Medienimperium auf, das heute in Mitteleuropa dutzende Fernsehstationen und Zeitungen kontrolliert. Er zählt mit einem geschätzten Vermögen von drei Milliarden Dollar zu den reichsten Männern der Welt.

Finanziell dürfte Lauder als WJC-Präsident diese traditionsreiche jüdische Organisation sanieren können. Ob ihm aber das auch moralisch-politisch gelingt, wird allgemein angezweifelt. „Er ist einfach zu rechts“, bemerkt Tom Segev, der israelische Historiker und Publizist, zu profil. Lauders jüdisches Erweckungserlebnis – das er ungefähr zur selben Zeit hatte, wie George W. Bush sein christliches hatte – führte ihn zu einem Guru: Rabbi Menachem Mendel Schneerson. Der war der Führer von Chabad, einer chassidischen Sekte in New York. So mancher Schneerson-Anhänger sah in dem 1994 verstorbenen Rabbi den sehnlich erwarteten Messias. Chabad, die Organisation, die auch die Lauder-Schule in Wien führt, hat sich zur Aufgabe gestellt, jüdisch-orthodoxes Leben wiederzubeleben. In Israel sind die Chabad-Leute an der vordersten Front der Siedlerbewegung engagiert. Die unterstützt auch Lauder tatkräftig. Ein Kontrast zu Edgar Bronfman, dem langjährigen WJC-Präsidenten, der in diesem Frühjahr zurücktrat. Bronfman hatte fallweise die Regierung in Jerusalem kritisiert und sich als Gegner der israelischen Siedlungspolitik präsentiert. „Lauder vertritt leider die Kreise, die meinen, dass es patriotisch sei, Israel hin zur extremsten Politik zu drängen“, ätzt Segev. Das sei schlecht für die Juden und schlecht für Israel.

Ein neues Kapitel in der vielfältigen Karriere von Ronald Lauder, des reichen Amerikaners mit der Viennese Connection, ist jedenfalls aufgeschlagen.