Gelbfieber

Privatisierung, Marktliberalisierung und neue Technologien erfordern einen Totalumbau der Post. Die Leidtragenden sind Mitarbeiter und Kunden.

Von Franziska Dzugan

Als Anita R.* kürzlich Postchef Georg Pölzl im Radio hörte, platzte der ehemaligen Postangestellten der Kragen. Kündigungsgespräche würden nur mit leistungsunwilligen Mitarbeitern geführt, sagte er. Die Erfahrungen von Anita R. sind anders. Sie sei zuerst gemobbt und dann, nach einem längeren Krankenstand, gekündigt worden. Der Fall der 50-Jährigen ist beispielhaft für die Zustände in der Post AG. Ältere Mitarbeiter würden systematisch aus dem Unternehmen gedrängt, so der Vorwurf von Gewerkschaftsboss Helmut Köstinger.

Georg Pölzl konnte vergangene Woche erst in letzter Sekunde einen Streik abwenden. Der Generaldirektor sitzt seit seinem Dienstantritt 2009 auf einem Dampfkessel. Teilprivatisierung, neue Technologien und die Liberalisierung des Postmarkts brachten Umwälzungen gewaltigen Ausmaßes mit sich. E-Mails haben Stempelfarbe und Briefmarke abgelöst, das Hauptgeschäft macht die Post AG heute mit postalischen Großaufträgen von Unternehmen. Der einst behäbige Beamtenapparat mit seinen knapp 2000 Postämtern musste einem flexibilisierten Unternehmen weichen, das zuallererst seinen Aktionären verantwortlich ist.

Der unausweichliche Modernisierungsschub verursachte freilich Kollateralschäden. Die durch Privilegien verwöhnten Mitarbeiter - in der Post wurden von der Putzfrau bis zum Vorstand grundsätzlich alle verbeamtet - sind der Albtraum jedes Managers. Jährlich werden 800 Mitarbeiter abgebaut, unkündbare in Wartesälen wie dem Postarbeitsmarkt abgestellt. In Unternehmenstöchtern wie der Feibra werden Bedienstete zu weit geringeren Löhnen angestellt als im Mutterkonzern.

Auch der Kundenservice leidet. Warteschlangen in den Filialen, gelbe Zettel im Briefkasten und seltenere Hauszustellung sind die Folge der Verschlankung. Datenschützer warnen außerdem seit Langem, der einst so heimelig-vertrauenswürdige Postfuchs sei hinter Kundendaten her.

Die ehemalige Postangestellte Anita R. erzählt von Zermürbungstaktik und gezieltem Mobbing. Von ungewöhnlich häufigen Revisionen bis zu verschwundenen Urlaubstagen und nicht angerechneten Überstunden habe man das volle Programm gespielt. Ihr direkter Vorgesetzter habe sie als Frau doppelt schlecht behandelt. Gekündigt wurde Anita R. mit dem Argument, bei ihr sei künftig mit weiteren Krankenständen zu rechnen. "Der Post ging es in Wirklichkeit darum, dass ich demnächst 50 werden würde, also suchte man einen Grund, mich loszuwerden.“

Sie sei "ein Fall von vielen, bei denen Mitarbeiter aus dem Unternehmen gedrängt werden“, sagt Gewerkschafter Martin Palensky. Es gebe Hunderte Angestellte, mit denen die Post in der jüngsten Zeit "Trennungsgespräche“ geführt habe: durchwegs Mitarbeiter, die bald 50 werden oder über zehn Jahre im Unternehmen arbeiten. Dadurch würden sie automatisch unkündbar. Generaldirektor Pölzl dementiert die Mobbingvorwürfe von Anita R.: "Mobbing hat es bei uns nie gegeben, wir haben jeden einzelnen Fall geprüft.“

Dennoch:
Der Umgang mit Bediensteten ließ die Gewerkschaft schließlich auf die Barrikaden steigen. Montag dieser Woche wird mit der Konzernspitze verhandelt. Die Streikdrohung sei noch nicht vom Tisch, heißt es aus der Gewerkschaft.

Durch den neuen Kollektivvertrag, der deutlich schlechtere Bedingungen bietet, lassen sich neue Mitarbeiter schwer rekrutieren, während die alten zu teuer sind und aussortiert werden. Nun denkt man sogar daran, Leiharbeiter anzuheuern, die am Schalter Dienst verrichten sollen. Sebastian Kummer, Vorstand des Instituts für Logistik an der Wirtschaftsuniversität Wien, kann die Servicemängel bei der Post nicht nachvollziehen. Er stößt sich auch daran, dass es in Österreich am Samstag keine Zustellung gibt. In den meisten anderen europäischen Ländern ist das seit Langem üblich. Auch dass der gelbe Zettel für Pakete grundsätzlich im Briefkasten lande, weil die Postler meist nicht bereit sind, diese an die Wohnungstür zu liefern, findet Kummer "erstaunlich“.

Noch ist die Post in Österreich sowohl beim Briefgeschäft als auch bei Postwurfsendungen Marktführerin. Doch das könnte sich bald ändern. Seit Anfang 2011 ist der Postmarkt liberalisiert, richtig ernst wird es ab 2013. Dann bekommen private Zusteller Zugang zu den Hausbriefkästen. Umso verwunderlicher, dass im Oktober weitere Einschränkungen beim Kundenservice beschlossen wurden. Künftig werden Werbesendungen und bestimmte Briefe nur noch an bestimmten Wochentagen zugestellt. Bei Bankauszügen oder Strafmandaten reiche es, wenn diese erst eine oder zwei Wochen später im Briefkasten landeten, so Pölzl im Oktober. "Kundenfreundlich ist das nicht“, sagt Kummer von der WU. Er sieht darin kein großes Einsparungspotenzial und mutmaßt, die Post könnte die seltenere Zustellung als Druckmittel für die Gewerkschaftsverhandlungen verwenden.

Wenigstens eine Maßnahme des Totalumbaus scheint zu funktionieren: Inzwischen gibt es in Österreich 1300 Postpartner, meist Lebensmittelhändler, Trafiken oder Tankstellen in kleinen Gemeinden, in denen sich Filialen nicht rentieren. Die Zahl der Postämter wurde seit 2010 auf 550 halbiert, es sollen noch weniger werden. Mit den Postpartnern sind die Kunden, Umfragen zufolge, relativ zufrieden. Auch die Wirtschaftskammer spricht von überwiegend positiven Rückmeldungen. Christine Riederich hat in zwei ihrer Lebensmittelfilialen im Waldviertel Poststellen eingerichtet. Seit die Post für das Briefgeschäft weniger bezahlt, bietet die Unternehmerin auch Bankdienste an: "Man muss schon sehr dahinter sein, dass es sich rechnet. Aber im Grunde sind wir zufrieden.“

Wie ungeschickt der gelbe Riese mit Personalressourcen umgeht, beweist das unter Mitarbeitern gefürchtete Postarbeitsmarktservice (PAM). Dort werden derzeit 500 überschüssige Beamte mit "neuen Tätigkeiten innerhalb oder außerhalb des Unternehmens“ betraut, so die Post. De facto gehen viele lieber in Pension, als jahrelang Hilfsarbeiten zu verrichten. Früher hatte man diese Einrichtung mit kaum zu überbietendem Zynismus als Karriere- und Entwicklungscenter bezeichnet. In Wirklichkeit mussten nicht benötigte Mitarbeiter ihre Arbeitszeit Daumen drehend in großen Wartezimmern totschlagen. Pölzl hat bei seinem Amtsantritt 2009 deren Schließung angekündigt und sie mit Anfang dieses Jahres durch das Postarbeitsmarktservice ersetzt. Für Bedienstete mit geringeren Einkommen habe sich die Lage seither leicht verbessert, räumt Gewerkschafter Palensky ein. "Aber für unliebsame höhere Beamte ist das PAM noch immer eine Disziplinarmaßnahme.“

Anita R. ist inzwischen nicht mehr im Dienst. Nach einem Rechtsstreit hat sie sich mit der Post auf eine einvernehmliche Kündigung geeinigt. "Irgendwann konnte ich nicht mehr.“

* Name von der Redaktion geändert.


Big Brother

Mit den persönlichen Daten ihrer Kunden nimmt es die Post nicht allzu genau. Der gelbe Riese hat den österreichischen Big Brother Award bereits zweimal "gewonnen“ (2001, 2003), dreimal wurde er nominiert, zuletzt 2009. "Die Post ist bei uns ein Dauerbrenner“, sagt Datenschützer Christian Jeitler. Vor allem die automatische Adressweitergabe bei Nachsendeaufträgen stößt ihm sauer auf. Gibt man der Post nicht extra Bescheid, werden die Adressen an Werber weiterverkauft. Die Post reichere diese zudem mit Hintergrundinformationen wie Bildung, Einkommen und Wohnumfeld an. Außerdem durchsucht die Post ihre Kundenlisten nach immer neuen Zielgruppen. "Gerade bei einem Unternehmen, das in jedes Vorzimmer kommt und großes Vertrauen in der Bevölkerung genießt, ist das extrem bedenklich“, so Jeitler. Weitere Big Brother Awards werden wohl folgen.