Wir Tiere

Informatik, Naturwissenschaften und aktuelle Philosophie-strömungen schreiben den Menschen als Auslaufmodell ab. Spätestens 2045 sollen Roboter besser malen, komponieren und Fußball spielen können. Radikale Science-Fiction-Spinnereien oder ein visionäres neues Weltbild?

Von Thomas Edlinger

Mitten in der brodelnden Mega-Metropole Mexico City wirkt die Kunst regelrecht versteinert. 350 Felsbrocken liegen verstreut auf dem Galerienboden herum. Daneben zeigt ein Video zerstäubte Mineralpartikel, die in Zeitlupe vor weltallschwarzem Hintergrund schweben. Es geht um „Dinge, allein in der Welt“, erklärt Kurator Vincent Normand. Seine Schau, genannt „Sinking Islands“, präsentiert autarke Objekte, die aussehen, als seien sie nicht für Betrachter gemacht worden: Meteoritenkunst, wie sie im Vorjahr auch die documenta 13 in Form eines 37-Tonnen-Ungetüms aus dem All als Alternative zum Universal-Fokus Mensch vorgeschlagen hatte.
Der andere Strang jener Kunstrichtung, die man „posthumanistisch“ nennen könnte, orientiert sich nicht an stummen Dingen, sondern an den Lebewesen um uns. Bei der documenta wurden Hunde als Exponate vorgeführt und herumschnüffelnde Vierbeiner sogar zur Erkundung des Parcours im Grünen eingeladen. Andere Kunstprojekte wie die auch in Wien gezeigte „Animismus“-Ausstellung greifen die Sonderstellung des Menschen an, indem sie nach der prinzipiellen Belebtheit unserer Umwelt fragen: Haben Bäume, Tiere und Steine eine Seele? Das Zusammenspiel von Lebewesen und Maschinen demonstriert schließlich das buchstäblich überschäumende Hochseefischereidokument „Leviathan“ der Anthropologen Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor (in Wien derzeit im Kino): Digitale Minikameras gestalten den „Heavy-Metal-Film“ (Paravel) über das Leben und Sterben der Beute an Bord praktisch wie von selbst. Das Bindeglied zwischen Tier und Technik – der Mensch – spielt in dieser schwindelerregenden Nahbilderserie von Fischen, Muscheln, Schiffsbrettern und Gischtfontänen keine große Rolle mehr.

All diesen Arbeiten ist eines gemeinsam: die Kritik am westlichen Anthropozentrismus. Wir leben in einem geologischen Zeitalter, in dem es nichts auf der Welt mehr gibt, das nicht vom Menschen in Mitleidenschaft gezogen wurde – vom Pflanzenbestand über die Erdatmosphäre bis zum radioaktiven Meerwasser. Überall hinterlässt der menschliche Faktor seine ökologisch bedenklichen Spuren. Das Berliner Haus der Kulturen der Welt widmet dem wissenschaftlich noch umstrittenen „Anthropozän“ gerade ein zweijähriges Forschungsprojekt.

Gleichzeitig mehren sich angesichts der „Menschenplage“, wie der Philosoph John Gray es nennt, die Stimmen, die vom Ende des Auslaufmodells Homo sapiens künden. Wenn man kühnen Spekulationen glauben will, soll es 2045 so weit sein. So wie einst die Automobile den Kutschen den Rang abliefen, werden dann Computer über die besseren Gehirne verfügen – behauptet zumindest einer der populärsten Propheten des Posthumanismus, der New Yorker Softwareentwickler Ray Kurzweil. Seine Zukunftsmusik singt das Hohelied auf die digitale Kopie des Bewusstseins und die Nachbesserung des Genoms.

„Kinder, die nicht durch unsere Gene geprägt sind“
Was für Kritiker wie eine Science-Fiction-Vision über die Antiquiertheit des Menschen aussieht, ist für Künstliche-Intelligenz-Gurus ein Heilsversprechen. Roboter sollen in Zukunft nicht nur die besseren Schachspieler sein, sondern auch die besseren Maler, Musiker und Fußballer. Schon jetzt können Programme des Musikers und Softwareentwicklers David Cope nicht nur die Notenfolge, sondern auch den Stil von Komponisten wie Bach oder Chopin täuschend echt imitieren – und de facto sogar weiterentwickeln. Der österreichische Robotik-Pionier Hans Moravec etwa erwartet die Nullen und Einsen sehnsüchtig als „Kinder, die nicht durch unsere Gene geprägt sind“. Sie sollen bald auch Eigenschaften wie das Bewusstsein, die Persönlichkeit, den kreativen Geist oder die Individualität simulieren können.

Der messianische Zug dieser futuristischen Ideen zeigt sich im alten Traum von der Unsterblichkeit. Die fortschrittsgläubigen Kryoniker an der US-Westküste lassen sich schon seit den späten 1960er-Jahren in flüssigem Stickstoff einfrieren, in der Hoffnung auf Wiederauferstehung im Zeitalter einer gottgleichen Technik. Es gibt aber auch andere Wege, den Tod zu überlisten, das Mängelexemplar Mensch ganz hinter sich zu lassen. So soll das Gehirn bald schon vom Skandal des Systemabsturzes, dem biologischen Tod, befreit und in Datenströme umgewandelt werden. „Gott ist kein Humanist, sondern ein Informatiker“, meint Peter Sloterdijk, der schon 1997 mit seinen umstrittenen „Regeln für den Menschenpark“ provozierte.

Die Jünger einer Gott spielenden Informatik sammeln sich in Netzwerken wie „Humanity+“, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die frohe Botschaft von der Selbstoptimierung des Menschen durch Prothesen, Implantate und genetische Experimente zu verbreiten. Das Programm ist bunt: Der australische Maschinenmensch Stelarc arbeitet an biotechnischen Performances, und der Mutant eines dritten Geschlechts, die Industrial-Legende Genesis Breyer P-Orridge, überblendet Kunst und plastische Chirurgie. Die technische Aktualisierung soll den Menschen schöner, gesünder und klüger machen. Was aber passiert mit denen, die nicht derart hart an sich arbeiten wollen oder können? Hat hier eine Techno-Elite hinterrücks einen neuen, als Wissenschaftsglauben maskierten Kryptofaschismus eingeführt? Vielleicht muss man an dieser Stelle einen Gang zurückschalten und nüchtern konstatieren: Wir können uns gar nicht aussuchen, ob wir unser traditionelles Menschenbild behalten wollen oder nicht, denn wir stecken längst mittendrin in dessen Wandel. Der Mensch war früher stolz auf seinen freien Willen und seine Seele; heute gelten wir als Vollzugsorgane biologischer Programme und unbewusster Begierden. Jede neutral erscheinende Definition des Menschen sei implizit politisch, schreibt die Wiener Philosophin Katherina Zakravsky. Denn jede dieser Zuschreibungen schließe auch aus, was als „nicht mehr menschlich“ und damit als „das Andere“, das Recht- und Wertlose zu gelten habe.

Brüchige Grenzen
Der Dokumentarfilm „Unter Menschen“ kreist um die Resozialisierung einer Gruppe von Schimpansen, die in Isolationshaft durch medizinische Experimente mit HIV- und Hepatitis-Viren verseucht wurden. Der Filmtitel, so die Regisseure Christian Rost und Claus Strigel, spiele durchaus auf den Naziausdruck „Untermenschen“ an. Der englischsprachige Titel – „Redemption Impossible“ – spricht sogar von einer unmöglichen Wiedergutmachung; als seien die Affen Opfer eines Verbrechens gegen die erweiterte Menschheit geworden.

Die Grenzen zwischen Mensch und Tier sind brüchig geworden. Der Humanismus ist eine säkulare Religion, die uns glauben lässt, wir seien etwas Besseres als ein Zufallsprodukt der Natur, erklärt John Gray. Tatsächlich belegt die Biologie die hochkomplexe Intelligenz jenes organischen Lebens, das sich abseits des Menschen findet: Ameisen züchten in ihren Bauten Pilze, die Enzyme enthalten, die Cellulose zersetzen und erst auf diese Weise Blätter genießbar machen. Ameisen und Pilze führen somit gemeinsam „gut organisierte landwirtschaftliche Unternehmen“. Aus Sicht radikaler Biologen wie Brian J. Ford sind Menschen nur unbewusste Mitarbeiter eines Bio-Masterplans: Bakterienverbände benutzen uns, um das Überleben ihres Erbguts zu sichern. Tiere seien unsere Partnerspezies, behauptet die feministische Cyborg-Vordenkerin Donna Haraway. Ob der Mensch den Hund dressiere und nicht etwa umgekehrt, sei gar nicht so klar, fügt Haraway an: Will das Pawlow’sche Frauchen am Ende nur das, was der sich blöd stellende ehemalige Wolf immer schon wollte: Futter geben auf Blickkommando statt jagen bis zum Abwinken?

Die Nivellierung des Unterschieds zwischen Tier und Mensch wird von Tierrechtlern derzeit unter dem Banner des sogenannten „Antispeziesmus“ betrieben. Er trifft jenen Nerv, den auch documenta13-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev mit ihrer vorschnell weggelächelten Forderung nach einem „Wahlrecht für Bienen“ getroffen hat. Hinter skurrilen Erklärungen wie dieser steckt eine tiefe Verunsicherung in Bezug auf das Tier-Mensch-Verhältnis: Je mehr wir über Tiere wissen, desto weniger verstehen wir, was eigentlich unseren privilegierten Sonderstatus legitimieren soll.

Diese Verunsicherung kann zu einer politisch wirksamen Sensibilisierung für Unrechtsverhältnisse führen – auch wenn viele Forderungen der Tierrechte-Avantgarde noch recht sektiererisch klingen. So sollen Tiere zum Beispiel per Dolmetscher parlamentarische Stimmen erhalten, fordert der Soziologe Bruno Latour in vollem Ernst. Und ginge es nach dem Willen radikaler Tierschützer, so dürften Tiere nicht nur nicht gegessen und gezüchtet, sondern auch nicht in Zoos oder als Lebendmaskottchen zuhause gehalten werden. Jede Form der Ausbeutung (wie Reiten oder Melken), jeder Diebstahl (wie das Honigsammeln) müsste verboten werden. Das Kuriose an dieser Anwaltschaft für die ihrer Natur entfremdeten Tiere ist aber, dass menschliche Anliegen dabei als ureigen tierische ausgegeben werden. Ist für ein Tier die Freiheit denn wirklich stets das größte Gut? Will eine Hauskatze lieber fernsehen oder in autonomem Dauerstress Mäuse jagen? Wer kann und darf das beurteilen?

Der Mensch als das Maß aller Dinge: Dieses Mantra trommelt die Philosophie seit Jahrhunderten. Gegen dieses Denken regt sich ein „antihumanistisch“ getönter Widerstand: Der „Spekulative Realismus“ gesteht den Dingen eigenes Leben zu und wagt es, erkenntnistheoretisch Unerhörtes zu denken – eine Wirklichkeit nämlich, die nicht von der Existenz der sie erfahrenden Menschen abhängig ist. Quentin Meillassoux, einer der Vordenker dieser neuen Philosophie, nennt dafür stumme Kronzeugen: Fossilien aus einer Zeit vor der Entstehung menschlichen Lebens.

Der für die Documenta als Ausstellungsstück vorgesehene Meteorit „El Chaco“ aus Argentinien spielt nicht ganz in dieser Liga, denn er kam erst vor rund 4000 Jahren auf eine von Menschen bereits bevölkerte Erde. Sein Transport nach Kassel scheiterte im Frühling 2012 am Widerstand der Ureinwohner, die in ihm eben keinen Beweis des Nichtmenschlichen sehen, sondern ein animiertes, heiliges Objekt. Es scheint also noch ein weiter Weg bis zur Aussöhnung des alten Respekts vor den Menschen mit dem neuen Respekt vor den Dingen und Tieren zu sein. Dennoch führt kein Weg am kontinuierlichen Umbau des Menschenbilds vorbei. Schließlich sind wir längst schon nicht mehr die, die wir, genau genommen, nie waren.

+++ Interview: Der Kurator Detlef Diederichsen über unmenschliche Klänge, Alien-Musik und Kompositionen aus der Konserve +++

Thomas Edlinger ist Kurator, Radiomacher und Autor, zuletzt verfasste er mit Matthias Dusini die Political-Correctness-Studie „In Anführungszeichen“ (Suhrkamp).