„Praktisch blockiert“

Regisseur Michael Haneke über Europas prekäre Kinosituation, den Zwang zur Koproduktion und den Film als Europudding.

profil: Sie waren vor wenigen Tagen erst in Cannes, wo Sie – neben Milos Forman, Claire Denis, Stephen Frears und Erick Zonca – eingeladen waren, über Maßnahmen für das europäische Kino nachzudenken. Was wurde dort diskutiert?
Haneke: Das europäische Kino von morgen, sprich: Nachwuchs, Filmschulen, Förderungen, Produktionsmöglichkeiten et cetera. Die Politiker verströmten wie üblich Optimismus – wir, die Filmemacher, haben dagegen eher versucht, die prekäre gegenwärtige Situation zu beleuchten, die ja dabei ist, sich stetig zu verschlimmern. Das heißt, wir haben vor allem auf die katastrophale Vertriebssituation hingewiesen: Wie viele europäische Filme können angesichts der von den Amerikanern praktisch blockierten Kinos wie lange im eigenen Land gezeigt werden? Wie viele verlassen die Grenzen ihres Herstellungslandes? Wie kann sich das europäische Kino gegen die Marktdominanz des amerikanischen behaupten? Und was kann die Politik dabei tun?
profil: Haben Sie den Eindruck, die anwesenden europäischen Politiker überzeugt zu haben?
Haneke: Das wär ein bisschen blau-äugig. Sie haben sich alles interessiert angehört, anderntags ging es ohne uns weiter. Aber immerhin spricht man miteinander.
profil: Regisseur Jean-Luc Godard hat in Cannes nebenbei herbe Attacken gegen EU-Kulturkommissarin Viviane Reding geritten: Er hat sie als seine „böse Fee“ bezeichnet – und angemerkt, dass man, wenn Reding nun meine, es gehe darum, „neue europäische Filmemacher zu produzieren“, doch gleich auch Baron Frankenstein um Hilfe bitten könne.
Haneke: Von dem europäischen Filmemacher kann man tatsächlich nicht sprechen, denn den gibt es nicht. Es gibt nur gute und schlechte und vor allem sehr verschiedene Filmemacher. Aber auch unter den Politikern steht die Betonung der nationalen Eigenständigkeit der diversen Filmkulturen außer Streit. Niemand will den Europudding.
profil: Wie sehen Sie denn die Rolle Österreichs in der Diskussion um das Kino Europas?
Haneke: Im Rahmen des „Europe Day“ in Cannes haben von 25 eingeladenen Kulturministern nur zwei gefehlt – einer war der österreichische Staatssekretär.
profil: Sie beginnen Anfang Juli mit den Dreharbeiten zu „Caché“, einer großen europäischen Koproduktion, an der neben Frankreich und Österreich auch Deutschland und Italien beteiligt sind. Birgt die Mitwirkung vieler Länder und Fördergeber nicht immer auch die Gefahr ästhetischer Kompromisse?
Haneke: Nicht unbedingt. Koproduktionen sind nötig: Es ist in Europa anders nicht möglich, Filme einer gewissen Größenordnung zu machen. „Caché“ ist ein gutes Beispiel: Ich wollte ja bereits letzten Sommer zu drehen beginnen, aber leider war der Film als rein französische Produktion nicht herstellbar. Kino wird immer teurer. Man muss eben aufpassen und darf sich vom Geld nicht korrumpieren lassen. Kunst ist bekanntlich nicht nur eine Talent-, sondern auch eine Charakterfrage.
profil: Droht dem EU-Kino so etwas wie ein Identitätsverlust?
Haneke: Ich glaube nicht. Natürlich gibt es den so genannten Europudding – also Produktionen, die nur stattfinden, um aus möglichst vielen Ländern Förderungsgelder abzuholen. Zum Ausgleich fürs Geld muss dann dort gedreht werden: So entstehen die Roadmovies und Historienschinken der Fernseh-Primetime. Aber solange es Autoren und Regisseure gibt, die Film als Kunstform und nicht als Mittel zur Finanztransaktion betrachten, hält sich die Gefahr in Grenzen.