Preisgekröntes Österreich

Die Verleihung des Literaturnobelpreises beweist wieder einmal, wie beliebt wir sind.

Was war das schon bisher für ein aufregendes Jahr für den aufrechten Österreicher. Gleich in den ersten Monaten fuhren unsere tollkühnen Teufelskerle weltweit am schnellsten bergab. Ein Sieg jagte den anderen, sodass die berechtigten Freudentränen so gut wie nie zum Versiegen kamen. Unsere Schneemädeln wedelten ebenso anmutig wie passabel, aber die Burschen waren einer wie der andere einfach zum Abbusseln.
Die geradezu manichäische Manifestation des Triumphs, den halt kein anderes Land der Erde hervorzubringen imstande wäre, war die „Kugel“. Sie repräsentiert, dass deren neuer Inhaber den Gesamt-Weltcup gewonnen habe. Das war natürlich unser Hermann Maier, der Mann mit dem treuesten Gschau, seitdem es Spaniels gibt. Da schlug die Volksseele hoch in „keineswegs kleinlichem Chauvinismus, sondern in einem berechtigten Patriotismus“, wie es ein bekannt feinsinniger Sportprofessor des ORF jedes Jahr sagt.
Danach regierte wieder „König Fußball“ – und allein daran lässt sich erkennen, dass Österreich wahrhaftig eine Demokratie ist. Doch abseits des organisierten Zerbrechens einer Massensportart begeisterte unser neuer Held: Werner Schlager. Er wurde Weltmeister in einer leichthändigen Disziplin, die nicht wenige Landsleute mit kindlichen Vergnügungen wie Federball oder Minigolf gleichsetzten und deren Popularität vom Kegeln oder Krügelstemmen mühelos übertroffen war. Aber auch wenn sie das Zeugs nicht näher kannten, so bekamen die verklärten Österreicherinnen und Österreicher doch wieder nasse Augen vor Rührung: Stell dir vor, bei irgendwas, was keiner net genau, kennt, sind wir auch die Besten.

Das österreichische Fußball-Nationalteam weihte seine neuen rot-weiß-roten Dressen beeindruckend ein und rang den international gefürchteten Angstgegner Liechtenstein, der sich nicht scheute, seine eiskalten Profis aus der Bank, dem Freibadbetrieb und der Bäckerei taktisch infam gegen uns einzusetzen, nieder.
Im Hochsommer glänzten unsere Athleten bei den Olympischen Sommerspielen dermaßen, dass gleich mehrere Zeitungen mehrmals stolzgeschwellt darauf hinwiesen, dass „Österreich noch niemals so viele Medaillen errungen hat seit den Olympischen Spielen 1936“. Der nackten Statistik wurde nirgendwo hinzugefügt, dass damals eben schon eine Bombenstimmung herrschte, weil es Hitler zum letzten Mal gelungen war, einmal noch die halbe Welt zu täuschen.
Aber was ist olympisches Gold und Silber gegen die wirklichen Unikate literarischer Noblesse?

Unser aller Herzibinki, unsere meistgelesene Autorin
Elfriede Jelinek, hat den Nobelpreis für Literatur erhalten. Wir wussten es ja insgeheim immer schon, dass sie so ganz und gar eine von uns ist. Seit Jahrzehnten entnahmen wir liebevoll und lernbegierig ihre rasierklingenscharfen Reflexionen über den ganz normalen Sinn des Alltags. Zu zigtausenden erfuhren wir, warum Feministinnen sich immer noch fürchten, warum Frauen der banalen, gemeinen Gewalt völlig alltäglicher Machos nach wie vor ausgeliefert sind.
Wir merkten in ständig steigender Zahl, dass ihre Angst beständig größer wurde, als sie dahinter kommen musste, dass es sich bei keinem Einzelschicksal um ein Einzelschicksal handelte, sondern um ein Steinchen im Mosaik der Mächtigen. Und dass in diesem Puzzle kein Pardon gegeben wird, weil dahinter der wieder aufkeimende Nationalismus bis hin zum Rechtsextremismus jegliche Liberalisierung, Toleranz und Mitmenschlichkeit verhindert.
Ohne eine der beiden Personen durch einen Vergleich kränken zu wollen, so lässt sich doch verallgemeinern: Die Jelinek ist der Ulrich Seidl der Bühne. So wie er anfangs verfemt war und von schrebergartengläubigen Filmkritikern zerfetzt wurde, weil seine Dokumentarfilme eine irritierend niederträchtige Welt hinter der Idylle zeigten, galt Elfriede Jelinek lange Zeit als eine noch viel bösartigere, gefährlichere Krätzen als selbst der einigermaßen gut gehasste Thomas Bernhard.
Wie konnte dieses ungehobelte Weib behaupten, bei uns gäbe es politische Kriminalität und zum Himmel stinkende soziale Verhältnisse? Wie konnte sie es wagen, Beschissenes Beschissenes zu nennen, Hinterfotziges hinterfotzig und Rassistisches rassistisch?

Nun stehen wir vor einem Malheur, schlimmer noch, als hätte Wolfgang Schüssel von André Heller geträumt. Wir Österreicher haben wieder eine Nobelpreisträgerin, deren Auslobung eine international unübersehbare Watschen für diese Regierung ist. Trotzdem müssen wir sie vereinnahmen. Staatssekretär Franz Morak, der um kulturelle Kalauer selten verlegen ist, empfand den Preis denn auch gleich als Anerkennung der kulturellen Aktivitäten in diesem Land. Viele andere, die von der Jelinek beharrlich in den Dreck geschleudert wurden, umkosten jenes „Genie, das eine andere Wirklichkeit darstellen kann“.
Beim nächsten Preis wird die politische Erbärmlichkeit deutlich geringer sein. Denn dann grinsen endlich alle wieder mit Hermann Maier.