Edward Snowden: Der Held, den keiner mehr wollte

PRISM - Edward Snowden: Der Held, den keiner mehr wollte

Edward Snowden wird in die Geschichte eingehen – das heißt aber nicht, dass seine Geschichte auch gut ausgeht.

Was für ein Duell: Ein blässlicher 30-Jähriger mit vier Laptops und ein paar USB-Sticks gegen eine Supermacht und ihre weltweit operierenden Geheimdienste – ungleicher könnten die Chancen kaum verteilt sein. Auf den ersten Blick zumindest.

Auf den zweiten sieht das Kräfteverhältnis wieder völlig anders aus, denn die Dateien, die auf den Rechnern und Datenträgern des jungen Mannes gespeichert sind, haben das Potenzial, selbst vermeintlich übermächtige Gegner in die Knie zu zwingen.

Und auf den dritten kehrt sich erneut alles um, und der David, der gerade noch in der Lage schien, einen Goliath zu besiegen, ist mit einem Mal wieder klein und hilflos.

Verworren, kompliziert? Ja. Aber so ist die Geschichte von Edward Snowden eben – jenes Computertechnikers, der die flächendeckende Überwachung des Internets durch die USA aufgedeckt hat und in der Folge um die halbe Welt gejagt wurde, bis er zunächst in Russland verschwand.

+++ Edward Snowden: Warum der Aufdecker des Skandals ein Held ist und Amerika bei der Terrorabwehr jedes Maß und Ziel verloren hat. +++

Es geht in dieser Geschichte nur an der Oberfläche um die Frage, ob Snowden jener Held ist, als den ihn seine Sympathisanten feiern; oder jener Verräter, als den ihn das Weiße Haus im Gefängnis sehen will. Es geht um weitaus mehr, als das offizielle Amerika, das den Fall auf die sicherheitspolitische und kriminelle Dimension reduziert, wahrhaben will.

Die Geschichte des Edward Snowden führt Milliarden von Internet-Usern drastisch vor Augen, was sie geahnt haben, aber nicht offiziell wissen konnten: dass es im Netz so etwas wie Privatsphäre schlicht und einfach nicht gibt, weil allmächtige Behörden jeden Mausklick und jeden Tastendruck speichern. Sie rührt an das Lebensgefühl einer ganzen Generation; den „Digital Natives“ offenbart sie, wie verletzlich und angreifbar das virtuelle Leben ist, das sie mehr oder minder gleichberechtigt neben ihrem echten führen. Und sie weckt, zumindest in Europa, auch die ungute Erinnerung an den Überwachungsapparat totalitärerRegime.

All das hat große Teile der Öffentlichkeit gegen die Argumentation der USA immunisiert, die schlicht und einfach lautet: Gegen Observation zu sein, heißt zwangsläufig auch, Terroranschläge in Kauf zu nehmen. Deshalb müsse es sich die ganze Welt gefallen lassen, präventiv unter Verdacht gestellt zu werden.

Snowdens Geschichte hat dem Internet unwiederbringlich die Unschuld genommen – jenem Medium, das als zutiefst demokratische Plattform entstanden und der ganzen Welt als Raum der ungehinderten, freien Meinungsäußerung zur Selbstverständlichkeit geworden war ...

Lesen Sie die Titelgeschichte von Anna Giulia Fink, Andrej Iwanowski (Moskau), Robert Treichler und Martin Staudinger in der aktuellen Printausgabe oder in der profil-iPad-App.