Prometheus: Alles außer irdisch

Die Bestie nistet in den Menschenkörpern: Regisseur Ridley Scott wagt sich mit „Prometheus“ nach 33 Jahren wieder auf das dünne Eis der mythofuturistischen „Alien“-Saga – und liefert seine beeindruckendste Inszenierung seit „Blade Runner“.

Schon in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrtausends träumte der britische Regisseur Ridley Scott davon, seinen legendären „Alien“-Film von 1979 weiterzudenken. Ihm schwebte ein fünfter oder sechster Teil vor – die „Alien“-Serie war, in den Händen schwächerer Regisseure, gerade bei Folge vier angelangt –, ein Film, mit dem man klären könnte, woher die Überreste jener fremden Zivilisation stammten, die in „Alien“ von der siebenköpfigen Besatzung des Space-Frachters „The Nostromo“ gefunden worden waren: eine Art biomechanisches Schlachtschiff, das einst dazu gedient haben mag, einen bakteriologischen Krieg anzuzetteln. Die monströsen Bilder, die Scott damals in britischen Filmstudios entwarf, gingen auf die Entwürfe eines Schweizer Künstlers zurück, auf die Visionen H. R. Gigers, der an einer ganz eigenen Form biotechnologischer Kunst arbeitete: an befremdlichen Kreuzungen von Fleisch und Maschine.

Nun hat Scott seinen alten Traum realisiert und unter dem Titel „Prometheus – Dunkle Zeichen“ seinen zweiten „Alien“-Film vorgelegt, der als Prequel, als Vorgeschichte der Saga geplant war, aber eher wie ein Remake in 3D mit deutlich erhöhtem Technologieaufwand erscheint. Dunkel sind die Zeichen tatsächlich, die Scott, inzwischen 74, hier an die Wand malt. „Prometheus“ startet 2089, als ein Archäologenteam auf Höhlenmalereien stößt, die darauf hindeuten, dass es in einer Epoche lange vor dem Auftauchen menschlicher Lebensformen außerirdische Populationen gegeben haben soll, die den Homo sapiens geschaffen haben könnten. Man fasst eine Recherchereise ins Auge, die Aufschluss geben soll über die Motive jener unbekannten Schöpfer der Menschheit. So landet das Spaceship Prometheus auf einem fernen Mond, dessen Crew nach zweijährigem Kältetiefschlaf, im Dienst eines milliardenschweren Konzerns, erneut auf einen kosmischen Gegner trifft, der sie zu dezimieren beginnt.

Der Titel ist gut gewählt, obwohl er aus der „Alien“-Welt zurückzuführen scheint in die griechische Mythologie: Prometheus gilt als Tier- und Menschenschöpfer, aber auch als Feuerbringer. Exakt davon handelt Scotts „Prometheus“: von der Erschaffung der Menschen – und ihrer Vernichtung.
„This is Ripley, last survivor of The Nostromo, signing off.“ Mit diesem Funkspruch der von Sigourney Weaver ge­spielten einzigen Überlebenden der „Nostromo“-Besatzung endete die erste Kinobegegnung zwischen Menschen und Außerirdischen. „Alien“ war Ridley Scotts zweiter Kinofilm – und machte nicht nur ihn schlagartig berühmt, sondern etablierte auch eine neue Linie im postmodernen Science-Fiction-Kino, die bis heute Schlag- und Zugkraft besitzt. Scott bezog sich in vielerlei Hinsicht auf Stanley Kubricks „2001“ (1968): Die Innenausstattung der „Nostromo“ ähnelt Kubricks Ideen ebenso wie der Einsatz eines Bord-Zentralcomputers namens „Mother“. Aber erst mit „Prometheus“ ist Scott tatsächlich bei Kubrick angekommen: mit einem über das Genre weit hinausreichenden philosophisch-mythologischen Überbau, der mehr Fragen aufwirft, als er Antworten zur Verfügung hat.

Scott hatte schon in „Alien“ einen wesentlichen Kunstgriff benutzt: Er machte, gegen alle Horrorfilmkonventionen, eine Frau zu seiner erzählerischen Leitfigur. Man erwartete Ripley als erstes Opfer der umtriebigen Bestie – und wurde getäuscht. Der raue Charme und die Effizienz von „Alien“ ergeben sich aber auch aus dem Umstand, dass da fast alles in Handarbeit entstanden war. Scott arbeitete mit stroboskopischem Licht und primitiver analoger Technologie – und mit Special-Effects-Spezialitäten vom Fleischmarkt: Die Kreatur etwa, die in „Alien“ ins Gesicht des arglosen Weltraumarbeiters John Hurt springt, wurde liebevoll aus den Details eines Kuhmagens und aus Schafeingeweiden gebaut, in ihren weiteren Mutationen auch aus dem Innenleben frischer Austern, aus Muscheln, Krebsen und anderen Krustentieren.

„Prometheus“ setzt nun einerseits stark auf Motive, die schon in „Alien“ präsent waren und vom Erwachen der Bordmannschaft nach monatelangem Hyperschlaf bis zur Enthauptung des von Michael Fassbender formidabel dargestellten Androiden reichen. Zugleich macht Scott aber auch seine (unausgewiesene) literarische Quelle deutlich, die bereits „Alien“ prägte: eine Erzählung des amerikanischen Schriftstellers Howard Phillips Lovecraft, der vor mehr als acht Jahrzehnten schon von Außerirdischen fantasierte, die einer vorzeitlichen, aber hoch entwickelten Gesellschaft entstammten.

In Lovecrafts 1931 verfasster, in dem US-Magazin „Astounding Stories“ 1936 erstmals erschienener Erzählung „At the Mountains of Madness“ („Berge des Wahnsinns“) führte die Expedition noch in die Antarktis. Ein Geologenteam entdeckt in einer eisigen und abgelegenen Bergregion eine steinerne tote Stadt, steigt ab in die labyrinthische, jahrmillionenalte Metropole im Inneren eines Bergs – und findet beunruhigende Spuren, die auf Alien-Besuch lange vor unserer Zeit schließen lassen. Lovecrafts klassische tale of terror entspricht Scotts „Prometheus“ perfekt: Sie schließt wissenschaftlichen Realismus und wüste Fantasterei kurz – und zitiert nicht nur Lovecrafts ureigene Horrormythologie, die von der fiktiven Miskatonic University bis zu dem „wahnsinnigen Araber“ Abdul Alhazred, dem Autor des gefürchteten Buchs „Necronomicon“ reicht, sondern bezieht sich ganz explizit auch auf reale Antarktisexpeditionen und Schauer­autoren wie Edgar Allan Poe.

Lovecrafts außerordentlicher Bericht von „kosmischen Krakenwesen“ und „urzeitlichen Kreaturen mit seesternförmigen Köpfen“ liest sich phasenweise wie eine Beschreibung der „Alien“-Filme. Es ist übrigens belegt, dass H. R. Giger seit je von Lovecraft stark beeinflusst ist. Der unaussprechliche Schrecken, von dem Lovecraft so kühl erzählte, findet sich auch in Gigers Entwürfen. Sein Alien-Prototyp ist insekten-, spinnen- und schlangenhaft, verwandelt sich in eine Art Tiermaschine, die über einen phallisch-metallischen Kopf, scharfe Nagelzahnreihen und starken Schleim- und Speichelfluss verfügt. Das Nisten der außerirdischen Bestie im Menschenkörper ist ein Grundthema der „Alien“-Saga; sie dringt in den Gastkörper ein, um darin zu wachsen – und diesen zu sprengen.

Das hohe Formbewusstsein, das in „Prometheus“ waltet, kommt durchaus unerwartet: Nach starkem Beginn – auf Scotts Ur-„Alien“ ließ James Cameron 1986 sein proletarisch-militärisches „Aliens“-Sequel folgen – sank die Betriebstemperatur der Saga in den 1990er-Jahren durch das Zutun von David Fincher („Alien3“, 1992) und Jean-Pierre Jeunet („Alien Resurrected“, 1997) auf Mindestniveau ab. „Prome­theus“ ist eine Rückkehr zu alter Form: Scott verbindet die Alien-Ikonografie mit experimentellem Futurismus und viel Lust an der SciFi-Populärkultur. So gelingt ihm ein bildmächtiges, schock-philosophisches Werk, mit dem aktuelle US-Blockbuster wie „The Amazing Spider-Man“ oder „The Dark Knight Rises“ nicht einmal ansatzweise mithalten können. „Prometheus“-Co-Autor Damon Lindelof, Mastermind der Mystery-Serie „Lost“, dürfte entscheidend dazu beigetragen haben, die „Alien“-Melange aus Wissenschaft, Theologie und Feminismus neu zu modulieren.

Anstelle von Sigourney Weaver tritt in „Prometheus“ Noomi Rapace als Kämpferin in Szene, während Michael Fassbender als ironiebegabte Menschmaschine glänzt – ein Ahn des von Ian Holm dargestellten Androiden Ash in „Alien“. Fassbender legt mit seiner an David Bowie gemahnenden Performance weitere popkulturelle Spuren: Er träumt hier, als ein vom Himmel Gefallener, nicht von elektrischen Schafen, sondern vom Kino des 20. Jahrhunderts, von Basketball und Peter O’Toole.

An Nordamerikas Kinokassen blieb der 130 Millionen Dollar teure „Prometheus“ hinter den hohen Erwartungen merklich zurück, was vermutlich an der avancierten Ästhetik ebenso liegt wie an der verrätselten Struktur des Films: Nichts ist hier sicher, sogar die Frage, ob „Prometheus“ wirklich das nachgelieferte Prequel zur „Alien“-Saga darstellen soll, bleibt ungeklärt. Gerüchteweise soll Scotts jüngstes Werk auch den lang gehegten Plan des mexikanischen Horrorvisionärs Guillermo del Toro einer eigenen Verfilmung der „Berge des Wahnsinns“ gekippt haben.
Dafür entschädigt „Prometheus“ mit besonders taktilen Qualitäten: Scott setzt gleichsam greifbare, fast körperlich spürbare Texturen gegen die Schimären und Phantasmen einer virtuellen Welt, in der sich Hologrammaufzeichnungen überall abrufen lassen. So spielt sein Film auch auf das Kino selbst an: Es geht ganz buchstäblich um projiziertes Licht in dunklen Höhlen, um den Traum von der Unsterblichkeit und die technische Reproduzierbarkeit von Geschichte und Geschichten. „Prometheus“ ist eine Laterna magica in Hightech-Ausführung, wie gemacht für eine Ära, in der die materielle Welt sich vor unseren Augen längst aufzulösen begonnen hat.