„Propaganda versagte“

Die Gender- und Gewaltexpertin Karin Gabbert über Frauen als Folter-Täterinnen.

profil: Haben Sie eine Erklärung dafür, dass auf den Folterfotos aus dem Irak immer wieder eine Frau, die US-Soldatin Lynndie England, zu sehen ist?
Gabbert: Es sind ja hunderte dieser Fotos gemacht worden. Aus einer medialen Perspektive ist die Frau als Täterin das Unerwartete, wirkt also stärker.
profil: Haben diese Bilder Sie selbst auch überrascht?
Gabbert: Nein. Dass Frauen das Gleiche tun wie Männer, wissen wir. Überraschender ist das Ausmaß des Kontrollverlusts der US-Regierung, sowohl militärisch als auch medienpolitisch. Das Überraschende ist, dass diese Fotos überhaupt an die Öffentlichkeit gelangen.
profil: Auch in US-Gefängnissen wird gefoltert. Gibt es einen Zusammenhang mit den Praktiken im Irak?
Gabbert: Gefangene in den USA werden oft als Personen angesehen, die ihre bürgerlichen Rechte verwirkt haben. Das in Abu Ghraib involvierte Personal ähnelt dem vieler US-Gefängnisse. Andererseits handelt es sich dabei um Reservisten, die nicht im Geringsten für diese Arbeit ausgebildet sind. Jemand wie Charles Graner, der von seiner Frau in den USA mehrfach verklagt wurde, weil er sie misshandelt hatte, hat sich eigentlich für den normalen Militärdienst in den USA disqualifiziert, er hätte dort keine Chance. Aber um Iraker zu bewachen, scheint er gut genug gewesen zu sein.
profil: Sie sagen, dass sich Frauen in Bezug auf Gewaltausübung nicht anders verhalten als Männer. Ist die Schwelle zur Gewalt nach einer traditionellen Mädchenerziehung nicht doch etwas höher?
Gabbert: Das ist meiner Meinung nach Quatsch. Männer sind öfter Bedingungen ausgesetzt, die Gewalt hervorrufen können. Wenn Frauen denselben Bedingungen ausgesetzt werden, handeln sie genauso. Den Soldaten im Irak wurde gesagt, dass ihre Gefangenen potenzielle Terroristen seien. Der Geheimdienst hat offenbar die Tatsache ausgenutzt, dass diese Reservisten die Regeln des Kriegsrechtes überhaupt nicht kennen. Übrigens war nicht nur die Leiterin des Gefängnisses eine Frau, sondern auch die Chefin des Militärgeheimdienstes, die diese Folterungen wohl zumindest gebilligt hat.
profil: Früher waren Frauen in Kampfeinheiten nicht zugelassen, heute foltern sie dort augenscheinlich. Was bedeutet dies für das kollektive Bild von der Frau im Militär?
Gabbert: Vorher produzierten die Medien das Bild von der schwachen Frau als Opfer und berichteten über Vergewaltigungen – jetzt ist es interessant, dass sich das Bild so drastisch umkehren lässt. Unverändert bleibt dabei, dass Frauen ins Bild kommen, sobald es um Sexualität geht.
profil: Bedeutet diese Umkehrung auch, dass die Problematik sexueller Gewalt gegen Frauen in der öffentlichen Wahrnehmung nun verblasst?
Gabbert: Das kann es bedeuten. Im Gefängnis von Abu Ghraib sollen auch inhaftierte Frauen vergewaltigt worden sein. Auch die nachgewiesenen zahlreichen Vergewaltigungen innerhalb der US-Truppe im Irak sind in der Öffentlichkeit kaum auf Interesse gestoßen.
profil: Im Golfkrieg 1991 dienten die Soldatinnen den USA als Symbolfiguren für einen sauberen Krieg. Ist dieses Bild nun zerstört?
Gabbert: Damals wie heute hat das Pentagon versucht, den Krieg auch über Frauen zu inszenieren. Nur klappt das diesmal nicht. Im Irak sollte die Soldatin Jessica Lynch die Heldin mimen. Aber sie hat nicht mitgespielt und stattdessen erklärt, sie habe sich nicht tapfer verteidigt und die Iraker seien keine Bestien gewesen.