Protektionskinder

Wer sagt, dass sie unfähig sind? Eben. Aber wer sagt, dass sie fähiger sind als andere?

Dem Tüchtigen gehört die Welt, und wenn sie ihm einmal gehört, dann vererbt er sie seinen Kindern. Ist doch so. Kollege X hat jetzt seinen Sohn als persönlichen Assistenten untergebracht. Der, dessen persönlicher Assistent der X-Sohn geworden ist, weiß hoffentlich, dass X auch in Zukunft kritisch über ihn berichten wird, wenn es nötig ist. Oder? Schauspielerin Y posiert mit ihrem Töchterlein für die Fotografen, das begabte Kind hat schon eine Hauptrolle in einem Fernsehfilm.

Wo du hinschaust, altbekannte Namen: in den Zeitungsredaktionen Jungreporter, deren Väter du kennst, seit sie ebenfalls Jungreporter waren, in der „ZiB“ eine Expertin aus einer bekannten Meinungsbildnerdynastie, in der Politik Promisprösslinge auf den vorderen Listenplätzen, in der Wirtschaft Erben in gemachten Nestern. Das ist nichts Neues. Schon immer haben Eltern, wenn sie dazu in der Lage waren, das berufliche Fortkommen ihrer Kinder beschleunigt. Das hat sich aber auch nicht wesentlich geändert seit den Zeiten der Erbpacht und der Standesvorrechte, und genau das irritiert. Denn eigentlich sollte sich doch was geändert haben. Beschwören wir nicht immer gleiche Chancen für möglichst alle?

Ach, was. Wer kann, bringt sein Kind gut unter. Und wenn man genauer hinschaut, dann ist die Zahl der gut untergebrachten Kinder, die zumindest ihren erfolgverheißenden beruflichen Start einigermaßen rührigen Eltern verdanken, beachtlich. Nein, das heißt nicht, dass die protektionierten Kinder durch die Bank unfähig sind. Es heißt allerdings auch nicht, dass sie durch die Bank fähiger sind als andere. Die protektionierten Kinder sind statistisch gesehen guter Durchschnitt, mehr oder weniger talentiert, selten besonders untalentiert, bei wohlwollender Führung entwickeln sie sich passabel. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Blöd für die anderen, für die aus den bescheidenen Elternhäusern, ist freilich: Wenn sie nicht als Meister oder Meisterin vom Himmel fallen, läuft gar nix. Da gibt’s keine wohlwollende Förderung und keinen Karriereschubs. Es sollen sich ja auch nur die Besten durchsetzen? Na ja. Tatsächlich ist es so: Die Allerbesten setzen sich eventuell trotz schwieriger Startbedingungen durch. Diejenigen hingegen, die aus angesehenen, etablierten Elternhäusern kommen, setzen sich eben auch durch, wenn sie bloß mittel­mäßig sind.

Und sogar Hochbegabte, Brillante gehen immer wieder verloren. Wo ist denn zum Beispiel Barbara Blaha geblieben, die ehemalige ÖH-Vorsitzende, die aus Protest gegen die Beibehaltung der Studiengebühren 2007 aus der SPÖ ausgetreten ist? Die SPÖ hat sie gewissermaßen achselzuckend ziehen lassen. Nicht so wichtig. Der ehemaligen Arbeiterpartei lag die Arbeitertochter offenbar nicht am Herzen, längst hat sich so was wie ein roter Adel herausgebildet, der ganz gern unter sich bleibt wie der blaublütige. (Zugegeben, Nepotismus, Kastendenken und Promigeilheit gibt es überall, aber an einer Partei, die sich für Chancengleichheit stark­gemacht hat und angeblich immer noch starkmachen will, sieht man dergleichen mit besonderem Bedauern.)

Ja, die menschliche Natur. Eltern werden halt immer bestrebt sein, ihren Kindern Wege zu ebnen, Freundschaften werden den Befreundeten immer zu einem Bonus verhelfen, persönliche Bekanntschaft schafft eine Vertrauensbasis, und überhaupt, eine Hand wäscht die andere.

Aber auch wenn man realistischerweise zur Kenntnis nimmt, dass es nie wirklich gerecht zugehen wird in der Welt, kann man sich doch bemühen, die ärgsten Ungerechtigkeiten abzuschaffen. In Österreich verschärft das Bildungssystem soziale Benachteiligungen, statt sie zu kompensieren. Nicht nur haben es Kinder aus bildungsfernen Schichten später schwerer, erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermarkten, sie kriegen gleich auch von vornherein weniger Chancen, ausreichend Kenntnisse und Fähigkeiten zu erwerben. Das beginnt im Vorschulalter, in dem ihre sprachlichen Defizite nicht bekämpft werden (und es sind keineswegs nur ausländische Kinder, die unter Ausdrucksarmut leiden), und setzt sich fort mit mangelnder Lernbetreuung in Halbtagsschulen sowie ständigem Selektieren, durch das Unwürdige ausgeschieden werden sollen, denn insgesamt liegt unserem Bildungssystem eine Haltung zugrunde, die nicht darauf abzielt, Talente zu entdecken und zu fördern, sondern Kindern und Jugendlichen mangelnde Begabung, mangelnden Fleiß, mangelnde Fähigkeiten nachzuweisen.

Das ist schade, weil es ein Brachliegenlassen von Ressourcen bedeutet. Und das ist verheerend, weil es den sozialen Unfrieden schürt. Jugendliche, die das Gefühl haben, dass sie im Stich gelassen und aufgegeben werden, sind willige Gefolgsleute für fragwürdige Erretter. Bedauerlicherweise war die Bildungspolitik im letzten Wahlkampf kaum ein Thema, bloß über Gebühren – für ein verpflichtendes Kindergartenjahr wie für den Hochschulzugang – wurde geredet. Ist es blauäugig zu hoffen, dass sie ­einer künftigen Regierung wirklich wichtig sein wird? Möglicherweise. Aber der Reformbedarf besteht.

Und wenn uns was einfiele, damit wir in irgendeiner fernen Zukunft ein bisschen seltener beobachten müssten, wie es schon wieder jemand, der über die entsprechenden gesellschaftlichen Verbindungen verfügt, seinem Sohn oder seiner Tochter gerichtet hat, dann wär das auch nicht schlecht.