Psychiatrie: Hirnwäsche

Am Wiener AKH wird eine neuartige Magnetfeldmethode zur Behandlung depressiver Patienten erprobt.

Die ersten Studienergebnisse seien viel versprechend, berichtet Siegfried Kasper, Ordinarius für Psychiatrie am Wiener AKH. Im Rahmen einer Multi-Center-Studie, an der neben psychiatrischen Kliniken in München, Berlin, Bonn und Ulm auch die Psychiatrische Universitätsklinik am Wiener AKH teilnimmt, wird derzeit eine neue, nicht medikamentöse physikalische Methode zur Behandlung depressiver Patienten erprobt.

Bei diesen Patienten ist die Gehirnaktivität im präfrontalen Cortex (vordere Hirnrinde) verringert, was negative Auswirkungen auf Antrieb und Stimmung hat. Daher wird mithilfe der so genannten Transkraniellen Magnetstimulation (TMS) versucht, die Hirnaktivität in dieser Zone anzuregen. Ein speziell für diesen Zweck konstruiertes Gerät namens „Rapid TMS“ erzeugt in zwei Spulen mit entgegengesetztem Stromfluss ein Magnetfeld mit Feldstärken bis zu 1,2 Tesla. Zum Vergleich: Ein Tesla entspricht der zwanzigtausendfachen Stärke des Erdmagnetfelds.

Der das Magnetfeld erzeugende Spulenteil des Geräts wird für etwa zehn bis 15 Sekunden über der linken vorderen Schläfe nahe an den Kopf des Patienten gehalten. Bisher wurden am AKH zwölf eher leichter depressive Patienten mit dieser Methode ambulant behandelt. Neun davon sprachen auf die Therapie an und waren noch nach sechs Wochen beschwerdefrei. Die Ergebnisse dieser ersten derartigen europäischen Studie an einer größeren Patientenzahl werden etwa in einem Jahr vorliegen. Erst dann wird man sehen, ob diese Therapieform für die allgemeine klinische Anwendung geeignet ist. In den USA wird die Transkranielle Magnetstimulation schon systematisch eingesetzt.

Die neue Magnetfeldtechnik kommt ursprünglich aus der Neurologie, wo man zunächst am offenen Schädel versucht hat, Gehirnzonen mittels elektrischer Reize zu stimulieren und sie dann einer zunächst bloß motorischen Funktion zuzuordnen, um so das Gehirn zu kartieren. Weil diese Versuche schmerzhaft waren, ging man dazu über, die Stimulierung durch die Schädeldecke (transkraniell) vorzunehmen.

Mit der Zeit sprach sich herum, dass die Probanden nach solchen Behandlungen über eine euphorische Stimmungslage berichteten. Der amerikanische Neurologe Mark George, der das in London aufgeschnappt hatte, kam 1990 auf die Idee, die Magnetfeldmethode zur Behandlung depressiver Patienten einzusetzen, bei denen Psychopharmaka wenig ausrichten konnten. Nachdem sich die Stimmung zweier Patienten nach einer derartigen Behandlung deutlich gebessert hatte, publizierte er 1995 die Ergebnisse.

Aufgrund der Berichte über Stimmungsaufhellungen nach neurologischen Magnetfeldbehandlungen begann auch der in Innsbruck und in Heidelberg ausgebildete Psychiater Siegfried Kasper, damals an der Universität Bonn, mit ähnlichen Untersuchungen, deren Ergebnisse er – „weltweit erstmals“, wie er betont – im Fachblatt „Human Psychopharmacology“ sowie gemeinsam mit seinem Team auf einem Kongress in Erlangen publizierte. Während Kasper die Methodik nicht überbewerten will, erzielen Wissenschafter der Universität Regensburg damit sogar gute Erfolge bei der Behandlung des Ohrensausens.

Der australische Physiker Allan Snyder, Direktor des Centre for the Mind an der Universität Sydney, prophezeit der TMS-Methode eine große Zukunft im Bereich des Hirndopings. Er träumt von einer Hirnkappe, welche die Neuronen im Gehirn mittels Magnetfelder beständig zu neuem Wachstum (so genannte Neuroontogenese) und neuer Aktivität anregt, um so das Genie im Menschen zu wecken. Kasper hingegen sagt, dass jedes Antidepressivum zur Neubildung von Neuronen führe. Daher seien Snyders Genie-Träume „so nicht richtig“.