Psychische Gewalt: Die Wahl der Qual

Ein Untersuchungsbericht des Pentagon enthüllt, dass US-Psychologen mentale Folterpraktiken entwickelten. Armee und Geheimdienste setzen diese seither bei Verhören ebenso gezielt wie brutal ein.

Als die Journalistin Jane Mayer vom Magazin „New Yorker“ vor zwei Jahren das Guantanamo-Gefängnis auf Kuba besichtigte, konnte sich ihr Fremdenführer Colonel Mike Bumgarner vor Begeisterung über sein Etablissement kaum zurückhalten: „Ich bin stolz auf das, was Sie hier sehen“, erklärte der für den Betrieb des Lagers zuständige Kommandeur. „Ich würde am liebsten die ganze Welt einladen, um ihr zu zeigen, wie das Aufsichtspersonal tätig ist. Die Gefangenen bekommen honigglasiertes Hühnchen und mit Zitronen gebackenen Fisch.“ Just in diesem Augenblick unterbrach den Colonel das Geschrei eines Zöglings vom anderen Ende des Zellblocks: „Sie lügen! Kein Essen! Kein Schlaf! Keine Medizin! Kein Arzt! Alle hier sind krank!“

Rasch wurde ruchbar, dass etwas faul war in Guantanamo Bay. Berichte über körperliche und psychische Folter drangen immer wieder an die Öffentlichkeit. Der in Deutschland geborene Türke Murat Kurnaz berichtete, weibliche Verhörspezialisten hätten ihm Sex im Austausch für geheime Informationen angeboten. Wärterinnen hätten Insassen zudem mit falschem Menstruationsblut beschmiert – für Moslems ein Akt höchster Unreinheit. Andere seien gefesselt in die israelische Flagge gehüllt worden, während sie gleichzeitig mit Stroboskopblitzen dauerhaft wach gehalten worden seien. Kalte Wassergüsse, stundenlanges Stehen, simuliertes Ertränken – all das mussten Gefangene erdulden. Wann immer ein Wärter jedoch über die Stränge schlug, ließ das Pentagon verlauten, habe man das übereifrige Personal gewissenhaft in seine Schranken verwiesen.

Doch ein kürzlich freigegebener Untersuchungsbericht des stellvertretenden Generalinspekteurs Shelton R. Young für Geheimdienstangelegenheiten im US-Verteidigungsministerium stellt nun klar, was etliche Beobachter längst vermutet hatten: Die Methoden sind Teil eines ausgeklügelten Programms mentaler Folter, das Psychologen im Dienst der US-Armee und der CIA in den vergangenen Jahren weiterentwickelt haben, um Gefangene psychisch zu brechen. In der American Psychological Association (APA) herrscht seither heller Aufruhr, bedeutet dies doch, dass Mitglieder gegen das oberste Gebot des Berufsstands verstoßen haben, nämlich gegen die hippokratische Selbstverpflichtung, Menschen zu helfen. Wissenschaftliche Experten betonen außerdem, dass die inhumanen Methoden Verdächtigen nur selten verlässlich die erwünschten Informationen entlocken. Überdies zeigten Forscher inzwischen, dass psychische Folter – und zwar selbst scheinbar harmlose Maßnahmen wie Isolationshaft – ebenso dauerhafte Schäden wie körperliche Torturen anrichtet (siehe Kasten Seite 124).

Folter-Schutz. Noch während des Koreakriegs richtete die US-Luftwaffe ein Trainingsprogramm ein, das Piloten darauf vorbereiten sollte, was zu tun sei, wenn sie nach einem Abschuss in Kriegsgefangenschaft geraten sollten. Es heißt SERE, was für „Survival, Evasion, Resistance and Escape“ (Überleben, Ausweichen, Widerstand und Flucht) steht. Es bereitet bis heute Armeeangehörige darauf vor, Foltermethoden von Feinden zu überstehen, die sich wenig um Menschenrechte scheren. Selbst die Leiter des SERE-Programms gestehen ein, dass es sich bei vielen dieser Methoden nach der Genfer Kriegsgefangenenkonvention um Folter handelt.

Ohne Samthandschuhe. Nach dem Angriff auf das World Trade Center und das Pentagon im September 2001 änderten sich jedoch die Prioritäten. Nun sollten die SERE-Erkenntnisse neuerlich helfen – allerdings mit quasi umgekehrten Vorzeichen: Statt US-Soldaten vor brutalen Verhörpraktiken zu schützen, wollten die USA ihre „innovativen“ Techniken aktiv in den Dienst des Vaterlands stellen. Den „ungesetzlichen feindlichen Kämpfern“ – jene juristisch obskure Kategorie jenseits von Zivilisten und Kriegsgefangenen, welche sich die Bush-Regierung eigens für Terrorverdächtige ausgedacht hat – sollten diese Behandlungsmethoden zuteil werden. Der damalige Chef der CIA-Terrorbekämpfung, Cofer Black, umschrieb die Situation vor dem US-Kongress knapp: „Es gibt eine Zeit vor dem 11. September und eine danach. Nach dem 11. September legten wir die Samthandschuhe ab.“

Wie Youngs Report vermerkt, fand im September 2002 in Fort Bragg in Alabama, einem SERE-Ausbildungslager, erstmals ein Treffen zwischen Psychologen des SERE-Programms und den für Guantanamo Bay zuständigen Verhörspezialisten statt. Zweimal reisten SERE-Ausbildner später außerdem nach Guantanamo, um die dortigen Militärs zu schulen. Im Oktober 2002 bat der Kommandeur der Joint Task Force 170, welche für die Verhöre von Taliban- und Al-Qa’ida-Häftlingen zuständig war, die neuen Methoden für „besonders starken Widerstand leistende Gefangene“ anwenden zu dürfen. Der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld erteilte im Dezember 2002 die Erlaubnis.

Zermürbung. Der SERE-Verhörprozess umfasst mehrere Schritte, in deren Folge der Gefangene zusehends mürbe gemacht werden soll. Es beginnt mit einem massiven Generalangriff auf die Sinne: donnernd laute Musik, Hundegebell, Stroboskop-Licht. Hinzu kommen quälend starre Körperhaltungen – in den Anweisungen für Guantanamo bis zur vier Stunden. Rumsfeld hatte allerdings einen Einwand: „Ich stehe täglich acht bis zehn Stunden. Warum beschränkt auf vier Stunden?“, kritzelte er neben seine Unterschrift. In einem nächsten Schritt wird ein Gefangener psychisch erniedrigt: Er wird ausgezogen, nackt verhört, muss in Frauenunterwäsche posieren, wird von weiblichen Aufsehern beleidigt oder zum Masturbieren gezwungen. Ebenso kann es passieren, dass strenggläubige Personen ihre heiligen Schriften geschändet sehen. Aus dem Militärlager im Südosten Kubas drangen mehrere Berichte, wonach auf den Koran uriniert oder einzelne Seiten die Toilette hinabgespült wurden.

In Phase drei werden Todesängste bloßgelegt: etwa indem ein Verhörexperte den Gefangenen davon überzeugt, dass ihm sein Ende oder zumindest äußerst schmerzhafteste Erfahrungen unmittelbar bevorstünden. Phobien vor Spinnen, Schlangen oder Hunden werden zusätzlich gezielt ausgenutzt. Und als einsamen Höhepunkt genehmigte das Pentagon sogar das berüchtigte „Waterboarding“ – wenn man ein nasses Handtuch über einen Kopf legt, über welches man Wasser fließen lässt, entsteht der Eindruck des Ertrinkens.

Die Methoden blieben nicht auf Guantanamo beschränkt. Sie „migrierten“, wie Youngs Bericht konstatiert, ebenso nach Afghanistan wie in den Irak. Auf den unrühmlichen Fotogalerien aus dem Haftbunker Abu Ghraib finden sich in der Tat etliche SERE-Elemente: verhüllte Köpfe, sexuelle Erniedrigung, Bedrohung mit Hunden.

Die an diesen Unterweisungen beteiligten Psychologen waren Mitglieder der APA, in deren ethischen Richtlinien steht: „Psychologen streben danach, jenen zu helfen, mit denen sie zusammenarbeiten, und bemühen sich, ihnen kein Leid zuzufügen.“ Als der Sündenfall in der Organisation bekannt wurde, ordnete die APA 2005 eine Untersuchung an. Freilich: Sechs von zehn Kommissionsmitgliedern gehörten dem US-Militär an. Drei von diesen hatten zudem selbst mitgeholfen, die SERE-Praktiken umzusetzen.

So war ein früherer SERE-Psychologe, Captain Bryce Lefever, 2002 auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Baghram bei Kabul stationiert, um bei Verhören der „feindlichen Kämpfer“ auszuhelfen. Später wurde bekannt, dass dort zu dieser Zeit Gefangene misshandelt und gequält worden waren. Ein weiteres Untersuchungsmitglied war Colonel Morgan Banks, der ranghöchste SERE-Psychologe bei der Army, unter dessen Aufsicht alle zu untersuchenden Tätigkeiten von SERE-Psychologen fielen. Ein weiteres Untersuchungsmitglied, Scott Shumate, war von April 2001 bis Mai 2003 Chefpsychologe der Antiterrorabteilung des CIA. In dieser Funktion wirkte er bei Verhören in „Black Sites“, den CIA-Geheimgefängnissen, mit. Das mehrheitlich getroffene Urteil der Kommission überraschte deshalb nicht: „Es steht im Einklang mit dem ethischen Code der APA, in beratender Funktion bei Aufklärungs- und Verhörprozessen zum Nutzen der nationalen Sicherheit zu dienen.“

Keine Aufklärung. Das sieht freilich nicht jeder so: „Bei dieser Besetzung war ein unvoreingenommener Bericht nicht möglich“, erklärt ein früherer Präsident der APA, der Sozialpsychologe und Folterexperte Philip Zimbardo, emeritierter Professor von der Stanford University. „Es gab kein Interesse an einer echten Aufklärung.“ Die amerikanischen Berufsverbände der Ärzte, Psychiater und Krankenschwestern jedenfalls hatten ihren Mitgliedern verboten, an solchen Verhören teilzunehmen. In einem Anfang Juni veröffentlichten Brief forderten dutzende Mitglieder der APA die Präsidentin Sharon Brehm auf, ein für alle Mal Klarheit zu schaffen. Bei der Jahrestagung der Organisation im August in San Francisco soll ein Beschluss gefasst werden, der es auch US-Psychologen künftig untersagt, an solchen Verhören zu partizipieren.

Rein rechtlich sind fast alle Zwangsmaßnahmen weiterhin anwendbar. Zwar gibt es seit Ende vergangenen Jahres ein neues US-Gesetz, nach dem die Genfer Konvention auch für die „feindlichen Kämpfer“ gelten solle. So seien nun Waterboarding und Schlafentzug nicht mehr zulässig – zumindest erklärte dies Senator John McCain, der selbst fünf Jahre Kriegsgefangenschaft in Vietnam verbrachte und dabei gefoltert wurde. Öffentlich bestätigt ist diese Anordnung allerdings nicht – das Weiße Haus äußert sich zu spezifischen Verhörmethoden nicht. Bekannt ist jedoch, dass mit der Zustimmung des Präsidenten besonders harsche Methoden weiterhin benutzt werden dürfen.

Wertlose Informationen. Die wichtigste Frage bleibt freilich offen – wie effektiv diese Foltermethoden überhaupt sind. Denn Zwangsmaßnahmen führen regelmäßig zu höchst unzuverlässigen Ergebnissen, wie israelische Geheimdienstleute berichten. Eines der Schlüsselelemente von Colin Powells UN-Rede, mit der er den Einmarsch im Irak rechtfertigte, war die Aussage eines hohen Al-Qa’ida-Mannes, es habe Kontakte zu Saddam Hussein gegeben. Er gab die „Information“ preis, nachdem man ihn einer Waterboarding-Prozedur unterzogen hatte.

Doch welche Methoden sind im Sinne der Informationsbeschaffung tatsächlich verlässlich? Ein vom National Defense Intelligence College in Washington im vergangenen Dezember veröffentlichter Aufsatzband versucht, dieser Frage mithilfe von Geheimdienstlern, Psychologen und Rechtsexperten auf den Grund zu gehen. „Educing Information“ (Informationen extrahieren) lautet der Titel des Werks, das auf mehr als 370 Seiten das schlichte Dilemma darlegt, dass niemand genau weiß, was funktioniert und, wenn möglich, auch noch ethisch vertretbar ist. Die von Geheimdiensten und dem Militär praktizierten Methoden basieren weitgehend auf intern tradierten, stets neu angepassten Praktiken. Doch akademische Forschung auf dem Gebiet der Verhörtechniken dagegen ist rar. Das hat einen guten Grund: Denn wie konstruiert man ein realistisches Verhörexperiment, ohne moralische Grenzen zu überschreiten?

Von Hubertus Breuer