Psychologie: Die Sehnsucht nach der Magie
Der Glaube an das Übersinnliche wächst

Die Wissenschaft ortet eine steigende Sehnsucht nach Haltegriffen in unruhiger Zeit – und beweist das Fehlen jeder seriösen Grundlage und Wirkung.

Seit wenigen Tagen parkt der neue Toyota TF106, ein Hoffnungsträger der Formel-1-Saison 2006, in einer Box auf dem spanischen Circuit de Catalunya. Die Garage des Boliden liegt zwischen den Boxen zwölf und 14 und trägt keine Nummer; das Schild ist einfach nur weiß. Mit der Zahl 13 kann im Autorennsport niemand etwas anfangen – und nicht nur dort. Laut Aufzeichnungen des amerikanischen Liftherstellers Otis haben 85 Prozent aller Wolkenkratzer mit Otis-Aufzügen keinen 13. Stock: ein abergläubischer Nummerierungstrick, vor dem Feuerwehren ständig warnen, wie Firmensprecher Dilip Rangnekar zugibt: „Sie bitten Architekten und Bauherren immer wieder, den 13. Stock auch so zu nennen, denn Rettungsmannschaften zählen von außen die tatsächlichen Etagen, um an die Brandherde zu gelangen.“

Allein, der Wunsch der Florianijünger bleibt zumeist unerhört. Zu tief, befindet die US-Immobilienzeitschrift „Realty Times“, sei die negative Magie der Zahl im Bewusstsein der Menschen verwurzelt. Triskaidekaphobie nennt die klinische Terminologie die Angst vor der 13; tritt die Zahl gemeinsam mit einem Freitag auf, spricht man von Paraskavedekatriaphobie.

Mehr Aberglaube. Laut neuester Befragung des Allensbacher Instituts für Demoskopie, das seit 1973 regelmäßige Befragungen zum Aberglauben der Deutschen durchführt, messen mittlerweile 28 Prozent der Deutschen der Zahl eine Bedeutung zu. In den siebziger Jahren waren es noch 17 Prozent. Wie die Studie zeigt, ist die Welt mehr denn je durchdrungen von Aberglauben. Vierblättrige Kleeblätter, Sternschnuppen, Spinnen am Morgen und ähnliche Symbole werden heute beinahe doppelt so oft mit einer Bedeutung für das eigene Geschick versehen wie noch vor einem Vierteljahrhundert. Aber nicht nur die traditionellen abergläubischen Vorstellungen boomen. Vor wichtigen Wettkämpfen duschen Sportler oft nicht oder lassen sich wochenlang die Bärte stehen. Spieler am Roulettetisch vollführen seltsame Bewegungsrituale, bevor sie ihre Chips auf das gewählte Feld schieben. Studenten treten ohne Maskottchen oder ein bestimmtes Kleidungsstück gar nicht erst zu entscheidenden Prüfungen an.

Liebeskreuze. Wie Lauffeuer verbreiten sich neue seltsame Praktiken, um das Glück zu beschwören und Übles hintanzuhalten. Exakt 7,38 Meter hoch müssen etwa die so genannten Liebeskreuze sein, die seit einigen Jahren im ländlichen Raum, auch in Österreich, aus dem Boden schießen und Krieg, Krankheit, Sturm und diverses anderes Böse ablenken sollen. Frommen Französinnen waren die religiösen Installationen direkt von Jesus aufgetragen worden. Die Höhe bezieht sich auf die 738 Meter Seehöhe des Hügels Golgatha. Aus baulichen Gründen habe Jesus „einen Kompromiss erlaubt“, wie selbst die Diözese Linz, Filiale eines von Wunderglauben nicht ganz freien Weltverbandes, unkte. Der Kult um die Kreuze, so das Linzer Referat für Weltanschauungsfragen, sei „ein moderner Aberglaube“.

Die Unheil abwehrenden Landschaftsmale verursachen viel Kopfschütteln in weiten Kreisen der Bevölkerung. Doch wer ehrlich ist, mag sich fragen, an was er selbst wie selbstverständlich glaubt. Das Übersinnliche, analysiert der Trendforscher Matthias Horx in seinem „Trendreport 2004“, habe „die gesellschaftliche Mitte“ erobert. Paranormale Überzeugungen – etwa jene, dass Telepathie, Hellseherei und Telekinese (das Bewegen von Gegenständen durch rätselhafte Geisteskräfte) funktionieren –, Astrologiegläubigkeit und Aberglaube seien zu „Grundnahrungsmitteln“ einer Gesellschaft in transzendentaler Obdachlosigkeit geworden. In der Tat: Warum sonst bediente die öffentlich-rechtliche ARD Ende 2003 ihr Publikum zur besten Sendezeit mit einer TV-Doku-Serie unter dem Titel „Dimension PSI“ (Psi ist der 23. Buchstabe des griechischen Alphabets und wurde zum Kürzel für den Begriff Parapsychologie), in der Parapsychologen als wissenschaftliche Berater fungierten und der Chefredakteur des Senders, ein gemeinhin rationaler Mensch, sich zum „kleinen, überhaupt nicht politisch korrekten Zweifel, der sich mit feinen Widerhaken auch im kartesianischsten Hirn festsetzen kann“, bekannte? Warum folgte der ORF heuer mit einer ähnlichen, noch eine Spur reißerischeren Serie namens „Mystery“? Weil das Fundament der Akzeptanz dafür vorhanden ist. 65 Prozent der Österreicher bekannten Ende 2001, an zumindest ein übernatürliches Phänomen zu glauben – fünf Prozentpunkte mehr als noch ein knappes Jahrzehnt zuvor. Die beliebtesten Unerklärlichkeiten: Telepathie, Wunderheilen und Hellsehen.

Aber wie kommt es zu solchen Überzeugungen? Und vor allem: Was macht sie so unerschütterlich? Gesellschaftspolitische Erklärungen, wie sie Soziologen und auch Sektenreferate etablierter Kirchen gerne bieten, können allenfalls die Stimuli für jene Reize definieren, die magisches Denken erst in Gang setzen. Die tiefer gehende Erforschung paranormaler Überzeugungen fristete lange Zeit eher eine Randexistenz in den dafür infrage kommenden wissenschaftlichen Disziplinen. Eher beiläufig gewannen Psychologen bei ihren Experimenten zum menschlichen Verhalten auch Kenntnisse darüber, wie Irrationalität entstehen könnte. Und die Auseinandersetzung der etablierten Wissenschaft mit der Möglichkeit einer realen Existenz von Phänomenen, die naturwissenschaftlich nicht zu erklären sind, galt ohnehin als verpönt. Aufklärung, lautete die Devise. Schließlich konnte es schon Immanuel Kant niemandem verdenken, wenn er die Geisterseher „kurz und gut als Kandidaten des Hospitals abfertigt und sich dadurch allen weiteren Nachforschens enthebt“.

Doch in jüngerer Zeit wird wieder intensiver nachgeforscht. Interdisziplinäre Ergebnisse füllen Lücken im Puzzle. Der Widerspruch zwischen der fehlenden wissenschaftlichen Akzeptanz und der Verbreitung des Glaubens an solche Phänomene, argumentiert der Wiener Psychologe Andreas Hergovich in seinem Buch über die Psychologie paranormaler Überzeugungen, macht die Frage nach den Ursachen drängend.

Hoffnung und Angst. So viel steht fest: Den Königsweg zur Erklärung paranormaler Überzeugungen gibt es nicht. Und wenn es denn eine universelle Wahrheit zum Thema Aberglaube gebe, so der US-Psychologe Stuart A. Vyse in seinem Buch „Psychologie des Aberglaubens“, dann die, dass das Verhalten „als Reaktion auf Unberechenbarkeit“ entsteht. Diese Erkenntnis artikulierte der polnische Ethnologe Bronislaw Malinowski während des Ersten Weltkriegs, als er, aus Angst, zum Militär eingezogen zu werden, auf den melanesischen Trobriand-Inseln lebte. Dabei stellte er fest, dass die Fischer komplizierte magische Rituale nur einsetzten, bevor sie auf das offene Meer hinausfuhren. Blieben sie in der Lagune, machten sie sich ganz pragmatisch an die Arbeit. „Wir finden Magie“, schrieb Malinowski später, „wo immer die Elemente von Glück und Unglück und das emotionale Spiel zwischen Hoffnung und Angst weiten und ausgedehnten Spielraum haben.“ Der überdurchschnittlich verbreitete Aberglaube bei Sportlern und Glücksspielern gibt dem Forscher bis heute Recht.

Doch rituelle Anwendungen finden nicht nur dann statt, wenn viel auf dem Spiel steht. 30 Jahre nach Malinowskis Studien bewies der junge Harvard-Psychologe Burrhus Frederic Skinner, dass abergläubisches Verhalten im weitesten Sinn auch bei Tauben auftritt. In seinem 1948 erschienenen Bericht über den „Aberglauben bei Tauben“ schilderte er seine Versuche mit den Vögeln. Er setzte ein hungriges Tier in eine Kiste und installierte einen Futterautomaten, der alle 15 Sekunden ein Körnchen freigab. Doch anstatt einfach auf das Futter zu warten, verhielten die Tiere sich sehr bald seltsam. Sie tanzten, reckten die Köpfe und pickten in die Luft. Was war geschehen? Die Vögel wurden konditioniert. Sie begannen, die automatische Futterzufuhr auf ihr Verhalten zurückzuführen, sie wurden Opfer eines Denkfehlers. Skinners Experimente waren nicht unumstritten. Manche Forscher meinten, die Tauben hätten nur instinktives evolutionäres Verhalten gezeigt, anderen war die Lösung des Rätsels Aberglaube schlicht zu einfach.

Rituale. Ende der achtziger Jahre schließlich wurden die Versuche zur so genannten operanten Konditionierung beim Menschen durchgeführt. An der Universität Kansas installierten Psychologen einen Clown namens „Bobo“, der wie zuvor Skinners Futterautomat in regelmäßigen Abständen Murmeln freigab. Kinder als Versuchspersonen mussten eine gewisse Anzahl von Kugeln sammeln, um ein Geschenk zu erhalten. Fazit: Auch wenn „Bobo“ alle 15 Sekunden eine Murmel aus seinem Mund rollen ließ, entwickelten 75 Prozent der Kinder Rituale, die sie als Motivation für den Clown deuteten: Nase küssen, Grimassen schneiden oder Hüften wiegen. Der Psychologe Peter Killeen von der Arizona State University erblickt in diesem Verhalten schlicht den Wunsch, auf Nummer sicher zu gehen. Der geringe Aufwand einer kleinen Geste lohnt sich für eine wichtige Belohnung – noch dazu, wenn keine rationale Lösung des Problems in Sicht ist; deshalb werden die scheinbar zielführenden Handlungen während des Experiments ständig wiederholt.

Ein weiterer Grund für die Entstehung von Aberglauben ist die menschliche Unfähigkeit, einen pragmatischen Umgang mit dem Zufall zu pflegen. Das Gehirn ist dafür nicht ausgerüstet, sagt der Schweizer Neuropsychologe Peter Brugger, „sondern im Gegenteil für das Erkennen von Ordnung und Regelmäßigkeit“. Dazu kommen noch „Probleme mit der Mathematik der Wahrscheinlichkeit“, so US-Psychologe Vyse. Deshalb misst der Mensch zufälligen Ereignissen gern „eine unangemessene Bedeutung“ bei. In einem Experiment der Hebräischen Universität Jerusalem in den achtziger Jahren sollten 215 Studenten ihre persönliche Namenszahl errechnen – eine Summe, die sich aus Buchstaben zugeordneten Zahlen ergab und auf die neuerdings populäre okkulte Kabbala-Tradition im Judentum anspielt, wo Zahlenwerte von Wörtern eine Rolle spielen. Zufällig waren einige Namenszahlen gleich, doch nahezu alle betroffenen Studenten sahen darin eine sie in Beziehung setzende Bedeutung.

Täuschung. Doch mit Skinner-Box, Clown, Zahlenspielen oder Ganzfeld-Experimenten konnte nur nachgewiesen werden, dass Menschen relativ leicht kognitiv getäuscht werden können. Erst seit wenigen Jahren wirkt sich die Öffnung der kognitiven Psychologie auch auf die Erforschung des Aberglaubens und der paranormalen Überzeugungen aus. Klinisch-psychologische und neurologische Ansätze spielen plötzlich eine viel bedeutendere Rolle. Schließlich verfügten Skinners Tauben auch über keinen biografischen Hintergrund, der magisches Denken beeinflussen könnte. In den Mittelpunkt rückt die Frage, warum der Mensch glaubt und in welchem Ausmaß es das Individuum tut. Davon, so die Hoffnung, lassen sich auch Anomalien spirituellen Denkens ableiten.

Die ältesten Funde, die auf magische Handlungen von Menschen hindeuten, sind 370.000 Jahre alt. Knochenfunde im nördlichen Thüringen weisen eingeritzte Muster auf; Schädelanhäufungen könnten Relikte kultischer Handlungen sein. Schrift und Schamanismus beim Homo erectus? Zumindest die Fähigkeit zu abstraktem Denken muss bereits vorhanden gewesen sein – eine Voraussetzung dafür, unerklärlichen Dingen eine Bedeutung beimessen zu können.

Der ziemlich neue und umstrittene Zweig der so genannten Neurotheologie lässt sogar die Spekulation zu, dass die ersten rituellen Handlungen eines denkfähigen Menschen biologisch indiziert worden sein könnten. Auf der Suche nach dem „Gottes-Gen“ gelang es Forschern bereits, religiöse Ekstase durch Verabreichung des Pilzgiftes Psilocybin auszulösen. Neurologische Auffälligkeiten wurden auch bei meditierenden tibetanischen Mönchen gemessen, die der Dalai-Lama vor einigen Jahren einem US-Gehirnforscher zur Verfügung stellte. Die verblüffenden Messergebnisse: Magisches Denken scheint seinen Platz in der rechten Hirnhälfte zu haben. Ist diese einschlägig aktiviert, so sinkt die Durchblutung im Orientierung-Assoziations-Areal des Scheitellappens, jenem Orientierungsfeld, das – wie der Wissenschaftsautor Martin Urban formuliert – „zwischen dem Individuum und der Welt zu unterscheiden befähigt“.

Es gibt also zumindest eine neurologische Basis für psychische Prozesse im spirituellen Bereich. In einem Versuch mit Personen, die an außersinnliche Wahrnehmung (ASW) glauben, und solchen, die das nicht tun, zeigte der Schweizer Neuropsychologe Peter Brugger vor zwei Jahren, dass auch Paranormalgläubigkeit „mit einer relativen Überaktivierung der rechten Hemisphäre“ zu tun hat. Das Areal reagierte bei ASW-Personen, die mit mehr oder weniger sinnvollen Wortpaaren konfrontiert wurden (etwa Löwe–Mähne oder Buch–Zitrone) gleich stark. Die Gehirne der Paranormal-Skeptiker reagierten wesentlich schwächer. Bruggers Schluss aus diesen Ergebnissen: ASW-Gläubigkeit erhöhe die Bereitschaft, „selbst den banalsten Zufällen des Alltags einen tieferen Sinn abzugewinnen“.

Paranormalgläubige lassen sich auch, was die Existenz solcher Phänomene betrifft, viel leichter täuschen. In einer Séance mit so genannten „Schafen“, einem Fachausdruck für Gläubige, und ungläubigen „Ziegen“, die der britische Psychologe Richard Wiseman 2003 veranstaltete, foppte er die Teilnehmer, indem er sie in einem abgedunkelten Raum mit den Worten „Sehr gut, der Tisch hebt jetzt ab, weiter“ ermunterte. Der Tisch freilich rührte sich nicht. 31 Prozent der Teilnehmer glaubten aber später, sie hätten ihn zum Schweben gebracht, darunter deutlich mehr „Schafe“.

Glaubenswille. Ähnliche Verhaltensweisen legen auch Astrologiegläubige an den Tag. In zahlreichen Studien zeigte sich: Wer den Sternen vertraut, glaubt, was er glauben will, selbst wenn er mit völlig allgemein gehaltenen Horoskopen, die nichts mit seinen Geburtsdaten zu tun haben, konfrontiert wird – oder gar mit bewusst falschen Negativbeschreibungen der eigenen Person. „Wieso“, fragt deshalb auch Hergovich, „glauben so viele Menschen an die Gültigkeit der Astrologie, obwohl die empirischen Belege ihr ein vernichtendes Zeugnis ausstellen?“ Seine Antwort: „Ich vermute, dass Astrologie für diese Menschen die Funktion hat, Gesetzmäßigkeit, Sinn und Bedeutung in ihr Leben zu bringen.“ Die Pseudowissenschaft sei eine „Gestirnreligion“, bei der vor schwierigen Entscheidungen eben Sterne statt Göttern befragt werden. Immerhin, auch Astrologen können sich dieser Ansicht trotz ihres vielfach wissenschaftlichen Anspruchs nicht verschließen. „Ziel ist es, das Leben zu organisieren“, beteuert der Münchner Astrologe Christopher A. Weidner. „Wenn Astrologie dieses Ziel erreicht, dann braucht sie sich nicht zu rechtfertigen.“

Täuschung. Für Hergovich ist die Erforschung beharrlichen Glaubens an Paranormales seit einigen Jahren eine besondere Herausforderung. Hergovich bringt viel Szenewissen mit; sein Hobby ist die Zauberei, er ist sogar Mitglied des Vereins Magischer Cercle Wien. Somit weiß er auch, dass die Geschichte der Parapsychologie voller Tricks und Täuschungen steckt. „Von Beginn an“, so der Psychologe, „war die Parapsychologie mit dem Stigma des Betrugs behaftet.“ Und vielfach kann sie auch heute noch überführt werden: Der rätselhafte Magnetismus, durch den an bestimmten Personen Bügeleisen und andere Metallgegenstände haften bleiben, existiert wohl nicht. Auch Hergovichs Studenten bringen das mit entsprechender Kleidung und Körperhaltung zuwege. Uri Geller, in Zeiten wie diesen wieder gern gesehener Talkshowgast, wurde mehrfach der Tricktäuschung überführt. Seine Metiers scheinen eher Manipulation und Ablenkung zu sein.

Noch nie, sagt Hergovich, ist ein parapsychologisches Phänomen empirisch nachgewiesen worden; Übernatürliches entzieht sich beharrlich der Reproduzierbarkeit im Labor. In anderen Worten: Geister spuken nicht auf Kommando. Erklärbar ist Parapsychologie auch nicht und soll es auch gar nicht sein, obwohl sich die Proponenten gerne einen wissenschaftlichen Anstrich geben. Nicht umsonst bedienen sich Parapsychologen gerne des Vokabulars der Quantenphysik. Zwischen etablierter Forschung und ausgegrenzter Para-Wissenschaft herrscht somit ein Patt – zumindest bis signifikante Ergebnisse vorzuweisen sind.

Warum sich die übersinnlichen Überzeugungen dennoch eisern halten, ist aber seit etwa einem Jahrzehnt Gegenstand tiefer greifender Forschungen. Offenbar gibt es so etwas wie Psi-Persönlichkeiten, und offenbar ist Psi-Gläubigkeit – ebenso wie über das gesellschaftlich verbreitete Ausmaß hinausgehender Aberglaube – eine Strategie zur Bewältigung von traumatischen Erlebnissen. „Auf diesem Gebiet muss in der Forschung aber noch einiges getan werden“, sagt Hergovich.

In der Tat ein heikler Forschungsansatz. Dennoch deuten Studien darauf hin, dass Psi-Neigungen auch ein Rahmen sein könnten, „der dem Betroffenen hilft, mit extremen Ereignissen fertig zu werden und diese zu verstehen“ (Hergovich). Schließlich zeigten zahlreiche psychologische Studien auch schon, dass traumatische Kindheitserlebnisse später zu einer ausgeprägten Fantasie führen können.

Mithilfe der 1983 entwickelten Skala der magischen Ideenbildung, die eigentlich dazu dienen sollte, schizoide Neigungen festzustellen, haben Psychologen nunmehr auch ein Instrument zur Verfügung, mit dem sich Psi-Neigungen und die Folgen besser abschätzen lassen. Die Skala ist im Grunde ein Fragebogen mit 31 Fragen, von denen viele das Vorhandensein abergläubischer Vorstellungen prüfen: Stimmen Horoskope so häufig, dass es kein Zufall sein kann? Gibt es Ängste vor der Zahl 13, der Zahl 7 oder davor, auf Risse im Pflaster zu treten? Und wie sieht es aus mit dem Glauben an Wiedergeburt, Gedankenlesen und die Beeinflussung von Lebenden durch die Geister von Toten? Mitte der neunziger Jahre machte sich der Psychologe Loren Chapman von der Universität Wisconsin auf die Suche nach Studenten, die Jahre zuvor bei einem Test viele beziehungsweise sehr wenige Psi- und Aberglaubenpunkte auf der Skala erzielt hatten. In der Psi-Gruppe stellte Chapman einen wesentlich höheren Anteil von ehemaligen Probanden fest, die schizophrenieartige Störungen, andere Formen von Psychosen oder Depressionen entwickelt hatten.

Therapieform. Dennoch warnen Forscher davor, Aberglaube und Psi-Neigung grundsätzlich als Warnzeichen für psychotische Störungen zu sehen. Auch falscher Glaube, tröstet der deutsche Anthropologe Volker Sommer, könne nützlich sein, denn es sei „schwieriger, an nichts zu glauben, als irgendeiner Ansicht anzuhängen, und sei sie noch so absurd“. Und auch Andreas Hergovich sieht, wie er bekennt, nach seinen Forschungen „heute keinen Ansatzpunkt mehr für die wissenschaftliche Kritik paranormaler Überzeugungen“. Es wäre fragwürdig, sagt er, das Verhalten einer einzelnen Person als irrational zu bezeichnen, „weil sie von der Parapsychologie gelieferte Erklärungsmuster für die Deutung persönlich außergewöhnlicher Erfahrungsmuster heranzieht“. Unter diesem Aspekt könnten Aberglaube und Lust am Spuk glatt als älteste psychische Therapieform, lange vor den klassischen Mythen und Weltreligionen entstanden, einen Platz in der Evolution finden.

Von Klaus Kamolz