Psychologie: Nicht gesellschaftsfähig

Soziopathen gelten als eiskalte Menschen ohne Skrupel und Gewissen. Experten in den USA und Europa verfolgen allerdings verschiedene Ansätze zur Erklärung dieser antisozialen Persönlichkeitsstörungen.

In den frühen Morgenstunden des 22. August 2004 nahm Volkmar N. die Magnum Kaliber 357 aus dem Tresor. Er ging ins Schlafzimmer und schoss seiner Lebensgefährtin dreimal in den Rücken. Die vierte Kugel feuerte er direkt in den Hinterkopf der Frau.

Zwei Tage später kaufte der arbeitslose Speditionskaufmann aus Oberösterreich eine Motorsäge. In der Wohnung knüpfte der 48-Jährige aus Leintüchern eine Art Zelt. Er schob die Leiche darunter. Er zerstückelte die Tote mit der Kettensäge in neun Teile und steckte diese in Müllsäcke. Danach malte er die Wohnung neu aus.

Fast zwei Wochen nach dem Mord packte er die Säcke in drei Koffer und drei Reisetaschen und legte sie in seinen BMW. Er fuhr ins italienische Bibione und entsorgte die Leichenteile. Einen Müllsack warf er unterwegs aus dem Fenster. Er enthielt ein Stück des linken Oberschenkels.

Der Täter habe „keine Reue gezeigt“, bemerkte ein Ermittler nach N.s Verhaftung. Die Verurteilung zu lebenslanger Haft habe er „teilnahmslos“ zur Kenntnis genommen, berichtete die Lokalpresse.

Immer wieder sind Juristen und Geschworene bestürzt ob der Gefühlskälte mancher Täter. So zeigte sich eine Richterin bei einem Prozess wegen versuchten Mordes Mitte Juli 2006 im Wiener Landesgericht schockiert über die „brutale Distanz“ zweier Mädchen, 16 und 18 Jahre alt. Den beiden wurde vorgeworfen, einem 21-Jährigen zuerst Desinfektionsmittel eingeflößt und dann, weil „nix passierte“, mit zwei Messern 15-mal auf ihn eingestochen zu haben. Als das Opfer noch immer nicht „umfallen wollte“, sollen die Mädchen den Burschen angezündet haben. Die Richterin meinte laut „Kurier“, die ältere Angeklagte hätte die Tat geschildert, „als würde sie gar nicht von sich selbst reden“.

Wie bringen Menschen so etwas fertig? Was spielte sich im Kopf jenes 25-jährigen Steirers ab, der auf einem Dachboden eine Frau vergewaltigte, ihr mit einem Hammer den Schädel zertrümmerte und danach Würstel essen ging? Wie tickte das Gehirn des Oklahoma-Attentäters Timothy McVeigh, der den Umstand, dass sich unter den 168 Todesopfern seines Anschlags 19 Kinder befanden, mit unvermeidlichen „Begleitschäden“ erklärte?

Experten kennen eine Erklärung für die schwer verständliche Gefühlswelt mancher Menschen, welche auch die amerikanische Psychologin Martha Stout in einem eben erschienenen Buch1) beschreibt: Es handle sich um Soziopathen.

Bestimmend sei bei diesen Charakteren eine völlige Gleichgültigkeit in Bezug auf das Wohlergehen anderer – Soziopathen sind demnach unfähig zu Empathie. Ihnen seien all jene Gefühle fremd, die sonst humanes Handeln kontrollieren und limitieren: etwa Scham, Schuld und Reue. Es handle sich gleichsam um „Menschen aus Eis“. Man könnte auch sagen, so Stout: Soziopathen seien Menschen ohne Gewissen.

Um zu veranschaulichen, wie dominant das Gewissen im Regelfall sei, nennt Stout das Beispiel eines Rechtsanwalts, der durch den Verkehr hetzt. Er muss unbedingt ein Flugzeug erreichen, um in einer anderen Stadt wichtige Verhandlungen zu führen. Noch auf der Fahrt fällt ihm ein, dass er in der Hektik vergessen hat, seinen Hund zu füttern. Der Jurist weiß zwar: Der Hund wird nicht sterben, wenn er während der für eineinhalb Tage geplanten Dienstreise seines Herrchens keine Nahrung bekommt. Dennoch kehrt der Anwalt um und versäumt den Termin – der Gewissenskonflikt, so Stout, sei zugunsten des Wohls des Tieres ausgegangen, trotz möglicher beruflicher Nachteile für den Mann.

Soziopathen dagegen seien Gewissensbisse fremd: Denn sie seien unfähig, eine Beziehung zu einem anderen Lebewesen zu entwickeln, gleich ob Mensch oder Tier, ob Fremder oder Verwandter.

Veralteter Begriff. Freilich ist die Bezeichnung „Soziopath“ aus wissenschaftlicher Sicht unzulässig: Nicht zuletzt aufgrund der inflationären Verwendung, auch in Filmen wie „Das Schweigen der Lämmer“ wurde daraus ein schwammiger Begriff ohne einheitlich akzeptierte Bedeutung. Es handle sich um eine „landläufige Bezeichnung für Menschen, die die Gesellschaft stören“, erklärt die Grazer Psychologin Sonja Laure. „Diese Terminologie benutzt man heute nicht mehr“, sagt Elmar Habermeyer, leitender Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Rostock, der auch Gutachten über Straftäter erstellt. „Das hat zu sehr die Tendenz des Gesellschaftsschädlings, und das ist ein politisch besetzter Begriff.“

Für jene Verhaltensbilder, die Stout beschreibt, gibt es allerdings auch offizielle Definitionen: Laut der International Classification of Diseases (ICD) der Weltgesundheitsorganisation handelt es sich um „dissoziale Persönlichkeitsstörungen“, und das amerikanische Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) spricht von „antisozialen Persönlichkeitsstörungen“.

Herzlosigkeit. Die beiden Handbücher legen teils unterschiedliche Kriterien an, doch sie beschreiben dasselbe Phänomen: und zwar anhand von Listen, die Merkmale wie „herzloses Unbeteiligtsein“, „Missachtung sozialer Normen“, „durchgängige Verantwortungslosigkeit“ und „Unfähigkeit zum Erleben von Schuldbewusstsein“ umfassen (siehe Kasten links). Gemeinsam ist den Regelwerken auch, so Habermeyer, „dass etwas als psychische Störung definiert wird, was wesentlich als wiederholte soziale Normübertretung gekennzeichnet ist“.

Und eine solche muss sich keineswegs in Kriminalität äußern – Straffälligkeit ist nur eine Form antisozialen Handelns. Dem Wesen nach ist ein Soziopath eine Persönlichkeit, die unbeschwert von Skrupeln durchs Leben geht und nie von moralischen Zwängen vom Erreichen ihrer Ziele abgehalten werden könnte. Soziopathie, so Stouts Postulat, ist in allen gesellschaftlichen Gruppen zu finden, unabhängig von Beruf, Bildung und sozialem Status. „Der Unterschied zwischen einem Straftäter und manchen Politikern oder rücksichtslosen Managern besteht oft nur in Intelligenz und Impulsivität“, sagt Patrick Frottier, ärztlicher und therapeutischer Leiter der Wiener Justizanstalt Mittersteig.

In einer Zusammenschau von Studien beziffert der Bonner Psychiater Henrik Walter die Zahl jener Menschen, die eine solche Störung aufweisen, mit drei bis sieben Prozent bei Männern und mit ein bis zwei Prozent bei Frauen. Stout indes nennt einen durchschnittlichen Prozentsatz von vier Prozent quer durch die Bevölkerung. Demnach sei einer von 25 Menschen ein Soziopath – womit eine hohe Wahrscheinlichkeit bestehe, mehrfach im Leben solchen Personen zu begegnen.

Zurzeit befassen sich Fachtagungen immer wieder mit der Thematik. So erörterten internationale Experten Ende April in Prag die Ursachen des Phänomens „Dissozialität“. Mitte Juli fand in München der 5. Internationale Kongress über Theorie und Therapie von Persönlichkeitsstörungen statt. Fast zeitgleich war in Regensburg eine Sommerkonferenz über Forensische Psychiatrie anberaumt. Einer der Redner war der kanadische Psychologe Robert Hare, welcher einen Begriff benutzt, der eigentlich ebenfalls als verpönt gilt: Er spricht von „Psychopathy“.

In diesem besonderen Fall ist die Verwendung des Terminus akzeptiert. Denn Hare hat einen eigenen Kriterienkatalog für bestimmte Formen antisozialen Verhaltens entworfen – und in der so genannten Psychopathie-Checkliste festgeschrieben. Dabei führt eine Kombination von emotionalen Auffälligkeiten sowie von Verstößen gegen soziale Normen zur Einstufung einer Person als Psychopath.

Der Unterschied zu sonstigem dissozialem Verhalten sei, „dass man erst ab einem gewissen Level von Psychopathie spricht, nämlich wenn die Merkmale besonders stark ausgeprägt sind“, so Frottier. Es handle sich um „eine besonders problematische Subgruppe dissozialer Persönlichkeiten, bei denen es oft zu Gewaltstraftaten kommt“, bestätigt Habermeyer. Die Psychopathie-Checkliste ist denn auch eines von mehreren Instrumenten, das benutzt wird, um die Rückfallwahrscheinlichkeit von Straftätern zu prognostizieren. Dass es unter Kriminellen grundsätzlich einen hohen Anteil antisozialer Persönlichkeiten gibt, gilt als erwiesen: Walter zitiert in seinem Fachartikel Schätzungen von bis zu 81 Prozent.

Die inzwischen breite Anwendung der Psychopathie-Checkliste resultiert nicht zuletzt auch aus einem Komplex weiterer Eigenschaften, die der gängigen Ansicht nach Psychopathen und antisoziale Persönlichkeiten gleichermaßen teilen – und die es oft schwer machen, hinter deren charakterliche Fassade zu blicken.

Diabolisches Bild. Viele dieser Personen fallen durch besonderen Charme und beeindruckende Redegewandtheit auf. Kombiniert mit dem Mangel an Mitgefühl und Skrupeln ergibt sich eine fast diabolische Mischung: Menschen, die andere gezielt manipulieren und für ihre Zwecke miss-brauchen, ohne sich um deren Nachteile zu scheren. Hare schildert in einem Buch über Psychopathie2) einen Häftling, der eine „unglaubliche Fähigkeit hatte, jeden hereinzulegen“. Der Mann konnte sich gut ausdrücken und „mit einer Direktheit lügen, die selbst die erfahrensten Mitglieder des Gefängnispersonals überrumpelte“.

Im März des Vorjahres stand ein Betrüger vor Gericht, der eine Pensionistin aus Niederösterreich dazu gebracht hatte, ihm rund 100.000 Euro zu überantworten. Das Geld sah die Frau nie wieder – ebenso wie jene Unternehmen, die dem „guten Auftreten des Geschäftsmanns“ erlegen und auf unbezahlten Rechnungen sitzen geblieben waren. Im Mai dieses Jahres wurde ein 39-jähriger Tiroler verhaftet, der sich als „Herr von Wittgenstein“ ausgegeben und versucht haben soll, Banken und Autohäuser zu prellen. Und Hollywood setzte dem überaus geschmeidigen Betrüger Frank Abagnale im Streifen „Catch Me If You Can“ ein Denkmal.

Eng verbunden mit dem oft charmanten Auftreten ist eine Begabung, auf der Klaviatur der Emotionen anderer zu spielen. Zwar seien Soziopathen, so Hare, unfähig, echte Gefühle für Mitmenschen zu empfinden. Doch seien sie äußerst gelehrig darin, Emotion auf einem abstrakten Niveau nachzuempfinden und zu imitieren. Sie würden „den Text“ erlernen, „aber nicht die Melodie“ verstehen.

Ein scheinbar banales Alltagsbeispiel, so Stout: der Nichtsnutz, der seiner Lebensgefährtin herzerweichend vorjammert, wie schwer es sei, einen adäquaten Job zu finden, und der sich über Jahre von ihr aushalten lässt. Auch dies sei oft berechnendes Verhalten mit soziopathischen Zügen, denn im Regelfall hielten einen das schlechte Gewissen und der Respekt vor gesellschaftlichen Normen davon ab, keine Erwerbstätigkeit auszuüben und andere auszunutzen. Am anderen Ende der Skala finden sich Charaktere wie der Serienkiller Ted Bundy, der sich mit der Mitleidsmasche an seine Opfer heranmachte – auf Krücken lief oder den Arm in der Schlinge trug. In einem Interview nannte er Schuldbewusstsein eine „Illusion“ und einen „Mechanismus, mit dem Menschen gesteuert werden“.

Sucht nach dem Kick. Weiters suchen antisoziale Persönlichkeiten den meisten Experten zufolge nach einem gewissen „Kick“. Stout beschreibt das Beispiel eines Managers, dem es gelang, durch hochriskante Geschäfte sowie viel Rücksichtslosigkeit zum Konzernvorstand aufzusteigen. Als Kind hatte sein größter Spaß darin bestanden, Fröschen Knallkörper ins Maul zu stopfen und zu beobachten, wie die Tiere explodieren.

Das seltsame Bedürfnis nach absonderlich aufregenden Erlebnissen konnte auch im Labor nachgewiesen werden – als Folge der Tatsache, dass Personen mit dissozialer Störung sonst extrem schwer erregbar sind und zum Beispiel meist kühl bleiben, wenn andere Angst empfinden. Die Befunde stammen aus Messungen des Hautwiderstandes. Dabei werden Probanden mit unterschiedlichen emotionalen Reizen – etwa mit Bildern einiger Alltagsgegenstände, gefolgt von solchen einer verstümmelten Leiche – konfrontiert. Zugleich registriert man mittels Elektroden an der Haut deren physiologische Reaktionen. Während bei den meisten Menschen die Messwerte je nach Bild differieren, bewegt Soziopathen die Darstellung eines toten Kindes häufig nicht mehr als jene eines Tisches.

„Es gibt psychophysiologische Auffälligkeiten“, konstatiert auch Experte Henrik Walter, darunter „niedrigerer Ruhepuls, veringerte Noradrenalinausschüttung und geringerer Herzratenanstieg bei der Antizipation aversiver Reize.“ Diese Leute, ergänzt Habermeyer, seien oft „schon als Kinder vegetativ wenig erregbar, schwerer zu ängstigen und suchen kompensatorisch nach starken Reizen“.

Daraus resultierte bereits die Frage, ob Psychopathen zumindest für bestimmte Berufe besonders gut geeignet sind – etwa als Soldaten oder Bombenentschärfer, die gleichsam Nerven aus Stahl benötigen. Die Antwort ist negativ: Denn der diesfalls vorteilhaften Kaltblütigkeit stehen meist unüberlegtes Draufgängertum und mangelnde Teamfähigkeit gegenüber.

Schließlich gilt als signifikant, dass antisoziale Personen nicht aus Erfahrung und Strafe lernen – und wenn, dann fast nur aus monetären Sanktionen. Vor allem an dieses Faktum knüpfen sich, trotz grundsätzlicher Zustimmung zur Evidenz der diversen Merkmale antisozialer Persönlichkeiten, Diskrepanzen, die tendenziell zwischen amerikanischen und europäischen Experten bestehen.

Viele US-Fachleute vertreten eine gleichsam alarmistische Sicht der Dinge: Denn das Destillat all der Eigenschaften ergebe das erschreckende Bild eines Menschen, vor dem sich die Gesellschaft schützen müsse. Es handle sich quasi um ein eiskaltes Wesen ohne Anflug von Schuld, Reue und Mitleid, getarnt fatalerweise durch eine Maske süßlichen Charmes und verführerischer Redekunst, das mit Kalkül und aus egoistischen Motiven emotionalen Raubbau an seinen Mitmenschen treibe – unwissentlich unterstützt von all jenen, die es für unvorstellbar halten, dass es solche Menschen überhaupt geben kann. Der verbreitete „unerschütterliche Glaube an das Gute im Menschen“ ebne den Psychopathen den Weg, meint Hare.

Therapieresistent. Stout bemüht gar die Metapher vom „Bösen im Menschen“. Und garniert ihre Ausführungen stets mit Beispielen: etwa dem Fall einer Kliniktherapeutin, die einen ohnehin labilen Patienten in eine psychische Krise stürzt, um einer Kollegin, bei der dieser Patient eigentlich in Behandlung war, zu schaden – und diebische Freude daran hat, dass die Frau, der solche Bösartigkeit fremd ist, die Schuld für den therapeutischen Misserfolg bei sich selbst sucht. Weil gerade im Berufsleben viele derartige Charaktere vermutet werden, gibt es mittlerweile eine eigene Checkliste für „Corporate Psychopaths“, die auch Arbeitgebern helfen soll, potenzielle Soziopathen aufzuspüren.

Unter anderem die fehlende Schuldeinsicht führt viele Vertreter der amerikanischen Denkschule zum Schluss, dass es sich bei Soziopathie um eine „unheilbare Deformation des Charakters“ (Stout) handle und dass Psychopathen „notorisch therapieresistent“ (Hare) seien. Sie würden, behauptet der Psychologe, Therapien nicht deshalb besuchen, „um sich zu rehabilitieren“, sondern „um einen guten Eindruck zu machen“. Manche würden gar Fachliteratur studieren – freilich nur, um ihre Therapeuten mit dem angelernten Wissen auszutricksen. Soziopathie sei, postuliert Stout, die einzige „Störung“, „die den Betroffenen nicht stört“. Schließlich würden diese Menschen dank ihrer Gewissenlosigkeit und auf Kosten anderer häufig ans Ziel gelangen. Den derart Ausgebeuteten erscheine es dann als der „Gipfel der Ungerechtigkeit, dass ein Mensch nach unserer Einschätzung böse und trotzdem ganz zufrieden mit sich sein könnte“.

Schuldfähig. Europäische Experten wie die Grazer Therapeutin Sonja Laure melden in Bezug auf diese Argumentationskette Widerspruch an. „Der Ansatz ist gesellschaftlich problematisch“, so Laure. „Demnach sind diese Menschen nicht behandlungswürdig, und man müsste sie am besten wegsperren.“

Die Debatte wurzelt nicht zuletzt in der Frage, was eigentlich die Ursache für diese Persönlichkeitsstörung ist, die nicht als Krankheit gilt – dies auch deshalb, weil die Betroffenen klar bei Verstand sind, sich der Konsequenzen ihres Handelns bewusst sind und im Falle von Straftaten meist als „schuldfähig“ gelten. Die Ansicht, Dissozialität sei einfach in bestimmten Menschen verankert, korreliert oftmals mit rein biologischen Erklärungsansätzen. So sprechen einige Befunde dafür, dass ein erhöhtes Risiko für Dissozialität besteht, wenn diese bei einem Elternteil vorhanden ist. Solche Erhebungen beruhen häufig auf der Beobachtung eineiiger Zwillinge: Wenn diese in unterschiedlichem sozialem Umfeld aufwachsen und trotzdem ähnliche Verhaltensmuster zeigen, liegt die Annahme nahe, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen.

Andere Studien zielen darauf ab, Gehirnareale zu identifizieren, die Mitschuld an antisozialem Verhalten tragen (siehe Kasten Seite 76). Hinweise darauf gibt es seit fast 160 Jahren: 1848 erlitt der 25-jährige Phineas Gage eine schwere Schädelverletzung durch eine Metallstange. Fortan fiel der einst zuverlässige Bahnarbeiter durch Aggression, Streitsucht und einen Mangel an Mitgefühl auf. Mit moderner Analytik kann man heute Hirnregionen lokalisieren, die für eine solche „erworbene Soziopathie“ verantwortlich sind.

Mit Verfahren wie der Kernspintomografie, berichtet der US-Neurologe Antonio Damasio, sei eine „Verknüpfung von abnormem Sozialverhalten und präfrontaler Schädigung zu beobachten“. Allerdings können auch Leute ohne traumatische Schäden vergleichbare neurologische Auffälligkeiten aufweisen.

Freilich: Die Resultate der bildgebenden Verfahren sind keineswegs konsistent und teils widersprüchlich. Und so spannend diese Daten auch sein mögen und so wichtig es sei, allfällige genetische Hintergründe mit der heute verfügbaren Technik auszuloten, differenziert Habermeyer, man könne nicht mit „groben Schemata alles erklären. Es handelt sich um ein multifaktorielles Geschehen.“

Einflüsse des sozialen Umfeldes dürften deshalb nicht vernachlässigt werden. Habermeyer nennt als Beispiel eine Familie, in der die Eltern ihrem Kind praktisch keine Zuwendung zuteil werden lassen – außer in Form von Tadel oder Bestrafung bei Fehlverhalten. „Die Eltern nehmen ihr Kind also umso mehr wahr, je krasseres Verhalten es zeigt“, so Habermeyer. „Daraus folgt: je lauter und bizarrer, desto mehr Zuwendung. Dadurch wird etwas verstärkt, was nicht verstärkt gehört.“

Bausteine am Weg. Auf eine allgemeinere Ebene gebracht, so Laure: Faktoren wie „Missbrauch, Gewalt, Vernachlässigung oder dissoziale Vorbilder sind Bausteine auf dem Weg“. Frottier missfällt aus diesem Grund auch der Begriff Persönlichkeitsstörung: Er bevorzugt den Terminus „Persönlichkeitsentwicklungsstörung“. Frottier: „Sonst hat das etwas Endgültiges: Man hat die Störung und ist unveränderlich mit ihr verbunden.“ Er weiß aus eigener Erfahrung mit Straftätern sowie aufgrund europäischer Studien und Statistiken, dass therapeutische Maßnahmen graduelle Verbesserungen antisozialen Verhaltens bewirken können und die Delinquenz zumindest abgeschwächt werden kann. Habermeyer pflichtet bei: Zwar dürfe man nicht „der romantischen Vorstellung anhängen, dass man jeden heilen kann“. Aber zwischen den Extremen – unbeeinflussbarer genetischer Prägung und kompletter therapeutischer Formbarkeit – sei „genügend Platz. Dort kann man nach jenem Anteil suchen, den man ändern kann.“

Deshalb hüten sich viele Experten auch davor, bereits Kinder als Soziopathen zu kategorisieren – auch wenn eine der offiziellen Definitionen ein Vorhandensein signifikanter Merkmale im Jugendalter verlangt und mitunter schon Teenager auffälliges Verhalten zeigen. Doch darf man jenen 17-jährigen Niederösterreicher als Soziopathen einstufen, der im Oktober des Vorjahres einen Burschen überfiel, niederschlug und ihm bis zu dessen Bewusstlosigkeit gegen den Kopf trat? Der als Motiv für die Tat lapidar Geldmangel nannte und bei der Polizei angab, dabei „nichts gefühlt“ zu haben? Ist jene 15-jährige Kärntnerin eine Psychopathin, die eine Gleichaltrige mit Fäusten und Steinen schlug, dann ihr Opfer fesselte, in einen Sack zwang und aus dem Fenster warf? Die ihr Delikt – angeblich „ohne Gefühlsregung“ – damit begründete, das Mädchen sei ihr eben „auf die Nerven gegangen“?

Habermeyer glaubt nicht, dass der Weg solcher Menschen zwangsläufig vorgezeichnet ist: „Ich wäre sehr vorsichtig, das Verhalten eines 16-Jährigen auf das eines Erwachsenen hochzurechnen.“

Und auch bei Stouts kategorischer Einteilung der Menschen in solche mit und ohne Gewissen empfinden viele europäische Experten eher Unbehagen. Zunächst würde diese Zuordnung die Beantwortung der Frage verlangen: Was überhaupt ist Gewissen? Stout selbst verheddert sich dabei ein wenig in der Evolutionslehre, um zu erklären, dass Gewissen üblicherweise ein dem Menschen immanenter Wesenszug sei – und Soziopathen gleichsam die Ausnahme dieser Regel darstellten. Frottier dagegen hält dies für eine „Trivialisierung. Ich glaube nicht, dass es im Gehirn einen Ort gibt, der Gewissen heißt.“ Und Laure meint: „Ich bin überzeugt, man lernt Gewissen als Kind und im Verlauf des Heranwachsens.“

Wobei sich zudem trefflich darüber streiten ließe, ob es tatsächlich immer dieses Gewissen ist, das durchschnittliche Menschen von rücksichtslosem Verhalten oder von Straftaten abhält. „Vielleicht befolgen wir Normen und Gesetze ja oft nicht nur aus moralischen Gründen“, so Habermeyer, „sondern weil wir einfach Angst vor Strafe haben.“

Von Alwin Schönberger