Psychologie: Ringelspiel

In einem diese Woche erscheinenden Buch meinen namhafte Autoren wie Ludwig Adamovich und Peter Turrini, dass Erwin Ringel, Analytiker der österreichischen Seele, heute genauso aktuell ist wie vor 20 Jahren. Doch was blieb für die Wissenschaft?

Sogar Bundespräsident Heinz Fischer wird das Wort ergreifen, wenn am Dienstag dieser Woche im Wiener Presseclub Concordia das Buch „Österreichs verwundete Seele – 20 Jahre nach Erwin Ringel“ präsentiert wird. Der von der Witwe Angela Ringel im Verlag Kremayr & Scheriau herausgegebene Band ist eine Hommage an den 1994 verstorbenen Psychiater, Psychotherapeuten, streitbaren Gesellschaftskritiker und Moralisten. Gemeinsamer Tenor der elf Autoren – vom ehemaligen Präsidenten des Verfassungsgerichtshofs, Ludwig Adamovich, über den Politologen Anton Pelinka bis zum Schriftsteller Peter Turrini: Ringels Analysen seien heute so aktuell wie vor 20 Jahren.

1984 hatte Ringel seinen berühmten Sammelband „Die österreichische Seele“ veröffentlicht. Es war eine Sammlung höchst angriffiger, streckenweise polemisierender Reden, deren Thesen vor allem deshalb aufwühlend und polarisierend waren, weil sie in eine österreichische Wunde trafen: Ringel sezierte all das, was Helmut Qualtinger und Carl Merz Anfang der sechziger Jahre in ihrem Klassiker „Der Herr Karl“ auf dramatische Art und Weise bloßgelegt hatten. Bei zahlreichen öffentlichen Auftritten verschaffte er seinen Thesen noch zusätzliches Gehör. Wie ein Abraham a Sancta Clara der Sozialpsychologie trat er vor allem bei Veranstaltungen linkskatholischer, linksliberaler oder sozialdemokratischer Gruppen auf und vereinnahmte vom ersten bis zum letzten Wort seine Zuhörer. Und umgekehrt ließ er sich von der Politik vereinnahmen.

Bruchlinien. Seine wesentlichen Thesen bestanden in einer vielfach sehr vereinfachenden, pointierten Darstellung der „österreichischen Neurose“ – nach Ringels Überzeugung entstanden durch eine repressive, lieblose Kindererziehung, die viele seelisch gebrochene, an ihrer Lebensentfaltung und -gestaltung behinderte Menschen hervorgebracht habe. Die politischen, ideologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Bruchlinien der Vergangenheit hätten ebensolche Bruchlinien in der Identität der Menschen hinterlassen. Das Ergebnis seien die zahlreichen opportunistischen Mitläufer und Mittäter gewesen, die den Weg für die Verfolgung von Minderheiten und die Vernichtung der Juden bereitet hätten. Nach dem Krieg hätten sie sich dann in die Opferrolle geflüchtet und auf perfide Art verdrängt, welchen Anteil sie selbst an den grauenvollen Taten gehabt hätten.

Die Autoren der neuen Ringel-Hommage lieferten ihre Beiträge lange bevor Aussagen der FPÖ-Bundesräte Siegfried Kampl und John Gudenus zur „brutalen Verfolgung ehemaliger Nationalsozialisten“ oder zu den Gaskammern, deren Existenz man prüfen müsse, die Innenpolitik erschütterten. Umso mehr werden sie sich in ihrem Befund, dass Ringels vor mehr als 20 Jahren publizierte Thesen kaum etwas von ihrer Aktualität eingebüßt hätten, bestätigt fühlen. Von Ringel selbst ist ein bisher noch unveröffentlichter Text einer Rede zum Fremdenhass abgedruckt, der hier auszugsweise wiedergegeben wird.

Pioniertaten. Doch heute, gut 20 Jahre nach der Erstausgabe seines Werks „Die österreichische Seele“ und mehr als zehn Jahre nach seinem Tod, stellt sich neben der Frage nach der Aktualität seiner sozialpsychologischen Thesen auch die Frage nach Ringels Widerhall in der Wissenschaft. Was blieb von Ringel, welche Spuren hat er hinterlassen, inwieweit ist er heute in der Forschung noch ein Begriff? Unbestritten sind seine Leistungen in der Selbstmordforschung – auch unter jenen, die ihn kritisch sehen. Der von ihm bereits Anfang der fünfziger Jahre geprägte Begriff des „Präsuizidalen Syndroms“ ist untrennbar und bleibend mit seinem Namen verbunden.

Zwei Jahre nach Abschluss seines Medizinstudiums hatte Ringel im Rahmen der Caritas ein Selbstmordverhütungszentrum eröffnet, aus dem dann erst Jahrzehnte später das Kriseninterventionszentrum hervorging. Anhand von Fallstudien entwickelte er ein Phasenmodell des Präsuizidalen Syndroms, eines bis heute in der Psychiatrie unter dieser Bezeichnung bekannten Krankheitsbildes. Ringel fand internationale Anerkennung und wurde zu Vorträgen, darunter auch in die USA, eingeladen. „In diesem Bereich war Ringel ein absoluter Pionier“, sagt sein Schüler Ulrich Kropiunigg, Forscher am Institut für medizinische Psychologie der Wiener medizinischen Universität. „Was die weltberühmte (im vergangenen August verstorbene, Anm.) Elisabeth Kübler-Ross für die Krankheitsbewältigung und für die Sterbeforschung war, war Ringel für die Selbstmordforschung.“

Auch für die Psychosomatik in Österreich kommt Ringel die Rolle des Pioniers zu, wenngleich nicht in dem Maße wie in der Selbstmordforschung. Denn anders als beim Präsuizidalen Syndrom war Ringel nicht der „Erfinder“ der Psychosomatik, sondern ihr erster Propagandist in Österreich. „Er hat die Psychosomatik weder entwickelt, noch hat er sich mit einschlägigen Arbeiten hervorgetan“, sagt Bettina Reiter, Geschäftsführerin der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin (GAMED), „er hat sie in Österreich eingeführt, weil er ein genialer und publikumswirksamer Vereinfacher war.“

Gespür. Die Psychosomatik wurde in den dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den USA entwickelt und nach dem Krieg von Forschern wie Thure von Uexküll und Viktor von Weizsäcker in Deutschland bekannt gemacht. „Ringel hatte ein ungeheures Gespür für die Leiden der psychosomatischen Patienten“, erinnert sich Ringel-Schüler Kropiunigg, „er saugte die Psychosomatik auf und machte sie auch in Österreich populär.“ 1954 hatte Ringel an der Psychiatrischen Universitätsklinik von Hans Hoff Österreichs erste (10-Betten-)Station für Psychosomatik eingerichtet.

Patienten-Person. Aber Ringel sah diese Einrichtung als Übergangsphase. Ihm schwebte die Integration der psychosomatischen Medizin in alle klinischen Fachbereiche vor, sodass sich eine eigene Psychosomatik erübrigen würde. So weit ist die Medizin zwar bis heute nicht, aber durch Ringels Engagement wissen viele Ärzte, was psychosomatische Medizin ist – dass man nicht nur die Pathologie der Krankheit, sondern auch die Person des Patienten und seine subjektive Wirklichkeit sieht. Ringel-Schüler Georg Titscher, Oberarzt an der 2. medizinischen Abteilung des Wiener Hanusch-Krankenhauses und Leiter eines Schwerpunktes psychosomatische Kardiologie, ist seinem Lehrer bis heute dankbar, weil ihm dieser eine ganz andere Sicht der Medizin eröffnet habe: „Er war der Erste in Österreich, der die psychischen und sozialen Faktoren der Krankheit gesehen hat.“

Unterdessen verfügt die psychosomatische Medizin über höchst aktive Gruppen an den medizinischen Universitäten Graz und Innsbruck, nur in Wien liegt sie in Agonie. Wie Ringel-Schüler Peter Gathmann glaubt, nicht ohne Ringels eigene Schuld: „Er hatte die Möglichkeit gehabt, ein eigenes Ordinariat für psychosomatische Medizin durchzuboxen. Er hat es nur nicht gemacht“, sagt Gathmann, bis heute einer der Fahnenträger unter den Ringel-Fans. Selbst als Ringel 1981 einen Lehrstuhl für medizinische Psychologie angeboten bekam, „war er unsicher, ob er das Angebot annehmen soll“, erzählt Gathmann. Einer der Gründe dafür mag gewesen sein, dass die knochenharte Wissenschaft nicht Ringels Sache war.

Zahlen-Feind. Ringel-Schüler Kropiunigg erinnert sich noch heute mit Schaudern an die Präsentation des gemeinsam mit Ringel verfassten Buches „Der fehlgeleitete Patient. Psychosomatische Patientenkarrieren und ihre Akteure“ im Jahr 1983. Ringel tischte dabei ganz andere Zahlen auf, als sie Kropiunigg für das Buch hart erarbeitet hatte. „Er war kein Mann der Empirie, über Zahlen hat er sich lustig gemacht. Er wollte nur die Leute wachrütteln“, erinnert sich Kropiunigg. Ringel hat auch keinen Wert auf Publikationen in angesehenen Journalen gelegt. Er hielt Reden und schrieb Bücher – das war seine Art der Wissenschaft. Etliche Ringel-Schüler sehen darin einen der Gründe dafür, warum er in der Wissenschaft nicht in dem Maße präsent ist, wie es ihm gebühren würde.

Gernot Sonneck, Schüler und Nachfolger Ringels als Vorstand des Instituts für medizinische Psychologie, nennt auch einen Punkt, der Ringels politisch-moralisches Engagement in anderem Licht erscheinen lässt. Als Sonneck und der Wiener Arzt Werner Vogt Ringel um Unterstützung in der Euthanasie-Causa des einstigen NS-Psychiaters Heinrich Gross baten, winkte Ringel ab. Er wollte damit nichts zu tun haben. Ringel war ein genialer Mensch, der seine Defizite und dunklen Punkte hatte. Ein Narziss, der mit manchen der von ihm Kritisierten mehr gemein hatte, als seine Anhänger wahrhaben wollen. Eine österreichische Seele eben.

Von Robert Buchacher