Psychologie: Traumahaft

Der Fall Luca hat die Aufmerksamkeit auf tödliche Schläge und Knochenbrüche gelenkt. Die vielen gebrochenen Seelen, die in österreichischen Kinderzimmern hausen, bleiben ausgespart.

Viel war es nicht, was von Luca blieb. Ein Foto und ein paar Blumen in einer Mauernische. Davor der leibliche Vater, der sich, von einem Zeitungsfotografen im Bild festgehalten, von seinem Sohn am Friedhof im tirolerischen Achternkirch verabschieden wollte. Aber die Urne war noch nicht da. Erst am Dienstag der Vorwoche wurde Lucas Asche in aller Stille und in Abwesenheit des Vaters beigesetzt.

Der Fall hat die Öffentlichkeit wachgerüttelt. Der 17 Monate alte Luca war am 3. November an den Folgen schwerster Misshandlungen gestorben, wie ein gerichtsmedizinisches Gutachten feststellt. Spuren älterer Verletzungen deuten auf ein wiederholtes Martyrium hin, das sich in seiner ganzen Tragik nur ahnen lässt. Der 23-jährige Freund der Mutter sitzt wegen Tatverdachts in Korneuburg in Untersuchungshaft.

So beklemmend dieser Fall sein mag, er lenkt – wie andere in den vergangenen Wochen bekannt gewordene Misshandlungs- und Tötungfälle – von einem breiten, großteils im Dunkel bleibenden Geschehen ab: von der Lieblosigkeit, der psychischen und sozialen Dauermisshandlung, die viele Kinder in diesem Land tagtäglich erfahren, ohne dass es in der Zeitung steht, ohne dass jemand Anteil nimmt. Sichtbar wird dieses Geschehen nur indirekt, wenn die Opfer Jahre oder Jahrzehnte später versuchen, mit ihrer seelischen Verwundung fertig zu werden.

Langzeitfolgen. Vom Schlagen, Verbrühen, Zu-Tode-Prügeln, von aus dem Fenster geworfenen Babys ist jetzt überall die Rede. Aber die vielfältige Misshandlung von nebenan, die alltägliche Erniedrigung und ihre Langzeitfolgen bleiben ausgespart. Irgendwann landen die Opfer in den Praxen der Psychiater und Psychotherapeuten – nicht selten als psychisch schwer Traumatisierte, deren Neurosen und Depressionen in Form von Alkohol- und Drogensucht, Selbstverstümmelung oder wiederholten Suizidversuchen virulent werden.

Die Psychologin Elisabeth Jupiter, Leiterin der auf sexuellen Missbrauch spezialisierten Wiener Kinderschutzeinrichtung „Die Möwe“, die in ihrer täglichen Arbeit mit verschiedenen Formen von Misshandlung konfrontiert ist, hält den psychischen Missbrauch für den entscheidenden Faktor, auch wenn es um körperliche oder sexuelle Gewalt geht. Der körperliche Schmerz geht vorüber, aber die damit verbundene Demütigung behindert die Entwicklung der kindlichen Identität und des Selbstwertgefühls, und dieses Defizit spüren die Opfer ein Leben lang.

Oft sind es elterliche Gewaltexzesse, die sich in ihrer Unbegreiflichkeit wie ein Monster auf die kindliche Seele setzen. Mit der Diagnose „posttraumatische Belastungsstörung“ kommt die sechsjährige

Elvira zur Therapie in die „Möwe“. Das Mädchen zeichnet die Mutter als filigrane Libelle und den Vater als einen übergroßen, furchterregenden Stier. Elvira hatte die elterlichen Streitereien und den gewalttätigen Vater in aller Dramatik miterlebt. Sie hatte das Gefühl, sich schützend vor die Mutter stellen zu müssen, zugleich aber Angst, verwickelt zu werden und die Eltern zu verlieren. „Die Mischung von Schuldgefühlen und Demütigung ist ein fataler Cocktail“, sagt Elisabeth Jupiter.

Dann zog das Kind mit der Mutter ins Frauenhaus, das der Vater belagerte, bis er von der Polizei weggewiesen wurde. Die Mutter ging eine neue Beziehung ein, aber das Kind akzeptierte den neuen Stiefvater nicht. Es reagierte mit undifferenzierten Bauch- und Kopfschmerzen, psychosomatischen Beschwerden, von denen Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen immer wieder berichten – nicht zuletzt auch deshalb, weil es kaum noch intakte Familien gibt und viele Kinder in ihren Loyalitätskonflikten zwischen Vater/Stiefvater und Mutter/Stiefmutter aufgerieben werden.

In der Therapie zeigt sich das Kind lange Zeit angstbesetzt und verschlossen, sodass die Therapeutin versucht, erst nach und nach ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufzubauen. „Die Kinder, die zu uns kommen, sind misstrauisch, sie haben nie eine Vertrauensbasis kennen gelernt, sie kennen das Mitgefühl der anderen nicht“, sagt Therapeutin Jupiter. Sie zeigen eine frühe Persönlichkeitsstörung, weil sie das Urvertrauen, eines der wesentlichen Merkmale einer gesunden psychischen Entwicklung, nie erworben haben.

Die Fachleute nennen so etwas Alexithymie (Gefühlsblindheit). Darunter verstehen sie die Unfähigkeit, in eigenen oder fremden Gefühlen lesen zu können. „Von klein auf gibt es den Ausdruck von Liebe, Wärme, Zärtlichkeit und Fürsorge. Die müssen aber erst anerzogen werden“, erklärt Max Friedrich, Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Wiener Medizinuniversität. Durch die liebevolle Zuwendung von Eltern und anderen Erwachsenen lernen Babys und Kleinkinder spielerisch, was beispielsweise ein freudiger, ein trauriger oder ein verlegener Gesichtsausdruck ist und was die zugehörigen Gefühle sind.

Ein Kind, das diese Zuwendung nicht erlebt, dem niemand erwartungsvoll und freudig ermunternd zuschaut, wenn es sich zum ersten Mal am Sofa hochzieht, entwickelt keine Wärme, keine Gefühle, hat keine Erfolgserlebnisse. Es kann auch nicht nachvollziehen, was ein anderer Mensch weiß, fühlt, denkt. Das führt zu psychischen Defiziten, die in eine schwere Persönlichkeitsstörung münden können.

Die Psychotherapeutin Katharina Purtscher, Leiterin der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Landesnervenklinik Sigmund Freud in Graz, die immer wieder mit schwer traumatisierten Kindern und Jugendlichen zu tun hat, berichtet von einem 13-Jährigen, der seinem Sitznachbarn in der Schule das Hemd angezündet hat. Auf die Frage, was er sich dabei gedacht habe, sagte der Bursche: nichts. „Wir stoßen oft auf eine Stumpfheit, die nicht nachvollziehbar ist“, sagt Purtscher.

Es sind Opfer emotionaler Vernachlässigung und Gewalt, die auf niedrigerer Schwelle auch als permanent ablehnende, negative Zuwendung auftreten kann. Da sitzt ein Vater mit seinem Sohn beim Therapiegespräch mit Psychiater Friedrich. Der Sohn erzählt, Buben hätten ihn auf dem Heimweg verprügelt. „Ich bin voll mit blauen Flecken und einem blauen Aug heimgekommen, und der Vater hat gesagt: ‚Recht g’schieht dir, ich hab dir ja immer g’sagt, dass du ein Trottel bist.‘“ Daraufhin beteuert der Vater: „Aber ang’rührt hab ich ihn nie.“

Da sitzen Eltern mit ihrem etwa acht- oder neunjährigen Sohn in der U-Bahn und hämmern mit Worten in einem fort auf das Kind ein. Sie lassen kein gutes Haar an ihm und nörgeln pausenlos an ihm herum: „Wie du heut wieder ausschaust, wie du wieder daherkommst! Die Schuhbandeln sind nicht ordentlich gebunden, setz die Haube gescheit auf! Wie oft hab ich dir gesagt, du sollst einen Schal nehmen! Aber nein, du musst herumwursteln, dann bist gleich wieder krank und versäumst die Schule! Bist eh schlecht, die Lehrerin hat gesagt, du wirst den blauen Brief kriegen!“

Das permanente Infragestellen seiner Person führt beim heranwachsenden Kind zu einem Selbstbild, in dem es sich einer feindlichen Lebenswelt gegenübersieht. Zu den Konsequenzen gehören mangelndes Selbstwertgefühl und Selbstverleugnung, die sich beispielsweise darin äußern, dass das Kind später als Erwachsener den eigenen Standpunkt stets zurückstellt, weil sowieso immer die anderen recht haben, weil sie gescheiter sind und es besser wissen. Es führt zu Erscheinungen wie mangelndem Stolz, mangelndem Selbstvertrauen, Gehemmtsein, Sprechangst – Phänomenen, mit denen Therapeuten häufig konfrontiert sind.

Selbstbild. Der Wiener Psycho- und Sexualtherapeut Karl F. Stifter erzählt von der Geburtstagsfeier eines engen Freundes und bekannten Managers mit rund 100 geladenen Gästen. Stifter, der neben dem Jubilar sitzt, nimmt die Gabel zur Hand, um damit ans Glas zu stoßen und eine kleine Laudatio zu halten. Da fährt ihm der Freund in den Arm: „Wenn du das machst, geh ich aufs Klo und komme nicht mehr zurück!“ Vielen Menschen sind Lob und Gefeiertwerden peinlich, weil es ihrem verinnerlichten negativen Selbstbild völlig zuwiderläuft. Sie können sich nicht tief und innig freuen, weil sie sich in diesem „unpassenden Licht“ nicht wohlfühlen.

Vor wenigen Wochen kam ein Paar in Stifters Praxis, weil die Frau unter sexueller Lustlosigkeit leidet. Auf die Frage, welche Rolle dabei die Beziehung spielen könnte, antwortet die Frau sinngemäß: „Unlängst kam mein Mann abends von der Arbeit nach Hause, mein neunjähriger Sohn sagt zu ihm: ‚Hallo, Loser!‘ Mein Mann kriegt daraufhin rote Ohren und sagt nichts. Muss ich Ihnen mehr erzählen?“ Der Mann hatte eine sehr behütete Kindheit durchlebt, aus der der reale Hauch des Lebens ferngehalten wurde. Sein Dasein wurde von den Eltern „verlobhudelt“. Wenn er einen mageren Strich aufs Papier malte, jauchzten die Eltern, als müsste das Werk augenblicklich ins Museum für Moderne Kunst übersiedeln. „Verwöhnung ist genauso eine Art von Kindesmisshandlung“, sagt Stifter.

Verlierer. Laut seiner Analyse muss der Sohn seinen Vater als Verlierer empfinden, weil er für ihn kein männliches Identifikationsmodell abgibt. Erstens erfahre das Männliche an sich kaum eine positive Darstellung in der Öffentlichkeit, und wenn, dann in der völlig absurden Form eines Helden, der mit dem Maschinengewehr alles plattmacht, sodass man sich mit ihm nicht wirklich identifizieren kann. Zweitens sende die Persönlichkeit des Vaters keine klaren männlichen Signale aus, sodass das Kind ihn als geschlechtliches Zwischenwesen, er nennt es „Loser“, empfinden muss.

„Erziehung ist Imitationslernen“, sagt Psychiater Friedrich. Die Modelle, die den Kindern vorgelebt werden, bestimmen ihre Entwicklung. Das bedeutet auch, dass das Kind ungestraft Fehler machen soll, die freilich mit seiner Bezugsperson besprochen und verarbeitet werden müssen. Und es bedeutet, dass es kalkulierte Gefahren ausloten darf, um so Selbstsicherheit zu erlangen. Wer seinem Kind von Anfang an liebevolle Zuwendung und das Urvertrauen schenkt, der imprägniert es gewissermaßen gegen jene weit verbreiteten psychischen Defizite und Persönlichkeitsstörungen, die in ihren Auswirkungen viel gravierender sind als allgemein angenommen.

Eine im Jahr 2003 erschienene, vom deutschen Familien- und Justizministerium gemeinsam herausgegebene Studie mit dem Titel „Gewaltfreie Erziehung“ zeigt einerseits auf, dass die körperlichen Strafen tendenziell zugunsten anderer Bestrafungsformen wie etwa „nicht mehr reden mit dem Kind“ oder „lautstark niederbrüllen“ abgenommen haben. Dass aber andererseits Menschen, die selbst irgendeiner Form von Misshandlung in der Kindheit ausgesetzt waren, ihrerseits als Erwachsene wieder dazu neigen, andere zu misshandeln.

Die amerikanische ACE Study (Adverse Childhood Experiences) untersuchte, was die Prävalenz bestimmter Erkrankungen in einer Population ausmacht. Ob etwa die Clusterbildung im Auftreten bestimmter Krankheiten zufällig ist oder ob sie mit erkennbaren Faktoren, wie sie eine bestimmte Bevölkerungsgruppe kennzeichnen, zusammenhängt. Ergebnis: Einer der signifikanten Faktoren für Erkrankungen wie Adipositas, Depression, Alkoholismus, Suizidneigung und vorzeitiger Tod ist – neben sozialer Ausgrenzung – Stress in der Kindheit, hervorgerufen durch irgendeine Form der Misshandlung.

Von Robert Buchacher