Psychologie: Verlösch-Alarm! Ursachen und Folgen der neuen Volkskrankheit Burn-Out

Mütter haben es, Ärzte, Lehrer und Manager und Arbeitslose. In Österreich leidet heute jeder Fünfte am Burn-out-Syndrom, das durch Überlastung und emotionalen Stress hervorgerufen wird. Neue Erkenntnisse, Präventionsstrategien und wie Betroffene erleben, dass plötzlich nichts mehr geht.

Sie ist Psychologin und weiß über das Prinzip Psychosomatik Bescheid. Sie studierte die Umwege, die die Seele über den Körper nimmt, um dem Ich zu signalisieren, dass Umkehrstrategien dringend angesagt wären. Und dennoch wurde die allein erziehende Mutter dreier Kinder vor ein paar Wochen plötzlich in die Hilflosigkeit einer schwer Kranken gestürzt. Der totale Kollaps, der sich mit Lähmungs- und Erstarrungszuständen sowie einer Angst, „die sich wie ein Korsett um mich legte“, bemerkbar machte, ist das Resultat eines Jahrzehnts, in dem sie drei Kinder im Alleingang aufzuziehen, eine Trennung zu verarbeiten und einen beruflichen Umstieg – vom Hotelfach in die Psychologie – zu bewältigen hatte. Eines Jahrzehnts, in dem „für alles außer für mich Zeit“ war. Der Zusammenbruch, die langsame Verlöschung des Ichs kündigte sich jahrelang nur über den Körper an: Migräne, Bandscheibenvorfall, unerträgliche Rückenschmerzen, Muskelverspannungen, für die es keine medizinische Hilfe gab, und bleierne, endlose Müdigkeit, die auch nicht durch Ruhephasen in den Griff zu bekommen war.

Als sie an ihrem Ende angekommen war, konnte sie das Bett nicht mehr verlassen und ließ sich ins Spital einweisen. Die Einnahme von Antidepressiva („Da lernte ich das erste Mal, die Pharmaindustrie wirklich zu schätzen“), eine Gesprächstherapie und ein einmonatiger Krankenstand ermöglichten jetzt langsam eine „sehr vorsichtige Rückkehr in den Alltag“.

Kollaps des Ichs. Die 44-Jährige ist ein Burn-out-Fall. Seit einem halben Jahr übt sie einen Managementjob in der Drogenarbeit aus, der sie, untypisch für die Krankheit, „durch und durch im positiven Sinn erfüllt und für den mir auch Anerkennung und Wertschätzung zuteil werden.“

Eine belastete Arbeitsplatzsituation, die jahrelang als Grund für das Burn-out-Syndrom galt, ist längst nur eine Komponente für jenen Kollaps des Ichs, „an dem inzwischen meiner Schätzung nach jeder fünfte Österreicher leidet“, wie Siegfried Kaspar, Leiter der Psychiatrie-Abteilung am Wiener AKH, konstatiert. Denn auch ein diffiziles Privatleben, die Doppelbelastung berufstätiger Mütter, die existenzielle Bedrohung durch die Wirtschaftskrise, die Glücksansprüche, die die Menschen an ihr Leben stellen, sowie kommunikationstechnologische Entwicklungen, die ständige Erreichbarkeit zur Folge haben, bereiten den Boden für ein Syndrom, das im schlimmsten Fall mit Selbstmord enden kann.

„Irgendwann war für mich der Punkt gekommen, an dem ich wusste: Entweder ich oute mich, oder ich komme um“, erzählt der 52-jährige Frühpensionist Gerhard Oberenzer, der vor 25 Jahren erstmals mit dem Infarkt seiner Seele konfrontiert war und eben die Gründung der ersten Selbsthilfegruppe für Burn-out-Patienten in Wien vorbereitet.

Seit das Wirtschaftsmagazin „trend“ vor exakt zwei Jahren das Phänomen für coverwürdig empfand, sind die Zahlen für psychische Erkrankungen in Österreich drastisch gewachsen. Laut Statistik Austria sind zwei Millionen der insgesamt 36 Millionen Krankenstandstage auf seelische Probleme zurückzuführen; 1990 waren es noch 800.000. Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger registrierte, dass die Verordnungshäufigkeit von Psychopharmaka innerhalb von fünf Jahren um 30 Prozent gestiegen ist. Der Verband für soziale und psychische Gesundheit pro mente erhob, dass 30 Prozent der Erwerbstätigen wegen psychosomatischer Erkrankungen in Behandlung sind. Weltweite Erhebungen prognostizieren, dass die seelischen Verletzungen der Erwerbstätigen enormen volkswirtschaftlichen Schaden nach sich ziehen werden.

63 Prozent aller gemeldeten Arbeitsunfälle – so die Europäische Agentur für Sicherheit am Arbeitsplatz – sind auf psychische Belastungen zurückzuführen, 28 Prozent aller Beschäftigten in Europa leiden an Stress. Die Weltgesundheitsorganisation WHO deklarierte Stress zur größten Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts. Bis 2020 werden Angstneurosen und Depressionen neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigsten Gründe für Arbeitsunfähigkeit sein.

Junge Historie. Umfassende statistische Erhebungen zum Thema Burn-out existieren kaum, was mit der Schwierigkeit der Einordnung des Phänomens und seiner verhältnismäßig jungen Forschungshistorie von knapp über dreißig Jahren zu tun hat. Auch im Diagnoserepertoire der heimischen Krankenkassen fehlt der Begriff Burn-out und daher auch jegliche Präventionsstrategie. Das fällt unter Fahrlässigkeit. Die Gesundungsperioden für Ausgebrannte dauern immer mehrere Wochen, bei schwereren Fällen kann sich die Arbeitsunfähigkeit über Jahre ziehen.

Die Symptome, die das seelische Ausbrennen begleiten, sind so unterschiedlich wie die Geschichten der Betroffenen. Allein der Zustand einer „bodenlosen Erschöpfung und emotionaler Abgestumpftheit“, so der Wiener Burn-out-Spezialist und Psychiater Günther Possnigg, „sind als durchgängige Leidensmuster erkennbar“, wie sich auch in den von profil erhobenen Fallgeschichten zeigt. Die Seele erweist sich in ihrer Alarmstrategie als äußerst erfinderisch, was die Vielfalt der psychosomatischen Beschwerden beweist. Ein schwaches Immunsystem, häufige

Infekte, Schlafbeschwerden, Gelenks- und Kopfschmerzen bei Frauen, während Burn-out-gefährdete Männer häufiger an Magen- und Verdauungsproblemen sowie Schwindelgefühlen und Bluthochdruck leiden. Das vegetative Nervensystem sondiert eine Schwachstelle, an der die Absturzgefahr zum Ausdruck gebracht werden kann. Depressionen, Angst- und Panikattacken und Zwangsneurosen können Burn-out-bedingt entstehen. Sie können jedoch auch auf andere Ursachen zurückzuführen sein. Das Problem bei der Diagnostik sieht Possnigg in der Tatsache, dass „eine Menge psychiatrische Krankheiten vordergründig wie Burn-out wirken, aber die Basiserkrankung nichts mit der beruflichen Situation zu tun hat“.

Christina Maslach, Psychologie-Professorin an der Berkeley-Universität in Kalifornien und eine Pionierin der Burn-out-Forschung (siehe Interview Seite 88) liefert ein simples Erklärungsmodell für die psychische Grundvoraussetzung: „Wenn Menschen beständig einer Form von Stress ausgesetzt sind und sie zunehmend mit der Bewältigung dieses Stresses überfordert sind, haben wir es mit Burn-out zu tun.“ Siegfried Kaspar am Wiener AKH sieht als Auslöser für die Krankheit die Unfähigkeit, einen Entspannungszustand herbeizuführen: „Das Leben funktioniert nach dem Prinzip An- und Entspannung. Wenn jemand unter ständiger Anspannung lebt, kommt es zu einer starken Produktion des Stresshormons Cortisol. In einem Hirn mit hohem Cortisolgehalt kann die Verschaltung der Nervenbahnen nicht mehr so richtig funktionieren.“ Je länger dieser Zustand anhält, desto größer wird die Gefahr für „Depressionen und Suizidgedanken“.

Zynismusphase. Maslach trennt den Krankheitsverlauf in drei Phasen: das Schwinden von Energie, Enthusiasmus und Engagement für eine Sache, für die man früher „einmal gebrannt hat“. Denn zum Ausbrennen kann es nur dann kommen, wenn früher einmal „auch ein Feuer gelodert hat“. In der zweiten Phase macht sich ein Zynismus breit, der andere Menschen „zu Nummern, Fällen oder Objekten“ degradiert. In den Anfängen der klassischen Forschung galt Burn-out vor allem als ein Phänomen, das helfenden Berufen wie Ärzten, Polizisten, Krankenhauspersonal und Sozialarbeitern zugeordnet wurde. Der Burn-out-Fall einer Krankenschwester würde dann zum Beispiel ihre Patienten so „depersonalisieren“, dass sie sie nur mehr als „die Leber vom Zimmer 23“ bezeichnet. In der dritten Phase verabschiedet sich das ethische Bewusstsein, Verzweiflung, das Verlangen nach sozialem Rückzug und Schuldgefühle dominieren die Gefühlswelt der Betroffenen.

Die neue Forschung hat sich von der Einschränkung auf bestimmte Branchen längst verabschiedet. Burn-out kann Schüler, Hausfrauen und Arbeitslose genauso befallen wie Politiker, Lehrer, Stewardessen oder Manager, die in den turbokapitalistischen Achtzigern als die Berufsgruppe mit dem höchsten Gefährdungsrisiko galten. Ein Trigger für die Ingangsetzung der Abwärtsspirale ist das Gefühl, nicht respektiert und geschätzt zu werden. Der deutsche Burn-out-Experte Matthias Burisch berichtet in seinem zum Klassiker avancierten Buch „Das Burn-out-Syndrom“ (bei Springer) sogar von Fällen in einer gemeinhin mit Kontemplation und Naturverbundenheit assoziierten Branche – der der Schafhirten. Im vergangenen Sommer begegnete er an der Hamburger Südelbe einem völlig entnervten Herdenhüter, der über chronische Müdigkeit klagte und über seine ihm anvertrauten Schützlinge meinte: „Ich kann sie nicht mehr sehen, ich könnte sie alle totschlagen!“

Ein skurriles Beispiel mit einem erkenntnisreichen Hintergrund: Unzufriedenheit mit einer Arbeit, die keine Identifikationsmöglichkeiten liefert, kann auch ohne Leistungsdruck zu Stresssituationen führen. Alfred Polgar nannte das „den Beruf, der den Menschen ausübt“. Die Psychoanalyse beruft sich in ihrem Beitrag zur Burn-out-Forschung auch auf kindliche Prägungen, die später für das Syndrom anfällig machen – wie Eltern, die ihr Kind unter ständigen Leistungsdruck setzten, ihre fehlende Wertschätzung und die Vermittlung des Gefühls, immer funktionieren zu müssen.

Risiko Politik. Wenn eine solche biografische Disposition sich mit einem Beruf verschränkt, in dem ständig „Emotionsarbeit geleistet werden muss“, so der deutsche Arbeitsmediziner Christian Dormann, „indem die eigenen Gefühle unterdrückt und nicht vorhandene vorgetäuscht werden müssen“, scheint Burn-out vorprogrammiert. In einer kürzlich durchgeführten Studie der Universität Wien gaben 60,4 Prozent der befragten Nationalratsabgeordneten an, sich ausgebrannt zu fühlen, 45 Prozent bekannten sich zur Angst vor dem Jobverlust, jeder Zweite gab an, fast täglich an Rücken-, Darm-, Magen- oder Kopfschmerzen zu leiden. Der Journalist Alfred Worm, ein enger Vertrauter des verstorbenen Bundespräsidenten, diagnostizierte bei Thomas Klestil „einen geradezu typischen Burn-out-Tod“: „Für mich war ja auch schon seine Lungenkrankheit 1996 eine Reaktion auf die Aufregungen, die er durchlebte.“

In den Kreisen des gehobenen Managements, einer früheren Bilderbuch-Risikogruppe für seelisches Ausbrennen, ortet Peter Gusmits, Personalberater beim Headhunting-Unternehmen Neumann International, heute „keine größere Verbreitung als früher, allerdings wird heute viel mehr darüber offen geredet, weil das Phänomen ja auch mittlerweile zu einer Art Mode geworden ist“. Als Beschleunigungsachse für Zustände dieser Art sieht er „einen stark eingeschränkten Gestaltungs- und Entwicklungsraum“, wobei das soziale Umfeld des Arbeitnehmers in seiner Bedeutsamkeit für dessen psychische Gesundheit nicht zu unterschätzen ist: „Oft bringt die Befolgung von Ratschlägen wie ‚Ziehen Sie Ihre Scheidung endlich durch‘ oder ‚Schauen Sie, dass die Schwiegermutter auszieht‘ genauso viel Erleichterung wie die Anregung zu einer Versetzung oder einer Kündigung.“

Burn-out-Betroffene, ohne diagnostische Selbstreflexion und Therapiewillen, können auch für ihr Berufsumfeld zur schweren Belastung werden. Claudia Daeubner, Coach für gehobene Manager und Inhaberin einer Beraterfirma, beobachtete, dass „Führungskräfte im beginnenden Burn-out plötzlich ihren Stil ändern, Mitarbeiter ständig kontrollieren und mit Anweisungen überhäufen“. Andere wiederum würden sich krampfhaft gegen ihre Erschöpfung wehren, indem sie kaum schlafen und monatelang bis tief in die Nacht arbeiten, was zu unkontrollierten emotionalen Ausbrüchen wie Wutanfällen und Beschimpfungen der Mitarbeiter führen kann.

In einer verschärften Wirtschaftssituation und der damit verbundenen Ellbogentechnik greife auch der Mobbing-Virus verstärkt um sich, „der natürlich einen hohen Stressfaktor symbolisiert und damit das Burn-out-Risiko erhöht“. Als „Executive Coach“ könne sie in fortgeschrittenen Stadien nicht mehr helfen: „Da nützt kein Coaching mehr, sondern nur noch eine von Experten begleitete Therapie. Coaching greift nur bei Gesunden.“

Den Begriff Burn-out prägte der New Yorker Psychoanalytiker Herbert Freudenberger 1974, als er nach jahrelanger Ausbeutung seiner Kapazitäten seine Erschöpfungszustände im Selbstversuch analysierte.

„Im Mut, die Kraft zur Veränderung für eine Job- oder Lebenssituation zu finden, solange man noch im Besitz eines Kräftereservoirs ist“, sieht Christina Maslach die einfachste und effizienteste Präventionsstrategie. Banale Lernmechanismen, wie „sich zu bestimmten Tageszeiten ,off-line‘ zu stellen und nicht zu kommunizieren“ sowie „regelmäßig längere Auszeiten zu nehmen“, wirken unterstützend. Im fortgeschrittenen Stadium helfen nur mehr Einrichtungen wie das Wiener Institut für Burn-out. „Wir bieten eine umfangreiche Erstdiagnostik“, so seine Leiterin Dorothee Rathjen, „die von Psychologen, Psychotherapeuten und Medizinern gemeinsam durchgeführt wird, um ein ganzheitliches Bild zu bekommen.“ Ob Burn-out bereits vor seiner Kategorisierung in vergangenen Epochen existierte und der römische Galeerensträfling oder der mittelalterliche Henker an einem solchen Syndrom litt, kann selbst eine Kapazität wie Christina Maslach nicht beantworten: „Ob es sich um eine Zivilisationserscheinung oder eine universelle Erfahrung handelt – wir wissen es nicht.“

Fest steht, dass der Schriftsteller Graham Greene bereits 1960 sein Romanporträt über einen abgestumpften Zyniker „A Burnout Case“ nannte. Dem Buch stellte Greene ein Dante-Zitat voran: „Ich starb nicht, aber vom Leben blieb mir nichts.“ Und seinen tragischen Helden lässt er sagen: „Ich habe das Ende des Verlangens erreicht und das Ende der Berufung … Ich bin am Ende angekommen.“

Von Angelika Hager und Christina Hiptmayr
Mitarbeit: Caroline Presslich