Psychotherapie: Wille zum Sinn - Viktor Frankl wäre am 26. März 100 geworden

Viktor Frankl, 1997 verstorbener Holocaust-Überlebender und Begründer der Dritten Wiener Richtung der Psychotherapie, wäre am 26. März 100 Jahre alt geworden. Sein Lebenswerk beschäftigt sich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und ist damit aktueller denn je – aber nicht unumstritten.

Am 27. April 1945 rollen US-Panzer durch das bayrische Konzentrationslager Türkheim. Soldaten aus Texas sind es, die den Gefangenen des Dachauer Nebenlagers die Freiheit bringen; all jenen, die nicht zuvor an Hunger, Kälte, Typhus oder Erschöpfung zugrunde gegangen sind. „Mit müden Schritten schleppen sich die Kameraden zum Lagertor – die Beine tragen sie kaum. Scheu blicken sie um sich, fragend sehen sie einander an. Dann machen sie die ersten zögernden Schritte beim Lagertor hinaus. Diesmal ertönt kein Kommando, diesmal duckt man sich vor keinem Faustschlag oder Fußtritt. O nein; diesmal offeriert einem die Lagerwache Zigaretten. Man erkennt die Posten freilich nicht sofort als solche, denn sie haben sich inzwischen beeilt, Zivilkleidung anzulegen.“

Der Mann, der mit diesen Sätzen den klammen ersten Augenblick der Freiheit beschreibt, ist zum geschilderten Zeitpunkt vierzig Jahre alt, hat vier Konzentrationslager überlebt und unzählige Mitgefangene, darunter auch seinen eigenen Vater, sterben sehen. Noch weiß er nicht, dass weder seine Mutter, sein Bruder noch seine junge Frau der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten entkommen sind.

Viktor Frankl hat überlebt. Der Neurologe und Psychiater aus der Wiener Leopoldstadt kann aus dem Konzentrationslager nicht nur sein Leben retten: Als er erst Türkheim und wenig später München verlässt, um sich auf den – noch illegalen – Weg in das besetzte Wien zu machen, trägt er bei sich gekritzelte Fragmente eines Buchmanuskripts und den ungebrochenen Glauben daran, dass das Leben – trotz allem – niemals an Sinn verliert.

Sinnsuche. Logos, der Sinn – er ist das zentrale Thema im Lebenswerk des 1997 verstorbenen Frankl, dessen Geburtstag sich am 26. März zum 100. Mal jährt. Das Jubiläumsjahr wird rund um den Globus mit Symposien und Kongressen begangen, von Buenos Aires bis Budapest, vom texanischen Dallas bis ins nigerianische Ibadan wird dem Wiener Psychiater gehuldigt, der mit seinem lebensbejahenden Elan vielen Menschen zur Lichtgestalt wurde (siehe Kasten „Kalender“, S. 121). Der Buchmarkt würdigt Frankls runden Geburtstag mit zahlreichen Neuerscheinungen und Neuauflagen. Darunter ist auch erstmals in deutscher Sprache das Buch seines schärfsten Kritikers: des amerikanischen Historikers Timothy Pytell (siehe Interview rechts), der brisante Fragen über Frankls Verhältnis zu den Nationalsozialisten aufwirft – und damit bei Familie, Schülern und Anhängern des Jubilars gehörige Empörung auslöst.

Holocaust-Überlebender, leidenschaftlicher Therapeut, Versöhner: Acht Jahre nach seinem Tod ist die Person Viktor Frankl beinahe schon ein Mythos. Die von ihm gegründete Logotherapie und Existenzanalyse, die so genannte „Dritte Wiener Richtung der Psychotherapie“, ist rund um die Welt immens populär. Elemente seines sinnorientierten Therapieansatzes finden sich heute in Lebensberatungsstellen ebenso wie in der Sozialarbeit, der Medizin, der Jugend- und Hospizarbeit und der Seelsorge. Sogar das deutsche „manager magazin“ empfahl kürzlich in einer Titelgeschichte über die latente Sinnkrise am Arbeitsplatz die Lektüre von Frankls Œuvres als Weg aus der Orientierungslosigkeit.

Wien lag noch in Trümmern, da verfasste der KZ-Heimkehrer Frankl zwei seiner bedeutendsten Werke. In den letzten Wochen seiner Lagerhaft hatte er auf kleinen Zetteln, irgendwelchen obsolet gewordenen Formularen der Nazi-Bürokratie, mit Bleistiftstummeln sein Buch „Ärztliche Seelsorge“ rekonstruiert. Es war nicht allein intellektuelle Ambition, sondern auch das zähe Bemühen des Typhuskranken, nicht ins Delirium zu fallen. „Was mich persönlich angeht“, wird er fünfzig Jahre später in seinen Lebenserinnerungen1) schreiben, „bin ich überzeugt, dass zu meinem eigenen Überleben nicht zuletzt meine Entschlossenheit beigetragen haben mag, mein Manuskript zu rekonstruieren.“ Das Original des Manuskripts, eingenäht ins Mantelfutter, war ihm in der Desinfektionsbaracke von Auschwitz gemeinsam mit allen anderen Habseligkeiten abgenommen worden.

Der Seelsorger. Im Herbst 1945 nun fügt Frankl Fragmente und Ergänzungen zusammen und reicht das Werk als Habilitation ein. Als „Ärztliche Seelsorge“ wenig später auf den Markt kommt, ist die erste Auflage im geistig ausgehungerten Wien binnen weniger Tage vergriffen. Nur die Arbeit hilft Frankl in dieser Zeit, den Tod seiner Angehörigen zu verkraften. Mittlerweile weiß er, dass außer seiner Schwester Stella, die rechtzeitig mit ihrem Mann nach Australien emigriert war, kein einziges Mitglied der Familie die Nazi-Herrschaft überlebt hat. Nachdem „Ärztliche Seelsorge“ fertig ist, diktiert Frankl in nur neun Tagen seinen Bericht „Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“, dessen erste Auflage von 3000 Stück ein Ladenhüter wird. In englischer Übersetzung („Man’s Search for Meaning“) und auf Deutsch unter dem neuen Titel, der in Anklang an das Buchenwald-Lied „… trotzdem Ja zum Leben sagen“ lautet, wird es später zum Welterfolg. Frankls bekanntestes Buch ist mittlerweile in 26 Sprachen übersetzt und wurde allein in den USA neun Millionen Mal verkauft. Die amerikanische Library of Congress zählt es zu den zehn bedeutendsten Büchern des 20. Jahrhunderts.

In den beiden 1945 verfassten Werken ist die Lehre Frankls in ihren Grundzügen festgelegt, sie beinhalten seine wesentlichen Thesen, die er bereits in den dreißiger Jahren entwickelt hatte. Seit seiner frühen Kindheit hatte er sich die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt. In seiner Autobiografie beschreibt er, wie ihm bereits als Vierjährigem die Vorstellung zu schaffen machte, dass mit dem Sterben letztlich das ganze Leben sinnlos gewesen sein könnte. Schon bald kommt ihm die tröstende Idee, dass eben in mancher Hinsicht erst der Tod sinnstiftend sei. Als Gymnasiast verehrt er Sigmund Freud, als junger Medizinstudent bewundert er Alfred Adler. Mit 22 Jahren hat Frankl sowohl Psychoanalyse als auch Individualpsychologie hinter sich gelassen. Von beiden Vorbildern distanziert er sich, beide erscheinen ihm zu reduktionistisch: Freud, der im Menschen ein triebgesteuertes Wesen sieht und psychische Störungen allein auf sexuelle Kräfte zurückführt; Adler, der das menschliche Verhalten als grundlegendes Bestreben interpretiert, soziale Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden.

Optimismus. Die Dritte Wiener Richtung der Psychotherapie ist sinnzentriert. Frankl selbst prägte zur Unterscheidung der Schulen drei einfache Formeln: Freud = Wille zur Lust; Adler = Wille zur Macht; Frankl = Wille zum Sinn. Um den Sinn der menschlichen Existenz kreisen Frankls medizinische Arbeit, seine Forschung, seine Philosophie. Auch Tiere sind imstande, komplexe soziale Strukturen zu entwickeln, argumentiert er, dem Menschen allein ist es vorbehalten, auch nach dem Wozu und dem Warum zu fragen. Die Frage nach dem Sinn – für Frankl ist sie keineswegs neurotisch, sondern die menschlichste Frage schlechthin.

Die Antworten, die er findet, sind von bestechendem Optimismus und klingen nahezu religös: Das Leben ist sinnvoll. Allerdings liegt es am Individuum, auf Fragestellungen, welche die Existenz mit sich bringt, eigenverantwortlich Antworten zu suchen. Der ultimative, der „Über-Sinn“ gehe letztlich über das menschliche Fassungsvermögen hinaus: Hier hilft nur mehr der Glaube. Auch Leid, Schuld und Tod – von Frankl als „tragische Trias“ zusammengefasst – können letztlich positiv in sinnstiftende Ereignisse umgewandelt werden. Voraussetzung sind richtige Haltung und Einstellung. Eine Lebenssituation, die tatsächlich sinnlos wäre, ist für ihn – auch nach Auschwitz – nicht vorstellbar.

„Er hat alle diese Dinge, über die er geredet hat, auch selbst erlebt“, betont Frankls Witwe Elly, „das machte ihn so glaubwürdig.“ Mehr als fünfzig Jahre lang war sie mit dem Psychiater verheiratet, sie war seine engste Vertraute, seine Mitarbeiterin, seine Begleiterin auf vielen Reisen. Elly Frankl lebt nach wie vor in der Wohnung in der Mariannengasse 1, im neunten Wiener Gemeindebezirk, gegenüber dem alten Allgemeinen Krankenhaus, nur wenige Schritte von der ehemaligen Wiener Poliklinik entfernt, deren Neurologische Abteilung Frankl bis zu seiner Pensionierung Anfang der siebziger Jahre geleitet hat.

„Viktor Frankl“ kündet das schlichte Messingschild an der Eingangstür, und auch sonst wurde in der geräumigen Wiener Altbauwohnung seit dem Tod des Hausherrn kaum etwas verändert. Der Schreibtisch vor dem Erkerfenster, über dem schmalen Bett ein Porträt der ersten Frau, die in Bergen-Belsen wahrscheinlich kurz nach der Befreiung an Erschöpfung starb. Im Bücherregal daneben füllen die verschiedenen Übersetzungen von Frankls KZ-Bericht mehrere Reihen.

Das angrenzende Wohnzimmer war über Jahrzehnte gleichzeitig Treffpunkt der logotherapeutischen Bewegung und Warteraum für Frankls Patienten. Die Hingabe und Geduld, mit der er sich Menschen in psychischen Krisensituationen widmete, ist legendär. Patienten seien oft in schrecklicher Verfassung angekommen, schildert Elly Frankl, und hätten die Wohnung nach einem längeren Gespräch mit dem Psychiater voll Zuversicht verlassen. Nächtliche Anrufe, oft auch von Hilfesuchenden aus Übersee, seien alltäglich gewesen.

Das nächste Zimmer wurde von Frankl liebevoll als „Geiststall“ bezeichnet. Hier befindet sich sein umfangreicher Nachlass: Über 1000 Ordner und Mappen mit Schriften, Vorträgen, Manuskripten, Korrespondenzen und Fachzeitschriften. An der Wand hängen Ehrenbezeugungen und Urkunden; insgesamt 29 Ehrendoktorate erhielt Frankl im Lauf seines Lebens, dazu die Ehrenmitgliedschaft der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, das Große Goldene Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich und die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wien. In der benachbarten Wohnung wird rechtzeitg zum Geburtstag Ende März das Viktor-Frankl-Zentrum eröffnet, das Raum für Veranstaltungen und eine öffentlich zugängliche Bibliothek bieten wird.

Heftige Kritik. Ein Buch, das dort wohl kaum zu finden sein wird, ist jenes des Historikers Timothy Pytell, das jetzt erstmals in deutscher Übersetzung erscheint. Pytell ist Assistenzprofessor an der California State University in San Bernadino und beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit Frankl. In seinem Buch „Viktor Frankl. Das Ende eines Mythos“, das dieser Tage auf Deutsch im Innsbrucker Studien Verlag erscheint, übt er scharfe Kritik an dem renommierten Mediziner. Er führt an, dass Frankl vor dem Anschluss in der österreichischen Landesgruppe der deutschen Psychotherapiebewegung, dem so genannten Göring-Institut, mitarbeitete. Diese von Hermann Görings Cousin geleitete Gruppierung hatte zum erklärten Ziel, die Psychotherapie von ihrem jüdischen Einfluss zu befreien. Der Jude Frankl durfte zwar keine Vorträge halten, nahm aber als Kommentator an mehreren Seminaren teil.

Pytells Hauptvorwurf bezieht sich aber auf Frankls Tätigkeit am jüdischen Rothschild-Spital, wo er von 1940 bis 1942 von den Nationalsozialisten als „Judenbehandler“ eingesetzt worden war. Dort soll der Psychiater, so Pytell, ethisch und medizinisch fragwürdige Experimente durchgeführt haben.

Der Hintergrund: Viele Juden zogen es angesichts der bevorstehenden Deportation vor, ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen. Die nationalsozialistische Obrigkeit war von dieser Selbstmordwelle irritiert und versuchte sie zu verhindern – offenbar störten die Suizide die Bürokratie der Vernichtung. Jüdische Selbstmörder wurden, wo immer es möglich war, gerettet, geheilt und dann deportiert. Die meisten jüdischen Ärzte jedoch entschlossen sich, diese letzte Option eines Widerstandes nach Möglichkeit zu unterstützen. Viktor Frankl aber sah sich seinem hippokratischen Eid verpflichtet. „Ich respektiere den Entschluss eines Menschen, sich das Leben zu nehmen“, argumentiert er 1995 in seinen Erinnerungen: „Ich wünsche aber, dass auch mein Prinzip respektiert wird, das lautet: zu retten, solange ich kann.“

Diese Einstellung erscheint insofern plausibel, als die Selbstmordprävention zu diesem Zeitpunkt schon lange ein Schwerpunkt seiner Arbeit war: Ende der zwanziger Jahre hatte er kostenlose Jugendberatungsstellen organisiert, auch ein spezielles Beratungsangebot zur Zeit der Zeugnisverteilung, mit dem konkreten Ziel, die Zahl der Schülerselbstmorde zu verringern – was damals auch gelungen war. Später hatte er im psychiatrischen Krankenhaus Am Steinhof vier Jahre lang den so genannten Selbstmörderinnen-Pavillon geleitet.

Im Rothschild-Spital beschritt er nun, gestützt auf Fachliteratur, neue Wege, die er 1981 bei einem auf Tonband aufgenommenen Interview beschrieb: Wenn Patienten eine Überdosis Schlaftabletten eingenommen hatten, verabreichte ihnen Frankl nach anderen Reanimationsversuchen Injektionen in die Cisterna Magna des Gehirns. Wirkte das nicht, öffnete er den Schädel und führte medikamentöse Substanzen in bestimmte Bereiche des Gehirns ein. Menschen, bei denen die Atmung bereits ausgesetzt hatte, begannen daraufhin wieder zu atmen. Bei diesen Patienten gelang es allerdings nicht, sie länger als 24 Stunden am Leben zu halten. Andere wurden reanimiert und später von den Nazis deportiert. Frankls „aggressiv-experimentelle Vorgangsweise“, räumt Pytell ein, sei durchaus in der Tradition der Wiener medizinischen Schule der Zwischenkriegszeit gestanden. Eine einschlägige Ausbildung und Erfahrung in Hirnchirurgie hatte Frankl aber nicht.

Im Umkreis von Frankl ist der Name Pytell verständlicherweise ein Reizwort. „Der Mensch, dem ich meinen einzigen Herzanfall zu verdanken habe“, empört sich die fast 80-jährige Elly Frankl. Für „unsauber“ hält Alexander Batthyany, Leiter der wissenschaftlichen Abteilung und des Archivs im Wiener Frankl-Institut, Pytells Recherche. Seit über fünf Jahren arbeitet sich der junge Forscher durch den Frankl-Nachlass. „Aus der ganzen Welt finden Menschen zu uns, die Fragen zu Viktor Frankl haben“, sagt er. „Von Herrn Pytell hatten wir nie etwas gehört. Das Archiv reicht zurück bis in die zwanziger Jahre. Der logische Schritt wäre, zuerst bei uns zu recherchieren.“ Für Frankls Witwe bleiben Pytells Vorwürfe unergründlich. Ihr Mann sei mit Leib und Seele Arzt gewesen. Elly Frankl: „Wo er helfen konnte, hat er immer geholfen, anders war das auch im Wiener Rothschild-Spital nicht.“

Kritik an seiner Haltung zum Holocaust hatte es aber auch schon früher gegeben. Frankl hatte sich bereits 1946 gegen die Vorstellung einer Kollektivschuld ausgesprochen, hatte auch nie von der österreichischen Gesellschaft eine Aufarbeitung der Vergangenheit eingefordert. Schon in „… trotzdem Ja zum Leben sagen“ erzählte er von anständigen SS-Offizieren und sadistischen Mitgefangenen. Für das im Verdrängungsprozess versunkene Österreich der Nachkriegszeit war Frankl damit der ideale Überlebende: nie anklagend, nicht fordernd, allen vergebend. In jüdischen Kreisen kam das nicht immer gut an. Das offizielle Österreich feierte ihn als moralische Autorität. 50 Jahre nach dem Anschluss, am 10. März 1988, sprach Frankl in seiner Rede auf dem Wiener Rathausplatz von einer Trennungslinie, die sich ausnahmslos durch alle Gruppierungen ziehe und „zwei Rassen von Menschen“ unterscheide: „Die Anständigen und die Unanständigen.“ Begeistert nahm diesen Ansatz Jörg Haider auf, der immer wieder versuchte, Frankl zu vereinnahmen. Die FPÖ des Kärntner Landeshauptmanns war es auch, die Frankl 1995 für die Wiener Ehrenbürgerschaft vorschlug, nicht zuletzt um zu verhindern, dass diese an den Leiter des jüdischen Dokumentationszentrums Simon Wiesenthal ging.

Populäre Lehre. Zwar bekam Frankl die Ehrenbürgerschaft, eine andere Anerkennung blieb ihm in seiner Heimatstadt aber verwehrt: eine ordentliche Professur und ein eigener Lehrstuhl für Logotherapie an der Universität Wien. Immer wieder müssen sich Vertreter der Logotherapie den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit oder gar Scharlatanerie gefallen lassen. Der sinnzentrierte Ansatz, die Offenheit für Glaubensfragen und Religiosität wird etwa von den klassischen Freudianern kaum ernst genommen.

Der Popularität der Frankl’schen Lehre tut dies keinen Abbruch. Weltweit gibt es rund 70 anerkannte Institute für Logotherapie und Existenzanalyse, unzählige Therapeuten arbeiten mit Elementen aus der Logotherapie. In einer Zeit, in der die Sinnsuche überall Thema ist – von der Esoterik über Meditation und Yoga bis zur wieder entdeckten Religion –, scheint für viele Menschen die zukunftsorientierte Sinnsuche bekömmlicher als die peinsame Freud’sche Analyse. „Frankls Schriften sind hochaktuell“, betont Siegfried Kasper, Leiter der Klinischen Abteilung für Allgemeine Psychiatrie an der Wiener Medizinuniversität, „viele seiner Theorien haben auch heute noch volle Gültigkeit.“ So ist etwa die von Frankl entwickelte „paradoxe Intervention“ längst in die allgemeine Psychiatrie eingeflossen: Dabei regt der Therapeut den Patienten dazu an, sich genau das vorzunehmen, wovor sich dieser eigentlich fürchtet. Etwa, indem er einem Patienten, der das Bett nicht verlassen will, zwei Monate Bettruhe verordnet, um so dessen Widerstand zu provozieren. Frankl war überzeugt von der menschlichen Fähigkeit, von sich selbst abzurücken.

Die besonders in den USA populäre, so genannte positive Psychologie ist laut Kasper durchaus im Sinne Frankls. Im Gegensatz zur Psychoanalyse wird dabei nicht beständig an Vergangenem gerührt. „Es gibt Patienten, denen das gut tut“, meint Kasper, „aber je schwerer sie krank sind, desto schlechter ist das Herumgraben in der Vergangenheit für die meisten zu ertragen.“

Auch Frankl selbst ließ das Vergangene ruhen. Er habe nicht beständig über seine KZ-Vergangenheit gesprochen, erinnert sich Kasper. Er hatte vergeben – vergessen hatte er wohl kaum. So wie im kommenden Juni fand in Dallas, Texas, auch vor zehn Jahren ein Weltkongress der Logotherapie statt. Der fast erblindete Frankl konnte nicht mehr selbst anwesend sein und wurde durch seine Enkelkinder Katja und Alexander Vesely vertreten. Die beiden lernten dort die Witwe und den Sohn jenes Soldaten kennen, der am 27. April 1945 als zweiter Befreier das Konzentrationslager in Türkheim betreten hatte. Dessen Uniform hatten sie dem Kongress zur Ausstellung überlassen. Als Viktor Frankl telefonisch von seinen Enkelkindern davon erfuhr, bat er sie, eine Rose daran zu stecken.