„Putin kann kein Diktator werden“

Die Moskauer Journalistin und Autorin Jelena Tregubowa über die kommenden Wahlen und die Ausschaltung oppositioneller Politiker und Medien.

profil: Warum ist der russische Wahlkampf so langweilig?
Tregubowa: Es gibt doch gar keinen Wahlkampf! Alles, was spannend wäre, gefällt dem Präsidenten nicht und findet daher nicht statt. Die Zensur ist wieder eingeführt worden. Die Opposition kommt nicht mehr zu Wort. Dafür finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit Podiumsgespräche statt mit Titeln wie: „Intellektuelle Verhaltensstrategien in der Epoche des Wiedererstarkens des Autoritarismus“. Das gab es zum letzten Mal Ende der achtziger Jahre.
profil: In Moskau hängen doch auch Plakate von Grigori Jawlinski, dem Spitzenkandidaten der Liberalen, und anderen Oppositionellen.
Tregubowa: Die kleinen liberalen Parteien sind die Feigenblätter für das System Wladimir Putin. Ihre Existenz hängt vom Willen des Kreml-Herrschers ab. Deshalb gibt es bei diesen Wahlen einen neuen Trend unter den Intellektuellen. Der Chefredakteur einer Literaturzeitschrift etwa hat früher liberal gewählt und will jetzt für die Kommunisten stimmen. Denn die werden als Einzige nicht vom Kreml kontrolliert.
profil: Immerhin haben die liberalen Parteiführer lautstark gegen die Verhaftung von Oligarch Michail Chodorkowski protestiert.
Tregubowa: Ihr Protest bewirkt aber nichts. Wirtschaftsboss Anatoli Tschubais scheint mir auch noch an das Märchen vom guten Zaren und den bösen Bojaren zu glauben.
profil: Ist Putin denn ein böser Zar?
Tregubowa: Er ist der Einzige, der entscheidet. Unter Boris Jelzin war das anders, damals hat „die Familie“ das Heft in der Hand gehabt. Putin aber ist kerngesund, er trinkt nicht, er tut, was er für richtig hält. Ein Oligarch wie Roman Abramowitsch, der ihn nicht kritisiert, darf weiter seine Geschäfte machen. (Tregubowas Mobiltelefon klingelt. Ein kurzes Gespräch folgt.) Das war mein Verleger. Ein italienischer Verlag will mein Buch kaufen. Dass die Italiener sich dafür interessieren, ist verständlich. Schließlich haben die auch eine Medien-Mafia, die von den Machthabern kontrolliert wird.
profil: Stimmt es, dass Sie wegen Ihres Buches von der Tageszeitung „Kommersant“ gekündigt wurden?
Tregubowa: Allerdings. Ich hatte bezahlten Urlaub genommen, um das Buch zu schreiben. Als das erste Exemplar bei der Frankfurter Buchmesse gezeigt worden war, wurde der Kreml offenbar aufmerksam. Mein Chefredakteur Andrej Wassiljew hat Anrufe bekommen. Er hat dann den Vorabdruck in der Zeitung verboten. Dann hat er mir ein Telegramm nach Hause geschickt und darin angefragt, wo ich bleibe. Meine Großmutter, die das Telegramm in Empfang nehmen musste, fiel fast in Ohnmacht vor Angst. Es hat sie wohl an stalinistische Zeiten erinnert, da bedeuteten Telegramme nie etwas Gutes. Ich habe ein Telegramm zurückgeschickt: „Wie mit Ihnen vereinbart, schreibe ich gerade ein Buch.“ Am 1. November hat Wassiljew mich trotzdem gefeuert.
profil: „Kommersant“ gehört dem Exil-Oligarchen und Kreml-Kritiker Boris Beresowski. Wieso macht der Chefredakteur mit dem Kreml gemeinsame Sache?
Tregubowa: Wassiljew war ein sehr guter Journalist. Doch wenn es um ihre berufliche Existenz geht, sind die Menschen biegsam. Wassiljew hat mir die Worte des Presseministers Michail Lessin ausrichten lassen, dass ich in Moskau keinen Job als Journalistin mehr bekommen werde.
profil: Glauben Sie das?
Tregubowa: Nein. Die einzige wirklich
unabhängige Tageszeitung „Nowaja
Gaseta“ hat mir schon einen Job angeboten.
profil: Sie berichten in Ihrem Buch, wie Putins Presseleute nur vorher abgesprochene Fragen zugelassen haben oder wie Wladimir Putin Sie galant in Moskaus feinstem japanischen Restaurant umworben hat. Im internationalen Vergleich ist das nicht besonders skandalös.
Tregubowa: Das Buch ist deshalb ein Skandal geworden, weil es vom Kreml dazu gemacht wurde. Der Beitrag über das Buch im Fernsehsender NTV wurde in letzter Minute abgesetzt. Der verantwortliche Redakteur Leonid Parfjonow hat mich angerufen, um sich zu entschuldigen.
profil: Mit „Anekdoten eines Kreml-Goldgräbers“ haben Sie einen Titel gewählt, der eher boulevardesk klingt.
Tregubowa: Trockene politische Analysen verkaufen sich nicht. Putin beim Japaner – mit dieser und anderen Anekdoten kann ich am besten erklären, was man im Kreml unter Pressefreiheit versteht.
profil: Sie nennen Putin in Ihrem Buch „Quasi-Diktator“.
Tregubowa: Das ist er auch. Wie einst Stalin hat er zuerst die eigentliche Opposition beseitigt. Die kritischen Oligarchen Wladimir Gussinski und Boris Beresowski wurden ins Ausland verjagt. Jetzt ist Putin bei den hypothetischen Konkurrenten angelangt. Michail Chodorkowski hatte noch gar keine Zeit, Politiker zu werden, da sitzt er schon im Gefängnis.
profil: Immerhin gibt es Wahlen mit verschiedenen Parteien, es gibt Zeitungen wie die „Nowaja Gaseta“. Ist das Match zwischen Quasi-Diktator und Quasi-Demokratie schon entschieden?
Tregubowa: Ich weiß nicht, ob Putin ein Diktator sein will. Ich glaube aber nicht, dass er es werden kann. Dazu ist unsere Welt mit Internet und Satellitenfernsehen zu unkontrollierbar geworden.
profil: Profitiert Putins „gelenkte Demokratie“ nicht auch davon, dass Russland an historisch gewachsenen Parteien nicht gerade reich ist?
Tregubowa: Natürlich. Die Russen sind in den letzten 200 Jahren sehr oft politisch vergewaltigt worden. Immer, wenn jemand Mitbestimmung gefordert hat, wurde sofort mit immensen Repressalien geantwortet. Jelzin hat seine Chance dann auch nicht genutzt. Er hat in seiner Amtszeit die Reformen nicht weit genug getrieben, jetzt rollt das Rad der Geschichte wieder ein bisschen zurück: Bei den alten Journalisten schlagen sowjetische Angst-Reflexe durch, und die jungen Journalisten lassen sich kaufen.
profil: Warum lassen Sie sich nicht kaufen?
Tregubowa: Ich habe gerade zu einer Zeit studiert, als es die Hoffnung auf eine offene Gesellschaft gab. Für mich ist Journalismus kein Brotberuf, sondern eine Mission. Eine freie Presse ist kein Luxusartikel, sie ist die Garantie für eine freie Gesellschaft. Da ich aber nicht die Einzige bin, die so denkt, ist unsere Lage nicht hoffnungslos.