Pyramide Österreich

Die Spitze mag bröseln, aber das Fundament ist breit.

„Das Schwierigste im Leben liegt in der Zusammenarbeit von Herz und Kopf. In meinem Fall verkehren sie nicht mal auf freundschaftlicher Basis“ Woody Allen

Die Unternehmer sind unser aller Ernährer. Vor allem meine. Es war angenehm, bisher zirka 3000 Geschichten über sie zu schreiben und über den Efeu rundherum, den man „die Wirtschaft“ nennt. Das konnte nie langweilig werden. Die Vielfalt der Charaktere ist verblüffend. Man lernte die unterschiedlichsten Menschen kennen. Sie waren ausnahmslos spannend, oft von umfassender, antiprovinzieller Weltsicht. Viele erwiesen sich im intimen Zweigespräch als gebildet, mit weit aufgefächerten privaten Träumen, die sie manchmal unglücklich machten, weil ihr Alltag eher den schmalen Suchstrahl verlangte: eine scharfe Bündelung auf das Ziel, das Firmenprodukt erfolgreich im Markt zu verankern.

Die Unternehmer erwiesen sich auch mehrheitlich als anständig, in jedweder Hinsicht. Das ist einen Absatz wert, denn es widerspricht dem Vorurteil vieler BürgerInnen – vor allem jener, die beim Versuch, selbst Unternehmer zu sein, scheiterten und die Erfolglosigkeit mit ihrer Anständigkeit begründen. Die zwei Lieblingssätze der Gescheiterten lauten: „Ich bin zu gut für diese Welt“ und „Hinter jedem erfolgreichen Unternehmen steckt ein Verbrechen“. Den zweiten Satz verdanken wir Honoré de Balzac. Er schenkte uns zwar den wunderbaren Literaturzyklus „Die menschliche Komödie“ (Comédie humaine), blickte aber grimmig auf jeden Wohlhabenden, insbesondere die Bankiers und Indus­triellen, weil er finanziell kein Bein auf den Boden brachte. Ab vierzig konnte er sich nur noch mit unmenschlicher ­Anstrengung über die Runden bringen, vorzüglich durch Befriedigung reicher, übergewichtiger französischer und russischer Gräfinnen. Sein Satz vom „Erfolg dank Verbrechen“ blieb trotz der Befangenheit des Autors bis heute modern.

Er sollte korrigiert werden, zumindest für Österreichs Unternehmer. Sie sind grosso modo anständig. Sie sind ethisch gut unterwegs. In Untersuchungen der maßgeblichen britischen „Economist Intelligence Group“ schneiden sie hervorragend ab, etwa in Fragen der aktiven und passiven Bestechung bei Exportgeschäften, in der sozialen Gesinnung, in der relativ schnellen Adaptierung betriebsdemokratischer Neuerungen wie Mitbestimmung und Mitbeteiligung, auch bei früh angesetzten Pioniertaten wie Bio-Orientierung der Landschaft oder ethisch-fairem Rohstoffeinkauf.

Um die Kirche im Dorf zu lassen: Bei aller Würdigung ihres Charakters ist es für unsere Unternehmer auch leichter, anständig zu sein. Ihr Hauptsitz liegt nicht in La­teinamerika oder Afrika. Sie wirken in einem zivilen, summarisch wunderbaren Land, dessen Vorzüge nur in einem einzigen Land missachtet werden, in Österreich selbst. Wir sind zwar nicht ideale Spitze, aber insgesamt homogen auf einer Hochebene unterwegs. Wir sind Yak und Gämse, nicht Engerling. Die Wirtschaftsbedingungen sind gut bis hervorragend. Dazu zwei Kriterien: Wirtschaftsinteresse unserer Glühbirnen. Keine Nation kann uns das Wasser reichen, was die bisherigen Pro-Kopf-der-Bevölkerung-Beiträge zur Wirtschaftstheorie betrifft. Nationalökonomisch flammen immer wieder die Klassiker der „Wiener Schule“ auf, auf eigenen Spuren auch der überschätzte Schumpeter und Neoliberalist Hayek. Dass sie tot sind, spielt keine Rolle. Das gilt auch für die großen Denker der russischen, britischen oder der deutschen ordoliberalen Schule. Aber auch putzmuntere Österreicher wie der Wirtschaftsprofessor und Forscher Karl Aiginger werden in der heutigen Economics-Hochburg USA geschätzt, Aiginger etwa am MIT und in Stanford. Österreich exzellierte nicht nur in Makroökonomie, auch in Mikroökonomie. Peter Drucker, Ernest Dichter und Paul Watzlawick werden als bedeutende Entwicklungshilfe Österreichs für die moderne Managementpraxis und Erfolgspsychologie bewundert. Und der Vorarlberger Fredmund Malik, Namensgeber des Malik Management Zentrums St. Gallen, arbeitet gerade in splendid isolation an einer (wie ich vermute) kybernetischen Gesamtschau idealen Managements. Man darf Hohes erwarten. Fazit: Die Österreicher haben neben Kaffee, Veltliner und Musik auch die köstlichen Gifte und Rhythmen der Wirtschaft im Blut.

Österreich als gesuchter Wirtschaftsstandort. Dass viele Illus­trierten-VIPs und TV-Stars ihren persönlichen Wohnsitz nach Österreich verlegen, ist intellektuell so aufregend wie die selbst gestrickten Pudelhauben von Martin Heidegger. Es ist aber klasse Werbung für die Schönheit Österreichs und die Freundlichkeit der Österreicher gegenüber jedem Fremden, der Kohle hat. Es mag auch ein Nebenaspekt für fremde Betriebsansiedelung sein. Die wichtigeren Argumente führte das deutsche „manager magazin“ an, als es Österreich „das bessere Deutschland“ nannte: eine fleißige, genaue, technikaffine, gut geschulte Bevölkerung; verblüffend unlästige Bürokratie; vernünftige Rahmenbedingungen für Unternehmer; eine Wirtschaftspolitik mit Augenmaß. Österreicher glauben dergleichen nur, wenn es von Ausländern gesagt oder geschrieben wird, und umso lieber von Deutschen, die unsere wichtigsten Wirtschaftspartner waren, sind und die nächsten hundert Jahre bleiben werden.

Fazit: Genießen Sie Ihren Urlaub, auch wenn eine Neuwahl ansteht, in deren Vorfeld wieder viele ökonomisch dumme Wahlversprechen gemacht werden. Solange der Wirtschaftsgeist und die Unternehmer Österreichs als „Unterbau der Gesellschaft“ in Ordnung sind, können Sie leichten Herzens an Ihren Arbeitsplatz zurückkehren.