Quellenkonflikte

Verliert das Wiener Kunsthistorische Museum eines seiner Prunkstücke? Die Erben nach Jaromir Graf Czernin fordern eine Restitution des Vermeer-Meisterwerks „Allegorie der Malkunst“ – mit umstrittenen Begründungen. Eine Rückstellung erscheint eher unwahrscheinlich.

Von Nina Schedlmayer

Der Aufsatz, den ein gewisser Franz Kieslinger für die Augustausgabe 1939 der Zeitschrift „Kunst dem Volk“ verfasste, war in pathetisch-blumigem Ton gehalten. Über die „Allegorie der Malkunst“ des Jan Vermeer van Delft hieß es da etwa: „Jene unsägliche Treue, mit der hier Luft, Licht und Raum unvergleichlich geschaffen sind, hat nicht ihresgleichen. Es ist alles so einfach, so selbstverständlich und so notwendig, dass nur ein gänzlich Wissender die weise Regie des Kunstwerks ahnt, das wie alles Große unendlich einfach ist.“ Kurz: „Es ist eines der köstlichsten Bilder der germanischen Kunst.“

Heute hängt die 1665 entstandene „Allegorie der Malkunst“ im Wiener Kunsthistorischen Museum (KHM); es sorgte während der vergangenen Jahre oft für Gespräche, weil es der ehemalige KHM-Direktor Wilfried Seipel zu Ausstellungen quer über den Globus schickte. Nun hat es das 120 mal 100 Zentimeter große Bild, über das sich bereits Generationen von Kunsthistorikern den Kopf zerbrachen, einmal mehr in die Schlagzeilen geschafft: durch eine umstrittene Restitutionsforderung.

Die Geschichte des Bilds ist abenteuerlich: Im Oktober 1940 verkaufte der Aristokrat Jaromir Czernin das Werk um 1,65 Millionen Reichsmark an Adolf Hitler, der das Gemälde in seinem megalomanen Linzer „Führermuseum“ platzieren wollte. Die Transaktion war eine komplizierte Angelegenheit, gehörte doch der Vermeer bloß zu vier Fünfteln Jaromir, zu 20 Prozent aber seinem Onkel Eugen Czernin, der erst nach langen Debatten dem Verkauf zustimmte. Nach dem Krieg wurde das Werk, ausgewiesen als Hitlers Privateigentum, der Republik Österreich zugesprochen, 1946 ins Kunsthistorische Museum gebracht. Bereits 1945 hatte sich der Graf mit Restitutionsansprüchen gemeldet – die dreimal abgelehnt wurden, zuletzt 1960. Der Fall schien abgehakt. Bis vor Kurzem: Am 5. September erklärte Andreas Theiss, der Rechtsanwalt der Erben nach Jaromir Graf Czernin, in der Tageszeitung „Der Standard“, dass aufgrund neuer Forschungsergebnisse ein Antrag auf Restitution gestellt werde.

Die österreichische Öffentlichkeit reagierte darauf ebenso überrascht wie die Verantwortlichen im KHM und verschiedene Restitutionsexperten. Derzeit sind zwei Forscherinnen, beauftragt von der Republik, damit beschäftigt, das von ihrem Kollegen Michael Wladika für die Familie Czernin erstellte Vermeer-Dossier zu bearbeiten. Mit professioneller Distanz reagierte KHM-Direktorin Sabine Haag auf die neuen Ansprüche, sie sagt auch im Gespräch mit profil: „Wir können nur die beiden Forscherinnen aktiv unterstützen, indem wir ihnen alles an Material zur Verfügung stellen, das wir haben. Das Gutachten von Michael Wladika wollen wir im Augenblick aber nicht kommentieren.“ Auch der hausinterne Provenienzforscher Franz Pichorner meint nur: „Wir sind neugierig, ob die ­Juristen und Historiker neue Argumente ­haben.“

Schmierereien. Provenienzforscher Wladika möchte keine Stellungnahme zu seinen Forschungen abgeben – im Gegensatz zu Rechtsanwalt Theiss. Seine Argumentation stützt sich vor allem auf die Voraussetzung, dass Czernin zum Verkauf der „Malkunst“ gezwungen wurde – schließlich sei er unter Druck gestanden, da „der Staatsfeind Schuschnigg sein Schwager war und seine zweite Frau Alix im Dritten Reich als ‚Mischling 2. Grades‘ galt.“ Czernins Tochter ­Sophie Czernin spreche von „Wandschmierereien, in denen Alix als ,Judenschwein‘ bezeichnet wurde“, ihr Bruder Alexander Czernin erinnere sich daran, dass sie den ­Judenstern tragen musste; zudem habe Jaromir Czernin nach dem Verkauf des Bilds an den „Führer“ Erleichterung darüber geäußert, dass die Familie jetzt „sicher“ sei.

Die Gefährdung von Alix als „Mischling 2. Grades“ belegt Theiss in seinem Schreiben an die Republik Österreich mit zwei weiteren Hinweisen, nämlich auf das 2007 erschienene Buch „Im Schatten des Holocaust“ von James F. Tent sowie auf einen bereits 1995 im „Jahrbuch für Antisemitismusforschung“ publizierten Aufsatz zum Thema „Die Alchemie des Rassenbegriffs und die ‚Nürnberger Gesetze‘“. Liest man an den entsprechenden Stellen nach, so ist vor allem von „Halbjuden“ die Rede, deren erschreckende Schicksale der Historiker Tent nachzeichnet. Die Autorin Cornelia Essner umreißt in ihrem Text die Diskussionen der NS-Zeit zum Thema „Rassenschande“ – keiner von beiden kommt jedoch zu dem Schluss, dass „Mischlinge 2. Grades“ ebenso bedroht gewesen wären wie Juden, wie Theiss behauptet.

Als weitere neue Erkenntnis zitiert ­Theiss eine Stelle aus dem Buch „Das Braune Haus der Kunst: Hitlers ‚Sonderauftrag Linz‘“ von Hanns Christian Löhr. Tatsächlich formuliert dieser in seinem 2005 erschienenen Buch, dass Hitler das Bild „durch einen Zwangsverkauf erworben hatte“. Der Zwang habe laut Löhr „in einem Verbot Hitlers“ bestanden, „das Gemälde wie geplant an den Hamburger Industriellen Philipp Reemtsma zu verkaufen“. Hitler habe „ohne gesetzliche Grundlage“ seinen Willen durchgesetzt und Czernin gezwungen, das Bild an ihn selbst zu verkaufen. Tatsächlich hatte Czernin einen Verkauf an Reemtsma in die Wege geleitet – war jedoch an der Denkmalschutzbehörde gescheitert, die ihm die Ausfuhr des wertvollen Bilds zu seinem potenziellen Käufer nach Hamburg verweigert hatte. Seine Erkenntnisse bezieht Löhr aus älteren Quellen: Er verweist auf ein 1998 erschienenes Buch über „Hitlers Geld“, das zur Gänze ohne wissenschaftlichen Anmerkungsapparat auskommt, sowie auf einen bereits 1995 publizierten Text der Historikerin Lynn H. Nicholas.

Löhr zitiert zudem eine Untersuchung der Forscherin Birgit Kirchmayr. Diese führte 1997 ein Interview mit Rudolf Czer­nin, dem Sohn von Jaromirs zunächst verkaufsunwilligem Onkel. Rudolf Czernin erzählt im Gespräch mit Kirchmayr von einem Zusammentreffen seines Vaters mit einem Privatsekretär Hitlers, der diesem im Fall einer Verweigerung des Vermeer-Verkaufs „Schwierigkeiten“ ankündigte. Nachsatz: „Er hat nicht gedroht, mit irgendwelchen Gefängnissen oder was.“

Ein weiterer Knackpunkt in der Causa „Czernin-Vermeer“ ist der Kaufpreis des Bilds. Theiss sagt, Czernin habe nur eine Million Reichsmark erhalten. Zahlreiche Dokumente belegen jedoch die Summe von 1,65 Millionen: Diese wird etwa in einem Brief von Hans Posse, der damals Hauptverantwortlicher des „Führermuseums“ war, vom 4. Oktober 1940 bestätigt, ebenso in einem Schreiben von Reichsleiter Martin Bormann vom 8. Oktober 1940. Bormann fügt jedoch auch an: „An sich hat dieses beste Bild des Vermeer einen internationalen Wert, der weit über den bewilligten Preis hinausgeht.“

Preisfrage. Der vermeintlich zu niedrige Preis – welcher auch immer nun tatsächlich bezahlt wurde – ist Teil der Argumentationslinie der Restitutionsforderung. Theiss erzählt, dass Hans Posse von der geringen Summe geradezu „entsetzt“ gewesen sei. Die Kunsthistorikerin Birgit Schwarz, die ein Grundsatzwerk zum „Führermuseum“ publiziert hat, zeigt sich darüber „erstaunt“, wie sie profil mitteilt: „Posse war immer bemüht, möglichst günstig zu kaufen“, erzählt sie. Sie könne sich „gar nicht vorstellen, dass er so etwas gesagt haben soll“. Die 1,65 Millionen waren der höchste Preis für ein Kunstwerk, den Hitler je bezahlt hat, so Schwarz. Den ihr bekannten Dokumenten nach würde sie ausschließen, dass der Handel ein Zwangsverkauf war.

Ganz von der Hand zu weisen sind verschiedene Punkte in der Argumentation von Theiss nicht – etwa wenn er meint: „Es kann doch niemand davon ausgehen, dass Hitler es akzeptiert hätte, wenn Czernin den Verkauf des Bilds verweigert hätte. Er hätte dann die avisierten anderen Mittel, nämlich Entzug, eingesetzt.“ Er setzt nach: „Die aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten zeigen, dass die Entscheidungen der fünfziger Jahre im Geist des Dritten Reichs restitutionsfeindlich waren.“

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die nun die Vermeer-Restitution vorantreiben sollen, erweisen sich bei näherer Betrachtung somit als gar nicht neu. Die skeptische Zurückhaltung der Forscher-Community ist ebenfalls bezeichnend. Bis die Historikerkommission zu einer Empfehlung gelangt, werden noch zahlreiche Archive durchwühlt werden – vor 2010 ist mit keinem Ergebnis zu rechnen. Eine vorsichtige Prognose wagen Restitutionsspezialisten allerdings schon heute: Es ist eher unwahrscheinlich, dass die „Allegorie der Malkunst“ an die Familie Czernin restituiert werden wird.