Rabatz, nicht Boykott!

Die Olympischen Spiele 2008 in Peking sind eine Chance für die Demokratisierung Chinas.

Der österreichische Abgeordnete zum Europaparlament Johannes Voggenhuber kritisiert, dass die Olympischen Spiele überhaupt in Peking abgehalten werden. Alle Beteiligten hätten ja von vornherein gewusst, wo die Spiele stattfinden: „Dort, wo sie Geschäfte machen.“ Da mag ein Körnchen Wahrheit im Vorwurf des Grün-Politikers ste­cken. Aber gerade die jüngsten Ereignisse in Tibet haben paradoxerweise gezeigt, dass die Wahl des Austragungsorts auch von politischer Klugheit zeugt. Erinnern wir uns: Als sich China bewarb, da verwendete die dortige Führung ein politisches Argument. Die Austragung der Olympischen Spiele würde China helfen, „sich zu reformieren und zu öffnen“. Und jetzt haben sie den Salat. Würden die Sportler der Welt, die zigtausenden internationalen Berichterstatter und Politiker nicht kommenden Sommer in Peking erwartet, die drei westlichen Journalisten (darunter Kristin Kupfer für profil) hätten nicht die Niederschlagung des Aufstands in Lhasa beobachten können. Nur aufgrund des bevorstehenden Sportereignisses, von dem sich Peking einen enormen Prestigegewinn versprach, wurden die Arbeitsbedingungen für Auslandskorrespondenten in China drastisch verbessert. Ohne Olympia wäre das brutale Vorgehen gegen die tibetische Protestbewegung der Öffentlichkeit verborgen geblieben. Wahrscheinlich hätten die Tibeter gar nicht gewagt, gegen die jahrzehntelange Unterdrückungs- und Kolonisierungspolitik der Chinesen aufzubegehren.

Als Peking kritisiert wurde, weil die ausländischen Reporter aus den Gebieten der Aufstandsbewegung ausgewiesen wurden, fühlte man sich veranlasst, 26 ausgewählte Journalisten zu einem Besuch nach Lhasa einzuladen. Als chinesische Offizielle versuchten, den eingeladenen Medienleuten ihre Version der Ereignisse darzulegen, wurde die Pressekonferenz „gestört“. Rot gekleidete Mönche riefen den westlichen Journalisten zu: „Glaubt ihnen nicht, die erzählen euch nur Lügen“ und „Wir wollen Freiheit“. Peking erklärt nun, die Störung der Pressekonferenz würde keine strafrechtlichen Konsequenzen haben. Unter normalen Umständen hätten solche politische Frechheiten, wie die der aufmüpfigen Mönche, dutzende Jahre Gefängnis bedeutet.
Schon jetzt verdienen die Olympischen Spiel 2008 eine Goldmedaille. In der Disziplin „Förderung der Menschenrechte“. Das Thema Tibet und die Menschenrechte in China wird bis kommenden August die ersten Seiten der internationalen Presse nicht mehr so schnell verlassen.

Nun diskutiert man in Europa einen Olympia-Boykott. Ein kleine Minderheit von Politikern will sogar, dass die Sportler ihrer Länder die China-Reise stornieren. Ein größerer Teil erwägt den medialen und politischen Boykott der Eröffnungsfeierlichkeiten. Nicolas Sarkozy erwägt, nicht nach Peking zu kommen. Andere konservative, aber auch linke Politiker ebenfalls. Der Grüne Daniel Cohn-Bendit appelliert an die Regierungschefs, durch ihre Abwesenheit bei der Eröffnung ihren Protest gegen die Menschenrechtssituation deutlich zu machen. Das wäre freilich höchst kontraproduktiv: Das würde nur die ohnehin schon wüste chinesische Xenophobie, welche die ausländische Tibet-Berichterstattung provoziert hat, weiter anheizen. So plädiert auch Karma Chopel, der im Exil lebende tibetische Parlamentspräsident, vor dem Europaparlament in Straßburg gegen einen Boykott: Stattdessen sollte die internationale Gemeinschaft die „Chance nutzen, um China zu zwingen, internationale Rechte zu achten“. Das sei möglich, wenn „Europas Staats- und Regierungs­chefs mutig sind und kritisieren, was in Tibet und anderen chinesischen Provinzen geschieht“.

Ein Argument gegen den Boykott darf aber nicht unwidersprochen bleiben: Die Olympischen Spiele seien eine Sportveranstaltung. Und Sport habe mit Politik nichts zu tun. Das ist einfach faktisch falsch. Olympia war immer schon politisch. Von Berlin 1936 über Tokio, Mexiko, Mos­kau, Los Angeles bis Seoul: Die Spiele waren immer auch die Demonstration von nationalem Stolz oder willkommener Anlass für Protest, der sich internationaler Aufmerksamkeit erfreuen konnte. Woran erinnert man sich, wenn es um Olympia in Mexiko 1968 geht? An einen Weltrekord? Wohl kaum. Eingeprägt hat sich das Foto von den schwarz-amerikanischen Sprintern, die auf dem Siegerpodest mit schwarz behandschuhter Faust „black power“ demonstrierten. Es war ein spektakulärer Protest gegen die Rassendiskriminierung in der USA.
Das weist auch auf eine Alternative zu einem Boykott hin: Die Umfunktionierung der Spiele. Dieser andere Weg, den Cohn-Bendit aufzeigt, würde folgendermaßen aussehen: „Es darf nicht nur gelaufen, geschwommen und gesprungen werden“, sagt der ehemalige Anführer des französischen Mai ’68. Man müsse auch über Menschenrechte diskutieren. „Jeder angereiste Sportler, Funktionär, Journalist und Politiker könnte so zum Botschafter der Demokratie werden.“ Wenn alle auf den Platz des himmlischen Friedens strömen und dafür sorgen, dass da über die irdische Freiheit geredet wird, wenn also anständig Rabatz gemacht wird, dann könnte das Ziel, mit dem sich Peking beworben hat, nämlich durch Olympia Chinas Reform und Öffnung zu fördern, erreicht werden. Dann könnten, wenn alles gut geht, die Pekinger Spiele 2008 als Meilenstein auf dem langen Weg Chinas zu demokratischen Verhältnissen in die Geschichtsbücher eingehen.