"Rache bis ganz tief an die Wurzeln":
Partisan Simo Dubajic als Massenmörder

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ließ er 13.000 Menschen hinrichten. 2006 brüstete er sich öffentlich mit dem Massenmord. Erst jetzt ermittelt die Justiz gegen Simo Dubajic – den letzten lebenden Haupttäter eines Verbrechens, das am Balkan noch immer als Tabu gilt.

Von Gregor Mayer, Zagreb

Nein, seinem Freund gehe es nicht gut. Simo Dubajic, 86 Jahre alt, ehemaliger Partisan und exzentrischer Lebenskünstler, sei bettlägerig und verlasse seine Wohnung in Belgrad nicht mehr. „Ich habe ihn selbst seit drei Jahren nicht mehr gesehen“, sagt Cedomir Visnjic, Sektionschef im kroatischen Kulturministerium. Der Spitzenbeamte gehört der serbischen Volksgruppe in Kroatien an und ist eigentlich Verleger. Sein Zagreber Buchhaus Prosveta hat vor drei Jahren die Memoiren des im hinter-dalmatinischen Kistanje geborenen ehemaligen Majors Simo Dubajic nachgedruckt.

Als das Buch mit dem Titel „Von Kistanje zum Kocevski Rog. Leben, Sühne und Reue“ 2006 zunächst im serbischen Emi­grationsverlag Nidda (Bad Vilbel bei Frankfurt) erschien, erregte es kaum Aufsehen. Niemand beachtete damals, wie freimütig Dubajic darin seine eigene aktive Rolle im dunkelsten Kapitel der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte Jugoslawiens beschrieb, der Tragödie von Bleiburg. Zehntausende Kroa­ten, Slowenen und andere Jugoslawen, meist Militärangehörige und Kollaborateure der örtlichen Nazi-Regime, hatten sich bei Kriegsende am 15. Mai 1945 bei der Südkärntner Festung Bleiburg den britischen Besatzungstruppen ergeben.
Die Briten lieferten sie aber den siegreichen Partisanen von Marschall Tito aus. Diese übten grausame Rache an den Flüchtlingen. Die meisten von ihnen wurden an verschiedenen Stellen im heutigen Slowenien gruppenweise und systematisch erschossen und in Massengräbern verscharrt, wenn sie nicht schon auf den Todesmärschen zu ihren Richtstätten ums Leben gekommen waren. Erst vor zwei Jahren begann man etwa im Wald von Tezno bei Maribor mit der Exhumierung von Opfern – rund 15.000 Leichen werden allein dort vermutet.

Der damals 21-jährige Major Dubajic hatte als Stabsoffizier der 26. Division der 4. Jugoslawischen Armee am Kärntner Grenzbahnhof Rosenbach 13.000 Kriegsgefangene aus dem Bleiburger Tross übernommen. Bei den meisten handelte es sich um kroatische Ustascha-Milizionäre und Heimwehr-Soldaten (Domobrani) sowie slowenische Domobranzen, unter ihnen waren aber auch serbische Tschetniks und bosnische Handschar-Divisionäre: allesamt Todfeinde der Partisanen und Angehörige von bewaffneten Milizen, die zuvor im Krieg ihrerseits unsagbare Verbrechen an Juden, Serben und partisanenfreundlichen Zivilisten begangen hatten. Wie er in seinen Memoiren darlegte, überwachte Dubajic den Transport dieser kollektiv zu Kriegsverbrechern abgestempelten Menschenmasse in den südslowenischen Ort Kocevje (Gottschee) und ihre systematische „Liquidierung“ im Kocevski Rog – dem Hornwald von Gottschee. Mehr als 60 Jahre lang blieb der Massenmord ungesühnt. Erst vor wenigen Wochen, im April 2009, leitete die Zagreber Sonderstaatsanwaltschaft zur Bekämpfung von Korruption und organisiertem Verbrechen ein Ermittlungsverfahren gegen Dubajic ein.

Als Deutschland am 8. Mai 1945 kapitulierte , herrschte an der jugoslawischen Front noch lange kein Frieden. Kroatische Ustascha-Verbände unter ihrem Kommandeur Maks Luburic, dem vormaligen Chef des KZ Jasenovac, kämpften mit unverminderter Härte weiter gegen Titos Partisanen. Zehntausende Soldaten und Zivilisten, die mit den Quislingsregimen in Kroatien, Slowenien und Serbien verbunden waren, flüchteten nach Norden. Sie wollten zu den in den Süden Österreichs eingerückten Briten, um sich vor der drohenden Rache der Partisanen zu retten. Das britische Militär, vor dem die geschlagene Heerschar am 15. Mai bei Bleiburg formell kapitulierte, sah sich in Kärnten in einer prekären Lage.
Die jugoslawischen Flüchtlingsmassen campierten bei Viktring, zugleich stießen die kriegsverbündeten Partisanen über die Grenze nach Österreich vor. Es kam zu Spannungen, weil die slowenischen Kommunisten die bei der Volksabstimmung 1920 „verlorenen“ Gebiete in Südkärnten und die – gleichfalls dem britischen Kommando unterstellte – italienische Küstenstadt Triest für sich beanspruchten. In Jalta hatten aber die Alliierten zuvor schon geklärt, dass die Grenzen Österreichs und Italiens nicht verändert würden. Nun aber forderten die Partisanen vehement die Übergabe aller Kriegsgefangenen. Eine ähnliche Regelung, die in Jalta ausgehandelt wurde, galt für die zahlreichen russischen und ukrainischen Weißgardisten und Kosaken, die an der Seite Hitler-Deutschlands und seiner Verbündeten gegen Stalins Sowjetunion gekämpft hatten. Sie mussten von den West-Alliierten an die Rote Armee ausgeliefert werden. Der Tod war ihnen sicher.

Der Stabsoffizier Dubajic war einer der Verhandlungsführer der 4. Jugoslawischen Armee, die mit den Briten den Rückzug der jugoslawischen Verbände aus Österreich und die Übergabe der Kriegsgefangenen vereinbarten. Ein Gesprächsprotokoll vom 20. Mai, das die Unterschrift von Major Dubajic trägt – eine Kopie liegt profil vor –, hält fest, dass seine 26. Division bereits 3000 entwaffnete Soldaten und Zivilisten übernommen habe. „Weitere 10.000 Gefangene, darunter auch Zivilisten, die unter ihnen sind“, heißt es im Punkt 4 des Dokuments, „werden von der
4. Jugoslawischen Armee über Rosenbach evakuiert, so wie es mit Major Dubajic persönlich besprochen war. Damit ergibt sich eine Gesamtzahl von 13.000.“ Dubajic zitiert diese Passage auch in seinen Memoiren – das entsprechende Kapitel trägt den sinnigen Titel „Meine 13.000 Ustaschen“. Als Kommandeur der 11. Brigade sollte er ihren Abtransport nach Kocevje befehligen.

Exekutionsbefehl. Zunächst erhielt Dubajic eine Weisung von Tito, die Kriegsgefangenen entsprechend der Genfer Konvention zu behandeln. Sie seien zu internieren, bis ihnen der Prozess gemacht würde. Seiner eigenen Beschreibung zufolge war Dubajic die meiste Zeit betrunken. Aus Freude über Kriegsende und Partisanensieg sprach er ausgiebig dem Bakarska-Wässerchen zu, einem halbtrockenen istrischen Schaumwein. Auch galt es zu begießen, dass seine Einheit Generaloberst Alexander von Löhr verhaftet hatte, den Kommandeur der auf dem Balkan kämpfenden Heeresgruppe E der deutschen Wehrmacht – dem auch ein vergesslicher Oberleutnant namens Kurt Waldheim unterstellt gewesen war.

Dubajic war auch an jenem Abend froher Stimmung, als ihn die Geheimdienst-Offiziere Ivan Macek, Maks Bace und Jovo Kapa aufsuchten. „Stell Freiwilligentrupps zusammen und liquidiere die Ustaschen im Hornwald“, lautete die neue Weisung, die sie überbrachten. Der Hornwald war Partisanen-Kernland. Bis 1941 hatten hier rund 12.000 Volksdeutsche gelebt. Hitler ließ sie – ähnlich wie einen Teil der Südtiroler Deutschen – ins Deutsche Reich „heimholen“, weil der Landstrich an Mussolinis Italien abgetreten worden war. In den verlassenen Tälern und Wäldern mit den ausgedehnten Karsthöhlen hatten die Partisanen Militärstützpunkte, Waffen- und Lebensmittellager und ganze Feldspitäler angelegt. Nach Kriegsende eignete sich dieser Ort wie kein anderer, um tausende Menschen sprichwörtlich vom Erdboden verschlucken zu lassen.

Major Dubajic führte den neuen Befehl eigenem Bekunden zufolge freudig und begeistert aus. „Die erwartete und gerechte Lösung war zum Greifen nahe. Nach vier Jahren furchtbaren Kriegs und nach der Revolution fühlte ich mich als Auserwählter der römischen Justitia, der griechischen Themis.“ Kein anderer Gedanke trieb ihn, als schnell Kocevje zu erreichen und im dortigen Bahnhof sein Brigadekommando einzurichten. Dank der Geheimdienstler von der PPK (Protiv Pete Kolone/Abwehr gegen die 5. Kolonne) fand er, dort angekommen, eine „beispielhafte Ordnung“ vor. Dubajic und die PPK-Leute formten einen Sondertrupp aus 70 handverlesenen Männern. Am 26. Mai hielt Tito eine Rede in Ljubljana, in der er unverblümt ankündigte, dass jene Feinde, die bislang überlebt hatten, „die herrlichen Berge und blühenden Felder (Jugoslawiens) nie mehr wiedersehen werden“. Die slowenische Zeitung „Slovenski porocelevec“ wurde noch unmissverständlicher: „Die Rache muss bis ganz tief an die Wurzeln gehen.“

Am selben Tag begann das blutige Gemetzel im Hornwald. Die Opfer wurden in Gruppen von 400 bis 500 Menschen in den Wald geführt, erschossen und in die Karstspalten gestürzt. Bis zum 5. Juni ratterte die Todesmaschinerie, elf Tage lang. Dubajic selbst war nicht an der Mordorgie beteiligt. In Kocevje nahm er jeden ankommenden Zug mit Todeskandidaten in Augenschein und suchte, wie er schreibt, wie besessen nach Zarko Kerkez, Ljuba Carev und dessen Bruder sowie dem Studenten Studa – Ustascha-Mitglieder aus der Umgebung seines Heimatorts Kistanje, die seine Schwiegermutter und zahlreiche serbische Freunde ermordet hatten, die aber nicht unter den Ankömmlingen waren. Ansonsten saß er im Bahnhof von Kocevje und labte sich am Bakarska-Wässerchen. „Wie im Film“ seien ihm die Bilder vor Augen gestanden, als damals die Ustaschen seine Serben zu ermorden begonnen hatten.

So befahl er dem Exekutionskommando , den in die Gräben, Spalten und Vertiefungen geschossenen Menschen noch eine Handgranate nachzuwerfen, sicherheitshalber, damit kein Einziger überlebe. Das Morden fiel selbst den Mördern nicht leicht. Sein Freund Perisa erzählte ihm, dass mindestens zehn der „Liquidatoren“ verrückt geworden seien.
Dubajic selbst schien diese wüste Phase seines Lebens schnell überwunden zu haben. Fünf Jahre nach Kriegsende legte er den Uniformrock ab, ging als verdienter Partisan mit 27 Jahren in Frühpension und studierte Filmregie in Zagreb. Beim Fernsehen in der kroatischen Hauptstadt betätigte er sich als Drehbuchautor und Schauspieler. In drei Ehen zeugte er insgesamt 13 Kinder. Irgendwann zog er in seinen Heimatort Kistanje zurück, wo ihn der Ruf eines Exzentrikers umwehte. Mit seiner Familie bewohnte er ein Haus ohne Möbel, die Habseligkeiten bewahrte er in Kartons auf, geschlafen wurde auf dem Boden auf Tatamis (japanische Reisstrohmatten).

Bei dem von Belgrad angezettelten Aufstand der Krajina-Serben posierte der damals noch rüstige Alte mit Kalaschnikow und tief herabhängendem weißem Schnauzbart vor den serbischen Fernsehkameras als streitbarer Tschetnik. Nach der Vertreibung der Krajina-Serben im Sommer 1995 durch das siegreiche kroatische Militär zog er nach Belgrad. Dort suchte ihn vor wenigen Wochen auf Ersuchen der kroatischen Staatsanwaltschaft die serbische Polizei auf.

Die Beamten hätten ihn und seine Frau „bettlägerig, katheterisiert und völlig von dem sie betreuenden Sohn abhängig“ vorgefunden, so Bruno Vekaric, Sprecher der Belgrader Sonderstaatsanwaltschaft für Kriegsverbrechen, gegenüber profil. Dass Dubajic je an Kroatien ausgeliefert wird, gilt als ausgeschlossen.

Rache. Taten wie die seinigen blieben, wie die blutige Rache der Partisanen insgesamt, bis zum Zerfall Jugoslawiens Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts ein Tabu-Thema. Die grausamen Separationskriege des vorigen Jahrzehnts mit ihren Gräueln in Kroatien, Bosnien und im Kosovo machten eine ernsthafte und differenzierte Auseinandersetzung mit diesem Abschnitt der Geschichte praktisch unmöglich. In Slowenien und Kroatien wollen rechte Politiker und Publizisten die Historie gelegentlich „neu schreiben“, um die Menschheitsverbrechen des Hitler-Faschismus und seiner örtlichen Erfüllungsgehilfen zu relativieren. Die Linke tut sich wiederum schwer damit, in den Partisanen nicht nur eine authentische und heroische Widerstandsbewegung gegen den Faschismus zu sehen, sondern auch über die von ihnen begangenen Kriegsverbrechen zu sprechen.

Die unvereinbaren Narrative lassen nicht einmal einen Konsens über eine annäherungsweise korrekte Opferzahl der Massaker im Gefolge von Bleiburg zu. Von bis zu 30.000 Toten sprach der Tito-Mitstreiter und spätere Dissident Milovan Djilas („Der Krieg der Partisanen“), von 300.000 Opfern will die revisionistische Exil-Literatur wissen. In der seriösen Forschung geht man inzwischen von bis zu 60.000 Toten aus, dazu kommen noch 10.000 Soldaten der deutschen Wehrmacht, die den Partisanen in die Hände fielen und gleichfalls summarisch erschossen wurden.

Der kroatische Verleger Slavko Goldstein kam als 14-Jähriger zu den Partisanen. Seinen Vater, einen angesehenen jüdischen Buchhändler in der Kleinstadt Karlovac bei Zagreb, hatten die Ustaschen abgeholt, er starb später im Lager. Seine Mutter hatte keine andere Wahl, als mit den beiden halbwüchsigen Söhnen „in den Wald“ zu gehen, wie man sagte, wenn sich jemand dem bewaffneten Widerstand anschloss. Am Ende des Kriegs, als kaum 17-Jähriger, trug Goldstein als Angehöriger der Karlovacer Sturmbrigade bereits stolz die Waffe. Als die Vergeltungsmassaker begannen, die ganze Landstriche in Slowenien zu „killing fields“ machten, hatte er bereits abgerüstet, weil er die verlorenen Schuljahre nachholen wollte.

„Natürlich frage ich mich auch, wie es dazu kommen konnte, und das ist eine Frage, die bleiben wird“, sagt der 80-Jährige heute. Sein auf Wörterbücher und Geschichtsmonografien spezialisierter Verlag Novi Liber residiert in einem winzigen Häuschen im Innenhof eines Hauses der Jurisic-Straße im Zentrum von Zagreb. Der Ort ist ein stilles, grünes Refugium im hektischen Herzen der kroatischen Metropole. Goldstein ringt um eine Erklärung für den hässlichen Makel an jener Bewegung, die ihm, seinem Bruder und seiner Mutter das Überleben ermöglichte. „Rache spielte eine große Rolle, aber auch die Angst vor einem potenziellen Feind.“

Der Übergang zum Kalten Krieg bahnte sich bereits an, eine mögliche fünfte Kolonne im eigenen Land erschien den jugoslawischen Kommunisten als reale Bedrohung. Darüber hinaus arbeitete Tito aber auch an einer richtigen kommunistischen Machtübernahme, was mit der Liquidierung möglicher politischer Gegner einherging. „Da war Tito doch ganz ein Schüler Moskaus“, meint Goldstein mit einem wissenden Lächeln. „Dem Widerstand gegen das Böse waren wir gewachsen“, zitiert er aus seinem Erinnerungsbuch „1941 – Das Jahr, das wiederkehrt“. Und dann setzt er fort: „Aber nicht der Aufgabe, den Sieg mit der Menschlichkeit zu krönen.“