<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Gasreizung

Russlands starker Mann Wladimir Putin im nie geführten Exklusiv-Interview.

profil: Herr Ministerpräsident …
Putin: Na, das ist ja wieder einmal typisch für die antirussische Propaganda im Westen.

profil: Äh, was jetzt genau?
Putin: Dass Sie mich Ministerpräsident nennen.

profil: Aber das sind Sie doch.
Putin: Sie wissen genauso gut wie ich, dass ich diese untergeordnete Position, die eines strahlenden Führers wie mir natürlich himmelschreiend unwürdig ist, ja nur vorübergehend ausübe. Wegen eines bedauerlichen Fehlers in der Verfassung, der verhindert, dass ich Präsident auf Lebenszeit werden kann.

profil: Was natürlich praktisch jeder in Russland möchte.
Putin: Wenn das russische Volk könnte, wie es wollte, würde es mich zum Zaren machen.

profil: Ja. Eh. Wäre das endlich auch einmal geklärt. Ich wollte aber eigentlich über die Gaskrise mit Ihnen sprechen.
Putin: Die war einzig und allein die Schuld der verbrecherischen Ukrainer – und ist jetzt ohnehin gelöst. Wieder einmal ein Beispiel für hervorragendes russisches Krisenma-nagement.

profil: Zuerst drehen Sie das Gas ab – und wenn Sie es wieder aufdrehen, ist das ein Beispiel für hervorragendes russisches Krisenmanagement?
Putin: Was wollen Sie? Ist jemand erfroren?

profil: Weiß ich nicht. In Bulgarien möglicherweise schon.
Putin: Die Bulgaren sollten auch wissen, in welche Himmelsrichtung sie sich zu verneigen haben.

profil: Lassen Sie mich raten: nach Westen eher nicht.
Putin: Wenn man unbedingt glaubt, der EU beitreten zu müssen, hat man eben auch die Folgen zu tragen.

profil: Aber die Bulgaren oder andere Länder hatten doch gar kein Problem mit Ihnen. Sie streiten mit der Ukraine – und dass ein Haufen anderer Länder darunter leiden muss, ist Ihnen egal?
Putin: Egal? Was für ein Unsinn! Wenn ich nur die Ukrainer erpresse, dauert es ewig, bis die nachgeben. Wenn ich die verweichlichte EU mit erpresse, kriege ich meinen Willen viel schneller.

profil: Aha. Sie scheinen ja ungeheure Skrupel zu haben, Ihr Gas als politische Waffe einzusetzen. Was kommt als Nächstes? Wenn Russland nicht Eishockey-Weltmeister wird oder Chelsea nicht die Champions League gewinnt, bleibt dann die Küche kalt?
Putin: Jetzt werden Sie nicht kindisch: Es gibt Verträge, und Russland ist ein zuverlässiger Partner.

profil: Ja?
Putin: Ja. Allerdings …

profil: Ich wusste, da kommt noch was.
Putin: Wenn mir Ihr Interview nicht gefällt, könnte es schon sein, dass die Durchschnittstemperatur in einer Million österreichischer Haushalte demnächst ein wenig gesenkt werden muss. Aber nicht viel. Nur so um 20, 25 Grad.

profil: Na toll. Da bekommt man ja gleich eine Ahnung, wie es sein muss, in Russland als Journalist zu arbeiten.
Putin: Glauben Sie mir: Da wäre eine kalte Wohnung Ihr geringstes Problem.

profil: Sie sind bemerkenswert aufrichtig.
Putin: Ich wurde eben zur Aufrichtigkeit erzogen.

profil: Beim KGB?
Putin: Ui. Und schon wird es in Wien ein paar Grad
kälter. Ich bin gespannt, was Ihre Landsleute dazu sagen -werden …

profil: Äh …, darf ich Karl Schranz als Fürsprecher ins Treffen führen?
Putin: Der Karl ist ein Freund von Ihnen?

profil: Das nicht. Aber ich habe es schon als Siebenjähriger furchtbar gemein gefunden, dass er von den Olympischen Spielen ausgeschlossen wurde.
Putin: Und mir hat er das Carven beigebracht.

profil: Ja! Ist das nicht großartig?
Putin: Das ist …

profil: Das ist …?
Putin: … mir zu wenig.

profil: Verdammt.
Putin: Das lässt sich ganz einfach lösen. Sie stellen mir am besten jetzt folgende Frage: Towarischtsch Putin, ist es richtig, dass in Russland Milch und Honig fließen, dass Russland endlich wieder eine Weltmacht ist, dass Nowosibirsk spannender als New York ist und schließlich die russischen Frauen die schönsten überhaupt sind – und dass das alles Ihnen zu verdanken ist?

profil: Towarischtsch Putin, ist es richtig, dass in Russland Milch und Honig fließen, dass Russland endlich wieder eine Weltmacht ist, dass Nowosibirsk spannender als New York ist und schließlich die russischen Frauen die schönsten überhaupt sind – und dass das alles Ihnen zu verdanken ist?
Putin: Ja! Sie sind erstaunlich gut informiert.

profil: Gute Recherche ist eben die Basis jedes guten Interviews.
Putin: Also gut. Die neuerliche Gaskrise ist hiemit beigelegt.

profil: Wobei eines ja auch klar ist: Wenn Sie kein Gas liefern, gibt’s schließlich auch kein Geld.
Putin: Wer, glauben Sie, hält länger durch? Die Russen ohne Geld oder die Österreicher ohne Heizung?
profil: Habe ich erwähnt, dass ich russische Eier liebe?

rainer.nikowitz@profil.at