Rasse und Klasse

Die weiße Dünkelhaftigkeit hat ausgedient. Über die Symbolkraft von Barack Obamas Sieg.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Bei aller Sympathie für Hillary Clinton ist mir Barack Obamas Wahlsieg eine große Freude, und ich unterschätze nicht die Bedeutung des Signals, das er darstellt. Was es heißt, wegen seiner Hautfarbe diskriminiert zu werden, kann sich vermutlich niemand so richtig vorstellen, der es nicht am eigenen Leib erlebt hat. Natürlich gibt es auch andere Formen des Unterprivilegiertseins auf­grund der Abstammung, aber schwarz zu sein in einer Welt, in der die weiße Arroganz dominiert, heißt, bereits auf den ersten Blick als jemand kenntlich zu sein, der nicht als gleichrangig akzeptiert wird. Obama beschreibt das in seiner Autobiografie „Dreams from My Father“ sehr eindrucksvoll. Er kam schließlich nicht als der souveräne Mittler zwischen den Rassen und Klassen zur Welt, als der er sich heute präsentiert, sondern durchlief einen schmerzhaften Prozess des Zerrissenseins und der Orientierungslosigkeit, ehe er beschloss, sich nicht über seine Hautfarbe definieren zu lassen.

Die weiße Mutter eine idealistische Leugnerin rassistischer Barrieren. Die weißen Großeltern dem Enkel von Herzen zugetan, aber im Prinzip Vertreter einer Gesellschaft, in der den Privilegierten ihre Privilegien so selbstverständlich sind, dass sie sie nicht einmal wahrnehmen.
Und neben ihnen der Heranwachsende, der immer deutlicher zu spüren bekommt, dass er entscheidend anders ist als seine Angehörigen – in den Augen der anderen.

Eine Schlüsselszene der Autobiografie schildert, wie Obama, nachdem seine Großmutter nicht mehr mit dem Bus zur Arbeit fahren will, weil sie ein Schwarzer an der Haltestelle bedroht hat, verstört einen afroamerikanischen Freund seines Großvaters aufsucht, Frank. Frank versucht, ihm die Perspektive der Großeltern zu erklären, und erzählt, dass der Großvater, als er einmal das schwarze Kindermädchen erwähnte, das eine Zeit lang Obamas Mutter betreute, behauptet habe, dieses Mädchen hätte richtig zur Familie gehört.

Frank sagt dazu, schreibt Obama*: „So hat er es in Erinnerung, verstehst du – das Mädchen, das sich um die Kinder anderer Leute kümmert, während ihre Mutter für andere Leute die Wäsche wäscht. Gehörte richtig zur Familie.“ Und: „Im Grunde ist er ein anständiger Mensch. Aber er kennt mich nicht. Ebenso wenig wie das Mädchen, das sich um seine Tochter gekümmert hat. Er kann mich gar nicht kennen, jedenfalls nicht so, wie ich ihn kenne. Vielleicht können das ein paar Hawaiianer oder die Indianer im Reservat. Sie haben die Demütigung ­ihrer Väter und Mütter miterlebt. Aber dein Großvater wird nie wissen, was das für ein Gefühl ist.“

Obamas Großeltern waren keine elitären Mayflower-Nachkommen, sondern gehörten zur unteren Mittelschicht. Trotzdem unterschied sich ihre Lebensrealität so sehr von jener der afroamerikanischen Bevölkerung, dass sie empathisches Verständnis ausschloss. Dass ihr charismatischer schwarzer Enkel (der deswegen als schwarz gilt, weil der elitäre Klub der Weißen nur die Vollmitgliedschaft kennt) bald Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist, stimmt in mehrfacher Hinsicht hoffnungsvoll. Zum einen zeugt sein Wahlsieg von jüngeren Generationen, die offenbar tatsächlich aufhören, Menschen vordringlich nach ihrer Hautfarbe zu beurteilen, zum anderen darf erwartet werden, dass ein Mann, der seinen inneren Konflikt der gespaltenen Loyalität zwischen den Rassen und Soziotopen so eindrucksvoll überwunden hat, auch politisch Gräben einzuebnen vermag.

Natürlich wird der politische Alltag an Obamas Charisma kratzen. Was auf ihn wartet, sind alles andere als leichte Aufgaben, wir wissen es. Aber die Symbolkraft seines Sieges wird weiter wirken, nichts ist wie vorher, wenn es ein Mann an die Spitze des mächtigsten Staates der weiß dominierten, dünkelhaften westlichen Welt geschafft hat, der durch seine persönliche Geschichte und Erscheinung mit den Vorurteilen ebendieser Welt aufräumt.
Revolutionärer wäre nur noch die Wahl einer Frau mit multiethnischer Herkunft zur US-Präsidentin gewesen, aber das war bekanntlich keine Option. (Euphorisch bin ich versucht zu schreiben, dass das schon noch kommen wird, doch wahrscheinlich übertreibe ich jetzt. Leider.)

Ja, zurück auf den Teppich. Wir sind weit entfernt von einer halbwegs gerechten Welt. Obama ist auch nur ein Mensch, die Macht weltweit agierender Konzerne ist ungebrochen; Not, Hass, Gewalt und Elend sind nicht abgeschafft, und nach wie vor glauben irgendwelche Klüngel, dass sie etwas Besseres sind, weil schon ihre Altvorderen präpotent waren.
Trotzdem. Ein US-Präsident mit einer weißen amerikanischen Mutter, einem kenianischen Vater, einem indonesischen Stiefvater und einer afroamerikanischen Ehefrau, die einen Harvard-Abschluss hat, das ist schon was und was anderes als alle die bisherigen First Families, die für die selbstverständliche Vorherrschaft der weißen Rasse und angloamerikanischen Oberschicht standen. Zum Schluss das Tierische: Bushs Hund hat vor der Wahlnacht noch schnell einen Journalisten gebissen, der ihn tätscheln wollte. (Man sah den verbundenen Finger des Versehrten im Fernsehen.) Ein passender Abgang irgendwie.