Raumfahrt: Drachensteigen

Nach seinem ersten bemannten Raumflug plant China den Bau einer eigenen Raumstation und einen Mondflug.

Der chinesische Drache klopft sich an die Brust: „Wir sind die dritte Nation unter den bemannten Weltraumfliegern. Bald steht ein Chinese auf dem Mond!“ Nach dem in der Vorwoche planmäßig verlaufenen ersten bemannten Weltraumflug schwelgt China in neuem Selbstbewusstsein und plant schon die nächsten Schritte: ein eigenes Raumlabor, eine eigene Raumstation im Orbit und in nicht ferner Zukunft einen Flug zum Mond.

Westliche Medienkonsumenten tendieren dazu, das Ereignis zu unterschätzen: Mehr als 40 Jahre nachdem Russen und Amerikaner ihre ersten bemannten Raumkapseln erfolgreich gestartet hatten, zögen nun eben die Chinesen nach. Doch der erste Chinese im All hat für die chinesische Nation eine ähnliche Bedeutung wie sei-nerzeit der Mondspaziergang der „Apollo-11“-Besatzung für die USA.

Neue Dynamik. Die kommunistische Machtelite festigt damit ihre Position nach innen. Die Psychologie des Erfolgs bringt neue Dynamik in die wissenschaftlichen und technologischen Anstrengungen des bevölkerungsreichsten Landes der Erde. China gehört jetzt zum erlauchten Kreis der Raumfahrernationen und schafft sich damit ein neues internationales Prestige. Dazu kommt die zurzeit ungünstige Situation der Mitbewerber: Die Russen müssen aus Kostengründen in der bemannten Raumfahrt um vieles kürzer treten, und die USA befinden sich nach dem Spaceshuttle-Desaster noch immer in Agonie.

Und, was der westlichen Öffentlichkeit kaum bewusst ist: Die chinesische Weltraumforschung ist viel weiter, als der kurze Weltraumausflug des „Taikonauten“ Yang Liwei nahe legt. Und selbst dieser basiert in weit höherem Maß auf eigener Technologie, als es da und dort dargestellt wird. Zwar stammte die ursprüngliche Raketentechnologie, auf der die Chinesen aufbauten, aus der Sowjetunion; auch das Raumschiff „Shenzhou 5“ („göttliches Schiff“) basiert auf der sowjetischen Sojus-Technologie (die ihrerseits Anleihen bei den Amerikanern nahm), aber die Chinesen haben diese Technologie um etliche eigene Komponenten bereichert.

Die Trägerrakete „Langer Marsch 2F“, eine dreistufige Flüssigtreibstoffrakete mit vier an der Stufe 1 montierten Boostern, liegt in ihrer Schubkraft zwischen den heute verwendeten russischen Proton-Raketen und der seinerzeitigen amerikanischen „Saturn 1B“, die zahlreiche Apollo-Kapseln ins All beförderte. Und die Raumkapsel Shenzhou 5 besteht aus drei verschiedenen Elementen: einem Antriebs- und Servicemodul, der eigentlichen Astronautenkapsel sowie einem mit Druckausgleich ausgestatteten Orbitalmodul, in dem sich Raumfahrer auch ohne Raumanzug aufhalten können.

Im Trubel der erfolgreich verlaufenen Premiere ist völlig untergegangen, dass das Orbitalmodul weiterhin die Erde umkreist – mit vermutlich militärischen Aufgaben. Dieses Modul könnte die Basis für eine künftige Raumstation sein. Damit gewinnt China neben dem technologischen auch militärisches Gewicht.

Deshalb waren die Glückwünsche aus aller Welt mehr als nur Höflichkeitsfloskeln: NASA-Direktor Sean O’Keefe nannte das chinesische Raumabenteuer „eine wichtige Errungenschaft in der Geschichte der Entdeckungen“ und wünschte China eine „sichere Fortsetzung der bemannten Raumfahrt“. Und Jean-Jacques Dordain, Generaldirektor der europäischen Weltraumorganisation ESA sandte „herzliche Glückwünsche für diesen großen Erfolg“. China sei nun „das dritte Land, das in der Lage ist, Menschen ins All zu bringen, was die Zuverlässigkeit der chinesischen Weltraumtechnologie unter Beweis stellt. Diese Mission könnte der Beginn einer neuen Ära engerer weltweiter Zusammenarbeit in der Raumfahrt sein.“

Grazer Beitrag. Die ESA und China kooperieren in der Raumforschung bereits seit vielen Jahren. 1980 vereinbarte man einen erleichterten Informationsaustausch. Seit 1993 existiert ein Kooperationsvertrag mit der chinesischen Akademie der Wissenschaften über die Cluster-Satelliten der ESA, die das Magnetfeld der Sonne erforschen. Die Europäer wollen die Chinesen zu einer Teilnahme an ihrem Galileo-Navigationsprojekt bewegen, das sie vom US-GPS-System unabhängig machen soll.

Im Rahmen eines seit zwei Jahren zwischen der ESA und China existierenden Kooperationsvertrags über das chinesische „Double Star“-Projekt arbeiten auch Spezialisten des Grazer Instituts für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit. Die beiden Satelliten, welche die Auswirkungen der Sonnenaktivität auf die Erde erforschen sollen, werden in China gebaut und sollen laut Plan im Dezember dieses oder im Frühjahr nächsten Jahres mit chinesischen Raketen des Typs „Langer Marsch 2C“ ins All befördert werden.

Für einen der beiden Satelliten bauen die Grazer Spezialisten einen so genannten Ionenemitter, der die elektrische Aufladung der Satelliten durch die Abgabe von Ionen ausgleichen soll. Und für beide Satelliten bauen sie in Zusammenarbeit mit der Universität Braunschweig und dem Londoner Imperial College Magnetometer, höchst empfindliche Instrumente, welche die Magnetfelder von Sonne und Erde messen sollen.

„Um das Wetter auf der Erde zu bestimmen, müssen Sie die Luftdruckverteilung und die Windrichtung der neutralen Gasteilchen kennen“, sagt Wolfgang Baumjohann, Leiter der Abteilung für experimentelle Weltraumforschung im Grazer Institut für Weltraumforschung, „wenn Sie das Weltraumwetter bestimmen wollen, müssen Sie Druck und Geschwindigkeit der geladenen Plasmateilchen und zusätzlich das Magnetfeld kennen.“ So wollen die Forscher neben den Wechselwirkungen zwischen Sonne und Erde auch die atmosphärischen Stürme erforschen, die sogar Satelliten beschädigen können.

Den Raumausflug des chinesischen Taikonauten nennt Baumjohann „eine reine Prestigesache“. Gesichert sei jedoch, dass die Chinesen „in den Bereichen wissenschaftliche Raumfahrt und Anwendung zur westlichen Forschung aufgeschlossen haben. Die haben sehr gute Leute.“
Die Qualität der chinesischen Wissenschafter rechtfertige demgemäß die nun erlangte Mitgliedschaft im Kreis der führenden Weltraumnationen. Die politischen und ökonomischen Bedingungen brachten jedoch immer wieder Rückschläge mit sich. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eine historisch-personelle Verbindung zwischen der westlichen und der chinesischen Weltraumforschung: Tsien Hsue-Shen, ein in den USA ausgebildeter Chinese, stand am Beginn des chinesischen Weltraumprogramms.

1935 kam er mit einem Stipendium in die USA und wurde dort zu einem führenden Theoretiker für Raketenantriebe. Er gehörte zu einer Gruppe von Spitzenforschern, die 1945 mit den ersten US-Truppen in Deutschland einrückten, um Schlüsseldokumente über die deutsche Raketentechnik zu sammeln und Spezialisten wie Wernher von Braun in die USA zu bringen. In der Nachkriegszeit war Tsien Herausgeber des 800-Seiten-Werks „Jet Propulsion“, lange Zeit ein Standardwerk für amerikanische Raketentechniker. Außerdem war er an der Gründung des kalifornischen Jet Propulsion Laboratory beteiligt.

Doch mit Beginn des Kalten Krieges und dem Sieg der von Mao Zedong angeführten Kommunisten in China geriet Tsien in die Mühlen des McCarthyismus. Das FBI beschuldigte ihn, Kommunist zu sein. Er wurde für fünf Jahre unter Hausarrest gestellt und solcherart weitgehend von seinen Forschungsmöglichkeiten abgeschnitten. 1955 kehrte er im Zuge eines Gefangenenaustauschs nach China zurück und wurde dort zum Initiator des chinesischen Weltraumprogramms.

Als Starthilfe lieferten die Russen eine R-2-Rakete, eine verbesserte Version der deutschen V-2. Nachdem die Russen ab 1960 die Kooperation mit China eingestellt hatten, startete Tsien noch im gleichen Jahr eine in China gebaute R-2. Trotz Rückschlags durch Ereignisse wie die Kulturrevolution beförderten Tsien und seine Helfer 1970 den ersten chinesischen Weltraumsatelliten in den Orbit. Schon für 1973 war Chinas erster bemannter Raumflug geplant, doch politische Wirren stoppten das Projekt. 1980 entschied Peking, der grundlegenden wirtschaftlichen Entwicklung des Landes Vorrang zu geben.

Militärsatelliten. Doch mit den Reformen unter Deng Xiaoping wendete sich das Blatt: Technologische Entwicklung wurde als Motor der wirtschaftlichen Prosperität und des internationalen Gewichts Chinas betrachtet. China schickte militärische Aufklärungssatelliten ins All, wurde zu einem der führenden Anbieter für kommerzielle Satellitenstarts und zum Partner des Westens in der Weltraumforschung.

Ouyang Ziyuan, Chefforscher des chinesischen Mondprogramms, gab schon im Vorjahr gegenüber der BBC Chinas nächste Weltraumpläne bekannt: eine eigene Raumstation bis 2005, eine bemannte chinesische Mondstation bis 2020 oder 2030. Mit dem ersten bemannten Raumflug wurde Chinas neu gewonnenes Selbstbewusstsein offenkundig. „Ich fühle mich großartig“, sagte Yang Liwei, Chinas erster Taikonaut nach erfolgreicher Landung am Mittwoch der Vorwoche. Und, ganz wie es die Staatsführung von ihm erwartet: „Ich bin stolz auf mein Vaterland.“