Recht: Die Würde der Tiere

US-Jurist Steven Wise kämpft für umfassende Tierrechte.

Seit gut 20 Jahren führt der US-Jurist Steven Wise einen Feldzug für Affenrechte. Tiere dürften nicht länger als Objekte wie Tische und Stühle gelten, sondern müssten wie Kleinkinder den Status als Rechtssubjekte zuerkannt bekommen, verkündet er. Wise ist kein einsamer Streiter. In den USA arbeiten Philosophen, Juristen, Primatenforscher und Tierrechtsaktivisten daran, vor allem Affen aus der juristischen Subhumanität zu befreien. Gut ein Dutzend Universitäten bieten künftigen Richtern, Staatsanwälten und Verteidigern Kurse über Tierrecht an. Das in Kalifornien beheimatete Great Ape Legal Project, dem auch die Schimpansenforscherin Jane Goodall und der umstrittene Bioethiker Peter Singer angehören, bereitet Gerichtsverfahren vor, um Rechte für Primaten zu erstreiten. In seinem Buch „Drawing the Line“ beschäftigt sich der Vegetarier Wise mit der Frage, wo die Grenze zu ziehen sei, wenn erst einmal Affen Grundrechte eingeräumt würden. Er plädiert dafür, geistige Fähigkeiten als Messlatte zu benutzen. „Wenn ein Affe geistig auf derselben Stufe wie meine dreijährigen Zwillinge steht, warum sollten wir dem Tier elementare Rechte verweigern?“ Aus dieser Sicht zählt nicht die Leidensfähigkeit, sondern ein rudimentäres Bewusstsein, die Fähigkeit, Wünsche zu haben und das Leben bedingt zu verstehen. Wer damit ausgestattet ist, verdient in Wise’ Augen zwei elementare Grundrechte: den Anspruch auf körperliche Unversehrtheit und Freiheit. Um Grenzfälle auszuloten, hat Wise eine Skala von 0 bis 1 entwickelt, auf der er die „praktische Autonomie“ der Tiere in drei Kategorien einteilt. Tiere der ersten Gruppe – von 0,9 bis 1,0 – schließen Menschen ein (1,0), Gorillas (0,93) oder auch Delfine (0,90). In Kategorie zwei fallen Papageien, Elefanten (beide über 0,7) und Hunde (0,68) – und selbst die Honigbiene (0,59); in Kategorie drei die meisten anderen Tiere. „Tiere mit Werten über 0,73“, erklärt Wise die Arithmetik seines erweiterten Rechtsbegriffs, „haben eine Würde, die unantastbar ist.“