"Recollecting. Raub und Restitution": Raubkunst-Ausstellung im Wiener MAK

Raubkunst. Das MAK nimmt sich ein kulturpolitisch brisantes Thema vor. Doch die Ausstellung „Recollecting. Raub und Restitution“ droht an ihrer Überambitioniertheit zu scheitern.

1928 Schreibmaschinen. 3317 Fahrräder. 1415 Grammofone. 30.063 Schallplatten. 7893 Nähmaschinen. 16.971 Schiausrüstungen. 4893 Musikinstrumente. 2411 Fotoapparate. Ausufernde Mengen von Gebrauchsgegenständen lieferte die Jüdische Kultusgemeinde in Prag am 25. Oktober 1941 laut den erhaltenen Unterlagen zwangsweise an das „Zentralamt für die Regelung der Judenfrage in Böhmen und Mähren“ ab. Der Raubzug des NS-Regimes hatte ungeheure Dimensionen, war akribisch organisiert und umfasste sämtliche Lebensbereiche der jüdischen Bürger.

Das Thema Restitution ist heute allgegenwärtig: Vergangene Woche präsentierte die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) ein Gutachten des Verfassungsjuristen Walter Berka. Auf die Sammlung Leopold, so Berkas Befund, könne ebenso wie auf die Bundesmuseen das Kunstrückgabegesetz sehr wohl angewendet werden – wo­raufhin man im Kulturministerium umgehend Befürchtungen langwieriger Rechtsstreitigkeiten äußerte. Zudem hat der Rückgabebeirat nun die Restitution zweier Gemälde von Caspar David Friedrich aus dem Wiener Belvedere nicht empfohlen, jene verschiedener Objekte aus dem Technischen Museum und dem Theatermuseum dagegen durchaus. Die Provenienzforscherin Sophie Lillie trug zudem neue Hinweise darauf zusammen, dass sich ein Porträt von Gustav Klimt höchstwahrscheinlich zu Unrecht im Linzer Lentos Museum befindet. Und demnächst wird ein Buch zum Thema mit dem bezeichnenden Titel „… wesentlich mehr Fälle als angenommen“ präsentiert (profil berichtete).

Familiengeschichten. Neben teuren Gemälden rückt in Sachen Restitution mehr und mehr auch Alltagskulturgut – etwa Bücher, Manuskripte, Porzellan und Möbel – in den Fokus breiteren Interesses. Derzeit läuft im Berliner Jüdischen Museum eine aufsehenerregende Schau dazu, und kommende Woche startet das Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK) eine groß angelegte Ausstellung mit dem Titel „Recollecting. Raub und Restitution“. Anhand historischer Dokumente, Videointerviews und restituierter Objekte werden dort unter anderem die Geschichten von 17 betroffenen Familien nachgezeichnet. Eine Reihe zeitgenössischer Künstler befasst sich in eigens angefertigten Arbeiten mit dem Thema. Abgesehen davon, gestaltet sich das Spektrum der Exponate weitläufig: Es reicht von einer Knopfsammlung über Stammbücher, Spazierstöcke, Porzellanfiguren, technische Zeichnungen, Fotografien und
Bücher bis hin zur Malerei der Alten ­Meister.

„Es geht um die Geschichte der Ob­jekte zwischen Raub und Restitution“, konkretisiert Kuratorin Alexandra Reininghaus das zentrale Anliegen ihrer Ausstellung. Bisweilen gelangten Raubge­genstände durch reinen Zufall wieder zu ihren rechtmäßigen Eigentümern zurück: „In einem Fall wurde ein Objekt beim Googeln wieder aufgefunden: Ein Amerikaner, der mehr über seine Herkunft ­erfahren wollte, hat den Namen seines Großvaters im Internet gesucht. Dabei hat er ein Buch gefunden, das diesem zu
seiner Bar-Mizwa geschenkt worden war und sich im Stadtarchiv in Hannover ­befand.“

Kalte Systematik. Allein die Beschäftigung zeitgenössischer Kunstschaffender mit dem Thema würde eine eigene Präsentation rechtfertigen. Die kalte Systematik des Raubs analysiert etwa der 1953 in New York geborene Musiker und Aktionist Arnold Dreyblatt. Er befasst sich in seiner MAK-Installation explizit mit der Versteigerung des Hauses des 1938 vertriebenen Wiener Juden Bernhard Altmann, bei der „vom Klimt bis zum Gurkenglas alles im Auktionskatalog des Dorotheums festgehalten wurde“, wie es Reininghaus ausdrückt. Dreyblatt übertrug die Nummern und Bezeichnungen aus der Dorotheum-Liste in eine Videoprojektion und macht so die mörderisch-bürokratische Reduktion einer Existenz auf das Niveau nüchterner Zahlen nachspürbar.

Einige Objekte der Schau schärfen den Blick auf das Kapitel Enteignung tatsächlich: Lisl Ponger inszeniert ein Foto, das ein Paar in einer verwüsteten Wohnung zeigt. An den Wänden und am ­Boden verweisen Bilder auf einzelne Restitutionsfälle; das ebenfalls auf der fotografischen Anordnung ersichtliche Standard­werk „Was einmal war. Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens“ von Provenienzforscherin Sophie Lillie thematisiert indirekt die kaum fassbare Dimension des Kunstraubs.

Wiederbegegnung. Unter den historischen Rekonstruktionen brisanter Familiengeschichten finden sich im MAK nicht nur bekannte Fälle wie jener des Richard Neumann, dessen Erbe im Vorjahr zwei Gemälde des „Kremser Schmidt“ restituiert bekam, sondern auch solche, die bisher nicht publik waren: Das umfassende Archiv – Zeichnungen, Skizzen, Manuskripte, Bücher – des Technikhistorikers Hugo Horwitz landete etwa im Wiener Technischen Museum. Horwitz’ Sohn berichtet in einer Videoaufzeichnung, wie er einst gemeinsam mit seiner Mutter dem Vater bei der Arbeit geholfen habe. Über die Wiederbegegnung mit den verschollen geglaubten Unterlagen seines Vaters berichtet er: „Als ich die Objekte nach 70 Jahren gesehen habe, war das eine sehr emotionale Erfahrung. Ihre physische Präsenz war so bedeutend, weil sie mir als Junge im Alter zwischen 14 und 18 Jahren so vertraut waren.“ In Interviews schildern die Erben der Opfer, wie die Restitution der geraubten Gegenstände Erinnerungen wachruft – und ihnen eine Vorstellung von Leben und Alltag ihrer Vorfahren vor Zeiten des Holocaust gibt.

„Recollecting. Raub und Restitution“ versucht, viele, vielleicht zu viele unterschiedliche Themenkomplexe aufzurollen: die individuellen Schicksale; die Erinnerungen der Nachfahren; die Bürokratie des Raubs und den Umgang damit im Nachkriegs-Österreich; daneben präsentiert die künstlerische Aufarbeitung Zeitgenössisches und Bilder Alter Meister und Maler des 19. Jahrhunderts, darunter Werke von Carl Spitzweg oder Anselm Feuerbach. Die Gefahr, dass die historischen und künstlerischen Exponate einander weniger zu erhellen als zu überlagern beginnen, liegt hier allerdings nahe: Der erste Versuch einer kritischen Auseinandersetzung mit dem heiklen Thema droht am Übereifer seiner Gestalter zu scheitern.

Von Nina Schedlmayer