Region „Centrope“: Gemeinschaftsgeist

Die Großräume Wien und Bratislava, Südmähren und Westungarn präsentieren sich verstärkt als gemeinsamer Wirtschaftsstandort. Aber noch müssen grobe Strukturmängel beseitigt werden.

Auf den ersten Blick erscheinen die Bildungsprogramme nicht weiter ungewöhnlich: Die Wiener Berufsschule Mollardgasse wird demnächst Facharbeiter in Mechatronik oder Elektroanlagentechnik ausbilden. Etwa um dieselbe Zeit werden an der Donau-Universität Krems angehende Führungskräfte mit dem MBA-Studium „Industrial Management“ beginnen.

Und dennoch sind die Lehrgänge Novitäten: Denn sie finden aufgrund einer grenzüberschreitenden Kooperation nicht nur in Österreich statt, sondern ab 2006 mit identen Curricula auch in Györ, Brünn und Bratislava. Jene künftigen Manager, die das MBA-Studium absolviert haben, werden sogar Schulungen an allen vier Ausbildungsstätten durchlaufen. „Wir wollen damit die Entwicklung der Region unterstützen und die Leute zusammenführen“, sagt Gerhard Kucera, Leiter der Technik Akademie Vienna Region, welche die Ausbildungen organisiert.

Die von Kucera angesprochene Region wird „Centrope“ genannt und umfasst Wien, Niederösterreich und das Burgenland, Südmähren, den Großraum Bratislava und Trnava sowie das westungarische Komitat Györ-Moson-Sopron. Inzwischen tragen mannigfaltige Verflechtungen in den verschiedensten Bereichen dazu bei, dass sich das gesamte Gebiet vermehrt als ökonomische Einheit präsentiert, der großes Zukunftspotenzial attestiert wird – auch wenn immer noch Nachholbedarf in Bezug auf effektive Kooperationen besteht.

Wachstumsstark. Die Wirtschaft der zur Centrope-Region zählenden Länder ist in den vergangenen Jahren jedenfalls großteils stärker gewachsen als jene der EU-Staaten. Legte die EU-Wirtschaft im Jahr 2003 um 0,8 Prozent zu, so betrugen die Wachstumsraten in Ungarn 2,9 Prozent, in Tschechien 3,1 und in der Slowakei 4,2 Prozent. Österreich indes lag exakt im EU-Schnitt. Dabei betrug der Anteil der Vienna Region – Wien, Niederösterreich und Burgenland – an Österreichs Bruttowertschöpfung laut Wiener Wirtschaftsförderungsfonds (WWFF) zuletzt mehr als 46 Prozent.

Auch für die Zukunft werden der Region überdurchschnittliche Zuwächse prophezeit. Das Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche rechnet für das Jahr 2005 für Tschechien, Ungarn und die Slowakei mit Wachstumsraten zwischen vier und sechs Prozent, während es in der gesamten EU 2,3 Prozent sein würden.

Zu dieser Prosperität tragen die vielfältigen Kooperationen der Centrope-Region nach Meinung der Wirtschaftsforscher eine Menge bei. Gerade die österreichischen grenznahen Gebiete inklusive Wien profitierten demnach in den vergangenen Jahren stark von der Ostöffnung.

Im Herbst 2003 erklärten Regionalpolitiker aus dem Burgenland, Niederösterreich und Wien sowie aus den angrenzenden Regionen Südmähren, Westslowakei und Westungarn in Kittsee ihren Willen zur intensiveren Zusammenarbeit. Diese Absichtserklärung bildete die Grundlage der Initiative „Arge Centrope“, in deren Rahmen Kooperationen in Bereichen wie Wirtschaft, Tourismus, Kultur, Arbeitsmarkt und öffentliche Verwaltung forciert werden. Auch viele weitere Maßnahmen werden mit Fördermitteln realisiert. Die Stadt Wien etwa unterstützt über die Ausschreibung „Call Co Operate Enlarged“ Forschungskooperationen zwischen Wien sowie Ost- und Mitteleuropa.

Geldflüsse. Schon lange nützt auch die heimische Privatwirtschaft die Chancen, welche die boomenden Märkte gleichsam vor der Haustür bieten. Seit Jahren zählt Österreich zu den größten Direktinvestoren in der Region. Eben erst eröffneten zum Beispiel die Projektentwickler der Wiener Soravia-Gruppe in Bratislava ein neues Einkaufszentrum. Die Autozubehörkette Forstinger wird darin ihre erste Auslandsfiliale eröffnen.

Zudem kristallisiert sich der Trend heraus, in den an Österreich grenzenden Regionen hoch spezialisierte Dienstleistungen, etwa in der Forschung, durchführen zu lassen. Schon Anfang der neunziger Jahre nutzte beispielsweise die Siemens Österreich AG im Rahmen ihrer Forschungs- und Entwicklungsschiene PSE die Hard- und Softwarekenntnisse in Ungarn, der Slowakei und Tschechien und gründete dort Tochterfirmen.

Der Stahlkonzern Böhler-Uddeholm wiederum schloss bereits mehrere Projekte mit der Slowakischen Akademie der Wissenschaften ab. „Anreize für die Kooperation waren die wesentlich günstigeren Personalkosten, der gute Ausbildungsstandard der wissenschaftlichen Mitarbeiter und der hohe technische Standard der Forschungseinrichtungen“, erklärt Böhler-Uddeholm-Sprecher Randolf Fochler.

Gerade im Aufbau ist auch eine Kooperation zwischen dem zum Pharmakonzern Boehringer-Ingelheim gehörenden Wiener Institut für Molekulare Pathologie mit dem Mendel Center in Brünn: Derart soll die Forschungseinrichtung „Gregor Mendel Bioinfonet“ etabliert werden.

Grenzüberschreitung. Zunehmend nutzen neuerdings auch Unternehmen aus den neuen EU-Ländern ihrerseits die Chancen, welche ihnen der österreichische Markt bietet. Laut Wiener Wirtschaftsförderungsfonds gehen Erhebungen derzeit von mehr als 2000 in Österreich niedergelassenen Unternehmen osteuropäischer Provenienz aus.

Eines der jüngsten Beispiele für eine Neuansiedlung ist das als „Datenretter“ bekannte Budapester Software-Unternehmen Kürt, das in Wien eine Filiale eröffnet hat. Haupteigentümer Sándor Kürti, eben von den Beratern von Ernst & Young zum „Entrepreneur of the Year“ gewählt, nannte als Motive für die Gründung der Dependance die Marktsättigung in Ungarn, die geografische und kulturelle Nähe zu Österreich und die Tatsache, dass viele internationale Unternehmen ihren Sitz in Wien haben. Dabei hatte Kürt westlich der Grenze schon bisher „sehr gute Kunden“, wie Österreich-Geschäftsführer Harald Fasching erklärt: „Dazu zählen zum Beispiel die Erste Bank, die Volksbanken-Gruppe und die OMV.“

Michaela Roither, Bereichsleiterin für grenzüberschreitende Projekte bei der niederösterreichischen Regionalentwicklungsagentur ecoplus und Co-Geschäftsführerin der Arge Centrope, beobachtet vor allem bei Klein- und Mittelbetrieben in den Nachbarländern, dass „das Interesse am Standort Österreich derzeit wächst“.

In beachtlicher Zahl sind in den vergangenen Jahren auch grenzüberschreitende Initiativen im Tourismus entstanden. Schon lange bemühen sich etwa die Verwalter des Nationalparks Donauauen, Gäste aus der Slowakei zu gewinnen, indem sie Ausstellungen und Führungen in Bratislava und Umgebung organisieren. Die Thermenregionen Burgenland, Steiermark, Westungarn und Slowenien wiederum verfolgen das definierte Ziel, unter der Dachmarke „European Spa World“ zur wichtigsten Wellness-Destination Mitteleuropas zu werden. „Im Osten Europas sehe ich das größte Zukunftspotenzial für den österreichischen Tourismus“, meint denn auch Österreich-Werbung-Chef Arthur Oberascher.

Gemeinsamer Auftritt. Noch relativ neu ist, dass sich die Centrope-Regionen nun vermehrt auch als einheitlicher Investitionsstandort ins Bewusstsein bringen möchten. Die jeweiligen regionalen Betriebsansiedlungsagenturen werben bereits gezielt damit, Investoren könnten hier „das Beste aus allen vier Ländern“ in Anspruch nehmen, wie René Siegl, Chef der Austrian Business Agency (ABA), erklärt. Dies sind vor allem niedrige Produktionskosten in der Slowakei, ein hohes Qualifikationsniveau und Rechtssicherheit in Österreich sowie erfahrene Techniker in Ungarn. Laut Siegl bewährt sich das Konzept durchaus: Bei entsprechenden Präsentationsveranstaltungen, jüngst etwa in Tokio, sei das Interesse daran beachtlich.

Einer jener Betriebe, die sich von dem Konzept bereits überzeugen ließen und sich in Österreich ansiedelten, ist das US-Unternehmen Automated Financial Systems (AFS), in den USA Marktführer im Bereich von Spezialsoftware für das Kredit- und Versicherungswesen. Laut Eigenaussagen hat die Centrope-Promotion mit dem Hinweis auf die Nähe zu Ungarn, Tschechien und zur Slowakei bei der Standortentscheidung „eine große Rolle gespielt“.

Zugleich eröffnet sich allerdings ein Spannungsfeld zwischen Kooperation und Konkurrenz. Sollte ein Land aufgrund unternehmerischer Standortentscheidungen deutlich mehr Investitionen anziehen als die anderen, wäre dies „der Lackmustest für diese Kooperation“, wie Siegl formuliert. Zumindest kurzfristig, so Siegl, habe Wien seinen Wettbewerbsvorteil bereits eingebüßt – dies allein aufgrund der Tatsache, dass die an Österreich grenzenden Staaten nun offiziell der EU angehören.

Gebündelte Kräfte. Dies ändere freilich nichts an der Notwendigkeit zu gemeinsamen Bemühungen um weitere Betriebsansiedlungen. Denn in erster Linie müsse es darum gehen, die Aufmerksamkeit internationaler Investoren auf die Region zu lenken. „Im Kampf um Arbeitsplätze muss sich die Region Mitteleuropa gegen China oder Nordamerika behaupten“, meint Siegl. Der eigentliche Wettbewerb innerhalb der Region könne erst beginnen, wenn diese erste Runde geschafft sei. „Natürlich sind wir auch Konkurrenten“, differenziert Bernd Rießland, Geschäftsführer des WWFF. „Aber wir wissen alle, dass uns ein gemeinsames Auftreten nach außen nützt.“

„Für die Region Wien kann es langfristig nur von Vorteil sein, wenn unsere Nachbarn an wirtschaftlicher Stärke gewinnen“, argumentiert auch Eugen Antalovsky, Chef des Europaforums Wien und ebenfalls ein Geschäftsführer der Arge Centrope. Von steigender Kaufkraft profitiere gerade bei zunehmenden Wirtschaftsverflechtungen die gesamte Region, ergänzt Roither von ecoplus. Die Nachfrage nach Dienstleistungen steige, fügt Siegl hinzu, und diese könne keine Region in höherer Qualität und Dichte anbieten als Wien – wiederum eine Folge des boomenden Umfelds der vergangenen Jahre.

Ein Beispiel für sich bietende Chancen im Zulieferbereich stellt die Automobilindustrie dar. Im Raum Bratislava ist in den vergangenen Jahren ein Zentrum der Automobilindustrie entstanden. Der Volkswagen-Konzern ist hier bereits präsent, PSA Peugeot Citroën sowie Hyundai/Kia starten mit ihren Produktionen ab 2006.

Dementsprechend eröffnen sich auch Betätigungsfelder für die Zulieferindustrie. Einige österreichische Unternehmen sind bereits im Geschäft, darunter KTM und Plansee sowie Eybl, Magna und Miba, die auch vor Ort vertreten sind. Die Potenziale seien aber noch keineswegs ausgeschöpft, wie aus einer von der Oesterreichischen Kontrollbank beauftragten Analyse hervorgeht, die sich jüngst dieses Themas annahm.

Strukturmängel. Die Ursachen dafür werden nicht zuletzt in mangelhaften Verkehrsanbindungen an die Nachbarländer gesehen. Der österreichische Handelsdelegierte in Bratislava, Konstantin Bekos, schätzt, dass „etwa ein Drittel des potenziellen Handelsvolumens zwischen Österreich und der Slowakei aufgrund infrastruktureller Mängel ungenützt bleibt“. Dies betreffe die Autoindustrie besonders: „Diese Sparte benötigt naturgemäß Just-in-time-Lieferungen“, so Bekos. „Österreichische Unternehmen kommen gar nicht erst zum Zug, wenn sie das nicht anbieten können.“ Als eines der größten Ärgernisse gilt dabei das Fehlen einer Autobahnverbindung zwischen Wien und Bratislava, die nun allerdings 2007 mit der Fertigstellung der Spange Kittsee realisiert werden soll.

Auf österreichischer Seite orten Kenner zwei weitere Schwachpunkte. So seien zwar viele Personen in den Erweiterungsländern der deutschen Sprache mächtig, umgekehrt lernten aber deutlich zu wenige Österreicher eine der Sprachen der Nachbarstaaten, moniert WWFF-Chef Rießland. Und Vera Vyskovsky, Projektleiterin bei ecoplus, sieht bei einigen Österreichern noch anderen Lernbedarf: nämlich „eine gewisse Überheblichkeit“ gegenüber den Nachbarn abzulegen.