Reich durch Reisen

Die einzigartige Chance der Hochsommermonate.

„Der Weise will reich an Freuden sein“
Khalil Gibran

Eigentlich wollte ich über Wein schreiben. Ich hatte gelesen, die unterbeschäftigten und überbezahlten Wichtigmacher in Brüssel planten nach den schwachsinnigen Warnschriften auf den Zigarettenschachteln (die mehr Psychosomatiker krank machen als die Zigaretten selbst) nun auch Warnschriften auf den Weinflaschen. Etwa: „Weintrinken kann Sie den Führerschein kosten!“ oder „Wein, Weib und Gesang bereust du ein Leben lang!“ in Vorbereitung auf künftige, warnende Beschriftungen von Weibern und Liederbüchern. Der Teufel wollte aber, dass ich dann mit fünf Weltmeister-Winzern am Tisch saß, mit F. X. Pichler, Knoll, Hirtzberger, Tement und Wieninger. Da begriff ich, dass ich weniger von Wein verstand, als ich geglaubt hatte. So beschloss ich, dieses Thema aufzuschieben und erst nach aufopfernden Nachhilfestunden wieder aufzugreifen.

Das Ersatzthema kam geschenkt, da in der Runde der Winzerkönige das Thema Reisen kursierte. Abgesehen von Wachau, Steiermark und Strebersdorf war hauptsächlich von Burgund und dem Bordelais die Rede, von Piemont und Toskana, von Kalifornien, Südafrika und Australien.

Der Vorzug dieser Reiseziele liegt auf der Hand. Bei kluger Routenführung kann man viel Neues über Grundnahrungsmittel wie Chardonnay und Pinot Noir lernen. Man tut was für die Gesundheit. Wir verweisen diesbezüglich auf eine frühere „Good News“-Kolumne und deren zentrale Aussage: „Es ist lebensgefährlich, keinen Wein zu trinken.“

Die Vorzüge des Reisens gehen allerdings über den Wein hinaus. Sie sind teilweise überirdisch, haben immer eine metaphysische Note. Jedes „Auf & davon“ (Copyright: „trend“) führt zu einer Schärfung des Geistes, die anders nicht zu kriegen ist.

Schon die zahllosen BürgerInnen, die nie einen Fuß vors Haus setzen, aber in der Sicherheit des Eigenheims wenigstens die Reise-Weltliteratur lasen, sind viel herumgekommen und gut drauf. Bruce Chatwins Berichte von Patagonien und Nordafrika vermitteln die Seele der Länder, begünstigt durch Chatwins Ortskenntnis und seinen überragenden Kunstgeschmack. Das Gleiche gilt für die theatralische Dichte der Südsee-Erzählungen von Somerset Maugham. Und Paul Theroux’ China-Berichte sind selbst für Geschäftsreisende brauchbar, obwohl sie vom kommunistischen Rotchina, nicht vom heutigen Goldgräberchina handeln.
Ein vollendeter Ersatz fürs eigene Reisen ist die Reiseliteratur freilich nicht. Zumal darin viel geflunkert wird. Oder, um es netter zu sagen, die Wirklichkeit mit Pointen verbessert wird. Man wird nie wissen, ob Graham Greene tatsächlich in einer Opium-Höhle Indochinas erwachte und auf dem Bücherbrett über seinem Polster die eigenen Werke in französischer Übersetzung sah.

Und doch: Der Wert des Lesens als Reisevorbereitung zeigt sich auch im neuesten Trend zu Inlandsreisen. Viele BürgerInnen, bewegt von Existenzangst-Geiz und Flug-Terror-Ängstlichkeit, entdecken Österreich neu. Und bei dieser Gelegenheit versunkene Heimatliteraten. Beispielsweise Adalbert Stifter und Stefan Zweig. Oder Daniel Spitzers „Wiener Spaziergänge“, die bis Judenburg führten. Dort verlangte Spitzer vom Fiaker eine Sehenswürdigkeit. Der gute Mann führte ihn auf eine Wiese: „Sehen Sie die Grube dort? Da ist gestern einer hineingefallen.“ Das bringt uns weiter. Wir wissen nur nicht genau, wie und warum.

Inlandsreisen haben viele Vorteile und einen Nachteil. Sie sind nationalökonomisch günstig. Sie helfen den Hoteliers, die Betten auch im Sommer auszulasten. Und Bergwanderungen & Seebäder sind zirka tausendmal gesünder als der Massen-Grill in Antalya. Der Nachteil liegt in der schwächeren kreativen Anregung.

Profi-Künstler, die eine mühselige Schule des Sehens hinter sich haben, brauchen für eine Schärfung ihrer Sinne nichts Fremdes. Sie entdecken das Besondere auch in vertrauter Umgebung. Der durchschnittliche Nicht-Künstler hingegen braucht für eine Sensation seiner Nerven das Unvertraute und Ausländische. Je fremder das Sujet, desto flotter die Tagebuchtexte, desto frischer die Zeichnungen, desto besser die Erinnerungsfotos.

Für Franz Hubmann, unseren bislang besten, jüngst verstorbenen Fotografen, war es im Prinzip egal, ob er in Maissau am Manhartsberg oder in den Ateliers von Picasso und Giacometti fotografierte. Er war hier wie dort Weltklasse. Peter Handke, Champion der Detailverliebten, sieht im eigenen Garten mehr als Amateure im Dschungel. Auch Heimito von Doderer genügte ein Wiener Gemeindebezirk für Meisterwerke. Als er 70 wurde, gratulierte Hans Weigel mit folgendem Text: „Doderer arbeitet an einem neuen Roman. Er handelt von einem Mann, der die Wiener Ringstraße überquert. Die ersten 700 Seiten sind fertig.“ Für Handke wie Doderer gilt freilich, dass sie ihr Empfindungstalent auf vielen Fernreisen schulten.

Amateure sehen daheim nichts, in der Fremde vieles. Unsicherheit und ein höherer Adrenalinstand befähigen sie fern von daheim zu kleinen Meisterwerken. Fazit: Ehe du ein kreativer Inlandsreisender wirst, musst du ein guter Auslandsreisender gewesen sein.

Das Fremde macht reich. Das gilt nicht nur für unsere Exporteure und Banken, die sich gerade den Ex-Ostblock untertan machen. Es gilt auch für alle Bürger, die den Mehrwert eher im Geistigen suchen. Juli und August sind dafür ideal. Sie bringen viel und kosten wenig, da in den meisten Berufen im Hochsommer ohnehin tote Hose ist. Also auf und davon.