„Reiche haben häufig Sinnkrisen“

Der Soziologe Thomas Druyen über das Phänomen Superreiche: Warum sie gesellschaftliche Verantwortung tragen, finanzielle Unabhängigkeit ein Fluch sein kann und weshalb Paris Hilton nichts geleistet hat.

profil: Professor Druyen, über wie viel Vermögen müsste ich verfügen, um für Sie als Studienobjekt interessant zu sein?
Druyen: Es wäre gut, wenn es um die 100 Millionen Euro wären. Aber die Grenze so exakt zu ziehen ist natürlich Quatsch. Ich kann den Leuten ja nicht auf den Kontostand schauen.
profil: Sie beschäftigen sich seit mehreren Jahren mit einer sozialen Minderheit: mit Menschen mit richtig viel Geld. Warum tun Sie das?
Druyen: In meiner beruflichen Laufbahn als Soziologe und während meiner Tätigkeiten für Privatbanken und Stiftungen habe ich sehr viele Reiche kennen gelernt. Dabei habe ich festgestellt, dass das ein wissenschaftlich wenig beackertes Feld ist. Während die Lebensumstände der einkommensschwachen Schichten bis ins Detail ausgeleuchtet sind, gibt es über jene der Reichen kaum wissenschaftlich basiertes Material.
profil: Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Druyen: Der Zugang zu dieser Klientel ist nicht ganz einfach. Der Politologe Ernst-Ulrich Huster sagte, man müsse den Reichen mit dem Nachtsichtgerät suchen, er sei scheu wie ein Reh. Die wirklich Reichen sind nicht diejenigen, über die man in der Regenbogenpresse liest. Die halten sich eher im Hintergrund. Von den 100 Milliardären in Deutschland kennt die breite Öffentlichkeit maximal 30. Zudem gilt Reichtum hierzulande als Privatsache. Über Geld zu sprechen ist tabuisiert.
profil: Welchen gesellschaftlichen Nutzen haben Ihre Forschungen?
Druyen: Die Zahl der sehr, sehr Reichen wächst exponentiell. Wenn wie in Deutschland die reichsten zehn Prozent des Landes über 50 Prozent des Steueraufkommens tragen, ist das eine relevante Größe. Die Handlungsfähigkeit eines Staates ist aufs Engste mit dem Steuervolumen verknüpft. Es konzentriert sich sehr viel Kapital in den Händen sehr weniger. Und über die sollten wir Bescheid wissen, denn sie lenken die Geschicke eines Landes mit.
profil: Für Ihre Forschungen und Ihr kürzlich erschienenes Buch „Goldkinder“ haben Sie viele reiche Menschen interviewt. Lassen Sie uns an Ihrem Blick hinter die Kulissen teilhaben. Wie leben die Reichen?
Druyen: Die Reichen schlechthin gibt es ja nicht. Dahinter verbergen sich ganz unterschiedliche Lebenswelten. Der eine ist Unternehmer, der andere hat geerbt, und der Dritte ist Entertainer. In einer Studie haben wir gefragt, wen die Bevölkerung für die Reichsten hält. Menschen über 60 Jahre nannten am häufigsten die Königin von England, die 40- bis 60-Jährigen dachten an Bill Gates, was bis vor ein paar Wochen ja auch stimmte, und die Altersgruppe zwischen 15 und 25 Jahren hielt Paris Hilton für die Reichste. Dabei tauchen zwei dieser drei Namen gar nicht auf den Listen der Superreichen auf. Das zeigt ganz deutlich, dass die Öffentlichkeit nicht unterscheiden kann, wer reich ist und wer uns als reich präsentiert wird. Ich finde es bedenklich, wenn junge Leute denken, das Erstrebenswerteste sei ein Lebensentwurf wie etwa der von Paris Hilton. Das sind vermeintliche Erfolgsmodelle, aber außer ihrer medialen Präsenz haben sie keinerlei Leistung vorzuweisen.
profil: Deshalb plädieren Sie für eine Differenzierung in Reiche und Vermögende?
Druyen: Ich möchte wissenschaftlich dazu beitragen, dass man die unterschiedlichen Werte eines Vermögens auch erkennt. Reichtum beschreibt nur ein quantitatives Volumen, aber nicht, wozu dieses genutzt wird. Vermögende sind nach meiner Definition Menschen, die Teile ihres Reichtums der Gesellschaft zur Verfügung stellen. Kurz gesagt: Ein Reicher denkt nur an sich selbst, ein Vermögender an seine gesellschaftliche Verantwortung. Diese unterschiedlichen Lebenseinstellungen werden allzu oft in einen Topf geworfen. Ein Unternehmer, der tausende Arbeitsplätze geschaffen hat, trägt mehr zur Gesellschaft bei als ein noch so brillanter Oscar-Gewinner.
profil: Was unterscheidet Reiche von Normalverdienern?
Druyen: Ein enormes Maß an Entscheidungsfreiheit. Mehr Geld heißt mehr Unabhängigkeit. Sie können Immobilien kaufen, wo sie wollen. Sie können jederzeit Reisen unternehmen. Aufgrund ihrer Beziehungen können sie leichter Karrieren machen oder eigene Unternehmen gründen. Und sie müssen nicht arbeiten, wenn sie nicht wollen. Wenn man sich um den Broterwerb keine Sorgen machen muss, dann verlagern sie sich auf andere Ebenen. Diese Wahlfreiheit ist für den Menschen als reaktives Wesen nicht ganz einfach. Aus mehreren Optionen auszuwählen, bekommt man ganz gut hin, aber bei völlig freier Wahl können Probleme auftreten. Damit muss man umgehen können.
profil: Probleme welcher Art?
Druyen: Wenn ich mir über meinen Lebensunterhalt keine Gedanken machen muss, stellt sich viel öfter die Frage, was ich mit meinem Leben eigentlich anfangen will. Sinnkrisen kennen natürlich auch Normalverdiener, aber bei Reichen kommen sie eben häufig vor. Das kann zu einem Gefühl der Leere oder gar zu Depressionen führen. Manche verlegen sich dann auf exzentrische Hobbys, einen bohemehaften Lebensstil oder kaufen sich eigene Inseln.
profil: Hat Reichtum noch andere Schattenseiten?
Druyen: Es ist paradox: Alle Welt träumt vom Reichtum, Sie und ich auch. Es gibt also eine positive Einschätzung des Reichseins, aber wer reich ist, wird nicht unbedingt positiv gesehen. Reiche Menschen sind ihr Leben lang Stereotypen und Vorurteilen ausgesetzt. Sie stehen unter dem Generalverdacht, ihren Reichtum mittels krummer Dinger oder auf Kosten anderer erworben zu haben. Wir leben eben in einer Neidgesellschaft. Das führt zu einem Rechtfertigungsdruck. Deshalb stehen die Superreichen Menschen mit normalen Einkommen zurückhaltend gegenüber. Der zwischenmenschliche Umgang wird schwieriger und mindert die Lebensqualität. Hinzu kommen Ängste: vor Entführung oder körperlicher Bedrohung, die Angst, übervorteilt oder nur wegen des Geldes geliebt zu werden. Erben großer Vermögen fragen sich, habe ich das überhaupt verdient, oder es sitzt ihnen ein dominanter Patriarch im Nacken. Menschen wiederum, die in relativ kurzer Zeit zu Geld gekommen sind, stellen ihren Reichtum bewusst zur Schau und schöpfen daraus ihr Selbstbewusstsein. Für die persönliche Zufriedenheit ist das nicht gerade hilfreich. Denn wenn man mit einer 30-Meter-Yacht in einen Hafen einfährt, gibt es immer noch andere, die ein größeres Schiff besitzen.
profil: Das klingt fast so, als müsste man Mitleid haben.
Druyen: Natürlich nicht. Es geht mir nicht um Mitleid, sondern um die Differenzierung zwischen Vermögen und Reichtum. Vermögende, die sich mit ihrem Geld für die Gesellschaft engagieren, müssen mehr Anerkennung finden. Es gibt eine nicht zu unterschätzende Zahl reicher Personen, die ihr Vermögen als Potenzial begreifen und es als Investition einsetzen. Auf die Unterstützung dieser Kreise werden wir nicht verzichten können, denn ohne Stiftungen von privater Seite an Wissenschaft, Medizin oder Bildung wird in naher Zukunft vieles nicht mehr möglich sein.
profil: Was Sie hier aufzählen, ist aber eigentlich Aufgabe des Staates.
Druyen: Die Politik ist nicht aus der Verantwortung zu entlassen. Wir müssen aber erkennen, dass der Staat nicht mehr alles leisten kann. Die philanthropische Bereitschaft ist in den USA viel höher als in Europa. Das Prinzip, dass der Erfolgreiche einen Teil seines Vermögens an die Gesellschaft zurückgeben soll, ist sehr stark.
profil: Jenen, die sich am unteren Ende der Wohlstandsskala befinden, geht es in den USA aber um keinen Deut besser als jenen in Europa.
Druyen: Ja, das amerikanische Sozialsystem ist katastrophal. Umso wichtiger ist es, immer mehr Reiche dazu zu bringen, vermögend zu handeln und philanthropisch aktiv zu werden. In Europa muss es zu einem viel stärkeren kooperativen Dialog zwischen der Politik und dieser Klientel kommen.
profil: Als leuchtende Vorbilder für philanthropisches Handeln gelten Ihnen Bill Gates und Warren Buffett.
Druyen: Allein schon wegen der Dimensionen. Wenn Buffett fast 85 Prozent seines Vermögens der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung spendet, ist das großartig.
profil: Bill Gates ist aufgrund seiner Geschäftspraktiken nicht unumstritten.
Druyen: Davor sollte man die Augen nicht verschließen, aber schmälert das seine Verdienste? Mit seiner Unterstützung wurde zum Beispiel bislang etwa eine Million Menschen vor lebensgefährlichen Krankheiten wie Hepatitis oder Polio geschützt.
profil: Was motiviert Vermögende, philanthropisch zu handeln?
Druyen: Für viele ist es Sinnfindung. Außerdem, und das ist durch Studien belegt, geht es Menschen, die sich für andere engagieren, psychisch und physisch besser. Sie sind glücklicher, bleiben länger gesund und werden älter.
profil: Reich und Schön scheinen derzeit überhaupt ein Faible zu haben, Gutes zu tun.
Druyen: Emotionale Äußerungen und Aufrufe zur Hilfe sind positiv. Bono hat zweifellos viel für Afrika getan, aber über seine tatsächliche Großzügigkeit wissen wir wenig. Man sagt ihm nach, ein knallharter Geschäftsmann zu sein. Und bei Events wie zuletzt „Live Earth“, wo plötzlich Al Gore als Weltenretter auftaucht, profitieren in erster Linie die Bands, die hinterher mehr Platten verkaufen. Charity oder Charitainment ist ein Bereich, den man dringend unter die Lupe nehmen sollte. Viele dieser Rituale betrachte ich mit äußerster Skepsis. Kaviarwettessen wird auf Dauer der armen Bevölkerung nicht helfen. Nutznießer sind in erster Linie Prominente, die sich im Licht der Medien in der eigenen Wohltätigkeit sonnen.
profil: Welche Rahmenbedingungen bräuchte es, um Philanthropie auf eine professionellere Ebene zu heben?
Druyen: Dem Stiftungsstandort Deutschland, aber auch Österreich mangelt es noch an philanthropischer Professionalität und Transparenz. Ich plädiere auch für eine proaktive Stiftungsaufsicht. Der Staat muss in der Lage sein, Prioritäten zu setzen, und es muss ein Austausch stattfinden. Man muss den Stiftern vorschlagen können: Dieses Problem ist vorrangig, hier sollte man sich engagieren. Zudem müssen die Mittel besser kanalisiert werden. Wenn sich 20 Familien, die für einen bestimmten Zweck stiften, zusammentun, dann erreichen sie mit derselben Summe ungleich mehr, als wenn jede für sich arbeiten würde. Außerdem müssen diejenigen, die philanthropisch nachhaltig wirken, steuerlich begünstigt werden.
profil: Und jene, denen das Wohl der Allgemeinheit gleichgültig ist?
Druyen: Wem der 15. Lamborghini wichtiger ist, und das sei ihm unbenommen, den soll der Staat ruhig stärker belasten. Auch der egoistische Reiche fährt auf den Straßen der Allgemeinheit und stößt CO2 aus, das die Umwelt aller belastet.

Interview: Christina Hiptmayr