Reifeprüfung für Reife

Vor ziemlich genau 80 Jahren wurde der Grundstein gelegt für die Erfolgsgeschichte der Abendschule, der einstigen Arbeitermittelschule: ein kostengünstiger, mitunter aber auch steiniger Weg für jene, die neben dem Job die Matura nachholen wollen.

Franz Dobusch, der amtierende Bürgermeister von Linz, hat eines. Der frühere SP-Klubchef Peter Marizzi hat es ebenfalls. Auch Friedrich Niederl, Ex-Landeshauptmann der Steiermark und Nachfolger des legendären Josef Krainer, hatte eines. Sogar Gerhard Schröder, der frühere deutsche Bundeskanzler, hat eines (freilich in Deutschland erworbenes) - ein Maturazeugnis einer Arbeitermittelschule.

Markus Peischl, 26, und Alexander Horvath, 22, werden wahrscheinlich auch bald eines haben. Sie besuchen derzeit die größte Abendschule Österreichs am Wiener Henriettenplatz, wo sie nach der Arbeit täglich ab spätestens 17 Uhr bis zirka 21 Uhr für die Matura pauken. „Biologie, Chemie, Geschichte und Philosophie habe ich schon geschafft“, erzählt Peischl. „Aber es ist schon hart. Beruf und Schule zehren sämtliche Freizeit auf. Ich bin kaum noch unterwegs, und der Kontakt zu den alten Freunden ist gleich null.“ Peischls Ziel nach diesen Entbehrungen ist ein Medizinstudium. „Er wird das sicher hinkriegen“, sagt seine Lehrerin Andrea Werner-Thaler. „Und der Alex Horvath auch. Die beiden sind unheimlich konsequent und fleißig.“

Horvaths Werdegang ist nicht untypisch für jene mehr als 1100 Studierenden, die derzeit die Abendschule am Henriettenplatz besuchen, wo sie von 60 Lehrkräften unterrichtet werden. Als Teenager musste er aus gesundheitlichen Gründen die Schule abbrechen, nach der Genesung fand er lediglich schlecht bezahlte Hilfsjobs. Derzeit werkt er halbtags beim Meinungsforschungsinstitut Gallup. „Mit 20 hab ich beschlossen, mehr aus meinem Leben zu machen“, sagt Horvath. „Hier haben sie mich bei meinem Einstieg auf dem Niveau der vierten Klasse Hauptschule eingestuft. Und jetzt habe ich bereits die Matura in den Fächern Geografie, Geschichte und Biologie. Für mich ist das wie ein neuer Lebensabschnitt.“

Bunt gemischt. Im Moment besuchen in Österreich etwa 17.000 Berufstätige ein so genanntes Abendgymnasium. „Die Bandbreite der Studierenden reicht von 18-jährigen Absolventen einer Steiner-Schule über 30-jährige Hausfrauen bis zu 50-jährigen Frühpensionisten“, erklärt Henriettenplatz-Direktor Oskar Achs. Nicht wenige, die nun im Berufsleben stehen, sind bemüht, die Matura nachzuholen, weil das Elternhaus nicht über die finanziellen Möglichkeiten verfügte, den Besuch einer AHS zu finanzieren. „Und immer mehr sehen wir auch Migrantenkinder der zweiten Generation hier bei uns“, sagt Achs, einer der Veteranen des heimischen Abendschulwesens.

Von den 345 allgemeinbildenden höheren Schulen in Österreich bieten allerdings lediglich sieben Gymnasien – je eines in Linz, Graz, Salzburg, Klagenfurt und Villach sowie zwei in Wien – solche Abendkurse an. Etwa drei Viertel der dort in Ausbildung Befindlichen, vorwiegend Männer, gehen laut einer Untersuchung der Arbeiterkammer daneben noch einer Voll- oder Teilzeitbeschäftigung nach, der Rest ist auf Jobsuche. Die Motive für diesen oft mühsamen zweiten Bildungsweg sind meist ähnlich: Etwa 65 Prozent besuchen die Abendschule „zwecks Studiums“, zirka 50 Prozent wollen „Versäumtes nachholen“. Kaum einem Studierenden indes wurde der Besuch einer Abendschule „vom Betrieb nahegelegt“. Auch „Motivation durch den Partner“ wurde selten als Grund angeführt.
Über tatsächliche Erfolgsquoten existiert kein verlässliches Datenmaterial – zum einen, weil viele aus beruflichen oder privaten Gründen, etwa Schwangerschaft, ihren Schulbesuch für unbestimmte Zeit unterbrechen, zum anderen, weil seit der Umstellung des so genannten Bildungsdokumentationsgesetzes vor zwei Jahren „die Meldedisziplin der Schulen nachgelassen hat“, wie Ernst Koller, zuständiger Ministerialrat für Erwachsenenbildung, konstatiert. Experten schätzen, dass es zirka die Hälfte der Studierenden in der vorgesehenen Zeit von zumindest vier Jahren bis zur Matura schafft.

„Natürlich versuchen wir, die Lehrpläne so erwachsenengerecht wie möglich zu gestalten“, sagt Koller. „Immerhin haben wir in den Abendschulen ja reiferes Publikum. Aber das geht nur bedingt, denn jeder Abendschüler muss eben den kompletten Lehrstoff bis zur Matura absolvieren, wie die Schüler in einer Tages-AHS auch.“ Genau deswegen kommt es immer wieder zu Klagen, dass die Ausbildung in den Abendschulen eben nicht ausreichend erwachsenengerecht sei. Laut einer neuen Studie der Arbeiterkammer hätten zwei Drittel der Studierenden aufgrund der Doppelbelastung zu wenig Zeit zum Lernen. Drei Viertel klagen über einen Mangel an Freizeit, fast 40 Prozent der berufstätigen Abendschüler mit Kind hätten zu wenig Zeit für ihren Nachwuchs, etwa 30 Prozent hätten Schwierigkeiten mit der Finanzierung, so die AK-Expertin Johanna Ettl.

Diskont-Matura. Nicht zuletzt deshalb haben sich in den vergangenen Jahren alternative Varianten entwickelt – von manchen Kritikern als „Diskont-Matura“ belächelt. Allen voran sind dies die so genannte Berufsreifeprüfung, die 1997 eingeführt wurde, die etwas neuere Studienberechtigungsprüfung und natürlich auch der traditionelle Weg der weithin bekannten Externistenmatura. „Insgesamt bemerken wir, dass die Nachfrage im Bereich der traditionellen Abendschulen bestenfalls stabil, wenn nicht rückläufig ist“, sagt Johann Wimmer, Leiter der AHS-Abteilung im Bildungsministerium. „Durch die neuen Angebote ist das System einfach durchlässiger geworden. Was wir aber weniger nachvollziehen können, sind Beschwerden über die finanziellen Belastungen.“

Tatsächlich ist der Besuch einer Abendschule – im Gegensatz etwa zum Erwerb einer Berufsreifeprüfung – gratis. Gleiches gilt für Schulbücher und sonstige Lehrmaterialien. Selbst einen Freifahrtschein für öffentliche Verkehrsmittel gibt es bis zum 26. Lebensjahr für Abendschüler. Peischl: „Bleistift, Papier und Lineal muss ich mir halt selber besorgen.“
Genau diese Sozialleistungen, die auch weniger begüterten Schichten den Bildungszugang ermöglichen sollten, haben der Arbeitermittelschule überhaupt erst zu ihrem Siegeszug verholfen. Vor ziemlich genau 80 Jahren, in der Ära des legendären Wiener SP-Stadtschulratspräsidenten Otto Glöckel, wurde in einer Verordnung vom 2. August 1927 zum Mittelschulgesetz „hinsichtlich der versuchsweisen Einrichtung von mehrjährigen Kursen (,Arbeitermittelschule‘) Folgendes angeordnet: Die AHS soll Personen, die nach Vollendung einer Volks- oder Bürgerschule in das Berufsleben eingetreten sind und ihre Lehrzeit oder das 17. Lebensjahr zurückgelegt haben, durch einen besonderen Studiengang den Zutritt zu einer Hochschule ermöglichen.“

So ist es heute noch: Jeder, der dieses Kriterium erfüllt, kann auf dem Weg der Abendschule – dieser Begriff hat sich erst in jüngerer Zeit eingebürgert – die Matura nachholen. Koller: „Es besteht lediglich eine andere Anordnung der Gegenstände. Nur die Hauptfächer wie Deutsch, Mathematik oder die zwei Fremdsprachen werden durchgehend unterrichtet. Die anderen Gegenstände sind einer nach dem anderen blockweise zu absolvieren. Alles Sonstige verläuft wie in einer herkömmlichen AHS.“ Einzige Zusatzvariante: Bei Abendgymnasien besteht aufgrund so genannter „Sozialphasen“ (etwa während der Schwangerschaft oder Karenz) auch die Möglichkeit eines Fernunterrichts, und Anwesenheiten werden nicht rigoros überprüft. „Schließlich sind das alles Erwachsene, die wissen sollten, was sie tun“, so Henriettenplatz-Lehrerin Anneliese Albrecht. „Jenen Menschen, die auf dem Weg über die Abendschule die Matura nachholen wollen, fällt es zwar oft schwer, sich neben Familie und Beruf durchzubeißen“, ergänzt Koller. „Aber die meisten, die das geschafft haben, sind später auch erfolgreich."

Von Rainer Himmelfreundpointner