Reinhold Messner: "Die Realität ist viel schlimmer"

Bergsteiger-Legende Reinhold Messner über das schwierige Erbe des Alpinismus, seinen Existenzialismus, die Probleme der europäischen Politik und den neuen Dokumentarfilm "Messner".

Interview: Philip Dulle

profil: In dem Film „Messner“ wird Ihr Leben als Extrembergsteiger neu erforscht. Machen Sie es jüngeren Bergsteigergenerationen mit Ihrer medialen Omnipräsenz nicht auch schwer?
Messner: Ich kann nichts dafür, dass ich noch immer präsent bin. Ich habe aber jungen Bergsteigern stets eine Basis geboten. Mir wurde der Weg nicht geebnet.

profil: Im Begleitheft zum Film heißt es, „Messner“ handle nicht von Heroismus. Dem pathetischen Unterton der Inszenierung kann man sich dennoch kaum entziehen.
Messner: Es ist keine Heldengeschichte. Der Film dreht sich nur um das Verhalten von Menschen in einer Welt, die normale Bürger so nicht kennen. Meine Expeditionen erscheinen eigentlich als „Dummheiten“, als klassische Antiheldengeschichten.

profil: Liegt in der stetigen Konfrontation mit Ihrer Biografie nicht auch die Gefahr, in der Vergangenheit stecken zu bleiben?
Messner: Keiner von uns wird seine Vergangenheit los. Wir tragen sie wie in einem Rucksack stets mit uns. Ich kann meine Biografie nicht auslöschen oder von mir schieben. Die meisten Menschen allerdings leben ihre Biografie nur fiktiv – in Facebook.

profil: Dem Film wird ein Zitat aus dem ­Sisyphos-Mythos vorangestellt. Muss man sich den griechischen Helden, der – von der Unterwelt bestraft – einen Stein immer wieder aufs Neue den Berg hinaufrollen muss, als glücklichen Menschen vorstellen?
Messner: Dieses Zitat war mein Muss-Beitrag zum Film. Mir ging es mehr um die existenzialistische Sicht Albert Camus’, der die Sache so sieht: Sisyphos entreißt den Göttern die Macht und verpflichtet sich selbst, den Stein endlos aufwärts zu rollen.

profil: Er trifft alle wesentlichen Entscheidungen selbst?
Messner: Wenn ich aus der bürgerlichen Welt aussteige und bewusst ein archaisches Leben wähle, ist das allein meine Sache. Damit stehe ich außerhalb jeglicher Moral. Da bin ich ganz Existenzialist.

profil: Wer waren Ihre Götter?
Messner: Auch Götter lasse ich mir nicht vorsetzen. Die sind alle von Menschen gemacht und nur dazu geschaffen, die Menschen zu gängeln.

profil: Wann wurde aus Ihrem Aufbegehren eine Profession?
Messner: Schwer zu sagen. Die Frage ist doch die: Ist dieses Aufbegehren notwendig? Oder ist es nur ein Spiel? Im Film meint ein Bruder von mir, ich bräuchte ­Widerstände, könnte ohne sie gar nicht ­leben.

profil: Aber Sie kokettieren auch mit Ihrer Rebellion.
Messner: Es ist Veranlagung. Ich habe in jungen Jahren lernen müssen aufzubegehren, sonst hätte ich dieser engen Welt nie entfliehen können. Und damit meine ich nicht die Familie, sondern das Land Südtirol nach dem Zweiten Weltkrieg.

profil: Eine der zentralen Aussagen des Films lautet: „Schluss mit Berg Heil!“.
Messner: Wir sind nach dem Krieg in einem braunen Umfeld aufgewachsen. Jahrzehntelang wurde der Faschismus nicht aufgearbeitet. Ich habe mich früh von diesem romantischen Idealismus-Geschwafel befreit. Damit habe ich mir nicht nur Freunde gemacht. Viele meinten, das könne kein richtiger Bergsteiger sein.

profil: Wenn es keine Widerstände gibt, schaffen Sie sich selbst welche? Polarisieren Sie deshalb bis heute?
Messner: Ich polarisiere, weil ich eindeutig sage, was ich denke. Nicht nur im Alpinsport, auch in politischen Fragen.

profil: Sehen Sie sich als eine Art öffentliche Projektionsfläche?
Messner: Das kann ich nicht verneinen. Da sind Bilder von mir, gegen die ich mich nicht wehren kann. Aber je mehr Menschen eine konkrete Vorstellung von mir und meinem Leben haben, desto verwaschener wird ihr Bild von mir. Diesen Widerspruch kann auch der neue Film nicht auflösen.

profil: Momente aus Ihrer Kindheit und Jugend wurden für „Messner“ mit Schauspielern nachgestellt. Erkennen Sie sich in diesen Szenen wieder?
Messner: Einiges betrachte ich mit Augenzwinkern. Ich teile auch nicht jede Szene mit dem Regisseur. Aber der Film ist ein gutes Psychogramm geworden. Es sind ja viele Geschichten, durch die meine Zeit als Extrembergsteiger rekonstruiert wird.

profil: Mussten Sie da je intervenieren?
Messner: Natürlich nicht. Wenn jemand einen Film über mich macht, hat er das Recht, frei zu arbeiten. „Messner“ ist natürlich nur eine Annäherung.

profil: Gestalten Sie die Mystifizierung Ihrer Person nicht ganz bewusst mit?
Messner: Nein, mein Leben ist so passiert. Ich habe nie an meiner Biografie gebastelt. Ich habe gewagt gelebt – fertig! Im Film wurden einige Szenen nachgedreht, die den ­realen Umständen kaum gerecht werden können. Die Realität ist meist viel schlimmer. Und ich wurde als Figur des öffentlichen ­Interesses benutzbar: ein Exot, mit dem jeder ein Geschäft machen kann.

profil: So konnten Sie aber auch ganz gut von Ihrer Profession leben.
Messner: Das ist richtig. Ich habe schnell Möglichkeiten gefunden, mit den Abfallprodukten des Bergsteigens, mit allem, was sich irgendwie verkaufen ließ, zu leben und meine Expeditionen zu finanzieren. Keine Bank der Welt hätte einem Freak wie mir Geld gegeben.

profil: Ihr aktuelles Leben, Ihr politisches Engagement und die Museumsarbeit blendet der Film fast völlig aus.
Messner: Stimmt, auch meine Frau hat sich geweigert, im Film aufzutreten. Sie sagt, sie hat mit der erzählten Biografie, mit meinem Leben als Extrembergsteiger nur am Rande zu tun.

profil: Sehen Sie sich eigentlich als Geschichtenerzähler?
Messner: Ich bin an die Öffentlichkeit gegangen, weil ich von meinen Expeditionen erzählen wollte. Alle starken Geschichten wollen erzählt sein. Ich habe aber nie vom Staat oder einer Partei Geld dafür genommen.

profil: Sie waren aber für die italienischen Grünen fünf Jahre im Europaparlament.
Messner: Ich war für Europa im EU-Parlament. Ich wurde nur auf der Liste der Grünen gewählt. Bei der Partei war ich nie.

profil: Woran krankt Europa?
Messner: In Brüssel geht es um Partikular-interessen. Leider haben wir es nicht geschafft, das Europa der Bürger emotional wachsen zu lassen. Wenn Werner Faymann im Ministerrat nur Österreichs Interessen vertritt, wird er keine erfolgreiche Europapolitik machen können. Das Ziel scheint nur darin zu liegen, bei der nächsten Wahl wiedergewählt zu werden. Europa ist in einer heiklen Phase. Wenn wir jetzt auch noch anfangen, einzelne Länder rauszuschmeißen, dann ist das geeinte Europa bald am Ende.

profil: Zieht es Sie noch immer in die Politik?
Messner: Nein, das können Sie ausschließen. Als Bürgermeister zu arbeiten wäre interessant. Aber dafür bin ich zu alt. Das müssen junge Menschen machen, die ihre Entscheidungen nicht nur verantworten, sondern auch spüren.

profil: Wie viel Freiheit steckt im Bergsteigen wirklich?
Messner: Es gibt am Berg keine Grenzen, niemanden, der da die Deutungshoheit hätte. Dort oben kann ich tun und lassen, was ich will. Auch heute noch. Ich kann auf jeden beliebigen Gipfel steigen und in die Tiefe springen. Es ist allein meine Sache.

profil: Mit Idealismus hat der Alpinsport nichts zu tun?
Messner: Nein, obwohl die Alpenvereine diesen immer noch so postulieren. Bergsteigen ist eine rein egoistische Angelegenheit. Ich werde auf dem Gipfel auch niemals jemanden mit „Berg Heil!“ begrüßen.

profil: Hat sich das Genre des Bergfilms von den verklärten Geschichten eines Arnold Fanck oder eines Luis Trenker denn nie erholt?
Messner: Luis Trenker war ja der Bergsteiger schlechthin, dabei ein genialer Erzähler und Geschäftemacher. Er hat nicht nur mit den Nazis, sondern auch mit Mussolini kooperiert, um Gelder für seine Filme zu bekommen. Mit dem Heimatfilmkitsch der 1950er-Jahre ist das Genre endgültig abgestürzt.

profil: Gibt es den Bergfilm heute noch?
Messner: Nein. Es müssten sich junge ­Autorenfilmer heutiger Themen annehmen. Die 1930er-Jahre sind vorbei. Luis Trenker drehte spannende, äußerst erfolgreiche „Berg-Western“. Sie müssten es nur ohne die Hilfe großer Fernsehsender schaffen. Sonst ist jeder Film von vornherein verpatzt.

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Reinhold Messner , 68
Der Südtiroler bestieg als erster Mensch alle 14 Achttausender und verzichtete dabei auf künstlichen Sauerstoff. 1970 verunglückte sein Bruder Günther am Nanga Parbat. Von 1999 bis 2004 vertrat Reinhold Messner die italienischen ­Grünen im Europaparlament. Heute widmet er sich vorwiegend seinem Bergmuseum in Südtirol, ist Buchautor und lebt in Meran und München.

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Überlebensgroß
Die profil-Premiere: "Messner“

Die schönsten Geschichten schreibt das Leben: Reinhold Messner als Fünfjähriger bei seiner ersten Klettertour; der Alleindurchstieg der Droites-Nordwand im Mont-Blanc-Massiv; die großen Expeditionen zu den Achttausendern der Welt. Der deutsche Regisseur Andreas Nickel versucht in seinem Dokumentarfilm "Messner“, der am 26. September als profil-Premiere in Wien (regulärer Kinostart: 5.10.) an den Start geht, ein möglichst genaues Bild des Extrembergsteigers zu zeichnen. Er verwendet dafür Archivfilm-und Fotomaterial, Interviews mit Weggefährten und nachgestellte Szenen. "Messner“ changiert zwischen den Stilen, ist große Bergsteigersaga, Coming-of-Age-Geschichte und grenzgängerisches Biopic, das sich der Heldenverehrung nicht ganz entziehen kann. Die Bergaufnahmen sind immerhin atemberaubend.