Reinhold Messner: „Es wird viel übertrieben“

Bergsteiger Reinhold Messner über Schnürlsamt, Plastikschuhe und die richtige Kleidung für den Mount Everest.

Interview: Alfred Bankhamer

profil: Sie gelten als einer der ersten Nutzer von Funktionstextilien. Ihre Erinnerung an die Anfänge?
Messner: Bei meinen ersten Bergtouren war ich mit Schnürlsamthosen und Wollpullover unterwegs. Das hat sich erst bei der Besteigung des Mount Everest geändert. Da kamen spezielle Daunenanzüge mit relativ weit entwickelten Kunststoffmaterialien zum Einsatz. Diese waren aber noch nicht atmungsaktiv. 1977 ließ ich erstmals ein Zelt aus Goretex anfertigen, und bei der Besteigung des Mount Everest 1978 hatten wir schon einige dabei.

profil: Wo helfen Funktionstextilien wirklich, wo liegen ihre Grenzen?
Messner: Wenn Sie in der Stadt mit einer Goretex-Jacke spazieren gehen, ist das natürlich eine mehr als perfekte Ausrüstung. Die meisten Leute auf den Straßen sind heute angezogen, als ob sie den Mount Everest besteigen wollten. Diese Funktionsbekleidung ist, solange ich sie nicht maximal strapaziere, immer sehr gut gegen Wettereinflüsse.

profil: Wie sieht der optimale Bekleidungsmix aus?
Messner: Auf der Haut ist eine Schicht wichtig, die Feuchtigkeit rasch nach außen abgibt. Da gibt es heute Materialien, die den Körper wirklich fast trocken halten. Dann ist Fleece sehr gut, da es schnell trocknet. Ich bin in der Antarktis bei bis zu minus 20 Grad nur in Unterwäsche und Fleece gelaufen. Es bekommt rasch eine Art Eisschicht aus Reif, die man einfach abklopfen kann. Es muss zugleich so durchlässig sein, dass ich beim schnellen Gehen bei minus zehn Grad nicht ins Schwitzen gerate. Feuchtigkeit kann immer von außen oder innen kommen. Mit Schichten kann ich das ausgleichen. Am Nordpol bei minus 52 Grad Celsius hatten wir nur drei Schichten. Wenn es stürmt, tragen wir Wind­jacken, aber nicht gefütterte Jacken, die haben sich nicht bewährt.

profil: Es gibt keine Jacken, die alles können?
Messner: Nein, Sie müssen immer überlegen, wohin Sie gehen. Die Antarktis ist eine trockene Wüste. Dort habe ich Kälte und Wind als Problem, aber nicht den Regen. Im Regenwald muss eine Jacke schon fantastisch gebaut sein, damit sie nicht von Regen und Schweiß nass wird. Alles zu vereinen, schaffen die Hersteller noch nicht.

profil: Fast alle tragen heute Funktionsjacken, zugleich gibt es wieder einen Trend zu Naturstoffen. Welche Textilien sind nun besser?
Messner: Ich würde nicht sagen, das eine oder andere ist besser. Die modernen Materialien haben große Vorteile, was das Gewicht anbelangt. Auch werden die Füße bei anstrengenden Touren immer nass. In Socken aus modernen, nicht natürlichen Materialien trocknen sie viel schneller. Unsere Lederschuhe haben einst mindestens das Doppelte der heutigen Kunststoffschuhe gewogen und wurden nicht mehr trocken. Das heißt, ein Lederschuh war nach drei Wochen ein Eisklumpen, wie ein Stück Blei. Heute kann ich auf 8000 Meter Höhe meinen Plastikschuh in zwei Minuten über der Gasflamme trocknen.

profil: Ist heute eine normale Bekleidung für Schönwettertouren wirklich mit Expeditionsausrüstung vergleichbar?
Messner: Ich bin davon überzeugt, dass die meisten Menschen mit dem, was die Briten 1924 am Everest anhatten, heute nicht einmal eine Bergtour im Winter wagen würden. Heute hat jeder bei einer Skitour eine bessere Ausrüstung als einst die Engländer auf dem höchsten Berg der Welt.

profil: Das Angebot an Funktionstextilien ist unüberschaubar. Wie groß sind die Qualitätsunterschiede?
Messner: Bei den führenden Firmen, glaube ich, könnten Sie blind in ein Lager gehen und sagen, ich brauche eine Jacke, eine Hose und Unterwäsche. Und dann gehen Sie auf den Everest, und ich meine, das würde reichen. Dass man allerdings das Teuerste kaufen muss, bezweifle ich. Hergestellt ist alles irgendwo in Asien, oft in denselben Fabriken. Da geht es um Marke und Design. Der eine verkauft es um den Herstellerpreis mal zwanzig, der andere um den Herstellerpreis mal zehn. Ich will nicht in den Handel hineinreden, aber es wird sicher viel übertrieben.

profil: Jüngst gab es Kritik an den Produktionsbedingungen in Südostasien. Wie sehen Sie die Situation?
Messner: Kürzlich ist in Bangladesch eine Näherei abgebrannt mit mehr als 100 Toten. Das sollte uns schon aufrütteln. Die zweite Sache mit den umweltbelastenden Chemikalien ist nicht akzeptabel. Wir könnten viel mehr Schafwolle verwenden, davon gibt es reichlich auf dieser Welt. Es gibt besonders in den USA Bergsteiger, die ausschließlich natürliche Stoffe und Materialien verwenden. Die erste Bergausrüstung vor 200 Jahren kam von der Bauerngesellschaft. Man hat genommen, was die Bauern seit Hunderten Jahren herstellten, um die harten Winter zu meistern. Nun kommen die Sachen von der Industrie, die auch Verpflichtungen hat. Es geht nicht nur um das Recht, Geschäfte zu machen, sondern auch um die Verantwortung, saubere Materialien zu liefern und die Ressourcen zu schonen.

Kasten
Harter Stoff: Studien warnen vor Umweltund Gesundheitsgefahren durch Funktionstextilien.

Im Herbst 2012 untersuchte eine Greenpeace-Studie 14 Regenjacken und Regenhosen auf umweltschädliche Schadstoffe. Hauptziel war, die Produkte auf per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) zu testen. Diese sind in den hauchdünnen ePTFE-Membranen wie Goretex und in Imprägnierungen vorhanden. Erstaunlicherweise wurden in allen Produkten – auch in jenen zwei, die als PFC-frei deklariert wurden – PFC nachgewiesen.
PFC ist eine extrem stabile chemische Verbindung, die nur über sehr lange Zeiträume abgebaut werden kann. Deshalb finden sich diese Chemikalien im Schnee der Alpen, in der Tiefsee und sogar im Blut von Eisbären. In Studien konnte fast überall PFC nachgewiesen werden – in Fisch, Fleisch, Milchprodukten, Getreide sowie im Staub von Innenraumluft, die um das 30- bis 570-Fache stärker belastet ist als die Außenluft. Besonders in die Kritik kamen Perfluorcarbonsäuren (PFOA), die beim Imprägnieren entstehen, als Hilfsstoff bei der Herstellung von Membranen dienen und sehr lang im menschlichen Körper verweilen. Mittlerweile setzt der Großteil der Industrie auf kürzerkettige PFC-Verbindungen, die weniger belastend sein sollen, aber noch nicht genau untersucht sind.

PFOA könnte Auswirkungen auf den Hormonhaushalt haben und zu verminderter Fruchtbarkeit, Immunstörungen und Schilddrüsenkrankheiten führen. Greenpeace fordert jedenfalls die Outdoor-Industrie auf, solche Substanzen aus der Produktion zu verbannen und Alternativen zur Fluorchemie zu suchen. Bei der Untersuchung wurden noch weitere umwelt- und gesundheitsschädliche Stoffe teils in bedenklichen Mengen gefunden: Weichmacher, Antimon und Azofarbstoffe.