Religion: Calvin war auch Türke

Der aufgeklärte Islam hat in der Türkei eine lange Tradition. Wissenschafter sprechen von einer „stillen moslemischen Reformation“.

Allah hat derzeit keine gute internationale Presse. Wo immer in seinem Namen Politik gemacht wird, lautet der erste Verdacht auf „Islamismus“: eine antiwestliche, antimoderne Ideologie, die einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Moslems und Ungläubigen konstruiert. Der Islam, so die Analyse seiner Kritiker, habe nie eine Reformation durchlebt; sein Verhältnis zu Staat und Demokratie sei ungeklärt.

In der Türkei ist dieser Generalverdacht falsch. Die breite religiöse Bewegung, die im November 2002 die konservative AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) an die Macht spülte, trägt kaum fundamentalistische Züge. Sie wurzelt vielmehr in einer spezifisch türkischen Denkschule, die den Koran mit der Moderne in Einklang zu bringen versucht.

Der Religionsgelehrte Said Nursi (1877–1961) war ihr Begründer. In seinen „Briefen des Lichts“, die in den fünfziger Jahren populär wurden, vertrat er die Ansicht, dass es zwischen Religion und Vernunft keinen Gegensatz gebe. Wissenschaft sei ebenso gottgefällig wie die parlamentarische Demokratie. Die Worte des Propheten, so Nursi, gäben jedem Moslem den Auftrag, mit der Zeit zu gehen.

In der Türkei, wo die tolerante Sufi-Tradition stets bestimmend war, fielen diese Gedanken auf fruchtbaren Boden. Die Nur-Bewegung hat heute fünf bis sechs Millionen Anhänger.

Weitergeschrieben wurde diese Geschichte vom heute 67-jährigen Prediger und Bestsellerautor Fetullah Gülen, der versucht, eine Brücke zwischen türkischem Nationalismus und Islam zu schlagen. Religion sei Privatsache, meint Gülen; ebenso die Frage, ob eine Frau ein Kopftuch tragen wolle oder nicht. Das moderne Leben, technologischer Fortschritt, wirtschaftlicher Erfolg und Religiosität bildeten nicht nur keinen Widerspruch – sie bedingten einander sogar. Der Islam helfe dabei, die Gegensätze zwischen Arm und Reich und zwischen den Völkern zu überwinden; Bildung und Rücksicht seien Pflichten jedes Gläubigen; und der Westen sei kein Feind, man könne im Gegenteil von ihm lernen. Gülens Bücher füllen ganze Abteilungen in den Ratgeberecken türkischer Buchhandlungen, 300 Schulen wurden in seinem Namen gegründet, auch im Mittleren Osten und am Balkan.

Hakan Yavuz hält das Ergebnis für dramatisch. In der Türkei, schreibt er in seinem Buch „Islamic Political Identity in Turkey“, habe eine „stille moslemische Reformation“ stattgefunden, vergleichbar mit der protestantischen Reformation. Ähnlich wie die Calvinisten im damaligen Christentum wolle die Nur-Bewegung „die Gesellschaft ändern, indem sie an das Gewissen des Einzelnen appelliert“. Die Nur-Lesekreise seien die „Wiege einer neuen Klasse intellektueller Unternehmer“ gewesen, die seit Mitte der achtziger Jahre nun auch an die Macht drängt.

Ähnlich sieht das der Journalist Mustafa Akyol, einer der einflussreichsten Kommentatoren in der modern-religiösen Szene Istanbuls. „Die Religion beeinflusst die soziale Entwicklung und umgekehrt“, sagt er. „Hier in der Türkei geht der Islam erstmals eine Symbiose mit dem modernen Kapitalismus ein.“ Überall, wo Moslems leben, sei sonst meist Nationalismus oder Sozialismus am Werk.

„Die Moslems in der Türkei waren nie antiwestlich“, ist Akyol überzeugt. Am Beispiel der EU hätten sie auch erkannt, „dass der Westen viel demokratischer ist als unsere verwestlichten türkischen Eliten“.