Reportage: Bagdad Prison Blues

Die widerlichen Verhörmethoden der Besatzer waren Menschenrechtsorganisationen und Rotem Kreuz längst bekannt. Am System dürfte sich wenig ändern – nur die Exzesse sollen unterbleiben.

Sie wollten uns demütigen“, erzählt Hashim Muhsin, „es war ekelhaft. Sie stülpten Plastiksäcke über unsere Köpfe und schlugen mit spitzen Gegenständen auf unsere Rücken. Sie nahmen uns alle Kleider weg, stellten uns neben der Wand auf und führten an uns unmoralische Handlungen aus, über die ich nicht einmal sprechen kann.“

Hashim Muhsin war irakischer Gefangener im US-geführten Skandalgefängnis Abu Ghraib. Er war Teil jener menschlichen „Pyramide“, deren Fotos nun um die Welt gehen.

Dass Fotos gemacht wurden, sei Teil der Verhörstrategie gewesen, wie Muhsins Leidensgenosse Haider Sabbar dem Nachrichtensender Al-Jazeera berichtete: „CIA-Beamte und ein irakischer und ein ägyptischer Übersetzer zeigten uns vor dem Verhör unmoralische Bilder von den Sachen, die da stattfanden.“ Die Bilder kündigten den Gefangenen an, was ihnen bevorsteht – um sie entsprechend gefügig zu machen.

Die Initiative zu den obszönen Folterungen ging nicht von den Wachesoldaten aus, welche sie ausführten und die Fotos anfertigten, sondern von den Verhörspezialisten des US-Militärgeheimdienstes – die das Opfer Sabbar für CIA-Agenten hielt – und denen von privaten Söldnerfirmen. Oder wie es der Untersuchungsbericht des Generalmajors Antonio Taguba formuliert: Diese Leute „haben aktiv verlangt, dass die Wachen von der Militärpolizei die physischen und mentalen Bedingungen für eine fruchtbare Befragung der Zeugen herstellen“.

Die Bilder, die jetzt ans Tageslicht kamen, bestätigten auf ebenso drastische und anschauliche Weise, was eigentlich schon lange bekannt war. Dass hinter den Mauern und Stacheldrahtabsperrungen von Abu Ghraib schreckliche Dinge geschahen, hatten Iraker, die freigelassen wurden, immer wieder erzählt. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International sammelten Zeugenaussagen. Klar war längst: Immer wieder sperrten die Amerikaner völlig Unbeteiligte ein; die Angehörigen der Internierten blieben oft monatelang über den Verbleib im Ungewissen; in Abu Ghraib und einem Dutzend anderer Haftanstalten im Irak wurden Misshandlungen wie Schlafentzug, Nötigung zum Verharren in schmerzhaften Körperhaltungen und auch Prügel begangen (auch profil berichtete bereits im August des Vorjahres).

Stolz auf Erfolge. Ab November letzten Jahres, in der Zeit also, in der sich die dokumentierten Folterungen ereigneten, berichteten US-Militärsprecher immer wieder voll Stolz von zunehmenden Erfolgen beim Aufrollen von Widerstandszellen, vor allem im Großraum Bagdad. Der Verdacht, dass „Verhöre der besonderen Art“ diese Zugriffe erst ermöglichten, steht im Raum.

Es bedurfte der unwiderlegbaren Authentizität der durchgesickerten Bilder, um Gewissheit zu schaffen und weltweite Empörung auszulösen. Die Einzigen, die all die Zeit über Konkretes wussten, durften nichts sagen. Die Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz hatten stets Zutritt zu den Lagern, nach den geltenden Regeln dürfen sie aber ihre Beobachtungen nur mit dem Betreiberstaat teilen. Rot-Kreuz-Sprecherin Antonella Notari erlaubte sich in einem Mittwoch vergangener Woche in der französischen Tageszeitung „Le Monde“ erschienenen Interview zumindest eine aussagekräftige Andeutung: „Die Fotos sind schockierend, doch unsere Berichte sind schlimmer.“

So wie auf der internationalen Bühne waren Militärs und Diplomaten der USA auch vor Ort bemüht, Schadensbegrenzung zu üben. Journalisten wurden am Mittwoch durch die im letzten Sommer renovierten Häftlingstrakte, Kantinen und Krankenstationen geführt. Eine Propagandatour, die nur unwesentlich gestört wurde, als aus einem Nebentrakt Sprechchöre von Gefangenen zu vernehmen waren. Die Internierten skandierten die Fage: „Warum sind wir hier?“ Der neue Kommandant des Gefängnisses, General Geoffrey D. Miller, entschuldigte sich in aller Form „vor der irakischen Nation“ für die Verfehlungen der Foltersoldaten.

Miller, der die glücklose, vom Militärgeheimdienst übertölpelte Generalin Janis Karpinski ablöste, erscheint jedoch als fragwürdige Wahl für diese Aufgabe. Der schneidige Fallschirmjäger befehligte von November 2002 bis zu seiner Verlegung nach Bagdad in diesem April ausgerechnet das Terroristenstraflager von Guantanamo Bay. In seine Zeit fiel eine „gestiegene Kooperationsbereitschaft“ der dortigen Insassen, aber auch die zunehmende Kritik internationaler Organisationen an Haftbedingungen und Praktiken in der exterritorialen US-Basis auf Kuba.

Im August vergangenen Jahres besuchte Miller den nach Umbauten wieder eröffneten ehemaligen Saddam-Knast Abu Ghraib für mehr als eine Woche. Nicht, um Missstände abzustellen, sondern um „Expertise“ zu transferieren. Miller brachte ein 30-köpfiges Team von Verhörspezialisten mit, darunter der Chefaufseher des berüchtigten Camp Delta in Guantanamo. Ziel war es, wie Miller am vergangenen Dienstag vor Journalisten freimütig berichtete, „so schnell wie möglich nachrichtendienstliche Erkenntnisse zu gewinnen“. Dazu gehörten „Verhörtechniken, die den Angststress erhöhen“. Der General wollte bezüglich der angewandten Methoden nicht ins Detail gehen – es handle sich jedoch, sagte er immerhin, um „aggressive Gespräche“.

Fataler Kreislauf. Die Wogen, die der Folterskandal schlägt, machen die am 30. Juni geplante formale Machtübergabe noch prekärer. Zu diesem Datum soll – den Erfordernissen des Bush-Wahlkampfs gehorchend – die Souveränität im Irak an eine lokale Übergangsregierung übergehen und die US-Besatzungsverwaltung formal enden. Es wird eine Scheinsouveränität sein, weil sich am Besatzungsstatus des US-Militärs nichts ändert. Da die Gefängnisse vom US-Militär betrieben werden, wird die künftige, scheinsouveräne Regierung so wie in vielen anderen Aspekten auch in diesem für die Iraker entscheidenden Bereich des Einsperrens und Gefangenhaltens nichts zu reden haben. In den Augen ihrer Bürger wird diese Regierung deshalb noch bedeutungsloser, der Aufstand noch legitimer erscheinen. Das Besatzungsmilitär wird sich mutmaßlich wiederum umso mehr der Aufstandsbekämpfung widmen müssen – und aus seinen Gefangenen nachrichtendienstliche Erkenntnisse pressen.

Der amerikanische Strategieforscher Ehsan Ahrari sieht in dieser Wechselwirkung denn auch einen sich unweigerlich schließenden Kreis: „Die wahre Natur der Besatzung besteht darin, dass sie im Namen der Sicherheit unweigerlich in die Dehumanisierung des besetzten Volkes mündet.“