Reportage: Das Krähen des Hahnes

In diesen Tagen feiert China Neujahr. Und damit den wirtschaftlichen Erfolg des Landes. Der neue chinesische Kapitalismus ist traditionsbewusst, sozial und undemokratisch.

Von wegen Manchester-Kapitalismus. Wenn an diesem Mittwoch nach dem chinesischen Mondkalender das Jahr des Hahnes beginnt, stehen in China die Räder still. Dann wird im ganzen Land gefeiert und geschlemmt, eine arbeitsfreie Woche lang. Kaufhäuser, Märkte und Gaststätten werden sieben Tage lang überfüllt sein, weil die Masse konsumiert und nicht mehr produziert. Das Pekinger Eisenbahnministerium schätzt, dass allein im Februar 145 Millionen Wanderarbeiter ihre Arbeitsplätze in den Großstädten verlassen, um mit ihren Familien in den ländlichen Heimatprovinzen Neujahr zu feiern. Das gleicht einer Völkerwanderung. Zugleich zeigen sich Mobilität und relativer Wohlstand des vermeintlichen Lumpenproletariats der Globalisierung. So schlecht wie den englischen Proletariern im Manchester-Kapitalismus vor 200 Jahren geht es den meisten chinesischen Arbeitern jedenfalls nicht mehr.

Die Xinyang-Pulloverfabrik in Jiaxing zeigt Chinas neue soziale Möglichkeiten. Aus westlicher Sicht ist das kleine Textilunternehmen mit seiner weiß-blauen Werkshalle in der 3,5-Millionen-Einwohner-Stadt südlich von Shanghai ein typischer Ausbeutungsbetrieb. Die 260 Angestellten des Unternehmens, die alle einen dunkelblauen Anzug wie zur Mao-Zeit tragen, doch mit modernen Maschinen des deutschen Herstellers Stoll arbeiten, erhalten nach Angabe des Unternehmens einen Durchschnittslohn von umgerechnet 100 Euro im Monat. Da die Löhne der Manager bis 1000 Euro reichen, liegen die meisten Arbeitergehälter sogar deutlich unter 100 Euro. Dennoch sind die Beschäftigten, von ihnen ein Großteil Frauen, zufrieden. Sie erhielten im Januar einen Jahresbonus und vergangene Woche Lebensmittel: jeder je eine Kiste Fisch, Speiseöl, Äpfel, Birnen und Mandarinen für die Feiertage. Nun brauchen sie neun Tage nicht zur Arbeit – so lange sind Betriebsferien. Manche, die aus Sichuan und anderen entfernten Provinzen stammen, durften schon vergangene Woche in die Heimat abreisen. Für die Leute aus der Nachbarprovinz Jiangsu stand am Sonntag ein vom Unternehmen gemieteter Reisebus bereit. Wer aber keine Familie hat oder dableibt, weil er Geld sparen muss, wird vom Chef am Neujahrstag zum Essen eingeladen. Der kann sich das locker leisten.

Bauer als Millionär. Jiang Jianfu, 51 Jahre, Gründer und Haupteigentümer der Xinyang-Pulloverfabrik, war vor 17 Jahren noch ein einfacher Reisbauer – heute ist er, auch in Euro gerechnet, Millionär. Jiang hat sich, was den äußeren Eindruck betrifft, kaum verändert. Sein schlaksiger Gang stammt aus der Zeit, als er jeden Tag durchs Reisfeld stakste, ebenso sein breites ländliches Lachen. Mit seinem grauen Büroanzug wirkt er wie ein Bauer auf dem Weg zur Kirche. Dennoch verkörpert er die welthistorische Epochenwende zu dem, was Ökonomen heute den „volksrepublikanischen Kapitalismus“ nennen – im Vergleich zu seiner angelsächsischen oder rheinischen Ausprägung. Gemeint ist eine neue Form des Wirtschaftens, die in ihren Grundzügen den Gesetzen der freien Marktwirtschaft folgt und – wie Jiangs Pulloverproduktion – konfuzianische und sozialistische Traditionen Chinas integriert.

Jiang ist ein Prototyp des neuen chinesischen Kapitalisten. Wie die meisten von ihnen fing er mit nichts an. Für eine symbolische Summe kamen er und ein paar andere Bauern 1987 in den Besitz einer bankrotten Kunstfaserfabrik. Von allen Beteiligten glaubte Jiang am meisten an seine Chance. 1995 erhielt er einen Kredit über umgerechnet 1,8 Millionen Euro. Er bürgte, das machte ihm zum Chef. Er stellte von Kunstfaser- auf Pulloverproduktion um. Er kaufte die deutschen Maschinen. Er wählte jeden seiner Angestellten in langen persönlichen Gesprächen aus. Später, bei der Börseneinführung, vermachte er ein nennenswertes Aktienpaket verdienten Mitarbeitern. 60 Prozent behielt er, heute repräsentieren seine Aktien einen Wert von umgerechnet zehn Millionen Euro. Pro Jahr lässt er derzeit 600.000 Pullover herstellten, 90 Prozent davon exportiert er nach Frankreich, England, die USA und Japan. Für seine besten Angestellten hat er neben der Fabrik ein rosa gestrichenes Apartmenthaus bauen lassen. Einige der Wohnungen hat er verschenkt, andere hält er für Jungakademiker bereit, die er in sein Unternehmen locken will. Er wirtschaftet immer noch wie ein Bauer, der, wenn er zu viel hat, die Nachbarn beschenkt. „Edle Männer, denen es an Güte mangelt, gibt es wohl“, sprach Meister Konfuzius. „Niedriggesinnte, die an Güte reich sind, gab es nie.“ An solche einfachen, jedem Chinesen vertrauten Grundsätze versucht sich Jiang zu halten. Treue und Loyalität sind ihm wichtig, die Firma ist für ihn auch Familie. Er hat noch nie einen Arbeiter entlassen.

Privatunternehmen wie jenes von Jiang erwirtschaften heute nach westlichen Berechnungen 60 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung. Sie sorgten maßgeblich dafür, dass in China im vergangenen Jahr neun Millionen neue Arbeitsplätze entstanden – mehr als Österreich Einwohner zählt. Zudem erwirtschafteten sie den Großteil des Wirtschaftswachstums, das 2004 in China 9,5 Prozent betrug.

In der Boomtown Jiaxing aber beruhen sogar 80 Prozent der Wirtschaftsleistung auf Privatunternehmen, liegt das Wirtschaftswachstum bei 17 Prozent. Umso erstaunlicher ist, dass man Unternehmertypen, die ihre Eigenleistung verherrlichen, hier kaum findet. So viel sozialistisches Denken ist geblieben: Jeder begreift sich als Teil eines großen Ganzen, das wichtiger ist als der Einzelne. Wie überall in China ist der Wille zu harter Arbeit allgegenwärtig, aber gepaart mit dem Wissen, die eigenen Ziele nur in der Gemeinschaft erreichen zu können. Allerdings wird das Kollektiv nicht mehr angebetet wie früher unter Mao Tse-tung, sondern dient nun dem Unternehmen. Der Bürgermeister von Jiaxing, ein ehemaliger Stahlwerksleiter in Zeiten der Planwirtschaft, hat eine Formel für den Aufschwung: „In China“, sagt Chen Derong, ein kleiner, konzentrierter Kommunist, „gibt es den Marxismus für die Politik, die Marktwirtschaft für die Wirtschaft und den Konfuzianismus für das Zwischenmenschliche.“

Zwei Welten. Für einen Lokalpolitiker wie Chen gehört viel Mut zu so einer Aussage. Kommunisten in Peking würden vielleicht privat zustimmen, aber öffentlich nie so reden. Denn Konfuzius ist für die Partei immer noch tabu, und die Marktwirtschaft existiert in der Parteisprache nicht als solche, sondern nur mit dem Zusatz „sozialistisch“. Daran hat sich auch seit dem Führungswechsel an der KP-Spitze vor zwei Jahren zum neuen Partei- und Staatschef Hu Jintao nichts verändert. Überall sprechen die Menschen mit zwei Zungen: Privat herrscht Gedankenfreiheit, erlaubt man sich jede Kritik an den Herrschenden. Öffentlich aber bleibt alles beim Alten. Für den jungen Pekinger Filmemacher Ning Hao, einen Außenseitertyp mit blond gefärbtem Haarschopf, der sein Geld mit Videoclips verdient, ist das ein unerträglicher Zustand: „Wir befinden uns im Kapitalismus, alle Menschen wollen reich werden, Gier und Konkurrenz nehmen überhand. Aber niemand redet offen darüber, weil wir offiziell im Sozialismus chinesischer Prägung leben“, beobachtet Ning.

Doch die etwa 500 Millionen Einwohner der Städte sind heute vom Wachstum verwöhnt. Grundsätzliche Kritik kommt ihnen nur selten in den Sinn. Ganz anders leben 800 Millionen Chinesen auf dem Land. Die meisten von ihnen sind Bauern und warten am Neujahrstag auf ihre Angehörigen aus der Stadt, die ihnen Kisten voll Mandarinen und Äpfel mitbringen. Für den Rest des Jahres aber ist ihr Dasein kärglich. Im ganzen Land liegt das jährliche Durchschnittseinkommen der Bauern knapp über umgerechnet 300 Euro. Unter ihnen wächst deshalb die Unzufriedenheit.

Langsam aus der Armut. Tang Dianlin ist einer, der sich wehrt. In der Brusttasche seines Hemdes trägt er Zigaretten und einen Kugelschreiber. Kein anderer Bauer des Dorfes Nantang im Norden der südostchinesischen Provinz Anhui trägt einen Kugelschreiber. Tang aber ist Bürgermeister von Nantang und zugleich Chef einer der ersten unabhängigen Landkooperativen Chinas: ein waghalsiges Unternehmen, da die Regierungsbehörden es nicht anerkennen und die Bauern jeden Tag mit einer Beschlagnahme ihres Kooperativvermögens rechnen müssen. Doch für Tang gibt es keinen anderen Weg aus der Armut. „Über ein Jahr gerechnet, kann jedes Mitglied umgerechnet 30 Euro auf die Seite legen“, preist er den Nutzen des gemeinsamen Wirtschaftens. Als könne man mit 30 Euro dem Elend entweichen.

700 Prozent Wachstum. In Nantang, weitab aller Asphaltstraßen, wo die Bauern ihre Felder noch mit der Hand bewirtschaften, ist China das, was es immer war: eine Gesellschaft der Rechtlosen und Gedemütigten. Ganz ruhig klagt Bürgermeister Tang das Unrecht an: dass Bauern im Gegensatz zu Städtern keinen Zugang zur staatlichen Kranken- und Rentenversicherung haben, dass sie sogar höhere Schulgelder zahlen und nicht annähernd gleiche Bildungschancen besitzen, dass ihre Arbeit – außer als Bauarbeiter – in den Städten nicht zugelassen ist. „Wir sind auch Bürger und wollen gleichberechtigt sein“, sagt Tang im Namen der 800 Millionen.

Die Regierung in Peking ist freilich nicht so dumm, Tangs Klage zu überhören. Sie hat die Bauernfrage unter dem neuen starken Mann Hu Jintao erneut ins Zentrum ihrer Politik gerückt. Wichtigstes Versprechen der Regierung im vergangenen Jahr war deshalb die Kürzung der Landwirtschaftssteuer für alle Bauernhaushalte. Kaum einer wollte zunächst an die Einhaltung des Versprechens glauben. Dann aber bewährte sich die Organisationskraft von Staat und Partei: Binnen kurzem wurde die Steuersenkung in allen Teilen des Landes durchgesetzt. In Nantang sparen die Bauern damit heute umgerechnet zwischen fünf und zehn Euro im Jahr – für sie eine beträchtliche Summe.

Chinas Wirtschaftswunder ist damit längst nicht vor allen Gefahren gefeit – das hohe Wachstum birgt seine eigenen Probleme wie Immobilienspekulation, Über-investitionen und die Anhäufung fauler Kredite im Finanzwesen. Davon ist heute in nahezu jeder volkswirtschaftlichen Analye Chinas die Rede. Nur: Dass unrentable Branchen mit Subventionen durchgefüttert werden, kommt auch im Westen vor. Und die chinesische Wirtschaft wächst und wächst – seit 1975, berechnet nach Kaufkraftparität, um 700 Prozent.

Das Neujahrsfest der Chinesen ist Anlass, Letzteres zu feiern. Das Krähen des chinesischen Hahnes ist in diesen Tagen überall im Reich der Mitte zu hören.