Reportage: Das Land der tausend Tode

Die ehemalige belgische Kolonie Kongo steht vor den ersten freien Wahlen nach mehr als vierzig Jahren Despotie. Die Bevölkerung schöpft Hoffnung, Europa schickt Soldaten, und in den Ostprovinzen toben immer noch blutige Kämpfe. Eine Reise durch ein zerrissenes Land.

Es war ein Wispern am Dorfbrunnen, ein Gerücht, das von Feuerstelle zu Feuerstelle ging, eine Hoffnung, eine Angst: Die Armee würde kommen.

Modogo Lowi kauert in der hintersten Ecke ihrer Hütte in einem Flüchtlingslager nahe der Grenze zu Uganda, ein schwerer Tropenregen trommelt auf das Dach, graues Licht sickert durch einen Spalt zwischen den Holzbrettern, der Lehmboden unter ihren Füßen ist kühl.

Die Armee: mit Wägen aus hartem Eisen, mit Gewehren und Granaten, auf der Jagd nach den Rebellen, die dem Dorf Isura und seinen Einwohnern monatelang Gewalt angetan hatten.

Kinder husten, im Halbdunkel stöhnt ein Mensch in schwerem Schlaf, um Modogo Lowi, eine Frau von vielleicht 40 Jahren, drängen sich die Überlebenden von Isura.

Und plötzlich, erzählt Modogo Lowi, waren die Soldaten da, es wurde geschrien, geschossen und gestorben, und die Rebellen ließen ihre Toten einfach liegen, als sie das Dorf aufgaben und davonrannten, an einem Tag Ende Mai.

Zweimal ist der Krieg in den vergangenen Wochen über Isura am Ufer des Albertsees hereingebrochen, und jedes Mal waren seine Bewohner die Verlierer. Erst kamen die aufständischen Milizen des Mouvement Révolutionnaire Congolais (MRC). Sie prügelten, raubten und vergewaltigten. Dann kamen die Regierungstruppen, die Forces Armées de la Republique Démocratique du Congo (Fardc). Sie prügelten, raubten und vergewaltigten, bezichtigten die Dorfbewohner, die Rebellen zu unterstützen, und wollten Informationen, die ihnen keiner geben konnte. In ihrer Wut verbrannten sie einem kleinen Mädchen den Hals mit glühenden Kohlen und jagten dem greisen Alezo eine Kugel durch den Arm. Dann legten sie Feuer an die Hütten von Isura und scheuchten alle, die noch gehen konnten, davon.

Der Tag, an dem Modogo Lowi ihre Heimat verlor, war ein Tag wie jeder andere im Distrikt Ituri, Provinz Orientale, Demokratische Republik Kongo, Zentralafrika.

Die Kapitulation des Verstandes

Ein vergessenes Land, ein vergessener Krieg: Bis vor wenigen Monaten wollte die Welt gar nicht so genau wissen, was in der Demokratischen Republik Kongo vor sich ging – und das, obwohl dort ein Konflikt tobte, den die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright einmal, ohne groß zu übertreiben, als „afrikanischen Weltkrieg“ bezeichnete.

Wenn etwas davon an die Öffentlichkeit drang, dann waren es in der Regel nur verwirrende Meldungen, die alle Klischees von der dunklen Gewalt Afrikas zu bestätigen schienen: Stämme und Volksgruppen, Rebellen, Milizen und Armeeverbände, der Kongo und seine Nachbarländer – jeder gegen jeden, ein undurchschaubares, unerklärbares, archaisches Gemetzel mit kaum nachvollziehbaren Frontlinien.

Nach vorsichtigen Schätzungen der internationalen Gemeinschaft wurden im Kongo seit dem Jahr 1998 über vier Millionen Menschen durch bewaffnete Auseinandersetzungen und deren Folgen getötet, 1,6 Millionen innerhalb des Landes vertrieben. Und das Sterben geht weiter, obwohl Präsident Joseph Kabila vor nunmehr drei Jahren ein Friedensabkommen mit den mächtigsten Rebellengruppen geschlossen und ihre Führer in eine Übergangsregierung aufgenommen hat. Die Provinzen Ituri, Nord-Kivu, Süd-Kivu und Katanga im Osten des Kongo sind bis heute Kriegsgebiet. Pro Tag kommen nach Angaben von Hilfsorganisationen durchschnittlich 1200 Menschen ums Leben – durch Gewalt, Hunger und Krankheiten im Zusammenhang mit den Kämpfen.

Auf Österreich umgelegt hieße dies: 200.000 Menschen permanent auf der Flucht, an die 60.000 Kriegstote pro Jahr. Es sind Zahlen, vor denen der Verstand zu kapitulieren droht. Sie sind in gewisser Weise nur Projektion, denn natürlich hat niemand genau Buch geführt über das Sterben. Trotzdem: Gemessen an den Opfern, kann der Konflikt im Kongo zu Recht als der tödlichste seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet werden.

Nun keimt erstmals wieder Hoffnung auf. Joseph Kabila und seine Integrationsregierung haben ein Versprechen aus dem Jahr 2003 wahr gemacht: Ende Juli finden im Kongo freie Wahlen statt – die ersten seit mehr als vierzig Jahren. Das ist weitaus mehr, als man von einem Mann erwarten durfte, der die Macht von seinem Vater, dem 2001 ermordeten Diktator Laurent-Désiré Kabila, in Erbpacht übernommen hatte.

Beim Versuch, die Demokratische Republik Kongo von einem anarchischen und autokratischen in einen demokratischen, halbwegs stabilen Staat zu verwandeln, hat sich inzwischen auch die Europäische Union eingeschaltet. Sie begleitet und finanziert den Übergangsprozess seit mehr als drei Jahren.

Auf Antrag der Vereinten Nationen, die dort mit der 17.500 Mann starken UN-Mission Monuc präsent sind, schickt Europa nun zudem ein eigenes Militärkontingent in den Kongo. Eine 1600 Soldaten umfassende Truppe unter deutschem Kommando, an der sich auch Österreich mit der überschaubaren Zahl von maximal zehn Offizieren beteiligt, soll den Blauhelmen dabei helfen, die Wahlen zu sichern – zumindest in der Hauptstadt Kinshasa.

Dort wird sich, wenigstens anfänglich, entscheiden, ob der Kongo eine Chance auf Frieden hat. Oder ob er, was keineswegs auszuschließen ist, wieder ins totale Chaos zurückfällt.

Der Moloch am Kongo-Fluss

Wenn Bernard Piette aus der 14. Etage des Gebäudekomplexes BCDC, Boulevard des 30. Juni, Stadtteil La Gombe, schaut, blickt er nach Norden über das Zentrum von Kinshasa auf den trägen Strom des Kongo-Flusses. In die anderen Himmelsrichtungen breitet sich zu seinen Füßen ein Moloch aus.

Weit sieht Piette, Geschäftsträger der EU im Kongo, allerdings nicht. Die Metropole mit ihren acht, vielleicht aber auch neun oder zehn Millionen Einwohnern versteckt sich unter zähem Dunst, der die elenden Hüttensiedlungen außerhalb der Innenstadt gnädig zudeckt.

Piettes Fachreferenten werfen den Videobeamer an und präsentieren die Erfolgsstatistik der Wahlvorbereitungen. Von den rund 28 Millionen Kongolesen über 18 Jahre sind bereits 26 Millionen registriert und haben damit erstmals auch offizielle Personaldokumente bekommen; 2500 Tonnen Wahlmaterial wurden mithilfe der UN im ganzen Land verteilt, 53.000 mobile Abstimmungsbüros mit versiegelten Urnen und Wahlkabinen aus Pappkarton produziert, 20.000 Radioempfänger, die sowohl mit Batterie als auch mit Solarstrom und Handkurbeln funktionieren, an Lehrer, Ärzte, Priester und Dorfchefs ausgegeben, um auch abgelegene Gebiete mit aktuellen Informationen zu versorgen. Mehr als die Hälfte der Gesamtkosten von rund 300 Millionen Euro übernimmt die EU.

„Europa ist an der Stabilität von Afrika interessiert“, sagt Piette. „Und deshalb ist Europa auch an der Stabilität der Demokratischen Republik Kongo interessiert. Wenn der Kongo instabil ist, ist zwangsläufig ganz Zentralafrika instabil.“

Deshalb hat die EU seit 2003 nicht weniger als 750 Millionen Euro für den Kongo bereitgestellt – für Armutsbekämpfung und Wirtschaftsförderung, für die Sanierung der Infrastruktur, kurz: für den Aufbau eines Staates, der in den vergangenen vier Jahrzehnten von Diktatoren, Kleptokraten und Kriegsfürsten sukzessive ausgeplündert und zerstört wurde (Kasten Seite 85).

Kein Wunder, dass die Bevölkerung das Vertrauen in die Institutionen vollends verloren hat: Die uniformierte Polizei wird so schlecht bezahlt, dass die Beamten nicht davor zurückscheuen, Passanten auszurauben – am helllichten Tag, auf offener Straße, mitten in der Innenstadt.

Mittlerweile trainiert die EU eine Sondereinheit der Polizei, die sich aus ehemaligen Kämpfern verschiedener Kriegsparteien zusammensetzt und bei halbwegs gutem Sold unbestechlich für Ordnung sorgen soll. An den Ausfallsrouten von Kinshasa üben uniformierte Europäer mit ihren kongolesischen Kollegen, wie man Verkehrskontrollen durchführt: grüßen, fragen, nicht gleich schlagen. Daneben bessern Arbeitskolonnen in blauen Overalls mit dem gelben Sternenkranz der Europäischen Union besonders desolate Straßenabschnitte aus.

Im Hotel Memling, Downtown-Kinshasa, haben unterdessen erste Vorauskommandos der deutschen Armee Quartier bezogen. Sie sollen der Bevölkerung von Kinshasa erklären, warum Europa Soldaten in den Kongo schickt.

Schon brodelt es in der Gerüchteküche. Die EU stehe Gewehr bei Fuß, um Präsident Kabila zum Sieg zu verhelfen und bei Aufständen die Weißen in Sicherheit zu bringen, heißt es. „Wir werden erst einmal nichts anderes tun, als gebetsmühlenartig unsere Hauptbotschaft zu wiederholen“, sagt Oberstleutnant Peter Fuss, Presseoffizier der deutschen Bundeswehr. „Und die lautet: Wir sind dazu da, völlig neutral dafür zu sorgen, dass der Wahlprozess sicher ablaufen kann.“

Ob Fuss damit durchdringt, ist fraglich: „Die fremden Truppen haben Kinshasa schon untereinander aufgeteilt“, titelt eine lokale Tageszeitung reißerisch. „Die Belgier und ihre europäischen Freunde werden sich in Acht nehmen müssen“, schreit ein Rechtsanwalt, er kandidiert für einen Sitz im Parlament, bei einer Kundgebung in Kinshasa zwischen brennenden Autoreifen. „Das hier ist nicht mehr ihre Kolonie, und wenn sie nicht vorsichtig sind, werden wir ein paar von ihnen abfackeln.“

Die Verlierer der Wahl würden das Ergebnis nicht akzeptieren, raunt man sich in Kinshasa zu: Der Präsident und seine Gegenkandidaten hätten rund um die Hauptstadt bereits ihre Privatarmeen zusammengezogen, um sofort zuschlagen zu können. Bestätigen lassen sich diese Behauptungen freilich nicht.

„Die größte Herausforderung ist die Zeit nach den Wahlen, wenn die neue Regierung den Frieden bringen muss, den die Bevölkerung erwartet“, so EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner gegenüber profil.

Die Analytiker der EU-Militärmission Eusec haben für die Zeit danach bereits vier Szenarien entworfen. Das vierte lautet: Unruhen. Ende des demokratischen Übergangsprozesses. Putsch durch die Armee. Annullierung der Wahlen. Chaos.

Die Hoffnung des Generals

François Olenga, Generalmajor der kongolesischen Nationalarmee Fardc, lässt sich in seinen Polstersessel zurückfallen und breitet die Arme aus: „Es wird alles gut gehen“, sagt er in perfektem Deutsch. „Unser Volk ist des Kriegführens müde. Es will keine Gewalt mehr.“

Olenga hat auf der Flucht vor Diktator Mobutu Sese Seko mehrere Jahre im Exil in Europa verbracht, seine Familie lebt immer noch in Köln. Von 1996 auf 1997 marschierte er mit seinem alten Freund, dem Rebellenführer Laurent Kabila, in sieben Monaten durch das Kongobecken, um Mobutu zu stürzen. Heute kommandiert Olenga eine Einheit, die aufgestellt wurde, um die Armee intern zu kontrollieren.

„Alle Fraktionen haben ihren Kampf damit begründet, dass sie die Demokratie verteidigen wollen“, räsoniert Olenga. „Jetzt bekommen wir eine Demokratie. Und das werden sie akzeptieren.“
Und wenn nicht?
„Wir sind in der Reserve. Wir werden nur intervenieren, wenn es grobe Probleme gibt.“

Vorerst stellen sich diese Probleme aber dem kongolesischen Militär selbst. Seit der Bildung der Übergangsregierung vor drei Jahren wurden demobilisierte Kämpfer der verschiedenen Rebellenfraktionen mit Unterstützung von UN und EU in so genannte „integrierte Brigaden“ eingegliedert, die den Kern der neuen Nationalarmee bilden – und nunmehr gegen jene Milizen im Osten vorgehen, die sich weigern, die Waffen niederzulegen.

Der Ruf der Fardc ist katastrophal. Die Soldaten sind schlecht ausgebildet, schlecht ausgerüstet und noch schlechter bezahlt. Die EU sah sich gezwungen, jeder integrierten Brigade zwei Attachés beizustellen. Sie haben im Wesentlichen nur eine Aufgabe – dafür zu sorgen, dass die Fußtruppen ihren kargen Sold auch tatsächlich bekommen und sich ihr Essen nicht zusammenstehlen müssen.

Dennoch: Vor allem im Osten des Landes leidet die Zivilbevölkerung mehr unter der Armee als unter den Rebellen. Aktuelle Berichte der UN-Mission Monuc machen Angehörige der Fardc für die Mehrzahl der Menschenrechtsverletzungen verantwortlich, die im Kongo begangen werden: systematische Vergewaltigungen, Raub, Mord. General Olenga dementiert keineswegs: „Das stimmt. Und es ist eine Schande, die geändert werden muss.“

Zudem drohen sich die Bruchlinien zwischen den ehemals verfeindeten Parteien, die jetzt die gleiche Uniform tragen, jederzeit wieder zu öffnen. „Die Brigaden sind nur dem Namen nach integriert. Wenn’s hart auf hart geht, geben sie einen Scheiß auf die Zentralregierung in Kinshasa. Dann folgt wieder jede Fraktion ihrem alten Boss“, lästert ein Offizieller.

„Die Integration der Armee ist noch nicht abgeschlossen“, relativiert auch General Olenga. „Es kann immer wieder Überraschungen geben. Daher sind wir froh, dass die EU-Truppe für Stabilität sorgt.“

Die Präsenz der Europäer werde „gut angenommen“, versichert ein Vertreter der Militärmission Eusec und projiziert eine Grafik an die Wand, auf der die Fortschritte bei der Aufstellung der neuen Brigaden zu besichtigen sind. 116.000 Personen haben sich bereits in den Demobilisierungszentren der Monuc gemeldet, 77.000 abgerüstet, 36.000 wurden in die Fardc übernommen, referiert der Eusec-Vertreter: „Es gibt zwar Sicherheitsprobleme und das Risiko von sozialen Spannungen, aber im Grunde ist der Aufbau der kongolesischen Armee geregelt.“
70.000 Mann soll sie umfassen, wenn ihre Mobilisierung abgeschlossen ist.
61.000 Rebellen werden noch immer in den Krisenregionen des Kongo vermutet.

Kinshasa, das ist die Stadt der Strategen, der Organigramme, der Zeitpläne. Sie liegt über 1500 Kilometer von den Unruheprovinzen im Osten des Landes entfernt.

Der Krieg zwischen den Hügeln

Es muss schon wieder etwas passiert sein, draußen zwischen den Hügeln rund um Bunia. Vom Flugplatz her ertönt das Schlagen von Rotorblättern, dann donnert ein waffenstarrender Kampfhubschrauber, Typ Mi-25, über das Hauptquartier der UN-Militärmission Monuc und dreht unter tief hängenden Wolken Richtung Osten ab, hinaus ins Rebellengebiet.

Die Gegend um Bunia, gelegen im Distrikt Ituri am westlichen Ufer des Albertsees, ist seit Jahren Schauplatz heftiger Kämpfe – und für die Monuc ein heißes Pflaster. Im Jahr 2003 befanden sich die UN-Soldaten hier mangels eines durchschlagskräftigen Mandats de facto in Geiselhaft lokaler Milizen. Ihre Hilflosigkeit ging so weit, dass sie ein Massaker an fast tausenden Zivilisten miterleben mussten, ohne eingreifen zu können. Der Terror der Rebellen fand erst ein Ende, als sich Frankreich zu einem Militäreinsatz, der „Operation Artemis“, entschloss und die Gewaltherrschaft niederkartätschte.

Heute ist die Stadt gesichert wie eine Festung: 4000 Blauhelme, Maschinengewehrnester an den Zufahrtsstraßen, ständige Patrouillen mit Schützenpanzern, Kontrollflüge mit Helikoptern. „Die Situation hier hat sich deutlich verbessert, und sie verbessert sich Tag für Tag weiter“, sagt Mohammed Wahab, Sprecher der Monuc in Bunia.

Dass die UN im Distrikt Ituri für Sicherheit sorgen soll, heißt auch: Sie unterstützt die kongolesische Armee im Kampf gegen die Milizen. 15.000 Mann hat die Fardc in der Region stationiert. Sie stehen mindestens genauso vielen Rebellen gegenüber – vormals verfeindeten Gruppen, die inzwischen eine Zweckallianz eingegangen sind und sich zum Mouvement Révolutionnaire Congolais (MRC) zusammengeschlossen haben. Inzwischen dehnt der MRC seinen Einfluss bereits über Ituri auf die südlich davon gelegene Provinz Nordkivu aus und wird dabei vermutlich von Uganda, möglicherweise auch von Ruanda unterstützt.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Nachbarstaaten des Kongo nicht an einer Befriedung der Gegend interessiert sind. Denn nur so haben sie über illegale Geschäfte mit den Milizen Zugriff auf die immensen Rohstoffvorkommen der Ostprovinzen. Und diese Ressourcen sind der Schlüssel zum Kongo-Konflikt – nicht die oft zitierten Spannungen zwischen den Volksgruppen und Stämmen.

Tag für Tag kommt es in Ituri zu Scharmützeln zwischen dem MRC auf der einen sowie der Fardc und der Monuc auf der anderen Seite, immer wieder fordern sie auch Opfer unter den UN-Truppen. Erst vor drei Wochen wurden sieben nepalesische Blauhelme im Norden des Distrikts gekidnappt und einer getötet. Sie waren mit der Fardc in einen Hinterhalt geraten und zurückgeblieben, als die Kongolesen Reißaus nahmen. „Das ist das große Problem mit den einheimischen Soldaten“, sagt ein Monuc-Offizier hinter vorgehaltener Hand. „Sie tendieren dazu, einfach wegzurennen.“

Die Monuc musste zwei Psychologen der New Yorker Polizei einfliegen lassen. Sie verhandeln nun über die Freilassung der Geiseln. Die Forderung der Milizen liegt derzeit bei 20.000 Dollar pro Kopf.

Die Beteiligung der Monuc an den Kämpfen ist umstritten. Vergangene Woche tauchten zudem schwere Vorwürfe gegen die UN auf: Ihre Soldaten hätten den Fardc-Leuten bei einem Massaker an Zivilisten einfach tatenlos zugeschaut. „Militärisch bringt der Einsatz überhaupt nichts“, sagt ein Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation. „Die Zivilbevölkerung leidet darunter, das ist alles.“

Was das heißt, zeigt sich am Beispiel der Ortschaft Tschei. Noch vor einem Jahr befand sich das Dorf unter Kontrolle von MRC-Rebellen. Dann wurde es von der Fardc eingenommen; im Jänner dieses Jahres von den Milizen zurückerobert; im Mai erneut von der kongolesischen Armee überrannt. Und jedes Mal rächten sich die Sieger grausam an der Bevölkerung – weil die mit der Gegenseite „kollaboriert“ hatte. Vor wenigen Tagen entdeckten Piloten der Monuc schließlich rund 10.000 Menschen aus der Umgebung von Tschei, die vor den Kämpfen in die Berge geflüchtet waren – auf 2000 Meter Seehöhe, nur mit den Kleidern, die sie am Leib trugen.

„Wir wissen derzeit von rund 20.000 Menschen, die allein in Ituri auf der Flucht sind“, sagt Massimo Nicoletti, Chef des Unicef-Büros in Bunia. „Das sind aber nur diejenigen, zu denen wir Zugang haben. Die tatsächliche Zahl der Vertriebenen liegt wahrscheinlich doppelt so hoch.“

Gleichzeitig dürften die Rebellen in Ituri in den vergangenen Monaten wieder Zulauf bekommen haben. „Bislang haben sich hier 15.000 Kämpfer ergeben“, erläutert Monuc-Sprecher Mohammed Wahab. „Manche versuchen leider aber immer wieder, sich neu zu organisieren.“

Was er nicht sagt: Sie haben oft kaum eine andere Wahl. Im Demobilisierungszentrum wird ihnen die Waffe abgenommen, sie bekommen ein paar hundert Dollar, Kochgeschirr und andere Gegenstände des täglichen Gebrauchs ausgefolgt. Und dann passiert – eigentlich nichts mehr. Wenn sie nicht das Glück haben, in einer von der Monuc gesicherten Zone zu wohnen, bleibt ihnen nicht viel anderes übrig, als sich unter den zweifelhaften Schutz einer Miliz zu stellen. Oder die Zwangsrekrutierung hinzunehmen.

Mittlerweile gibt es bereits Überlegungen, das an sich bereits geschlossene Demobilisierungslager in Bunia wieder zu öffnen. Gong zur nächsten Runde.

Das Ende einer Kindheit

Er nennt sich Bizi, und von seinem rechten Zeigefinger ist nur mehr ein Stumpf übrig. Es war eine Machete, der Mann hinter der Tür hatte damit zugeschlagen: ein hilfloser Versuch, die Plünderung des Hauses zu verhindern, als der Rebell Bizi und seine Kameraden von der FDLR (Forces Démocratiques de la Libération du Rwanda) kamen.

Was sie danach mit dem Mann gemacht haben, erzählt Bizi nicht. Er war damals 14, vielleicht 15 Jahre alt und bereits monatelang bei den Truppen der FDLR, einer nach Ruanda orientierten Hutu-Rebellengruppe in der Provinz Nordkivu. Er hätte es noch schlechter treffen können. Die FDLR ist bekannt dafür, die minderjährigen Kämpfer, die sie in ihre Fron zwingt, vergleichsweise gut zu behandeln. Das bedeutet: Sie werden bei einer Verwundung zumindest medizinisch versorgt und nicht einfach liegen gelassen.

Jetzt lebt Bizi, inzwischen 17 Jahre alt, in einem Camp für ehemalige Kindersoldaten, das mit Unicef-Unterstützung von der Hilfsorganisation SOS Grands Lacs in Goma eingerichtet wurde.

969 Teenager wurden in den vergangenen Jahren hier betreut, im Moment befinden sich rund 50 im Lager. Und es kommen immer neue nach, jeder mit seiner eigenen, grausigen Geschichte. „Ich habe viele Menschen sterben gesehen“, sagt Bizi, „ich habe mich zwischen Leichen versteckt, um nicht selbst getötet zu werden.“

Wenn sie von den Milizen freigelassen werden oder flüchten können, kommen die Kindersoldaten meist in mitleiderregendem Zustand bei SOS Grands Lacs an. Sie leiden unter Malaria, Hautkrankheiten und Tropenwürmern. Auch Syphilis ist keine Seltenheit.

„Sie haben das Vertrauen in alles verloren, auch in sich selbst“, schildert ein Betreuer. „Das größte Problem ist ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft.“ Das zweitgrößte besteht darin, sie davor zu bewahren, nach ihrer Demobilisierung erneut in die Hände der Rebellen zu fallen.

„Die Jugendlichen, die zwangsrekrutiert werden, kommen so gut wie immer aus ärmsten Verhältnissen, aus Dörfern, in denen es keine Sicherheit gibt“, sagt Johannes Wedenig, Leiter der Unicef im Ostkongo. „Wenn sie dorthin zurückkehren, sind sie nichts anderes als Freiwild.“

Bizi schlendert über den Hof des Camps, der mit grauem Bimsstein aufgeschüttet ist. Im Jahr 2002 wurde Goma nach langen Kriegsjahren und einer Cholera-Epidemie auch von einem verheerenden Ausbruch des Vulkans Nyriragongo heimgesucht. Die Stadt am Nordufer des Kivu-Sees ist zu großen Teilen bis heute von einer dicken Schicht aus Asche und Lavaresten bedeckt. „Wenn ich einen Soldaten sehe, dann weiß ich, dass ich immer noch töten kann“, flüstert Bizi. „Ich hoffe, das wird jetzt besser.“

In ein paar Tagen werden seine Eltern kommen, um ihn nach Hause zu holen. Er freut sich, sagt er. Auf seine Mutter.

Die zerrissenen Frauen von Goma

Selbst wenn Doktor Jonathan Lusi doppelt so viele Betten auf der Frauenstation des Krankenhauses von Docs Heal Africa hätte, doppelt so viele Schwestern, Ärzte und Operationstische – es wären bei Weitem nicht genug. Ständig schleppen sich neue Verletzte aus dem Bergland um Goma zu seinem Spital, meistens sind es vergewaltigte Frauen.

Ein Viertel der Opfer ist unter 18 Jahre alt, die Täter sind überall: Vergewaltigung wird systematisch eingesetzt, sie ist eine Waffe, die nicht nur physisch wirkt, sondern auch psychisch. „Den Vergewaltigern geht es eigentlich nur darum zu zerstören“, sagt Unicef-Mann Wedenig. „Sie machen es vor den Augen der Ehemänner, der Familien, des ganzen Dorfes“, ergänzt Lusi und schlägt mit der flachen Hand auf die Faust. „Manche bringen sie um, manche lassen sie leben, manche verstümmeln sie, manche nehmen sie mit wie Vieh.“

Zwei Chirurgen des Krankenhauses haben sich darauf spezialisiert, schwerste Unterleibsverletzungen zu behandeln. Oft seien aufgrund der massiven Gewebszerstörungen vier bis fünf Eingriffe nötig, sagt Lusi. 820 derartige Operationen haben seine Mediziner in den vergangenen drei Jahren durchgeführt – und damit zumindest einigen von zehntausenden Vergewaltigungsopfern ein halbwegs normales Leben im Familienverband zurückgegeben.

Denn den Verletzungen und der Erniedrigung folgt meistens auch die soziale Isolation. Lusi kennt Fälle, in denen die Frauen von ihren Angehörigen gezwungen wurden, unter freiem Himmel mit den Ziegen zu leben.

Wer durch die Stationen des Krankenhauses geht, sieht die unterschiedlichen Stadien der Genesung. Da ist das Zimmer mit den gerade eingelieferten Opfern, die sich vor Schmerzen winden; der Raum mit den frisch Operierten in blütenweißen Laken; der Trakt mit den Rekonvaleszenten, die bereits wieder sitzen und stehen können; und dann das Haus mit den Geheilten, die darauf warten, entlassen zu werden: „Docteur, docteur“, ruft eine, als Lusi vorbeigeht: „Merci beaucoup!“

Über dem Krankenhaus zieht die lange, weiße Qualmfahne des Vulkans Nyriragongo nach Süden hin über den Kivu-See.

Der schwarze Käfer

„Ich habe jetzt drei Wochen draußen im Dschungel gelebt“, sagt der rumänische Militärpolizist, als die alte Antonov 24 der UN abhebt und sich schwerfällig zwischen die Wolkentürme schraubt, die aus dem Kongobecken aufsteigen. „Am Tag haben wir gegen die Rebellen gekämpft, die über die Grenze gekommen sind und Dörfer niedergebrannt haben. Und in der Nacht gegen die Schwarze Mamba. Ein wirklich nettes Land. Jeder kann seinen Spaß haben.“ Er lacht krächzend.

Es gebe in der Gegend ein Insekt, einen schwarzen Käfer. Der sitzt nur bewegungslos da und frisst das Gras, das in seiner unmittelbaren Nähe wächst. „Wenn es weg ist, stirbt er. Genauso sind die Kongolesen“, sagt der Militärpolizist.

Jetzt fliegt er nach Hause, nach Constanta, zumindest fürs Erste. Langweilig wird ihm sein, fürchtet er, aber: „Es liegt etwas in der Luft, der Geruch von Gewalt. Er hat sich noch immer nicht verzogen. Mein Gefühl sagt mir, dass ich nicht das letzte Mal in Afrika gewesen bin.“

Unter dem Flugzeug liegt nun das breite Band des Kongo-Flusses. An seinem Lauf verständigen sich die Menschen in der Sprache Lingala. In dieser Sprache sind „gestern“ und „morgen“ das gleiche Wort.

Von Martin Staudinger, Demokratische Republik Kongo