Reportage: Der geköpfte Lenin

In der kommunistischen Provinz hat sich in den letzten Jahren wenig geändert. Jedenfalls nicht zum Besseren.

Die Buchhalterinnen der Kolchose „Roter Oktober“ sind einem realsozialistischen Traum entsprungen. Mit Pelzmützen sitzen die drei rundlichen Frauen in ihrem überheizten Büro und strahlen mit eisigen Mienen sowjetische Kälte aus. „Wissen wir nicht“, sagt die eine auf jede Frage und blättert große, gelblich braune Seiten in ihrem Rechnungsbuch um. Die zweite schweigt ostentativ. Eine dritte murmelt am Ende ungeübt lächelnd, vielleicht aus Mitleid: „Uns sagt schließlich auch keiner was.“

Aus dem Dorf Mymrino, sechs Autostunden südwestlich von Moskau, stammt Gennadi Sjuganow, der Chef der kommunistischen Partei KPRF. Die armselige Hütte seiner Kindheit wurde soeben in ein Museum umgewandelt. Die Buchhalterinnen lassen zwar durchblicken, dass sie bei den kommenden Parlamentswahlen alle für den Genossen Sjuganow stimmen wollen. Mit dem Museum aber „hat das Dorf nichts zu tun“.

Roter Oktober. Denn die Museumsmacher haben Lenin geköpft. Im Vorgarten der Datscha steht eine bronzefarbene Statue aus Aluminium. Der Körper erinnert unverkennbar an den legendären Revolutionsführer. Der Kopf mit Sjuganows Knubbelnase aber wurde schlampig draufgepappt. Der Bildhauer Michail Mjassojedow hält sein Werk zwar für „bahnbrechend“, und der Museumsorganisator Wjatscheslaw Bogomolow behauptet, er sei ein „Sympathisant der KP“. Sjuganow selbst aber hat gegen den gräulichen Zwitter in einer Pressekonferenz rechtliche Schritte angekündigt: „Nicht einmal Goebbels wäre so etwas eingefallen!“

Vor Ort in Mymrino glaubt auch der Dorflehrer Alexander Lawruchin: „Man will Sjuganow und die KP verunglimpfen.“ Nach einem morgendlichen Bier im düsteren Lebensmittelgeschäft illustriert ein ehemaliger Klassenkamerad des heutigen KP-Chefs mit einer Anekdote, welch guten Ruf die jetzt berühmte Familie hier genießt. „Mit acht Jahren wurde ich von Sjuganows Mutter beim Rauchen erwischt“, erzählt Anatoli Iwanin. „Sie hat mir eine runtergehauen, und seitdem habe ich nie mehr eine Zigarette angerührt.“ Die Eltern des KP-Chefs hatten generell eine erzieherische Wirkung auf die Kolchose. Sie waren die Dorflehrer. „Das war eine feine Frau, die Sjuganowa“, meint der geohrfeigte Anatoli noch heute dankbar.

Im „Roten Oktober“ hat sich seit dem Zusammenbruch des Sowjetreiches nichts zum Besseren geändert. Die Dörfler arbeiten immer noch als Kollektiv, daneben hat jeder ein paar Hühner zur Selbstversorgung. Die schlammigen Dorfwege sind gerade frisch gefroren, die zerklüfteten Erdbrocken nur mit einem Traktor befahrbar. Früher gab es im Dorf 15 Traktoren, heute sind es nur noch vier. Wirtschaftlich geht es bergab. Die Kreml-Partei „Einiges Russland“ hat in dieser traditionell roten Provinz kaum Anhänger. Die Rückkehr der KP in den Kreml wäre den meisten hier recht.

Das freut die Kommunisten in der nahen Kreisstadt Orjol. Sie hoffen auf über 40 Prozent der Stimmen in der Region: „Wir fordern Mindestlohn und sicheren Arbeitsplatz“, doziert der junge Chefideologe Sergej Bykow. Auf dem Tisch stehen rote Nelken, im Bücherschrank eine Gesamtausgabe von Lenin, und die Genossen lesen die Parteizeitung „Prawda“. An der Wand hängt Lenins Foto.

Könnte er noch, der Revolutionär von 1917 würde sich über die Funktionäre von 2003 grämen. Denn seine Nachkommen sind ideologisch missraten. Auf der landesweiten Liste wurde nach KP-Chef Gennadi Sjuganow erst ein Geschäftsmann und dann ein rabiater Antisemit gereiht. Dabei ordnete Lenin 1918 in einem Ukas an, „alle aktiven Antisemiten ohne Prozess zu erschießen“. Chefideologe Sergej Bykow errötet keineswegs, als er einen jüdischen Intellektuellen zitiert, der geschrieben haben soll, dass „die Juden wirklich viel an sich gerissen haben“. Das sei zwar „ein zynischer Brief“, meint Bykow scheinheilig, „aber vielleicht ist ja was dran“.

Bedrückend hängt der provinzielle Mief über diesem kargen Landstrich. „Passive Charaktere, versagende Fortschrittler, überflüssige Intellektuelle“ – 200 Jahre nachdem der gebürtige Orjoler Iwan Turgenjew die Lage derart trist schilderte und sich nach Paris absetzte, passt die Beschreibung immer noch.

Nur da und dort rafft sich jemand zum Protest auf. „Ein Museum für Sjuganow gibt es jetzt, aber eine Gasleitung hat noch niemand hierher gelegt“, mäkelt Anatoli Iwanin. Eigentlich will er dem Schulfreund, der seit langen Jahren sein Heimatdorf nicht mehr besucht hat, deshalb untreu werden: „Vielleicht wähle ich lieber Wladimir Schirinowski.“