Reportage: Doppelconférence

John Kerry verdankt seinen bisher erfolgreichsten Wahlkampfauftritt dem wahren Star der demokratischen Partei: Ex-Präsident Bill Clinton. Und der ist wiederum „sehr stolz auf John Kerry“.

Wenn das meinem Herzen nicht gut tut, dann weiß ich nicht“, sagt Bill Clinton, als er von der Bühne auf die Menschenmenge blickt, die sich viele Häuserblocks lang über den Benjamin Franklin Parkway und die JFK Plaza vor dem Rathaus von Philadelphia erstreckt. Das Philadelphia Fire Department schätzte später, dass es zwischen 80.000 und 100.000 Menschen gewesen sind, die am Montagmittag dieser Woche während eines ganz normalen Arbeitstages in das Stadtzentrum von Philadelphia zu jener Wahlkampfveranstaltung von John Kerry gekommen waren, als deren Stargast Bill Clinton fungierte.

Es war der erste öffentliche Auftritt von Clinton seit seiner vierfachen Bypassoperation vor sieben Wochen. Und ungeachtet der gelegentlichen „Ker-ry, Ker-ry, Ker-ry“-Sprechchöre, trotz der tausenden Poster („Philly for Kerry“), der Plakate („Gewerkschafter für Kerry“), der Aufkleber („Hinterwäldler für Kerry – Auch Hinterwäldler brauchen Jobs“) und Anstecknadeln („Kerry-Edwards – Hilfe ist unterwegs“) dokumentierte die bislang größte Wahlkampfveranstaltung der Demokraten aufs Neue, wer der wirkliche Star der Partei ist: William Jefferson Clinton.

„Bei ihm werde ich zum Teenager“, kichert Cynthia Falbo, 42, Hausfrau und zweifache Mutter, die sich so wie viele andere bereits um neun Uhr in der Früh angestellt hat, um einen einigermaßen guten Platz zu sichern. Kerry wird vom Fußvolk der Partei geachtet und respektiert, Clinton lieben sie.

„Celebration“. Das Publikum besteht aus Studenten, Pensionisten, Frauen – vielen Frauen. Männer zwischen 25 und 50 sind deutlich unterrepräsentiert. Gegen elf Uhr dröhnt aus den enormen Lautsprechertürmen erstmals Musik. Es sind die bekannten Wahlkampfsongs der Kerry-Edwards-Kampagne: „I Won’t Back Down“ von Tom Petty und „Celebration“ von Kool & The Gang. Trotz des kühlen Tages ist es zwischen all den Menschen, die dicht zusammengedrängt stehen und sich sanft im Takt der Musik bewegen, wohlig warm. Es entsteht eine Atmosphäre, die mit einer langen nächtlichen Autofahrt vergleichbar ist, wenn sich zwischen den Fahrzeuginsassen ein Gefühl der Vertrautheit einstellt.

Dann beginnt das Vorprogramm mit vielen Reden lokaler Politiker. Louise Williams Bishop, Radio-Talkshow-Moderatorin, seit 16 Jahren Abgeordnete in Pennsylvania und Baptistenpredigerin, fordert zu einem Gebet auf, in dem sie um Gottes Unterstützung am Wahltag bittet: „Es ist nicht nur die Zukunft Philadelphias, die in deiner Hand liegt, sondern die Zukunft ganz Amerikas.“ Ein wenig später tritt ein Gewerkschaftsfunktionär ans Mikrofon, dessen Gottvertrauen nicht ganz so ausgeprägt ist wie jenes der Predigerin: „Er sagt, dass Gott zu ihm spricht“, höhnt er George Bush. „Wenn ich das höre, dann scheiße ich mich vor Angst fast an. Ich glaube, der hört einfach Stimmen.“

Endlich, gegen 13 Uhr trifft der Held ein: William Jefferson Clinton. Als die Musik langsam leiser wird, sind es „We love you Bill“-Sprechchöre, die den sichtlich abgemagerten Clinton vorerst daran hindern, mit seiner Rede zu beginnen. Und es entsteht der Eindruck, dass Clinton ob des überwältigenden Empfangs tatsächlich ein wenig gerührt ist.

„Ich bin sehr stolz auf John Kerry“, sagt Clinton schließlich in Anspielung auf Kerrys Wahlkampfsong. „Ich wurde gelegentlich als ‚Comeback Kid‘ bezeichnet“, fährt Clinton in Anspielung auf seinen Wahlkampf von 1992 fort, als er in den Vorwahlen deutlich zurücklag und schließlich doch noch die Nominierung schaffte. „In acht Tagen wird John Kerry die Vereinigten Staaten von Amerika zum Comeback-Land der Welt machen.“ Nach etwas mehr als zehn Minuten kommt Clinton, der gesundheitlich sichtlich noch angeschlagen ist, bereits zum Ende und übergibt an John Kerry: „Amerikaner, wir können es besser. Wählt John Kerry!“

Vorzug. Kerry spricht nicht ganz eine halbe Stunde lang, danach schüttelt er 15 Minuten lang die Hände seiner Fans und Anhänger. Clinton lässt bei dieser Übung Kerry den Vorzug, obwohl sein Handschlag begehrter ist als der des Kandidaten. Es ist eines jener Events, von dem die 22-jährige Studentin Dolores Ramirez irgendwann ihren Kindern und Enkeln erzählen will: „Ich kann sagen, ich bin dabei gewesen, als der letzte anständige Präsident des 20. Jahrhunderts und der erste anständige Präsident des 21. Jahrhunderts gemeinsam in Philadelphia aufgetreten sind.“ Vorausgesetzt natürlich, John Kerry wird am 2. November tatsächlich gewählt.