Reportage: Ende eines Mythos

General Mladic hat sich zwar immer noch nicht gestellt. Dafür stellt sich Serbien langsam seiner Vergangenheit.

Nataschas Sortiment ist erstaunlich breit und gleichzeitig bedrückend eng. Natascha hat einen kleinen Stand am großen Buvlja-Markt in Neu-Belgrad. Unzählige Buden stehen dort in dicht geordneter Reihe aneinander gedrängt, an den meisten werden billige türkische Importwaren feilgeboten – Hosen, Schuhe, Waschmittel und Duschköpfe. Zum Buvlja-Markt kommen jene Belgrader, deren Börsen für die schicken Shops und Supermärkte in Belgrads Zentrum, am anderen Ufer der Save, zu schmal sind. Auch Natascha verkauft billig, allerdings keine Importe aus der Türkei, sondern genuin serbische Produkte: serbische Flaggen, orthodoxe Ikonen, Wimpel mit dem Totenkopfemblem serbischer Paramilitärs, verzierte Armeegürtel. T-Shirts mit den Konterfeis von Ratko Mladic und Radovan Karadzic, die vor dem Den-Haager-Kriegsverbrechertribunal wegen Völkermords in Srebrenica angeklagt sind, kosten umgerechnet vier Euro, ein gerahmtes Porträt von General Mladic in Uniform das Doppelte,

„Mladic ist ein Held“, sagt die junge Natascha, und die Inhaber der benachbarten Stände pflichten ihr eifrig bei. Bereitwillig posieren sie mit Armeemützen für ein Foto. Mladic, dessen Doch-nicht-Festnahme nach zehnjähriger Flucht vergangene Woche in Serbien für heiße Diskussionen sorgte, ist auch für Nada ein Kriegsheld. Die 50-jährige Passantin, die ihren Nachnamen nicht verraten will, ist auf der Suche nach billigen Jeans. „Mladic hat die Serben verteidigt“, sagt sie. In Den Haag wird doch nur Siegerjustiz geübt. Warum sind nur so wenige Moslems dort?“ Nada, eine ehemalige Deutschlehrerin, hat ihren Job bei einer staatlichen Bank nach dem Sturz von Slobodan Milosevic verloren und ist seither arbeitslos. Man könnte sie für eine typische frustrierte Wählerin der rechtsextremen Serbischen Radikalen Partei halten, würde sie nicht auch folgenden Satz sagen: „Mein Lieblingspolitiker war Zoran Djindjic.“

Djindjic, jener Antinationalist und Pro-Europäer, der Premier Milosevic verhaften und nach Den Haag ausliefern ließ? Djindjic, der radikale Reformer, der brutal Staatsunternehmen schloss? Djindjic, der Kämpfer gegen den Filz aus Armee, Polizei, Kriegsgewinnlern und Mafiosi, der auf Geheiß ebendieser Kreise 2003 erschossen wurde? „Mladic ist ein Held, und Djindjic mein Favorit. Das ist widersprüchlich“, gibt Nada zu. „Aber die Wahrheit hat eben viele Seiten. Unter Djindjic bestand Hoffnung auf Veränderung.“

Nicht nur Nada ist innerlich zerrissen zwischen Rückwärts und Vorwärts, zwischen dem großserbischen Traum und jenem von der Zukunft im vereinten und reichen Europa der EU. Ganz Serbien ringt in diesen Tagen wieder einmal mit sich selbst.

Dienstagnachmittag vergangener Woche: Die Meldung von der angeblichen Festnahme General Mladics löst eine Adrenalinwelle aus, die durch das ganze Land schwappt und Freude beziehungsweise Wut, Erleichterung oder Niedergeschlagenheit auslöst. Mehrere Medien wollen aus Sicherheitskreisen erfahren haben, Mladic sei verhaftet und eventuell schon außer Landes gebracht worden – in Richtung Den Haag. Stunden später dementiert die Regierung, Verwirrung bricht aus, und am Mittwochmorgen ist in jeder Tageszeitung eine andere Variante der Geschehnisse zu lesen. Gerüchte schwirren den ganzen Tag umher, ohne sich je zu handfesten Fakten zu verdichten: Ist Mladic lokalisiert? Wurde er insgeheim doch schon verhaftet? Verhandelt er, sich freiwillig den Behörden zu stellen? Haben Mladics Beschützer (siehe Kasten) eine Falschmeldung lanciert, um eine geplante Polizeiaktion zu sabotieren? Hat die Regierung die „Ente“ gar selbst produziert, um Aktivität vorzutäuschen und bei der EU Eindruck zu schinden? Oder wollte sie die Reaktion der Öffentlichkeit testen und damit den tatsächlichen Zugriff vorbereiten?

Notwendiges Übel. Die Sorge vor einem spontanen Volksaufstand beim Angriff auf den vermeintlichen Kriegshelden erweist sich jedenfalls als unbegründet. Zwar versammeln sich am Mittwoch mehrere Dutzend Menschen am Platz der Republik im Zentrum Belgrads – aber nur, um einer kostümierten Indianer-Band zu lauschen.

Wenige hundert Meter weiter stehen die Psychologiestudentin Nevena und deren Freund Vlada in der Eingangshalle der Belgrader Universität. Sie warten, bis sie mit der Einzahlung der Studiengebühren an der Reihe sind – und auf General Mladic. „Wir warten und warten und warten. Ganz Serbien ist Mladics Geisel. Er muss endlich nach Den Haag, sonst kommen wir nie in die EU“, ärgert sich Nevena. „Sogar Rumänien wird jetzt schon EU-Mitglied, und wir stecken hier fest. Wir wollen auch ohne Visa reisen dürfen und im Ausland studieren!“ Das Tribunal in Den Haag halten die beiden für unfair, weil es vor allem gegen Serben vorgehe. „Aber mir ist egal, ob Mladic schuldig ist oder nicht, Hauptsache, er ist weg“, meint Vlada. „Wir leiden alle nur seinetwegen.“ Ob alle Studenten so denken wie er? „Nein – die Geschichtestudenten im vierten Stock sind anders drauf.“

Aber auch die Studenten der serbischen Historie können sich nicht mehr so für Mladic begeistern wie einst. Noch vor zwei Jahren erschienen einige von ihnen zu Prüfungen in T-Shirts, wie sie Natascha in Neu-Belgrad verkauft. Karadzics Abbild auf der Brust sollte Glück bringen. „Heute sieht man das nicht mehr“, sagt Daniel, 25. Und wenn dann einer wie der 27-jährige Jovo Bosnic, der gerade stolz sein Abschlussdiplom schwenkt, Mladic immer noch zu einem Heroen erklärt, dann blicken seine Kollegen betreten zur Seite oder beeilen sich mit Relativierungen. „Mladic hat zwar die Serben in Bosnien verteidigt, aber Srebrenica war dumm und unnötig. Seine Auslieferung ist eine internationale Verpflichtung“, meint einer. „Wir haben den Krieg verloren, wir müssen uns beugen“, ringt sich ein anderer ab.

Srdjan Bogosavljevic sammelt derartige Meinungen und wertet sie aus. Der Mathematiker leitet das größte Meinungsforschungsinstitut in Serbien-Montenegro und residiert in einem modernen Büro in der Altstadt. „Die Einstellung der Leute zum Kriegsverbrechertribunal hat sich in den letzten Monaten gewandelt. Sie ist nicht mehr völlig negativ, sondern pragmatisch“, sagt Bogosavljevic. „Den Haag gilt zunehmend als notwendiges Übel auf dem Weg in die EU.“ Die Menschen seien der ewigen Diskussionen um Mladic müde und hätten andere Probleme – die Arbeitslosigkeit, die Korruption. „Wenn Mladic heute festgenommen wird, hätten sie nicht einmal die Energie für Proteste. Dann gehen maximal zweitausend Leute einen Nachmittag lang auf die Straße – bei Weitem nicht so viele wie in Kroatien nach der Festnahme von Ante Gotovina.“ Die Verhaftung des ehemaligen Generals und mutmaßlichen Kriegsverbrechers Gotovina im Dezember 2005 hatte Massenproteste hervorgerufen, in der Hafenstadt Split demonstrierten mehr als 50.000 Menschen.
In Serbien führt zwar die rechtsextreme Radikale Partei in den Umfragen. Während die gemäßigt-nationalistische Regierung von Premier Vojislav Kostunica und der liberale Präsident Boris Tadic mit den Kosovo-Albanern über die Zukunft des Kosovo feilschen, können die Radikalen aus ihrer kompromisslosen Position billige Querschüsse lancieren und so beim Publikum punkten. Doch selbst die Nationalisten haben eingesehen, dass die ungelöste Mladic-Frage in den Kosovo-Verhandlungen ein Nachteil für Serbien ist – und da ist die abtrünnige Provinz allemal wichtiger als der alte General.

Die Regierung von Premier Kostunica hat erst nach langem Widerstand mit der Suche nach Mladic begonnen. Seit die EU mit einem Abbruch der Verhandlungen über ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen, eine Vorstufe zur EU-Mitgliedschaft, droht, kooperiert die Belgrader Regierung mit dem UN-Kriegsverbrechertribunal – wenn auch bloß widerstrebend und halbherzig. Im vergangenen Jahr überstellte sie einige Militärs nach Den Haag, und auch den Kreis um Mladic zieht sie enger und enger – ein heikles Unterfangen für Kostunica:

Dass einige von Mladics Unterstützern zu Kostunicas engstem Kreis gehören, ist ein offenes Geheimnis. Bis mindestens 2002 soll Mladic unbehelligt in Belgrad gelebt haben, auch bezog der Ex-General lang eine staatliche Pension. Erst spät musste er wirklich untertauchen und sein Haus, einen unscheinbaren Mehrfamilienbau in Belgrads Diplomatenviertel Banovo Brdo, verlassen. „Bis dahin hielten jeden Abend drei schwarze Armee-Jeeps mit zivilen Kennzeichen hinter der Anhöhe unter dem Haus, drei andere fuhren weg“, erzählt ein junger Mann aus der Nachbarschaft, der anonym bleiben will. „Das bedeutete Schichtwechsel für seine Beschützer.“

Serbische Würde. Gerüchte über eine bevorstehende Überstellung Mladics nach Den Haag machten in den vergangenen Monaten immer wieder die Runde. Doch diesmal scheint Kostunica wirklich ernst zu machen. Nach dem Jahreswechsel ließ die Regierung einige von Mladics Helfershelfern verhaften. Verteidigungsminister Zoran Stankovic legte dem General unlängst sogar unverblümt den Selbstmord nahe – umso pikanter, als Stankovic jener Gerichtsmediziner war, der 1994 die Leiche von Mladics Tochter untersuchte, die sich in dessen Haus das Leben genommen hat.

Spätestens seit vergangener Woche dürfte die Regierung auch tatsächlich wissen, wo sich Mladic aufhält. Dass er dennoch nicht verhaftet wurde, liegt am Nationalismus von Premier Kostunica: „Kostunica ist stolz auf seine Politik, niemanden für Den Haag festzunehmen“, erklärt Duska Anastasijevic, Journalistin beim Nachrichtenmagazin „Vreme“. „Er will alle Angeklagten dazu bringen, sich freiwillig zu stellen – oder es zumindest so aussehen lassen. Nur so, denkt er, bleibt die serbische Würde gewahrt.“ Hinter den Kulissen, wird vermutet, laufen nun intensive Verhandlungen über Mladics Aufgabe – von mehreren Millionen Dollar und neuen Autos für seine Familie ist die Rede. Ein wenig Zeit bleibt noch: Vergangene Woche wurde Serbien von EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn eine letzte Schonfrist bis Anfang April gesetzt, dann muss Mladic vor Den Haags Chefanklägerin Carla Del Ponte stehen, oder die EU bricht die Verhandlungen über das Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen bis auf Weiteres ab.

Wenn die Regierung und weite Teile der Bevölkerung sich also damit abfinden, dass sich General Mladic, der Held des Krieges, der große Teile Bosniens für die Serben erobert hat, vor Gericht für das Massaker von Srebrenica und die Belagerung von Sarajevo verantworten muss, ist das dein Zeichen dafür, dass sich Serbien langsam seiner Vergangenheit stellt.

Velimir Curgus Kazimir, ein bärtiger Essayist und Buchautor, sieht dafür zumindest erste Ansätze. Er hat eine Medienbeobachtungsstelle ins Leben gerufen, seine jungen Mitarbeiter katalogisieren und analysieren in einem Belgrader Hinterhofbüro die Inhalte von Serbiens Presse und Fernsehen. „Das Srebrenica-Video vom vergangenen Juni war ein echter Wendepunkt“, sagt Curgus. Ganz Serbien war damals geschockt von einem Amateurfilm, das Mitglieder der paramilitärischen „Skorpione“ bei der kaltblütigen Erschießung sechs junger moslemischer Bosnier zeigt. Erstmals sah die breite serbische Bevölkerung einige ihrer Landsleute in unerträglicher und nicht zu verleugnender Klarheit als Täter. Der serbische Opfermythos, der zuerst von Milosevic und später von Kostunica sorgsam gehegt worden war, bekam erste Sprünge. „Der Anteil der Menschen, die serbische Verbrechen völlig verleugnen, ist seither stark gesunken. Das ist ein wichtiger erster Schritt“, meint Curgus. „Laut einer unserer Untersuchungen werden die Serben in serbischen Medien zwar immer noch als die größten Opfer dargestellt, aber inzwischen auch als die größten Täter – noch vor Albanern und Kroaten.“

Zum Eingeständnis der tatsächlichen Verantwortung sei es aber noch ein weiter Weg. „Die Leute wollen die Mladic-Sache endlich hinter sich bringen, weil sie in die EU wollen, und nicht, weil sie ihn für schuldig halten“, sagt Curgus. „Die meisten haben noch nicht verstanden, dass es für unsere Zukunft besser ist, wenn wir mit unserer Vergangenheit ins Reine kommen. Dafür ist es noch zu früh.“

Von Sebastian Heinzel, Belgrad