Reportage: Hugo gegen Bosse

Otmar Lahodynsky beobachtete am Rande des EU-Lateinamerika-Gipfels, wie Venezuelas Präsident Hugo Chávez zur neuen Ikone heimischer Linker aufstieg.

Sogar eine doppelte Reihe von Metallgittern, mit denen ihn die Wiener Polizei vor seinen Fans schützen wollte, kann ihn nicht aufhalten. Hugo Chávez, Präsident Venezuelas und neuer Hoffnungsträger der Linken, kriecht einfach unten durch und begrüßt rund 200 in der Mehrzahl jugendliche Anhänger, die am Donnerstag vergangener Woche stundenlang vor dem Wiener Danube-Hilton auf seine Ankunft gewartet haben. Freundlich grinsend reckt er die Faust zum Gruß, küsst eine junge Anhängerin auf die Stirn und bringt Sicherheitsbeamte und Protokoll gehörig ins Schwitzen.

Er war einer der unbestrittenen Stargäste auf dem vierten Gipfeltreffen der EU-Spitzenpolitiker mit ihren Kollegen aus Lateinamerika und der Karibik, das in der Vorwoche in Wien stattfand. Kein anderer Präsident wurde gleich bei der Ankunft von so vielen Anhängern umjubelt. Und kein anderer mischte sich so oft unters Volk.

„Alo Presidente! Die sozialistische Jugend Wiens ist mit dir“, steht auf einem Transparent. „Chávez si, Yankee no!“, skandieren die jungen Sozis, die den bulligen Politiker wie einen Popstar empfangen. „What solution? Revolution!“, tönt es Venezuelas Präsidenten im Chor der „Chavistas“ entgegen.

„Ich finde ihn echt cool“, schwärmt die 20-jährige Carla aus Wien-Ottakring, die ein Bild Rosa Luxemburgs auf dem T-Shirt trägt. „Chávez ist der erste Politiker, der sich erfolgreich gegen den Neoliberalismus und gegen den US-Imperialismus gewehrt hat.“ Und Willi, ein junger Kollege aus der Sozialistischen Jugend, pflichtet ihr bei: „Durch ihn kann eine gerechtere Weltordnung entstehen. Die Armen in Venezuela haben durch ihn wieder gratis Zugang zu Bildung und Gesundheitseinrichtungen.“

Aber auch überholt geglaubte Parolen wie „Enteignung von Produktionsmitteln“ gehen den Jusos leicht über die Lippen. „Chávez könnte den Sozialismus des 21. Jahrhunderts schaffen“, meint Ludwig Dvorak, der Bundesvorsitzende der Sozialistischen Jugend. Er empfiehlt, SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer möge Teile des Programms des ehemaligen Armeeoffiziers Chávez übernehmen. So sollten Verstaatlichungen von Schlüsselbetrieben wieder zum Vorbild werden. „Wir sind auch gegen die Privatisierung der Post“, fordert Dvorak einen Kurswechsel. Die Affäre um ÖGB und Bawag habe unter den jungen Sozialisten nur eines ausgelöst: „Depression und Enttäuschung.“

Da tut es gut, wenn ein linker Volkstribun wie Hugo Chávez wieder Mut macht.

Beim alternativen Gipfeltreffen „Enlazando alternativas“, das parallel zur offiziellen Konferenz stattfindet, ist der Venezolaner zusammen mit dem neuen Präsidenten Boliviens, Evo Morales, umjubelter Stargast. Gleich zweimal wollte Chávez vor den Vertretern der diversen Solidaritätsgruppen auftreten. Freitagabend mit der Tochter von Kubas Revolutions-Ikone Che Guevara, Aleida, in der Arena, am Samstag gemeinsam mit Morales in der Wiener Stadthalle.

Im Wiener Kongresshaus teilen sich bereits etablierte Gruppen wie Attac sowie Entwicklungsinitiativen Infostände mit seltsamen politischen Bewegungen. Aus der Ukraine reisten Aktivisten der „Bewegung Che Guevara“ an, die für einen orthodoxen Kommunismus werben. „Nur Marx und Lenin sind der richtige Weg“, meint Andrej Jukish, der stolz eine Erinnerungsmedaille seines Vaters für die Teilnahme an der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956 trägt.

Für heimische Aktivisten gilt Lateinamerika als Hoffnungsgebiet für soziale Utopien. Einige haben einst als freiwillige Erntearbeiter die Sandinisten in Nicaragua unterstützt, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 dann aber resigniert. Doch der Linksruck in Lateinamerika hat bei vielen wieder neue Hoffnungen geweckt.

„Chávez hat bewiesen, dass es eine Alternative zu Neoliberalismus und US-Dominanz gibt“, erklärt Hermann Dworczak, der sich selbst als Alt-68er und „undogmatischen Linken“ bezeichnet. Im mittlerweile 31. Jahr gibt er unermüdlich die Zeitschrift „Lateinamerika anders“ heraus, zusammen mit Mitstreitern wie Leo Gabriel, dem Spitzenkandidaten der Linken Liste bei den vergangenen EU-Parlamentswahlen.

Ganz Südamerika befinde sich derzeit im Aufbruch, aber man dürfe den Linksruck in vielen Ländern nicht überbewerten, meint Dworczak. So habe Brasiliens Präsident Luiz Inacio „Lula“ da Silva mit halbherzigen Reformen nicht viel erreicht und viele Anhänger bitter enttäuscht. Chávez und Morales verfolgten da seiner Ansicht nach einen zielführenderen, weil radikaleren Kurs.

Matthias Reichl, der in den späten siebziger Jahren – aus der Friedensbewegung kommend – die Grün-alternative Liste mitbegründet hat, schwärmt von den neuen „Volksbewegungen“ in Venezuela. Erstmals bestehe die Chance, dass demokratisch gewählte Politiker all jene Ideale umsetzen, woran autoritäre Regime wie Fidel Castro in Kuba oder die Sandinisten in Nicaragua stets gescheitert seien. Und Chávez verfüge wegen der Ölvorkommen auch über ausreichend finanzielle Mittel für den Wandel. Doch der Marsch durch die Institutionen berge auch Gefahren der Anpassung und des Verlustes von Inhalten. „Das kann man derzeit bei den Grünen gut beobachten“, meint der Pensionist mit weißem Rauschebart spöttisch.

Am Donnerstagabend sitzt Reichl in dem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal in der Wiener Urania und wartet auf den angekündigten Festredner Hugo Chávez. Das International Institute for Peace (IIP) mit Sitz in Wien hat zusammen mit der KPÖ eingeladen und muss viele Fans wegen Überfüllung des Saals abweisen.

Chef des Friedensinstituts ist der frühere Innen- und Außenminister und SPÖ-Politiker Erwin Lanc, der als Pensionist politisch weit nach links gerückt ist. Zwar seien ihm Populisten grund- sätzlich suspekt, aber dass Chávez 2002 im Anschluss an den missglückten Putsch gegen ihn nicht gewaltsam gegen seine Gegner vorgegangen sei, hat den Ex-Minister „stark beeindruckt“.

Noch bangen viele Zuhörer, ob der Staatschef überhaupt kommt. Denn für dieselbe Zeit hat Bundeskanzler Wolfgang Schüssel alle Gipfelteilnehmer zu einem Galadiner in die Hofburg eingeladen.

Aber Chávez zieht es vor, dem vorwiegend links orientierten Publikum in der Urania seine politischen Ziele zu erläutern. Im vergangenen November ist er bei einem Amerika-Gipfel im argentinischen Mar del Plata in einem Stadion gemeinsam mit Fußball-Legende Diego Maradona vor 30.000 Besuchern aufgetreten. In einer dreistündigen Rede hat er dort gegen seine Lieblingsfeindbilder – Kapitalismus, Neoliberalismus und US-Imperialismus – gewettert, ehe er verspätet zum offiziellen Gipfeltreffen stieß.

In der Wiener Urania sind es zwar nur knapp 300 Zuhörer, aber die empfangen ihn dankbar mit stehendem Applaus.

Zur Begrüßung schlägt Erwin Lanc scharfe Töne an. Er lobt Kubas greisen Staatschef Fidel Castro als „unseren lieben Freund“ und maßregelt die US-Führung als „Kolonialherren, die sich überall einmischen“, ehe er mit einem kräftigen „Venceremos“ („Wir werden siegen“) seine Rede beendet.

Dann ist Chávez am Wort. In einer zweistündigen freien Rede zieht der Präsident alle Register als redegewandter Volkstribun. Das Überleben der Menschheit stehe auf dem Spiel, warnt er mit Hinweis auf Treibhauseffekt, Globalisierung und Atomwaffen. Eine neue, gerechtere Verteilung der Ressourcen sei dringendes Gebot.

Nach der 300-jährigen spanischen Kolonialherrschaft habe vor 200 Jahren jene der USA begonnen, doziert Chávez. Aber das 21. Jahrhundert werde den „amerikanischen Imperialismus begraben“. Beifall braust auf, das venezolanische Staatsfernsehen filmt das Publikum.

Unter Berufung auf den Freiheitskämpfer Simón Bolívar kündigt Chávez eine Emanzipation ganz Lateinamerikas an – von der Dominanz durch die USA, Weltbank und Weltwährungsfonds. Eine nachhaltige Bekämpfung der Armut müsse in allen Staaten Lateinamerikas im Vordergrund stehen.

Freihandelszonen seien aber der falsche Weg, weil sie nur den Konzernen zu Gewinnen verhelfen würden und nichts gegen die Armut leisten könnten.

„Als Katholik“ vertraue er auf Gott, aber in der Politik auch auf sein Vorbild Fidel Castro. Zum Gaudium des Publikums erzählt Chávez von Streichen, die er mit Kubas Revolutionsführer aushecke. Übers Telefon würden sie regelmäßig „Signale“ an Abhörzentralen der USA aussenden und etwa gemeinsame Reisen zu UN-Versammlungen in New York ankündigen, die dann nicht stattfinden würden. Fidel Castro habe „300 Jahre Erfahrung“, das „Licht“ der kubanischen Revolution werde sich bald über ganz Lateinamerika ausbreiten.

Stolz erinnert er an die Kultur der Inkas und Mayas, die älter als die europäische sei. Seinen bolivianischen Amtskollegen Evo Morales bezeichnet er gar als wiedergeborenen Nachfahren eines von den spanischen Eroberern ermordeten Inka-Herrschers.

Morales hat mit der Verstaatlichung der Gasvorkommen des Landes für Empörung und Kritik im Westen gesorgt. Aber auch die brasilianische Regierung hat heftig protestiert.

Morales beruhigt auf seiner Pressekonferenz in Wien. Alle Konzerne, die legal in Bolivien tätig gewesen seien und Steuern bezahlt hätten, würden für Investitionen ausreichend entschädigt werden.

Der frühere Coca-Bauer verteidigt den Anbau der Pflanze, die nach seiner Darstellung erst durch die Mitwirkung ausländischer Chemiekonzerne zu Kokain verarbeitet würde. Er werde für eine Einschränkung des Anbaus eintreten, verspricht Morales. Jeder Coca-Bauer werde nur mehr ein Feld von 1600 Quadratmeter Größe bebauen dürfen.

Aber schuld am Drogenproblem seien die Konsumenten in Europa oder den USA, welche die Nachfrage nach Kokain in die Höhe treiben würden. Ein traditioneller Gebrauch der Pflanze zum Kauen oder als Tee sei unbedenklich.

In der Wiener Innenstadt machen Menschenrechtsaktivisten unter der Leitung des tschechischen Senators Karl Schwarzenberg auf die Unterdrückung in Kuba aufmerksam. Im tschechischen Kulturzentrum werden Fotos der Gattinnen von zu langen Haftstrafen verurteilten regimekritischen Journalisten ausgestellt. Die im Exil lebende kubanische Schriftstellerin Zoé Valdés macht auf die „moralische und wirtschaftliche Unterstützung“ von Fidel Castro durch Hugo Chávez aufmerksam. Im Austausch für Erdöl kämen Ärzte und Lehrer aus Kuba nach Venezuela. „Durch Venezuela erhält das Regime in Kuba wieder Auftrieb“, sorgt sich Valdés.

Wie zur Bestätigung ziehen kurz darauf junge Demonstranten mit roten Fahnen und Bildern von Che Guevara durch die Herrengasse, um gegen die Debatte über Menschenrechte in Kuba zu protestieren. Einige rufen „Hoch Fidel!“, andere „Cuba si, Yankee no!“.