Reportage: Im Tal der Treuen

Im Kärntner Gurk verstehen die meisten Bewohner ihren Bürgermeister Siegfried Kampl – dafür aber die Welt nicht mehr.

Von all den schönen Plätzen, die sein Dorf zu bieten hat, müsste dem Gurker Bürgermeister Siegfried Kampl derzeit eigentlich ein bestimmter ganz besonders lieb sein.

Nicht etwa, weil – wie 1994 ein damaliger ÖVP-Landtagsabgeordneter enthüllte – viele Zwerge im „Zwergenpark Gurk“ einer doch eher selten überlaufenen Attraktion für Kinder und sehr jung Gebliebene, zumindest für Insider unverkennbar die Züge Kampls trügen. Sondern vielmehr, weil der Zwerg an sich einer ist, auf den man sich verlassen kann. „Zwerge erscheinen häufig als Helfer in der Not“, erklärt der „Nanologe“ Gerolf Urban auf der Homepage des Parks, „als Tröster nach erlittenem Unrecht und als zutrauliche Gefährten in der Einsamkeit.“

Und wenn einer in der letzten Zeit Unrecht erleiden musste, dann ja wohl Siegfried Kampl. So sieht es er selbst, so sehen es die meisten Bewohner von Gurk.

„Er hat die Wahrheit gesagt, und das darf man in der Politik nicht“, sagt Hannelore Hölbling geradeheraus – eine Meinung, die sie mit den meisten hier in Gurk teilt. Sie macht Rauchpause vor ihrem Trachtenmodengeschäft gegenüber des Doms, ein gelbes Maßband hängt um ihren Hals. Heute gehen sich viele Rauchpausen aus, die Wallfahrtstouristen rennen ihr nicht eben die Tür ein. Die Saison beginnt erst am nächsten Wochenende mit dem „Hemma-Pilgerritt“ so richtig. „Die anderen sind jetzt natürlich schadenfroh. Ich wüsst nicht, was ich täte, wenn man mich so gemein behandelt.“ Und jedenfalls sei eines klar: „Der Sigi ist ein guter Bürgermeister. Da können Sie fragen, wen Sie wollen.“
Das kann man tatsächlich. Ausnahmslos jeder sagt das.

Rote Anerkennung. Selbst der rote Vizebürgermeister Günter Witschnig, der seine Müdigkeit nach einer harten ÖBB-Nachtschicht, die sogar eine Entgleisung im nahen St. Georgen ob Judenburg zu bieten hatte, mit einem Kaffee in der „Hemma-Stubn“ bekämpft, mag Kampl seine Leistungen für Gurk nicht absprechen. „Er hat da Sachen hergebracht, die andere Gemeinden nicht haben. Da muss man schon objektiv sein. Er hat eben gute Beziehungen zum Land.“ Schließlich war Kampl derjenige, der am legendären Innsbrucker Parteitag von 1986 gemeinsam mit Reinhart Gaugg den eben zum neuen Parteichef gekürten Jörg Haider auf die Schultern nahm und im Triumphzug durch den Saal trug. Das half. Zumindest bis vor Kurzem.

Bei der letzten Gemeinderatswahl im Jahr 2003 schnitt Kampl in Gurk auch wesentlich besser ab als seine Partei. Die FPÖ hat sieben Mandate, SPÖ und ÖVP je vier. Bei der Bürgermeister-Direktwahl aber errang Kampl eine satte Zweidrittelmehrheit. „Hemma-Stubn“-Wirt Johann Wieser, der vor Witschnig SPÖ-Vizebürgermeister war, ist immer noch „innerlich verwundert“, dass auch so viele von seinen Leuten Kampl gewählt haben. Noch dazu, wo der persönliche Umgang mit dem Bürgermeister alles andere als einfach sei. „Er ist ein kompletter Choleriker, wird sehr leicht ausfallend.“ Andere Meinungen als seine zählten nicht. Und es könne im Überschwang der Gefühle auch schon einmal passieren, dass die eine oder andere zünftige Kärntner Watschn versprochen werde. „Und wenn er das jetzt liest in der Zeitung, dann wird er sich frisch wieder aufregen und sagen: ‚Was redts ihr denn da?‘ Aber es is ja nach wie vor die Meinungsfreiheit oder?“

Im Prinzip schon. Allerdings legen im Moment nur wenige der Gurker, die nicht hinter Kampl stehen – auch solche gibt es –, so großen Wert auf die Meinungsfreiheit wie Wieser.

Die alte Dame, die eben am Friedhof ein paar Stiefmütterchen gepflanzt hat, meint: „Was er jetzt machen soll? Das, was er machen wollte, bevor er es sich wieder überlegt hat.“ Mehr mag sie dann nicht mehr sagen. „Wissen Sie, ich bin eine Gewerbetreibende.“

Ein junger Mann findet zwar, dass sich Gurk das nicht verdient habe, ebenso wenig wie er selbst, der sich jetzt in der Arbeit außerhalb des Gurktales scherzhaft „Nazitaler“ nennen lassen müsse. Aber seinen Namen möchte er lieber nicht in der Zeitung sehen. Man weiß ja nie.

Eine Frau raunt gar: „Da hat der Kampl im Ort schon ganz andere Sachen gesagt.“ Details verschweigt sie lieber.

Was für Sachen das gewesen sein könnten, davon gibt ein Artikel der „AZ“ aus dem Jahr 1991 eine Ahnung. Eine Redakteurin besuchte mitten im Wirbel um Haiders Sager von der „ordentlichen Beschäftigungspolitik“ die „FP-Hochburg“ Gurk und bekam von Kampl, damals schon Bürgermeister, Folgendes zu hören: „Wenn es das achtunddreißiger Jahr nicht gegeben hätte, hätte die Hälfte der Bauernhöfe zusperren müssen. Die Kinderbeihilfe ist im Dritten Reich auch eingeführt worden.“ Und, als Kurzzusammenfassung der für ihn offenbar wichtigsten Leistung: „Wenn es den Hitler nicht gegeben hätte, wäre Österreich jetzt kommunistisch.“

Pater Leo Thenner, ein rundlicher, gemütlicher Herr, der seit drei Jahren Pfarrer von Gurk ist, sitzt in seinem Arbeitszimmer, dem man ansieht, dass darin wirklich gearbeitet wird. Man tue dem Bürgermeister Unrecht, findet er. „In dieses Eck, in das ihn die Medien jetzt hineindrängen, gehört er nicht. Die ihn jetzt beurteilen, kennen gerade einmal zwei Sätze von ihm. Zwei Sätze, die ich nicht gesagt hätte.“ Angesprochen auf die Aussage, ohne Hitler wäre Österreich jetzt kommunistisch, sagt er: „Gut. Sie kennen halt drei Sätze.“ Kampl sei ein guter Bürgermeister, er mache keinen Unterschied zwischen Reich und Arm, für ihn zähle der Mensch. Und er sei jedenfalls ein „guter und aufrechter Demokrat“.

Befragt, ob der Ruf des Gurktales, ein guter Boden für braunes Gedankengut zu sein, zu Recht bestehe, antwortet Thenner knapp: „Die Geschichte ist so.“

Nazi-Putsch. Die Geschichte ist, dass das Gurktal eines der Zentren des Nazi-Putsches vom Juli 1934 war. Nach dessen Scheitern versteckten sich einige der Putschisten in den Wimitzer Bergen in Almhütten und wurden von der Bevölkerung offenbar geschützt und versorgt. Die Geschichte ist auch, dass zum Beispiel der erste FP-Bürgermeister von Gurk, Franz Stromberger, Blutordensträger war – wie auch der Vater von Siegfried Kampl. Diesen Orden erhielten nur die Nazis der ersten Stunde, die sich besondere Verdienste um die Partei erworben hatten.

„Der Stromberger wird sicher ein Nazi gewesen sein. Aber deswegen war er kein schlechter Mensch“, sagt Karl Felsberger, der FP-Vizebürgermeister von Gurk. Er sitzt mit dem Tierarzt Hans Slamanig und seinem blauen Gemeinderatskollegen Franz Stürzenbecher in dessen Wirtshaus in Pisweg, einer zu Gurk gehörenden Kleinstgemeinde. An einem anderen Tisch sitzt ein Ehepaar aus Kaiserslautern, Wandergäste, die erst nach einigen Tagen Aufenthalt in Gurk mitbekommen haben, bei wem sie da eigentlich wohnen. „Als wir immer wieder diesen Namen im Radio gehört haben, dachten wir: Das ist doch unser Zimmerwirt.“ Was sie von der Sache halten? „Ach, wissen Sie, da fehlt uns der Einblick.“

Hitler her. Tierarzt Slamanig, der gerade bei einer von Stürzenbechers Kühen die Nachgeburt abgenommen und bei einer anderen eine Trächtigkeitsuntersuchung vorgenommen hat, findet, der eine Satz von Kampl mit der „brutalen Naziverfolgung“ könne nicht verteidigt werden: „Das ist geschichtlich nicht haltbar.“ Das mit den Deserteuren sei was anderes: „Ich halte es da mit Viktor Frankl – es gibt keine Kollektivschuld. Also kann es auch keine kollektive Exkulpierung geben.“ Wirt Stürzenbecher ergänzt: „Und was mir nicht passt, ist, wenn bei uns Täterschutz vor Opferschutz geht. Nur die sind die Guten, und die anderen, die weitergekämpft haben, die Schlechten.“

Vizebürgermeister Felsberger meint überhaupt, es könne nicht sein, dass ein Mensch wegen seiner Meinung so einer „Hatz“ ausgesetzt werde. „Was ist denn wirklich Schlimmes gesagt worden, dass man einen Menschen so verfolgt?“ Und überhaupt – was heiße da Nazi? „Sie werden sicher auch Leute finden in Gurk, die Sozialisten oder Schwarze sind, die in gewissen Zusammenhängen sagen: Da gehört wieder der Hitler her. Aber deswegen ist man kein Nazi.“

Am vergangenen Freitag, drei Tage nach dem profil-Besuch in Gurk, beschließt die Koalition in Wien, einen Bundesratspräsidenten Siegfried Kampl mittels Verfassungsänderung doch noch zu verhindern. Die Zwerge in Gurk, die jemandem ähnlich sehen sollen, könnten jetzt wirklich Arbeit bekommen.

Von Rainer Nikowitz