Reportage: Im Westen geht die Sonne auf

Für die einen gehört die Türkei längst zum Westen. Für die anderen ist Europa ein großes Freiheitsversprechen. Szenen aus Istanbul und Südostanatolien.

Jede Nacht wälzt sich eine machtvolle Demonstration über die Istiklal Caddesi, die Einkaufsmeile im europäischen Teil Istanbuls. Tagsüber pilgern hier trendige junge Türken mit dem Handy in der Hand vom Diesel-Shop zum Plattengeschäft, aus dem türkischer Hip-Hop schallt, und junge Türkinnen gönnen sich ein nachmittägliches Bier in den Straßencafés. Doch wenn es Abend wird, schwillt das Rinnsal aus jungen Menschen zum Strom an und wird zu einer Massendemonstration der Freiheit, die alles mitreißt, was sich ihr in den Weg stellt. Selbst die jungen, nach Aufmerksamkeit heischenden Transvestiten gehen in der pulsierenden Menge unter. Die zahllosen Bars und Clubs, die die Straße säumen, sind die ganze Nacht hindurch voll.

In einem Seitengässchen steigt im Dachgeschoß eines Hauses eine kleine Privatparty, mit bulgarischem Wodka und englischem Pop. Das Thema, das seit Wochen die ganze Türkei beherrscht, sorgt auch hier für Diskussionen: Wird sich der Traum, den das ganze Land träumt, erfüllen? Wird die Türkei der Europäischen Union beitreten dürfen? Werden die EU-Regierungschefs am 17. Dezember Ja zum Verhandlungsstart sagen?

Yoga und Islam. Für die jungen Partybesucher ist es selbstverständlich, dass die Türkei zum Westen und damit in die EU gehört. „Ich verstehe nicht, warum uns so viele nicht wollen“, wundert sich der 30-jährige Bülent. „Wir sind doch keine Araber!“ Die 27-jährige Ahu, die in New York studiert hat, glaubt die Antwort zu wissen: „Sie wollen uns nicht, weil wir Moslems sind.“ Dabei kann sie selbst mehr mit Yoga anfangen als mit dem Islam. Bülent hingegen ist gläubiger Muslim: Er trinkt keinen Alkohol, hält sich an den Fastenmonat Ramadan („Danach fühlt man sich besser“) und spendet 2,5 Prozent seines Einkommens für wohltätige Zwecke. Nur zum regelmäßigen Beten lässt ihm sein Job als Systemanalytiker in einer Bank keine Zeit. Dass seine junge Frau neben ihm gerade ein Glas Wodka leert, stört ihn nicht. Dank Atatürk. Wenn Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der modernen Türkei, nicht eine rigide Trennung zwischen Staat und Religion eingeführt hätte, wäre Bülent heute ein „harter“ Muslim – davon ist er überzeugt. „Atatürk war ein Genie“, pflichtet ihm Ahu bei.

Es war Atatürk, der „Vater der Türken“, der die Türkei in den zwanziger Jahren, nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches, auf die lange Reise nach Europa geschickt hat. Er führte die lateinische Schrift statt der arabischen ein, verbot Bärte und Kopftücher bei der Polizei, in Ämtern und Universitäten und meißelte die türkische Nation – und den türkischen Nationalismus – aus dem osmanischen Vielvölkerstaat heraus. Vor Atatürk gibt es in der Türkei kein Entkommen: Als gütiger Vater schmückt er steinern zahllose Plätze, mit streng gezeichneter Miene und stechend blauen Augen blickt er in öffentlichen Gebäuden von den Wänden, als feschen Jüngling zeigt ihn die Freiluft-Fotoausstellung in der Allee unten am Bosporus, durch die sich quälend langsam der Dauerstau der 15-Millionen-Metropole Istanbul drängt.

„Ein EU-Beitritt würde ein für alle Mal diese ganze Bullshit-Diskussion beenden, ob wir orientalisch oder westlich sind“, sagt Mehmet Ali Babaoglu. Als einer der reichsten Männer der Türkei – er hat mit dem Export von Jeansstoffen ein Vermögen gemacht – kann er es sich leisten, die Istanbuler Abgase zu meiden. Sein Anwesen steht in einem bewachten Villenviertel ein Stück außerhalb der Stadt und bietet Platz für einen kleinen Kinosaal, Fitnessraum und Swimmingpool und jede Menge moderne Kunst. „Das Problem ist, dass wir viel zu nationalistisch sind“, philosophiert Babaoglu und legt seine Füße auf den niedrigen Glastisch seines Wohnzimmers, auf dem eine Bedienstete Tee serviert hat. „Die Leute haben 75 Jahre Atatürk-Gehirnwäsche hinter sich. Wenn die Türken wüssten, wie viel Souveränität sie mit einem EU-Beitritt aufgeben, wären sie dagegen.“

Mächtige Militärs. Soll das Erbe von Mustafa Kemal Atatürk also auf einmal ein Hindernis auf dem Weg nach Europa geworden sein? Immer wieder war der türkische Staat im Laufe des stürmischen 20. Jahrhunderts in der Türkei Angriffen von innen ausgesetzt – ob von linker, religiöser oder kurdischer Seite. Und immer wieder griffen die Militärs, die sich zum Hüter des Türkentums aufgeschwungen hatten, mit Gewalt ein, wenn eine Gruppierung – oder gar eine Regierung – am kemalistischen Staatsfundament zu kratzen schien. Dabei gingen Stück für Stück die Bürgerrechte verloren, für Pressefreiheit und Minderheitenrechte blieb erst recht kein Platz. Doch genau diese Freiheiten fordert nun die EU.

„Ist es nicht ironisch, dass nun ausgerechnet eine religiöse Partei all die nötigen politischen Reformen durchführt?“, fragt Babaoglu. Die AKP, die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung, setzt seit ihrem Erdrutschsieg bei den Wahlen 2001 den von Atatürk eingeschlagenen Weg nach Europa mit neuem Elan und enormem Tempo fort. Regierungs- und Parteichef Tayyip Erdogan, den die Militärs erst 1999 für vier Monate ins Gefängnis warfen, wird dabei von den alten antireligiösen Eliten der Türkei argwöhnisch beäugt. „Viele trauen ihm nicht. Aber er meint es ernst“, glaubt Mehmet Ali Babaoglu.

Vor allem das Schicksal der Millionen Kurden im Südosten der Türkei beobachtet die EU genau. Denn der kemalistische Staat war mit seinem türkischen Nationalismus bisher auf dem kurdischen Auge blind, er bot den Kurden, die er als „Bergtürken“ verleugnete, und ihrer Sprache keinen Platz.
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Trostlos. Am Stadtrand von Diyarbakir, der heimlichen Hauptstadt der Kurden, 1000 Kilometer von Istanbul und 3200 Kilometer von Brüssel entfernt, ist die Türkei ein Entwicklungsland. Von hier erstreckt sich eine trostlos braune Landschaft hin zur Ölstadt Batman unweit der irakischen Grenze und zur arabischsprachigen Stadt Mardin, von deren Zitadelle NATO-Radaranlagen tief ins nahe Syrien hineinspähen.

Die kurdischen Bauern hier leben von der Schafzucht oder versuchen, der kargen Ebene ein wenig Weizen und Linsen abzuringen, entlang des Tigris wächst sogar ein bisschen Baumwolle. Die Zeit scheint stillzustehen, und dennoch hat sich in den letzten Jahren Entscheidendes getan. Wo in den neunziger Jahren ein blutiger Bürgerkrieg zwischen der türkischen Armee und der kurdischen Separatistenorganisation PKK tobte, in dem die Bevölkerung zwischen die Fronten geriet, ist die Angst der Vorsicht gewichen, sogar Zuversicht regt sich hie und da. Denn seit dem Waffenstillstand mit der PKK und dem Wahlsieg der Erdogan-Regierung 2001 suchen alle Seiten Entwicklung, Freiheit und Wohlstand nicht mehr in einem unabhängigen Kurdistan oder einer türkischen – und nur türkischen – Türkei, sondern in der EU und ihren Minderheitenrechten. Zwar ist die Armee hier immer noch überall präsent, aber die Soldaten an den Checkpoints auf den frisch asphaltierten Straßen werfen nur noch gelangweilte Blicke in die Kofferräume, und die Hubschrauber am Horizont tragen keine Raketen mehr, sondern suchen bloß nach Cannabis-Feldern.

Wiederaufbau. Im Häuschen von Feyzullah Kurtbogan, im Dorf Kurtangis irgendwo zwischen Diyarbakir und Batman, gibt es keinen Glastisch, auf die er seine Füße legen könnte. Man sitzt auf Polstern am Boden, und nur der Eminem-Clip, der auf einem kleinen Fernseher in der Ecke läuft, verrät, dass dies derselbe Planet ist, auf dem auch der reiche Mehmet Ali Babaoglu lebt.

Der 20-jährige Feyzullah, den die harte Feldarbeit mit dem Pferdepflug deutlich älter aussehen lässt, hat nie eine Schule besucht. Er und seine Eltern leben erst seit drei Jahren wieder hier. 1994, Feyzullah war neun Jahre alt, waren sie mit den 40 anderen Familien des Dorfes geflüchtet. Damals, erzählt er, kamen türkische Soldaten immer wieder in das Dorf und drängten immer heftiger darauf, dass die Einwohner die Waffen gegen die PKK in die Hand nähmen. „Bevor wir auf unsere Brüder schießen, gehen wir lieber“, entschied daraufhin der Ältestenrat von Kurtangis, und Feyzullahs Familie fand sich am Stadtrand von Diyarbakir wieder, das in diesen Jahren zur Millionenstadt anschwoll. Von der Hand in den Mund lebten sie dort, deutet Feyzullahs Mutter, die sich dazugesetzt hat, an.

Erst 2001, als sich die Lage entspannte, kehrten 18 Familien zurück und bauten das verfallene Dorf wieder auf. „Die Situation hat sich gebessert, wir fühlen uns jetzt freier“, meint Feyzullah. Die EU werde erst seinen Kindern etwas bringen, denkt er, und für Kinder hat er jetzt noch keine Zeit. Erst muss er seinen 15-monatigen Wehrdienst bei der türkischen Armee ableisten. Ob die Uniformen keine schlechten Kindheitserinnerungen wecken werden? Feyzullah weicht aus: „Dort kann man lesen und schreiben lernen. Der Kurs dauert einen Monat.“

Kinder. Im Nachbardorf Mezrek hat die 22-jährige Arife Siyakdamla in eine große Familie eingeheiratet. Das geräumige, unfertige Haus beherbergt Kinder aller Altersstufen, eines davon hat Arife vor zwei Monaten selbst zur Welt gebracht. Die Männer sind gerade alle in der Stadt einkaufen, und so hält sie mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg: „Hier gibt es für Frauen keine andere Möglichkeit, als zu heiraten und Kinder zu bekommen“, sagt sie, während sie ihre Tochter wiegt. „Ich bin intelligent genug, ich hätte gern etwas gelernt und mir einen Job in der Stadt gesucht.“ In der EU, hat ihr eine Bekannte erzählt, kümmert sich der Staat um die Kinder. „In Europa ist man frei, da kann man machen, was man will. Stimmt es, dass man sich dort in der Öffentlichkeit küsst?“

Das Wort Freiheit ist in Südostanatolien oft zu hören, wenn es um Europa geht. In Diyarbakir sind ihre ersten Früchte schon zu bewundern: Die erste kurdische Sprachschule hat ihre Tore geöffnet, und kurdische TV-Sender machen erste Gehversuche – auch wenn die alten lokalen Autoritäten immer wieder bürokratische Hürden errichten und den Kurden die Rechte, die die AKP-Regierung in den neuen Gesetzen festgeschrieben hat, nicht zugestehen wollen.
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Intellektuelle. Zurück in Istanbul. In einem Teehaus unweit der Blauen Moschee trifft sich jeden Abend eine große Runde islamischer Intellektueller. Nur die kleinen Gebetskettchen in ihren Händen und der fehlende Alkohol weisen die anwesenden Anwälte, Geschäftsleute und Schriftsteller als religiös aus. Beim Blubbern der Wasserpfeifen und bei reichlich Tee wogen offene Debatten zwischen den teppichbehängten Wänden, es wird viel gelacht.

Aus diesem Kreis sind drei Abgeordnete und ein Minister der AKP hervorgegangen. In den neunziger Jahren, erzählen die Männer, als der türkische Staat scharf gegen alles Religiöse vorging, hätten sie am eigenen Leib erfahren, was Unterdrückung bedeute. Seither suchen sie ihr Heil in der Europäischen Union. Denn die EU bietet eine Freiheit, die die Türkei nicht bietet: Religionsfreiheit. Dementsprechend enttäuscht ist Menschenrechtsanwalt Sadi Carsancakli über das neue Kopftuchverbot in Frankreich: „Wenn das jetzt in Europa Schule macht, sind wir wieder nur Bürger zweiter Klasse. Das ist doch nicht liberal!“

Neue Elite. Besteht die AKP also aus lauter liberalen Muslimen? „Es gibt natürlich noch ein paar alte Islamisten, aber da ist eine neue gemäßigte Elite entstanden“, erklärt die junge Sozialwissenschafterin Asli Odman. „Sie sind technokratisch und kapitalismusfreundlich.“ Odman lehrt an der englischsprachigen Istanbuler Privatuniversität Bilgi Geschichte. Obwohl es eigentlich verboten ist, sitzen in ihren Seminaren über Religionssoziologie längst Studentinnen mit Kopftuch, nicht minder modisch gekleidet als andere. Denn die Privatuniversität weist zahlende Studentinnen nicht zurück. „Die Europäer erfinden da eine islamistische Gefahr, die gar nicht besteht, selbst manche Türken denken so. Dabei war der Islam in der Türkei immer pragmatisch!“, erregt sich Odman. Die Kopftuchdiskussion ist für sie nur unwichtiger Elitenstreit, der mit der Realität der meisten Türken nichts zu tun habe: „Drei Viertel der Bevölkerung arbeiten in der Landwirtschaft oder im informellen Sektor. Deren Interessen gehören in Brüssel auf den Verhandlungstisch!“

Im Stadtteil Dolapdere, keinen Steinwurf entfernt vom topmodernen Campus der Bilgi-Universität, weiden Schafe in einem kleinen städtischen Park zwischen Wohnhäusern und einem Klettergerüst. Für einige der Tiere ist es der letzte sonnige Herbstmorgen: Mit routinierten Bewegungen durchschneidet ihnen ein Mann die Kehle, hellrotes Blut rinnt in den sandigen Boden, Kinder machen große Augen. Einer der Umstehenden ist der alte Ramadan, ein Kurde aus der Nähe von Mardin. „Wir in die EU?“, fragt er lachend und zeigt auf ein verblutendes Schaf und den Müll am Straßenrand. „So nehmen die uns nie im Leben!“