Reportage: Ins grüne Mark

Zwietracht, Intrigen, Morddrohungen. Das Aus des Red-Bull-Projekts im steirischen Spielberg hat die kleine Gemeinde völlig destabilisiert. Ein Lokalaugenschein.

Karl Arbesser ist vorsichtig geworden. Bevor er einen Brief öffnet, dreht und wendet er zunächst einmal das Kuvert: „Das Öffnen der Post hat eine völlig neue Dimension bekommen“, erzählt der Schlossherr aus der obersteirischen Marktgemeinde Spielberg. Die Kriminalpolizei habe ihm im Erkennen von Briefbomben „so eine Art Crashkurs“ gegeben.
Sicher ist sicher.

Explosive Sendungen sind bislang nicht im Schloss eingelangt. Harmlos war Arbessers Weihnachtspost allerdings auch nicht. Seit der Gründer der Bürgerinitiative Spielberg das 700-Millionen-Euro-Projekt von Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz erfolgreich torpediert hat, bekommt er mehr oder weniger subtile Morddrohungen. Jüngst erst habe er eine auf seinen Namen lautende Todesanzeige vorgefunden. „Es ist schon recht rustikal zugegangen hier“, sagt der Spielberger.

Der Steirer adeliger Herkunft sitzt im Arbeitszimmer seines Schlosses, an der Wand lehnt ein Jagdgewehr. Draußen dröhnt monoton eine Pilatus des Bundesheeres. Die Propellermaschine ist vom nahen Militärflughafen in Zeltweg aufgestiegen und zieht beständig ihre Kreise über dem weitläufigen Gemeindegebiet von Spielberg, das sich mit seinen zehn Katastralgemeinden nördlich und südlich der Murtal-Schnellstraße erstreckt. Für die Trainingsmaschine sind die Bedingungen ideal. Tiefblauer Himmel über dem gesamten Aichfeld, kein Wind, eine Kombination, die an Wintertagen im Murtal klirrende Kälte garantiert.

430 Jahre alt ist das Schloss Spielberg, dem die Gemeinde ihren Namen verdankt. Ein Bild des Schlosses hing bis vor kurzem im Büro des Bürgermeisters. Doch der ließ es abhängen, nachdem der Schlossherr zum umstrittensten Bürger der Gemeinde avanciert war.

Dramatisch zu sinken begann Arbessers Beliebtheitswert, als er vor eineinhalb Jahren mit 350 Unterstützern eine Bürgerinitiative gegen jenes Großprojekt formierte, das in der wirtschaftlich darniederliegenden Region für eine noch nie da gewesene Aufbruchsstimmung sorgen sollte: das Motorsport- und Luftfahrtzentrum Spielberg. Unter der Führung von Red Bull sollte auf dem Gelände des ehemaligen A1-Rings Europas größtes Rennsportzentrum aus dem Boden gestampft werden. Mit einer angeschlossenen Luftfahrtakademie und Hotelanlagen würde das Projekt die gigantische Investitionssumme von bis zu 700 Millionen Euro bringen und der strukturschwachen Region wirtschaftliche Impulse ungeahnten Ausmaßes bescheren (siehe Kasten). Das zumindest behaupteten Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz und die steirischen Landespolitiker von Waltraud Klasnic abwärts.
Und allesamt versprachen sie tausende neue Arbeitsplätze.

Am 3. Dezember 2004 platzte der Traum. Der Umweltsenat bestätigte die Einwände von Arbessers Bürgerinitiative und hob die Genehmigung für das Großprojekt auf.
Seither ist im oberen Murtal nichts, wie es einmal war.

Identitätskrise. Von Arbessers Schloss zu Robert Neumanns Schenke „Verrückte Burg“ sind es nur ein paar hundert Meter. Es ist kurz vor Mittag. Gäste sind noch keine da. Der Chef steht an der Bar, nippt an einem Verlängerten und sinniert: „Der Ring ist unsere Identität, das gilt für alle hier, außer für den Herrn Arbesser.“ Ohne den Einspruch der Anrainer wäre die Angelegenheit überhaupt nie zum Umweltsenat gekommen. Und ohne den Umweltsenat gäbe es so etwas wie eine Perspektive. „Also, ich würde mit Leuten wie dem Arbesser kein Bier trinken wollen“, sagt Neumann. Sein sinistrer Blick verrät, dass ihm dazu noch mehr einfiele. Aber das würde er öffentlich natürlich nie sagen.

In besseren Zeiten hatte die Rennstrecke das ganze Jahr über Motorsportbegeisterte nach Spielberg gezogen. Zu Wochenbeginn etwa konnten PS-Maniacs zu günstigen Preisen mit ihren Privatgefährten über den Ring brettern – „die Lokale waren voll mit italienischen Motorradgruppen, das waren tolle Gäste“, erinnert sich Neumann. „Jetzt haben wir montags und dienstags geschlossen. Das tut uns körperlich gut, wirtschaftlich aber weh. Es schmerzt.“

Sündenböcke. Davor zittern inzwischen nicht wenige in der Umgebung. Am 9. Dezember hatte die regionale Gratiszeitung „der neue Steirer“ Namen veröffentlicht. Allesamt Unterzeichner der Initiative gegen Spielberg. Das brachte Nachbarn, Freunde, Arbeitskollegen gegeneinander auf. Die Gegner des Projekts werden seither öffentlich als Jobkiller beschimpft. Morddrohungen stehen im Raum, Begriffe wie „Reichskristallnacht“ machen die Runde. Ein „besorgter Bürger“ hat sich inzwischen via Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft Leoben gewandt. Zitat: „Will man wirklich, dass der nächste Stadl brennt? Will man wirklich, dass einer der Verhinderer beseitigt wird?“ Die Namensliste hing sogar in Stiegenhäusern.

An jenem Sonntag, an dem die Sündenbock-Liste zu kursieren begann, marschierte Gastronom Robert Neumann nach durchzechter Nacht mitsamt seiner Belegschaft und den letzten Disko-Gästen von der „Verrückten Burg“ direkt zum Ring, um bei minus zehn Grad die eilig organisierte Demonstration für das Motorsportzentrum zu verstärken. Die Rennstrecke, über die im Mai 2003 noch Formel-1-Boliden gejagt waren, ist mittlerweile eine gespenstische Event-Ruine.

Als Vorbereitung auf den gigantischen Umbau wurden das Fahrerlager und die Haupttribüne abgerissen. Auf der Piste selbst ist noch der Gummiabrieb der Startaufstellung zu sehen, in der Anbremszone für die erste Kurve jedoch öffnet sich ein acht Meter tiefer Graben. Dietrich Mateschitz könnte es sich leisten, auf dem Gelände bloß noch Kühe weiden zu lassen.

„Der Letzte dreht das Licht ab“, ätzt Hans Dietrich, der Pächter des Schönberghofs. Er öffnet demonstrativ eine Dose Red Bull und gönnt sich einen tiefen Schluck. Der Schönberghof mit seinen 14 Gästezimmern liegt am Hang auf der Rückseite der Rennstrecke und bietet einen imposanten Überblick über das Ringareal. Der Schönberghof gehört mittlerweile ebenfalls Red Bull. Kein Wunder also, dass Pächter Dietrich zu den glühendsten Befürwortern des Projekts Spielberg zählt: „Wir wollen es nicht kleiner und nicht größer, wir wollen das Projekt genau so, wie es uns präsentiert wurde.“

Jobmisere. Das sagt auch SPÖ-Bürgermeister Kurt Binderbauer. Natürlich muss auch er wissen, dass es das Projekt Spielberg so nicht mehr spielen wird. Aber im März 2005 wählt die 5000-Seelen-Gemeinde den neuen Gemeinderat. Vor fünf Jahren hatte Binderbauers SPÖ 63 Prozent der Stimmen bekommen. Die will er jedenfalls halten. Deshalb sagt er Dinge wie: „Jeder Investor, der Arbeitsplätze schafft, ist willkommen.“ No na.

Mit Arbeitsplätzen schaut es im oberen Murtal nun einmal nicht so toll aus. „Viele unserer Jugendlichen müssen bis nach Graz pendeln und arbeiten dort bei Magna.“ Größter Arbeitgeber in der Gemeinde ist der Elektromotorenhersteller ATB mit 700 Beschäftigten. Zweimal bereits habe die Belegschaft Lohnkürzungen zustimmen müssen, um den Abzug der Produktion zu verhindern, erzählt Binderbauer, im Hauptberuf Volksschuldirektor.

Spielberg wartet auf die Politik. Aber die Politik lässt Spielberg warten. Die Landesmutter war am Tag vor dem Heiligen Abend zwar da. Nur gesagt hat sie halt nicht viel. Botschaften wie „Es wird ein Projekt Spielberg geben“ will vor Ort irgendwie keiner mehr hören. Zu vieles wurde den Leuten schon versprochen – und letztlich doch nur gebrochen.

Vor dem Projekt Spielberg war von einer tollen neuen Therme im benachbarten Fohnsdorf die Rede gewesen. Ein 60-Millionen-Euro-Investment, das hunderte Arbeitsplätze hätte schaffen sollen. Dagegen hat zwar damals niemand protestiert. Realisiert wurde es trotzdem nie. Die Skizzen vergammeln in irgendwelchen Schubladen. Schade um den schönen Projekttitel: „Therme des Lichts“.