Reportage: Krach für die Ewigkeit

Hunderttausende bewiesen beim Weltjugendtreffen in Köln, dass sie bereit sind, für die Rettung des Katholizismus ohne Unterlass zu singen. Benedikt XVI. gab dazu seinen Segen.

Weltjugendliche singen, wenn sie sich freuen, sie singen, um sich die Wartezeit zu verkürzen, sie singen, weil gerade niemand singt oder auch um andere singende Weltjugendliche zu übertönen. Wenn ihnen gerade kein Lied einfällt, was außerordentlich selten vorkommt, dann skandieren sie. Oder sie brüllen. Vergangene Woche dröhnte vielsprachiges Liedgut im Kölner Hauptbahnhof, rund um den Dom und überall dort, wo mindestens zwei oder drei Weltjugendliche beieinander standen, ob tagsüber im Kaufhaus „Galeria“ bei den Badehosen im Sonderangebot oder spätabends im Kölner „Hardrock Café“, dessen Soundanlage im Wettstreit mit einer multinationalen Weltjugendeinheit klein beigeben musste.

Köln war eine Woche lang das Paradies oder das Fegefeuer – das hing vom Gehör des jeweils Beschallten ab –, und der Katholizismus zeigte sich von einer üblicherweise wenig beachteten Seite: von der „fröhlichen“, wie Papst Benedikt XVI. es sich gewünscht hatte. Wobei „Fröhlichkeit“ durchaus als Synonym für annähernd hysterische, grundlose Euphorie zu verstehen ist.

Losung. Das Schreien, Singen und Skandieren während des XX. Weltjugendtreffens mit Papstbesuch war nicht bloß eine Fleißaufgabe. Josef Ratzinger, der als streng und wenig emotional eingeschätzte Nachfolger von Johannes Paul II., hatte in einer Grußbotschaft vor dem Kölner Treffen angeregt, die jungen Leute sollten doch vorleben, wie heiter und erfüllend das Leben im Glauben sei. So geschah es, und das Wort des Papstes sollte sich als geniale Losung erweisen.

Die simple Logik lautet: Wer singt, lässt keinen Raum für Debatten. Bei Zimmerlautstärke gerät der Katholizismus umgehend in die Defensive. Pressekonferenzen mit Kardinälen münden dann jedes Mal in unerfreuliches Hickhack zum Thema Sexualmoral oder dergleichen. Zurück bleibt der nicht unbegründete Eindruck, die katholische Konfession sei eine Art besonders restriktiver Hausordnung. In Köln hingegen hatten nörgelnde Infragesteller gegen den atemberaubenden Trubel keine Chance. Auch innerkatholische Zweifler, etwa die Vertreter der sanft-reformerischen „Wir sind Kirche“-Bewegung, gingen im affirmativen Dauerchor unter.

So geriet die Versammlung mehrerer hunderttausend junger Gläubiger aus 196 Staaten zu einem gänzlich unintellektuellen, apolitischen Hurra-Fest. Die Spanier gaben gern einmal den einstigen Sommerhit „Macarena“ zum Besten, die Franzosen konterten mit der „Marseillaise“, die Bayern ließen den Hadern „Marmor, Stein und Eisen bricht“ in der Version von Drafi Deutscher wieder aufleben. Kann bei dem Krach Sinnsuche gelingen?

Nicht auszuschließen, denn über dem von außen betrachtet seltsamen Event lag eine Stimmung, die es eindeutig von irgendeinem Sommer-Musikfestival unterschied. Keine Aggressionen, kein Alkohol, stattdessen Höflichkeit, Hilfsbereitschaft und Warten, wenn die Ampel Rot zeigt. Lauter nette junge Leute, die sich freuten, auf Gleichgesinnte zu treffen, die nicht komisch dreinschauten, wenn man ihnen zurief, man glaube an Jesus Christus. Für viele Besucher aus den besonders säkularisierten Ländern war es eine völlig neue Erfahrung, von früh bis spät nur von Gläubigen umgeben zu sein, fast wie eine Zeitreise zurück ins christianisierte Europa.

In dieser Umgebung hat der Glaube keine natürlichen Feinde. Dezibelschwache Atheisten fallen nicht weiter auf. Bruder Maximilien-Marie, ein 25 Jahre alter Karmeliter aus Toulouse, sitzt beglückt im Gelände des Kölner Messezentrums, wo Open-Air-Gottesdienste in Serie abgeführt werden. Motto: „Singt mit, tanzt mit, klatscht mit, macht, was ihr wollt!“ Der französische Geistliche, dessen Orden ihm täglich zwei Stunden Gebet in völliger Stille auferlegt, findet die Partystimmung wunderbar: „Feste feiern ist schön, die jungen Leute sollen Christus begegnen, das kann man auch durch Freude am Leben.“ Die Gruppe Jugendlicher, die Bruder Maximilien-Marie begleitet, sollte erfahren, wie anders ihr Glaube sich anfühlt, wenn er aus dem laizistischen Frankreich herausgelöst wird. Plötzlich können sie auch coole Gleichaltrige auf Jesus ansprechen.

Zum Beispiel Marcello aus Parma, 16 Jahre alt, mit Stirnfransen, die er immer wieder aus dem Gesicht streicht, weil sie sonst die Augen bedecken, und einem weißen T-Shirt mit einem roten Playboy-Bunny auf der Brust. Marcello hängt mit seiner Gruppe im Schatten ab, immer ein Auge offen für mögliche neue Bekanntschaften. Auf die Frage, ob er gläubig sei, antwortet er „klar“, das Playboy-T-Shirt sei bloß Fashion, und die wiederum sei „irre wichtig“. Auf der linken Wange trägt er einen Aufkleber mit der brasilianischen Flagge, denn am liebsten würde er Brasilianerinnen kennen lernen. Und der Papst? „Johannes Paul II. war besser, aber ich werde zur Messe mit Benedetto kommen. Er ist schließlich mein Papst.“ Der 16-Jährige hat kein Problem, die Autorität von Benedikt XVI., genannt „Benedetto“, anzuerkennen. Wenn auch mit Einschränkungen: Das Verbot vorehelichen Geschlechtsverkehrs entlockt Marcello ein Grinsen.

Durchschnittskatholiken. Doris, Jadwiga und Andrea aus Bayern, 26, 18 und 24 Jahre alt, sind engagierte Katholikinnen, Doris ist Sozialpädagogin in einer katholischen Grundschule, Jadwiga war früher Ministrantin und trug die Kirchenzeitung aus, Andrea singt im Kirchenchor. Gottesdienst haben sie in Köln noch keinen mitgemacht, zum Beichten war noch „keine Zeit“. Die drei jungen Frauen machen sich durchaus ihre eigenen Gedanken zum Katholizismus, mit Fegefeuer und dem Teufel können sie wenig anfangen, den zum Weltjugendtreffen eingerichteten Ablass finden sie „ein bisschen mittelalterlich“. Aber zum Glück könne sich ja jeder seinen eigenen Glauben suchen, resümieren die drei gelassen, ehe sie sich wieder ins „christliche Miteinander“ stürzen.

Das Weltjugendtreffen ist keine Zusammenkunft von christlichen Fundamentalisten. Durchschnittliche Katholiken, die sich an Glaubensinhalten bedienen wie am Frühstücksbuffet, finden auch ihren Spaß am Mega-Event.

Zum Glück für beide Seiten beschränkt sich das Treffen der Jugendlichen mit dem Papst auf dialogfreie Rituale. Hunderttausende säumen vergangenen Donnerstag im Kölner Stadtteil Poll die Wiesen entlang des Rhein und warten stundenlang, wieder mal singend, auf die Ankunft eines Schiffes, von dem aus Benedikt XVI. zu den Massen spricht. Eigentlich müsste der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation einem Gutteil seines Auditoriums die Leviten lesen und sie wegen Häresie verdammen. Aber Ratzinger ist jetzt Papst, und er weiß, eine bessere Pilgerschar ist nicht zu kriegen. Also hält der Theologe, der Zeit seines Lebens messerscharf die reine Lehre argumentiert hat, eine nette Kurzpredigt auf Landpfarrerniveau, winkt und dampft weiter den Rhein entlang. „Beeeeeenedetto!“, skandieren ihm die Massen hinterher.

Alle sind weiterhin fröhlich, der selbst gebastelte katholische Glaube des Volkes muss nicht hinterfragt werden. Aber was hat die katholische Kirchenführung, deren Ziel es eigentlich ist, den säkularen Relativismus zu bekämpfen und die Anhänger eines verwässerten Glaubens im postchristlichen Europa wieder zurück zu den von Rom verkündeten Dogmen zu führen, von dem Treiben?

Eine ganze Menge. Zunächst ist das Zusammentrommeln von hunderttausenden Anhängern für jede Institution ein Machtbeweis. In Europa muss die Kirche im aussichtslosen Kampf gegen Abtreibung, Homo-Ehe und Stammzellenforschung permanent Niederlagen einstecken, da tut es dem Seelenheil gut, wenn die Öffentlichkeit über einen Auflauf staunt, wie ihn kein Staaten- und Religionsführer außer der Papst auslösen kann.

Weil singende Jugendliche und ein schmeichelweicher Papst mit absolut niemandem in Konflikt treten, sind auch die Schlagzeilen positiv: „Benedikt, Dich hat Gott geschickt“, titelt „Bild“, „Viva papa Colonia“, der Kölner „Express“. In den Sonderbeilagen wird das rechte katholische Lehrgebäude in Form von Testimonials unters Volk gebracht: „Ich habe Mitleid mit Homosexuellen. Man muss sich um sie kümmern“, lässt Shufeng Tiean, ein Weltjugendlicher aus China, wissen. Patrick Nuo, 22, christlicher Popstar aus Deutschland („Beautiful“), teilt mit, dass er sich bis zur Eheschließung mit der US-Schauspielerin Molly Schade, 21, sexuell enthalten habe. Beim Weltjugendtreffen trägt er ein Kreuz auf seinen Schultern und befindet: „Du bist nicht Christus. Aber du bist ihm ganz nahe.“ Solche leuchtenden Beispiele können bei Jugendlichen vielleicht mehr bewirken als hantig vorgetragene Verbote.

Täuschung. Denn das unablässige Singen und Skandieren täuscht. Ziel der katholischen Kirche bleibt die Rechristianisierung verlorener Gesellschaften. Phil Kirk, ein 23 Jahre alter Lehrer aus Kalifornien, ist nach Köln gekommen, weil es „notwendig ist, dass Nord- und Südamerika das alte Europa wieder evangelisieren“. Phil hilft zu Hause bei einer Radiostation mit, die zu der christlichen Mediengruppe „Eternal Word Television“ gehört. Deren Kampf gegen Abtreibung könnte eines Tages gewonnen werden, hofft Phil. Er glaubt an die Schöpfung und hält „nur Teile“ der Evolutionstheorie für richtig. Er warnt, dass Gruppen wie „Wir sind Kirche“ die Kirche verändern wollen, anstatt sie zu stärken. Und Phil spürt in Köln „das Feuer des Glaubens“ und findet es gut, dass alle da sind, auch wenn sie nicht auf seiner dogmatischen Linie liegen, denn „wir werden hier ein Beispiel geben und einen Eindruck hinterlassen, der fortwirken wird“.

Phil denkt politisch, und der Vatikan tut dies ebenfalls, auch wenn das Weltjugendtreffen offiziell bloß der Begegnung dient. Es heißt, Johannes Paul II. habe die regelmäßigen Treffen ins Leben gerufen, weil er sich der Jugend besonders nahe fühlte. Unerwähnt bleibt, dass die Kirche den Nachwuchs gerade in Europa so dringend braucht wie Noah einst die Arche. Angesichts sinkender Mitglieder- und Priesterzahlen droht Rom im christlichen Abendland der Abstieg zu einer Gemeinschaft unter „ferner glaubten“.

So betrachtet war Köln eine Reise wert. Papst Benedikt XVI. profitierte davon, dass ihm sein sprödes Auftreten von den jungen Leuten wohlwollend als Schüchternheit ausgelegt wird und dass die meisten seine theologischen Abhandlungen und Verteufelungen der „Diktatur des Relativismus“ aus der Zeit vor dem Konklave nicht gelesen haben. Beeeeeenedetto ließ das Skandieren geduldig über sich ergehen, denn wenn der Krach der guten Sache dient, möge er geschehen.

Von Robert Treichler, Köln