Reportage: Ohne Worte

Seit zwei Wochen stecken Jugendliche der französischen Vororte Autos und Gebäude in Brand. Woher kommt die stumme Gewalt?

Es ist ein geruhsamer, stiller Dienstagvormittag in Blanc-Mesnil, einem Vorort im Nordosten von Paris. Die Straßenreinigung klappt vorzüglich und sorgt dafür, dass am Parkplatz bei der Station des Vorortezugs RER wieder ein paar Plätze frei werden. Zwei Arbeiter bereiten ausgebrannte Autowracks zum Abtransport vor und säubern den Asphalt. Entlang der Straße zum nördlichen Teil der Banlieue und im Stadtzentrum wurden die verkohlten Pkws bereits entsorgt, nur die Karkassen von ein paar Lastwagen warten noch am Straßenrand. Schüler schlendern vorbei, ohne die schwarzen Wracks zu beachten.

Die Stille des Tages ist so etwas wie die B-Seite des neuen Soundtracks der Pariser Banlieues. Die A-Seite ist druckvoller, sie läuft in den vergangenen zwei Wochen fast jede Nacht. Molotow-Cocktails explodieren, Autos gehen in Flammen auf, Scheiben bersten, Gebäude brennen nieder. Die Täter sind gesichtslose Gestalten, die Köpfe in Kapuzen gehüllt, allesamt junge Männer, die Jüngsten noch keine 13 Jahre alt. Sie schwärmen in kleinen Gruppen aus, legen Feuer und flüchten. Nur selten rotten sie sich zusammen und lassen sich auf Gefechte mit der Polizei ein. Ehe der Tag anbricht, verziehen sie sich.

Zurück bleibt außer den Wracks und Ruinen eine Öffentlichkeit, die von dem Spuk zutiefst verstört ist, weil die Randale in kein Schema passen. Die Krawalle sind nicht von Demonstrationen begleitet, es gibt keine Flugblätter, niemand erhebt Forderungen, die Kapuzenkids haben keine politischen oder intellektuellen Repräsentanten. Es ist ein Kampf ohne Worte.

Klar ist nur, woher die Krawallmacher stammen: aus den so genannten „Cités“, das sind Ensembles von Wohnblocks, in denen die Unterschicht der Immigranten lebt. Je hübscher der Name der Siedlung klingt, umso hässlicher und verrufener ist sie, lautet das ungeschriebene Gesetz. Die schlimmste Agglomeration von Blanc-Mesnil heißt „Les Tilleuls“, auf Deutsch „die Linden“. Sie liegt im Norden der Kommune und sieht auf den ersten Blick nicht viel schlimmer aus als andere Hochhaussiedlungen. Doch wer hier wohnt, muss sich in einer Welt zurechtfinden, die die meisten Franzosen nicht kennen.

Waffen, Drogen. Yann ist 32 und wohnt bei seinen Eltern in den Tilleuls. Er ist ein klein gewachsener, ungemein kräftiger Typ, den nichts so leicht aus der Ruhe bringt. Das ist auch in etwa seine Job-Description, denn Yann arbeitet bei einem Bewachungsunternehmen. Zurzeit lümmelt er am Eingang des Kulturforums von Blanc-Mesnil auf einem Stuhl und vertreibt sich die ereignislosen Stunden. Yann findet, dass in den Tilleuls nicht mehr Gewalt herrsche als anderswo auch, seine Cité läge „im guten Durchschnitt“. Die Einschätzung wird allerdings dadurch relativiert, dass der Sohn kambodschanischer Einwanderer noch nie außerhalb der Tilleuls gelebt hat. Klar gebe es hier Waffen, sagt er, Pistolen, aber auch Kalaschnikows, „alles, was man will“. Yann selbst hat unter seiner Matratze einen kleinen Säbel versteckt, der nach altem Glauben böse Geister vertreiben soll. Aber er diene auch „für alle Fälle“, fügt Yann hinzu.

Nichtansässigen ist von einem Besuch der Tilleuls eher abzuraten, unlängst wurde in einer ähnlichen Cité ein Mann zu Tode geprügelt, weil er seinen Fotoapparat nicht rausrücken wollte. Aber Yann hat einen Freund, der ein für hiesige Verhältnisse ziemlich schickes Auto besitzt, und die beiden machen gern eine Rundfahrt, um ihr Viertel zu präsentieren. Die Sehenswürdigkeit der Stunde ist die niedergebrannte Turnhalle. „Ehe die gebaut wurde, war da unser Fußballplatz“, sagt Yann und schüttelt den Kopf angesichts des schwarzen Trümmerfeldes.

Ein paar hundert Meter weiter sitzen ein paar Burschen vor einer Zeile geschlossener Geschäfte. „Da steigen wir besser nicht aus“, sagt Yann. In der Cité gibt es unsichtbare Grenzen, die man nicht übertreten sollte.

Der junge Mann am Steuer, er nennt sich Wali, ist der Sohn algerischer Einwanderer, raucht während der Fahrt Haschisch und lacht, als Yann die „Ökonomie des Überlebens“ erläutert. Der Begriff umschreibt im Wesentlichen die Tatsache, dass in den Cités mit allem gehandelt wird, was illegal ist, vornehmlich mit Drogen, aber auch mit gewöhnlichem Diebsgut. Handys, die „vom Lastwagen gefallen“ sind, bekommt man zu Spottpreisen.

Normale Jobs sind für Bewohner von Cités wie den Tilleuls kaum in Reichweite. Die Wohnadresse auf dem Bewerbungsbogen garantiert eine Absage. Die Arbeitslosenrate in den so genannten „problematischen Zonen“ liegt mit über 20 Prozent beim doppelten Wert des Landesdurchschnitts. Unter den Männern im Alter zwischen 15 und 34 haben mehr als 36 Prozent keinen Job. Die Regierung versucht, mit steuerlichen Anreizen Unternehmensansiedlungen in den Banlieues zu fördern. Das gelingt gelegentlich, bloß beschäftigen diese Unternehmen dennoch nur zu einem sehr geringen Teil Arbeitskräfte aus der Umgebung.

Die Jugendlichen in den Tilleuls haben kapiert, dass selbst guter Schulerfolg keine Karriere nach sich zieht. Doch das ist schon lange so, warum also der plötzliche Ausbruch von Gewalt? Yann und Wali distanzieren sich erst von den Krawallen. „Hirnlos“ seien die Jugendlichen, aber einfach nicht zu stoppen. Dann chauffiert Wali sein Auto in die Gegend nahe dem Bahnhof, denn dieses Viertel habe die „Goldene Palme“ für die meisten brennenden Autos verdient. Da schwingt Anerkennung mit, und langsam wird klar, dass die „älteren Brüder“ der Brandleger aus den Tilleuls nicht völlig ahnungslos sind, was die nächtlichen Eskapaden der Teenager betrifft.

Eine Filiale der Kaufhauskette Aldi wurde aufgebrochen, das Café daneben blieb verschont. „Wir haben ihnen gesagt, es soll bloß keiner auf unser Café losgehen“, sagt Wali. Die Kids hielten sich daran. Auf dem Rollladen der Aldi-Filiale haben die Unruhestifter mit Sprayfarbe eine Nachricht hinterlassen: „Sarkozy, das Lumpenpack fickt dich – dich und deine Nutten.“ Der Adressat ist Innenminister Nicolas Sarkozy, der in einem Interview ganz zu Beginn der Krawalle den Begriff „la racaille“ („Lumpenpack“) verwendet hatte. Mit „Nutten“ sind die Polizisten gemeint. Mehr an Botschaft ist da nicht, und zwar nirgendwo im ganzen Land.

Das Frankreich jenseits der Cités schaudert vor Entsetzen. Es sieht wild gewordene kriminelle Banden durch die Vororte marodieren, deren Gewaltexzesse keinen Sinn und kein Ziel haben; vermummte Sprachlose, die den Grundkonsens jeglicher Form des Zusammenlebens aufgekündigt haben: die Diskursbereitschaft. Eine Republik, die der Studentenrevolte des Jahres 1968 zumindest im Rückblick Legitimität zuerkennt, kann mit geworfenen Pflastersteinen und Sachbeschädigung als politischer Ausdrucksform durchaus umgehen – allerdings nur in Kombination mit irgendwelchen Thesen.

Dazu sind die Kinder der Cités aber definitiv nicht in der Lage. Xavier Croci leitet seit sieben Jahren das Kulturforum von Blanc-Mesnil und versucht, den Bewohnern der Banlieue Theater, Musik und Tanz näher zu bringen. Croci wirkt auf den ersten Blick zu abgehoben für die Umgebung – schwarzes Sakko über einem schwarzen Pullover, dazu schwarze Jeans –, doch er kennt sein potenzielles Publikum: „Diese Jugendlichen haben ein Vokabular von vielleicht 400 Wörtern.“ Die Begegnung mit zeitgenössischer Kultur sollte nach dem Wunsch des Theaterdirektors den Jugendlichen die Fähigkeit vermitteln, wenigstens die Frage beantworten zu können, warum sie überhaupt Autos anzünden.

„Lumpenpack von Afrika“. Im Kulturforum von Blanc-Mesnil spielen gelegentlich auch lokale Bands, eine davon heißt „La Racaille d’Afrique“ – das Lumpenpack von Afrika. Ein seltenes Beispiel dafür, dass Jugendliche einen Weg finden, ironisch das Problem zu benennen, das tief im Innersten aller Bewohner der Cités brennt: das Gefühl, dass alle außerhalb ihrer Siedlung sie verachten und ihnen misstrauen. Sie wissen, dass man sie für das Lumpenpack hält und dementsprechend behandelt. Aber wie und vor allem wem gegenüber sollen sie ihre Wut artikulieren?

Plötzlich gelingt es. Sinnlose Gewalt gegen Autos und Gebäude verschafft den sprachlosen Parias die Geltung, die ihnen immer versagt bleibt. Sie sind in den Nachrichten, der Innenminister muss sich mit ihnen beschäftigen, später auch Präsident Jacques Chirac. Sie flößen Angst ein. Wer immer nur ignoriert wird, für den ist es ein Aufstieg, einmal wenigstens der anerkannte Böse zu sein.

Längst ist der Vorfall vergessen, der die Krawalle ausgelöst hat – zwei Jugendliche starben durch einen Stromschlag, als sie sich vor der Polizei versteckten. Die Kids, die sich nie eine Xbox leisten können, spielen jetzt Autos verbrennen in 3D, und die Cité mit der höchsten Anzahl an Wracks hat gewonnen. Der staatliche TV-Sender France 3 beschließt daraufhin, die Statistiken der verbrannten Autos nicht mehr zu verlautbaren.

Je mehr der Konflikt eskaliert, umso deutlicher tritt die Kluft zwischen dem zivilisierten Frankreich und seinen außer Kontrolle geratenen Rändern zutage. Wären es Kinder von Pariser Familien, die Autos anzünden, würde die bange Frage lauten: Was ist mit unserer Jugend los? Doch die Banlieue-Kids bleiben Fremde. Der sozialistische Abgeordnete Malek Boutih klagt diese rassistische Haltung an: „Das Problem ist, dass diese Kinder nicht als unsere Kinder angesehen werden. In der öffentlichen Meinung sind diese Einwanderernachkommen dazu veranlagt, in der Misere zu leben und sich so benehmen.“

Repression. Die konservative Regierung reagiert in erster Linie mit Mitteln der Repression. Mehr Polizei, Sondergesetzgebung, Ausgangssperren. Innenminister Sarkozy kündigt gar an, dass Ausländer, die die Sicherheit gefährden, ausgewiesen werden sollen, selbst wenn sie über eine gültige Aufenthaltsgenehmigung verfügen.

Letztendlich aber muss die Politik implizit zugeben, dass die Verwahrlosung von tausenden Jugendlichen kein Phänomen plötzlich auftretender krimineller Energie oder gar organisierter Kriminalität sein kann, besonders wenn sich die Täter in den meisten Fällen gar nicht bereichern. Auch die Erhöhung der Subventionen für karitative Organisationen in den Banlieues, wie sie die sozialistische Opposition verlangt, kann das Problem der Ghettos nicht lösen.

Niemand jedoch wagt die Forderung zu erheben, dass sich die Bewohner der Cités mit den anderen Bürgern der Republik mischen sollten. Wann immer heruntergekommene Wohntürme zum Einsturz gebracht werden, wird exakt an derselben Stelle eine hübschere Siedlung gebaut, aber bloß nicht näher dran an den Heimen der Franzosen erster Klasse.

Dasselbe gilt für den Arbeitsmarkt. Der Lehrer einer Schule von Aulnay-sous-Bois, dem Nachbarort von Blanc-Mesnil, sagt gegenüber der Zeitung „Libération“, dass seine Schüler pfeifen, wenn er die Nationalhymne Marseillaise durchnimmt. Bereits seine 15 Jahre alten Schüler wüssten, dass sie Parias seien und deshalb im Sommer keinen Ferialjob bekämen, außer vielleicht in einer Kebab-Bude. Ein anderer Lehrer verlangt, dass die Franzosen endlich zur Kenntnis nehmen müssten, dass man auch Araber einstellen muss, wenn man in Zukunft Krawallorgien vermeiden will.

Aber es sieht nicht so aus, als wären die Lebensbedingungen der Cité-Bewohner ein langfristiges Anliegen. Die Politik subsumiert das Problem unter dem Titel „Sicherheit“, die Intellektuellen kümmern sich lieber um Tschetschenien oder den Irak. Mitte vergangener Woche ließen die Vandalenakte etwas nach. Doch für das Wochenende wurden neue Aktionen befürchtet.

„So etwas ist ziemlich anstrengend, sie müssen sich erst wieder erholen“, zeigte Wali in Blanc-Mesnil Verständnis für das Nachlassen der Brände. Aber er habe gehört, dass ein Massensturm auf die Champs-Élysées geplant sei. Doch dieses Gerücht diente wohl eher dem Zweck, sich ein letztes Mal Respekt zu verschaffen, denn die allermeisten der Jugendlichen in den Tilleuls haben keine Ahnung, wo die Champs-Élysées sind. Diesen Teil von Frankreich haben sie nie kennen gelernt.

Von Robert Treichler, Blanc-Mesnil