Reportage: Schneekanonen

Das Kabinett Schüssel II feierte seinen ersten Geburtstag mit einem schönen Familienausflug auf den Semmering. Rainer Nikowitz durfte mitfahren.

Es ist nicht völlig auszuschließen, dass es Wolfgang Schüssel lieber gewesen wäre, wenn man sich gerade an diesem Tag ein anderes Bild von ihm gemacht hätte. Ein irgendwie aufrechteres vielleicht.

Der lokale Eisstock-Experte hat es wohl kommen sehen. „In die Knie gehen“, warnt er, als der Bundeskanzler beginnt, den Eisstock zu schwingen. „Und unten bleiben!“ Die Erklärung, warum Schüssel diesem Vorschlag eher nicht näher treten kann, bleibt dem Vizekanzler vorbehalten: „Des is er net g’wöhnt“, feixt Hubert Gorbach. Also geht der Kanzler nicht wirklich in die Knie, feuert einen geharnischten Schuss ab, verliert, für dieses eine Mal sogar selbst von seiner eigenen Wucht überrascht, das Gleichgewicht und knallt auf die Eisbahn.

Das muss wehgetan haben – nicht nur der Psyche. Im Liegen ringt sich Schüssel ein Lächeln für die enthusiasmierten Fotografen ab, die natürlich in der Sekunde wissen, dass sie das Bild des Tages damit im Kasten haben.

Wieder einmal soll es eine Landpartie sein, mit der Schwarz-Blau beweisen will, wie gut man sich denn nicht versteht. Nach der Wanderung im steirischen Grenzland und der tapferen Umradelung der Marchfeldschlösser führt der aktuelle Familienausflug der Regierung per Sonderzug auf den Semmering – und es gibt sogar einen Anlass: den ersten Jahrestag der Angelobung des Kabinetts Schüssel II.

Nur Elisabeth Gehrer, Alfred Finz und Franz Morak konnten der Aussicht auf Eisstockschießen, Skifahren und Rodeln widerstehen, alle anderen Regierungsmitglieder sitzen im Zug. Nein, nur fast alle. Herbert Haupt, so hört man, sei mit dem Auto gefahren, möglicherweise sogar selbst. Nachdem es über Nacht heftig geschneit hat und die Fahrkünste des Sozialministers hinlänglich bekannt sind, ist die allgemeine Überraschung groß, als er später tatsächlich am Hirschenkogel auftaucht. Sein Chauffeur ist gefahren, was ein Glück auch.

„Zusammenarbeit muss Spaß machen“, sagt Schüssel im Zug. „Und obwohl ich jetzt schon ziemlich lang in der Regierung bin, freu ich mich jeden Morgen, wenn ich ins Büro fahre.“ Hubert Gorbach neben ihm freut sich, dass der Kanzler sich freut. Schüssel referiert über die Erfolge seiner Regierung, und wie er das ganz gerne einmal tut, erwähnt er verschiedene Ranglisten, in denen Österreich entweder super dastehe oder, noch besser, sich unter Schwarz-Blau enorm verbessert habe. „Im E-Government liegen wir schon auf Platz vier.“

Wie misst man eigentlich E-Government?

„Und nehmen Sie das nicht als Selbstbeweihräucherung“, beschließt der Kanzler dann den sozusagen offiziellen Teil, „das liegt weder dem Hubert noch mir.“ Nein, das kann man nun wirklich nicht behaupten.

Hubert findet, dass der Tag eigentlich gar nicht besser anfangen könne als mit so einer „frisch verschneiten, romantischen Landschaft“, und weist als oberster Eisenbahner darauf hin, dass die Semmeringstrecke schon 150 Jahre alt sei. „Ganz so lang braucht diese Regierung nicht halten, aber wenigstens ähnlich lang.“

Das lokale Begrüßungskomitee beim Seewirtshaus am Hirschenkogel drückt den prominenten Gästen gleich einmal zwei Eisstöcke für ein Foto in die Hände, sie sind ausgerechnet rot und grün. Und auch der steirische Landeshauptmannstellvertreter Leopold Schöggl (FPÖ) ist da, er führt heute seinen Gamsbart äußerln und ist auch sonst sehr lustig. Er verteilt Willkommenspakete mit Schnaps und Kürbiskernen. „Die Kerne“, sagt er zum Kanzler und setzt sein schönstes verschwitztes Männergrinsen auf, „sollen ein Kraftpaket sein, verstehst?“ Schüssel versteht und lächelt gequält.

Hinter dem Seewirt ist die Eisstockbahn. Als der sportive Landwirtschaftsminister Josef Pröll vor ihr steht, dreht er sich mit sehnsuchtsvollem Blick um und meint: „Die Hütte da ist sehr nett. I wollt’s nur gsagt haben.“ Gemeinerweise drängen die Kollegen die Außenministerin, die heute einen grünen topfförmigen Hut trägt, für den sie sicher viele Geschäfte abklappern musste, sie möge doch anfangen. Sie fällt fast, und der Stock kommt schon nach ein paar Metern zum Stillstand. „Keine Kraft“, sagt Ferrero-Waldner und zuckt die Schultern. Mag sein, aber dafür wenigstens ein Herz. Maria Rauch-Kallat nach ihr macht es nur wenig besser, und Reinhart Wanecks Stock driftet seitlich weg. Aber wenigstens auf die richtige Seite. „Rechtsextrem“, befindet der Kanzler da noch launig – aber sein großer Abtritt kommt ja erst.

Martin Bartenstein erliegt fast einem Lachkrampf, als der heute – wen wundert’s nach den Erfolgen dieser Woche – besonders strahlend aufgelegte Karl-Heinz Grasser seinen Stock beim ersten Versuch mehr schupft als schiebt.

„I glaub, das muss die Staatsanwaltschaft prüfen, ob das so richtig ist“, prustet er. „Vielleicht sollt ma dem Matznetter sagen, dass er wieder a Anzeige macht“, erwidert der Finanzminister frech. Etwas später, nach einem

besseren Schuss, dreht sich Grasser in Triumphpose um und ruft, wirklich wieder ganz der Alte: „Wahnsinnsminister!“ Josef Pröll, dem man keinesfalls vorwerfen kann, nicht über einen mitunter extratrockenen Schmäh zu verfügen, kommentiert die Szene so: „Wenigstens du glaubst des.“

Nach dem Eisstockschießen zersplittert die Familie kurzzeitig. Der größte Teil folgt Pröll sofort in die Hütte. Die Neigungsgruppe Rodeln leidet ein bisschen unter mangelnder Beteiligung, besteht sie doch nur aus Benita Ferrero-Waldner und ihrem Lächeln, Zweiteres offenbar im Kampf mit dem Tiefschnee gefroren.

Zum Skifahren rücken der Kanzler und sein Vize aus, begleitet von Günter Platter, Reinhart Waneck, Karl Schweitzer, Thomas Prinzhorn (der den ersten Teil der Abfahrt nur auf Skischuhen in Angriff nimmt, weil er halt auch ein lustiger Kampel ist), Willi Molterer und Maria Rauch-Kallat, die erst nach ungefähr zehn Metern stürzt. Bei Molterer dauert es noch etwas länger, er wird später beklagen, dass es erstens „deppert zum Fahren“ sei, weil sich unter der Neuschneeschicht Eis verberge, und dass er zweitens mit dem neuen Material nicht zurechtkomme. Er hätte gern seine Siegerski von vor zehn Jahren wieder.

Schüssel und Gorbach versuchen, für die Fotografen möglichst elegant und synchron zu schwingen. Ein schönes Paar, fürwahr, zumindest auf der Piste. Aber nach wenigen Abfahrten ist Schluss, der Zeitplan ist knapp bemessen, und schon wartet die Blasmusikkapelle aus Spital auf ihren Auftritt. Herbert Haupt zückt, ganz Mann von Welt, sofort einen Hunderter für die Musikanten. Die zwei jungen Marketenderinnen drängen dem Kanzler einen Schnaps auf, das Glas hat die Form eines Schuhs. „Das ist das erste Mal, dass ich aus einem Schuh trinke“, sagt Schüssel: „Normalerweise macht man das …“ Er verstummt. Der alte Schwerenöter Prinzhorn neben ihm weiß, wann und wie man das normalerweise macht, das sieht man seiner Miene an.

Dann greift Schüssel auf die Hände der Marketenderinnen und stellt fest: „Jessas, so kalt!“ Er winkt einen Mitarbeiter herbei, der Kanzlers Skihandschuhe aufbewahrt, und drängt sie den Mädchen auf. Jede kriegt einen, und der Kanzler sagt fürsorglich: „Gebts sie halt später wieder ab.“

Nach dem Mittagessen bringt der Wirt eine Geburtstagstorte, Waltraud Klasnic hat sie geschickt. Ein lieber Zug ist drauf, ein Kerzerl brennt. Der Kanzler wendet sich an Herbert Haupt: „Herbert, wir zwei haben das gemeinsam angefangen und jetzt blasen wir es gemeinsam …“ Uh, Fehler. Der Koalition gemeinsam das Licht ausblasen? Ganz schlecht. „… an.“

Doch nicht ausgerutscht. Nicht noch einmal.